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  • Themen-Fokus :: Strassentheater

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    15 ways to leave your life ...

    Erinnern Sie sich? „Fifty ways to leave your lover“ hieß der Song von Paul Simon. Wir gehen einen Schritt weiter. Der Theatertod stürmt die Straßen.

    Finster oder absurd? Die Holländer von Dakar spielen im „Braakland“, auf der grünen Wiese, so als hätten sie es extra für das Oerol-Festival auf der Insel Terschelling kreiert. Eine düstere Geschichte, die im Schrecken endet. Je unbeteiligter sie tun, umso brutaler schlagen sie zu. Ganz weit hinten, wo sich unsere Blicke fast verlieren. Sind sie Torfstecher, eine Jugendbande, eine Sekte oder Autisten? Sie sprechen kein Wort, gehen apathisch Holz sammeln oder eine Grube ausheben. Sie blicken beständig ins Leere. Wehe denen, die sich auf ihre Felder verirren! Was zieht die Frauen aus der Stadt hierher? Sie suchen Liebe und finden den Tod. Es kann durchaus mit Flirts anfangen. Ein gemeinsamer Lachkrampf endet mit Messerstichen. Man kann sich dazu eine Geschichte ausdenken, oder über den Ursprung der Gewalt nachsinnen. Die Atmosphäre ist bedrückend, die Schockwirkung nachhaltig. Wo Seelen brach liegen, entsteht diese Art von „Braakland“. Die kompromisslose Regie führt die Theaterregisseurin Lotte van den Berg. Diese Stille wirkt wie ein Brandzeichen in einer Kunstlandschaft, in der immer mehr Seichtes produziert wird. (www.compagniedakar.nl)

    Verglichen mit so viel teilnahmsloser Grausamkeit ist Frankenstein geradezu liebenswert. Bei seinem Monster versteht man wenigstens, warum es tötet. Die Geschichte von Mary Shelley bringt die Kompanie Jo Bithume als pompöses Rockmusical auf großem Platz, wo immer sich Teile eines Schiffs aufstellen lassen. Bühnen vorne und hinten, links und rechts. Das Publikum in Bug und Heck ist ständig in Bewegung. Die Akteure brillieren mit präziser Gestik, wogen im Sturm der Gitarren und spielen einen Gruselstummfilm, ohne nach Stileffekten zu haschen. Bestens eingearbeitet sind Videos, die am Spielort gedreht wurden. Frankensteins Konflikt zwischen Wissenschaft und Gewissen ist brandaktuell, sagt Regisseur Pierre Dolivet, und das ist angesichts der Gentechnik nicht von der Hand zu weisen. Genauso verhält es sich mit der Gewalt, die durch Ausschluss aus der Gemeinschaft entsteht. So fein geschnitten wie die Gesten ist der Blick auf die Handlung. Das war auf Mimos vielen zu filigran. Sie erwarteten zum Thema mehr Grauen. Es ist das große Verdienst der Kompanie, dieser Versuchung einen ethischen Ansatz entgegenzustellen und dabei nichts von der Wucht der Geschichte einzubüßen. (www.compagniejobithume.com)

    Wer sich klassisch gruseln will, der geht einfach zu Le Phun und deren „Le train phantôme“, also in die Geisterbahn. Die erste Station nach der Fahrt in der Geisterbahn ist eine Gore-Theaterbude im Boudoir einer Schönheit aus der Unterwelt, zur Zeit des Marquis de Sade. Oh, là là! Die Dame ist selbst Frankenstein-verdächtig. Die zweite Station ist ein Restaurant, in dem allerlei Quatsch, aber auch Übernatürliches vor sich geht. Blut ist überall dabei. Und Schattentheater im Stil des Grand Guignol gibt’s sozusagen gratis dazu. Da ist die Spannung einfach höher als beim Gruselvideo im Home-Cinema, wo nie der Arm eines Monsters direkt berührt werden kann.

    Verkehrte Welt. Statt gespenstischer Stille wie in „Braakland“ herrscht bei Teatro del Silencio, das noch immer zum größten Teil aus Chile kommt, seit langem lautstarker Ausnahmezustand. Auch in „Mutter Courage und ihre Kinder im Fegefeuer“ dröhnt es apokalyptisch. Die Rockband von Jo Bithume übertönen sie lässig. Von wegen Silencio! Eine Hitlerrede gibt es und Brechts Soldatenlied vom Beefsteak Tartar. Und wenn es mal regnete ... in Aurillac, dann war es der Truppe egal. Die Schar der Rechtlosen muss eh vor dem Wasserwerfer fliehen, stürmt in KZ-Anzügen gegen die SS. Inspirationen für das Stück lieferte natürlich Brecht, aber auch Dante. Verbal oder singend attackieren sie Kapitalismus und Fundamentalismus. Mauricio Celedon holte sich mit Cristina Diaz Silveira eine Choreografin zur Seite, und das drückt sich aus in gestochen scharf gezeichneten Panikszenen. Die Ausrüstung der Flüchtenden entspricht durchaus der im Dreißigjährigen Krieg. Die Gesichter gebleicht oder zerfurcht, tragen sie die Leiden aller dezimierten Bevölkerungen, aber auch deren Revolte. Am Ende hängen sie gar nackt am Ast. Hier zieht der Tod seine Bedeutung daraus, mit welcher Vehemenz um das Leben gekämpft wird. (www.teatrodelsilencio.net)

    Und wenn ich nur noch eine Stunde zu leben hätte, was würde ich tun? So fragen Métalovoice aus Frankreich und Boilerhouse aus England in ihrer gemeinsamen Produktion. Es wäre nicht die schlechteste Idee, ihr „3600 [dreitausendsechshundert Sekunden]“ anzusehen. Das Publikum sitzt links und rechts eines Laufstegs, der von zwei Videoleinwänden begrenzt wird. Pascal Dores und Paul Pinson dirigieren vier Darsteller und exzellente Videokunst. Sie untersuchen zeitgenössische Ängste, Phobien und Lüste. Ein Gesamtkunstwerk präziser Nadelstiche und eine gelungene Erweiterung der Sphären von Métalovoice. Am Ende aber stirbt niemand, sodass sich die Eingangsfrage immer wieder neu stellt. (www.metalovoice.com, www.boilerhouse.org.uk)

    Was Männer ausmacht, untersucht die junge Kompanie Traces en poudre, die direkt aus Aurillac stammt und zum ersten Mal im bei Festivals zu Ehren kam. Und das völlig verdient. Nach einem faszinierenden Stück über Prostitution („Soy Imperfecta“), das im Vorjahr in rein weiblicher Besetzung Furore machte, dreht Aurélie Gard den Spieß jetzt um und hinterfragt die männliche Identität. Zu der gehört natürlich auch das Töten oder die Lust darauf, aber es muss ja nicht live geschehen. Erst lässt sie einige maskuline Stereotype sozusagen Schaulaufen, dann kratzt sie an der Oberfläche und fördert Vielschichtiges zu Tage. Punk im Bademantel, alternder Schriftsteller, russischer Rekrut, Selfmademan und Softie kochen, spielen Karten oder ringen miteinander. Ganz wörtlich. „Ecce homo“ ist bestes Tanztheater. Traces en poudre entwickelt sich zu einer festen Größe, dank hoher Sensibilität, Mut zu brisanten Themen, und einem Engagement in der Recherche, das stets und zutiefst ehrlich ist, nie künstlich oder aufgesetzt. Hier wirkt noch die Kraft der ersten Werke, aber schon erstaunliche Reife. (http://tracesenpoudre.free.fr)

    Nomen est omen. Osmosis heißt die Kompanie. Ali Salmi besitzt einen LKW, der ihm als Kinoleinwand oder Bühne dient, und natürlich zum reisen. So nennt er sein neues Stück „Transit“. Es geht um den Parcours eines illegalen Einwanderers. Aus dessen Sicht führen uns Bilder durch die Wüste und über Autobahnen. Salmi tanzt ein unglaubliches Solo, füllt das Volumen eines gigantischen Trucks samt Anhänger. Gehetzt rennt er gegen Balken, wie durch ein Wunder läuft er an der Decke, den Kopf nach unten, wie in Trance. Pferde schwirren über die Leinwand, Strände und Passfotos. Der Immigrant verliert sich im Kulturschock. Er stirbt innerlich. Er betet, schläft und rennt gegen die Wände seines Käfigs der Freiheit an. Sinnfälliger als im LKW kann man das intime Drama eines Auswanderers nicht darstellen. Schöner tanzen lässt es sich auch nicht. Und dann kann Salmi seinen Anhänger auch rückseitig öffnen, darin herumtanzen und sein Bild auf eine Hauswand projizieren, live begleitet von einem algerischen Sänger. Diese Tanz-Video-Installation, in demselben fahrenden Gehäuse gespielt, heißt „Flesh“. Es ist eine genauso symbiotische Verbindung zwischen Körper und Video. Allein, hier ist der Körper der Schatten auf der Häuserwand. Wo hinsehen? Welche Perspektive ist schöner? Ohne „Flesh“ und „Transit“ hätte den Festivals ein Höhepunkt gefehlt. (www.osmosiscie.com).

    Redaktion: Thomas Hahn

    AdNr:1085b 

    2006-03-15 | Nr. 50 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn