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    Aktuelle Kritik - „Raben- und andere Mütter“


    artbild_200_wackernagel„Raben- und andere Mütter“ nennt Sabine Wackernagel (Foto) ihr neues Soloprogramm. Das Schimpfwort „Rabenmütter“ hat der Volksmund als Synonym für Mütter parat, die ihre Kinder vernachlässigen. Ein ornithologisches Missverständnis: Raben zeichnen sich in Wirklichkeit durch geradezu vorbildliche Brutpflege aus. Als vorbildliche Brutpflegerinnen empfinden sich denn auch all die Mütter, die Wackernagel in ihrem vergnüglich-beklemmenden Bestiarium vorstellt. Allen voran Rosalinda, die alles beherrschende, alles bestimmende und alles kommentierende Erzählerin in Alina Bronskys Roman „Die schärfsten Gerichte der Tatarischen Küche.“ Die Schauspielerin schlüpft in die Rolle dieses gnadenlos liebenden Muttertiers in einer dramatischen Situation: Die Tochter Sulvia ist schwanger, Rosalinda der Meinung, ihrem tumben Kind müsse die Mutterschaft erspart werden – Abtreibung, nur zur Hälfte erfolgreich, Sulvia hat Zwillinge erwartet. Die Enkelin kommt zur Welt, von der Großmutter, in tatarischer Tradition, Aminat genannt. Die wiederum hält ihre Tochter natürlich auch für zu tumb, so ein Geschöpf aufzuziehen und nimmt ihr dies Geschäft kurzerhand ab – wie Wackernagel dieser schon beim Lesen beklemmenden Geschichte in ihrem Monolog Fleisch und Blut verleiht und es gar schafft, dieser Liebesterroristin die Sympathie des Publikums zu sichern, ist schlichtweg atemberaubend.

    Das Pendant zu Rosalinda, der Protagonistin des ersten Teils, wird später Enid, die ständig krittelnde, penetrant bevormundende, von der Illusion der intakten Familie förmlich besessene Mutter aus Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“. Hier ist zunächst Wackernagels dramaturgisches Geschick zu loben: Aus 800 Seiten, von einem „allwissenden Erzähler“ zu Papier gebracht, hat sie einen psychologisch plausiblen Monolog destilliert, dargeboten von einer Frau, die ignoriert, was sie nicht sehen will, die verzweifelt in vergangenen Ritualen die Rettung für die Gegenwart sucht.

    Rosalinda und Enid sind die Schwerpunkte dieses Programms, das mit Gedichten vom Mutter-Liebling Erich Kästner und den Mutter-Hassern Kurt Tucholsky und Bertolt Brecht auch die andere Seite der Münze aufzeigt. Und, kabarettistisches Highlight des Abends, ein Scharmützel aus der Homepage der „Mütter Mafia“ von Kerstin Gier. Lauter dauerfrustrierte, besserwissende, ersatzhandelnde  Mutterglucken – Rabenmütter in Volksmund-Sinne, so scheint es, wären eventuell tatsächlich die bessere Lösung.

    Redaktion: Verena Joos
    2014-12-30 | Nr. 85 | Weitere Artikel von: Verena Joos