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    100 Jahre Kabarett

    2. Generation Golf      

    Es ist nicht nur für das Kabarett der neunziger Jahre symptomatisch und man sollte es längst nicht allein den aktiven Künstlern anlasten: die Globalisierung der Unterhaltungsformate, schlichter: die Übernahme von noch mehr amerikanischen Mustern vor allem durch die Privatsender,  die Einführung neuer Vermarktungsstrategien, zeitigten ihre Wirkung. Die Welt geriet wie nie zuvor zum Marktplatz der Eitelkeiten für den Tanz um’s goldene Kalb. Formen des Kabaretts wurden TV-gefällig aufgepeppt: Aus der Klamotte wurde die Comedy, aus dem Schwank die Sitcom (Situationskomödie), aus Komikern wurden Comedians. Schnell hochgejubelt, oft  platt oder roh. Im besten Falle entsteht jedoch flotte, witzige TV-Unterhaltung für  Spaßverbraucher. Insbesondere für die ‚Generation Golf’, wie Florian Illies die in der Dekade nach 1965 geborenen taufte. Deren Ober-Guru Harald Schmidt macht sich in seiner nächtlichen Show mit kabarettistischen Quickies nach dem uralten Muster „passiert – glossiert„ über Gott und die Welt lustig. Schneller ist keiner, dafür arbeitet er Hand in Hand mit einer regelrechten Gagfabrik und der Boulevardpresse als Lieferanten zusammen. Josef Hader, aus der speziellen österreichischen Szene der neunziger Jahre herausragend, umkreist in seiner ego-saftigen, zum Teil morbid-nihilistischen  Performance die ewige Frage „Warum alles?„ – und fordert im Internet: Werdet Mitglied im Josef Hader Fanclub. „Koof michs„ allenthalben, selbst auf der Etage der geistreichsten Kabarettisten? Immer mehr Künstlerinnen und Künstler nutzen die neuen Vermarktungswege via Internet für ihre zunehmend kalkulierte Arbeit am zahlenden Fan. New economy auch im Kabarett: einmal ‚name.de’ auf der Brust in die Kamera gehalten, spült nach der Sendung reichlich Kundschaft in den email-Kasten. So wird Kabarett endlich zum Dienst am Kunden: Fun for Fans, verbraucherfreundlich kommunikativ, sorglos und ballastarm. Immer mehr Kabarettisten weichen Kernfragen, Verfassungswirklichkeit, Missbräuchen, sozio-kulturellen Brennpunkten, Machtkonzentrationen und ihrer echten politisch-satirischen Betrachtung aus. Witze über die Frisur von Angela Merkel gelten vielen schon als Ausweis für politisches Kabarett. Immer häufiger werden Späße über die kleinen Dinge des Alltags verbreitet, denen man in grenzenloser Verwunderung ausgesetzt zu sein scheint: Nette Geschichtchen, zumeist aufgeblasen und belanglos, wo doch klar sein sollte, dass gerade der deutsche Alltag nur durch echte Wunder zu überstehen ist. Dieter Nuhr gelingt es dabei immerhin, die Kette vom Kleinen aufs Große zum Lächerlichen zu knüpfen. 

    Die deutsche Einheit fördert zu Tage, wie unterschiedlich auch die Kabaretts beider Gesellschaftsordnungen waren und im Reservat ehemaliger Grenzen in Teilen auch geblieben sind. Ein Kapitel für sich, amüsant nachzulesen bei Peter Ensikat, dem Leiter des Berliner Kabaretts Die Distel (Blessing Verlag).

    Die Solisten beherrschen das Feld auf der Tour. Ensemblekabarett findet fast nur im Osten statt; Kabarett von Frauen fast nur im Westen. Aktuelles Kabarett mit literarischer Qualität, in der Schweiz von Franz Hohler hochgehalten, wird rarer. Das Chansonkabarett, Sternstunden bei Georg Kreisler,  fristet eher ein Nischendasein; wie es zeitgemäß  funktioniert zeigen Lars Reichow oder Thomas Pigor & Benedikt Eichhorn in eindrucksvoller Weise. Sie erhielten dafür den Deutschen Kleinkunstpreis.

    Der Vater aller Kleinkunstpreise war fruchtbar: Dank Forum-Theater unterhaus Mainz und ZDF/3sat seit 1972 jährlich verliehen, folgten ihm rund zweihundert Auszeichnungen im deutschen Sprachraum, vom Satire-Löwen bis zur Kleinkunst-Pfanne... Jeder kommt mal dran, wenn die Szene sich so häufig selbst auf die Schulter klopft; immer öfter sponsern Brauereien die Verleihungen oder loben selbst Preise aus.

    Geld Macht Geil

    Dem sich als Spielform der politischen Satire begreifenden Kabarett machte der weltpolitische Umbruch zu schaffen. Als der DDR-Sozialismus dran glauben musste, brachte der Verlust dieser für linksintellektuelle Idealisten mit höherer Moral geweihten Gutwelt manche 68er Beltzebuben erst Mal aus dem Tritt. Folgen hatte auch die Serie „Sechzehn-Jahre-Kohl„: der allgemein aufgetretenen Politik(er)verdrossenheit folgte eine spürbare Politkritikverdrossenheit. Überdies kam im Comedy-Zirkus der neunziger Jahre dem politischen Kabarett potenzieller Nachwuchs abhanden und Akteure, bei denen mehr brennt in der Brust als die Sorge um die eigene Karriere – allgemeines Problem am Standort Deutschland –, die mit Klasse und Klugheit Anstoß nehmen und geben wollen, fehlen auch. Der Sprung von der Talentschmiede Kleinkunstbühne ins Fernsehen klappt nun mal am besten, wenn junge Künstler sich nicht zu sehr mit Konfliktstoffen belasten. Es geht um Spaß und Kohle, um Kult und Quote. Da stört Kabarett mit Visionen, da ist es hinderlich, Ursachen und Zusammenhänge öffentlich zu reflektieren; über Symptome und Personen witzeln, das genügt und wird von denen, die aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Gesellschaft und Staat ihren zynischen Standpunkt ableiten, oft auch noch schamlos auf die Spitze getrieben: „Warum ist Schäuble nicht schwul? Weil er seinen Arsch nicht mehr hoch kriegt!„ – Ingo Appelt. Hemmunglos, ordinär, verletzend statt entlarvend. Masche mit Methode für Rummel und Reibach. Heutzutage ist es eben ‚geil, ein Arschloch zu sein’, wenn dafür applaudiert und gezahlt wird – der Nominator lässt grüßen. Dumm, wer so was nicht als Satire begreift, denn der hat leider nix kapiert... (- der 3. Teil zur Serie “100 Jahre Kabarett“  folgt in der September-Ausgabe).

    von Jürgen Kessler, Deutsches Kabarettarchiv

     

    2001-06-15 | Nr. 31 |