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    Aktuelle Kritik - Der Ghetto-Swinger

    Musik machen und überleben

    Das Jazz-Musical von Kai Ivo Baulitz „Der Ghetto-Swinger“, unter der Regie von Gil Mehmert, erzählt die Lebensgeschichte des mittlerweile 92jährigen Musikers Coco Schumann, angelehnt an dessen vor einigen Jahren erschienener Autobiografie. Das Stück wurde 2012 in Hamburg uraufgeführt und lief vor kurzem im Theater am Kurfürstendamm. Die Rolle des Coco Schumann spielte Konstantin Moreth.

    artbild_610_Der_Ghetto_SwinGanz am Anfang - die Bühne liegt noch im Dunklen - hören wir eine Stimme: Coco Schumann läuft an einem Sommerabend durch Berlin-Charlottenburg und will sich erinnern. An seine Kindheit in Berlin in den 1930er Jahren, als er, Sohn einer jüdischen Mutter, noch Heinz hieß und schon als vierjähriger Musiker werden wollte. An seine ersten Kontakte zur Swing-Jugend, die Musik hörte, die von den braunen Machthabern gehasst wurde. An seine Klempner-Lehre und die Nächte in Musikkneipen, in denen er Schlagzeug und Gitarre spielte, wenn mal ein Musiker ausfiel. 

    Das alles wird chronologisch erzählt, die minimalistisch gehaltene Bühne – auf der nur eine weitere kleine Bühne steht sowie ein riesiger Davidstern – wandelt sich schnell, die Über- gänge sind reibungslos. Die sechs weiteren Musiker fungieren ebenfalls als Schauspieler – ein guter Kompromiss, denn sie füllen beide Rollen meist gut aus.

    Die Schauspielerin und Sängerin Helen Schneider führt durch das Programm. Sie ist Erzäh-lerin, spielt die Mutter von Heinz oder eine Prostituierte in Federboa. Sie hält das Ganze zusammen und singt. Fröhlich oder traurig, je nach Situation. Und manchmal fröhliche Lieder wie beispielsweise  „Wir machen Musik – da geht euch die Luft aus“ auf eine solch traurige Weise, weil immer weniger Musik im damaligen Kontext möglich war, dass einem wirklich die Luft wegbleibt.

    Während die Rechten 1936 marschieren, spielt Schumann weiter Swing. Fröhlich und im jugendlichen Leichtsinn kann er noch nicht ganz glauben, was um ihn herum geschieht. Und dass die Nazis den Swing „entartet“ und eine „sinnlose Anwendung der Synkope“ nennen – wen interessiert’s?

    Zu „Coco“ wird Heinz im Club „Rosita“ – eine französische Freundin kann seinen Namen nicht aussprechen und tauft ihn kurzerhand um. 1943, im „totalen Krieg“ geht die Musik in Luft- schutzkellern weiter. Aber dann wird Coco verhaftet, wegen des Spielens eben dieser Musik, der Weigerung, den Judenstern zu tragen und der angeblichen "Verführung arischer Frauen". Sein Vater bettelt für ihn, damit er nicht nach Auschwitz kommt, so gelangt er „nur“ nach Theresienstadt und wird dort Mitglied der „Ghetto-Swingers“.

    Als Schumann dort erfährt, dass seine Großeltern gerade nach Auschwitz deportiert wurden, singt Helen Schneider Duke Ellingtons Wüstenexpedition „Caravan“ in deutscher Version: „Weit ist der Weg und schwer ist die Last.“ Eines der berührendsten Lieder des Abends.

     

    Schrill-kreischender Ton – Abtransport nach Auschwitz. Coco ist jetzt 20 Jahre und versteht schnell, was für Asche da aus den Schornsteinen weht. Auf der Rampe in Auschwitz, wo viele der Ankommenden in die Gaskammern geschickt werden, muss er „La Paloma“ spielen. Weil er keine Wahl hat. Er macht immer weiter Musik. Und überlebt auch Auschwitz.

    Am Ende des Stückes geht alles dann ein bisschen zu schnell: das Ende des Krieges, der Weg zurück nach Hause, das Wiedersehen mit den Eltern in Berlin und seinen Musiker-Freunden, der Wiedereinstieg ins Musikerleben, all das wird im Stück ziemlich schnell abgewickelt, hätte mehr Zeit gebraucht. So gut es ist, dass die Szenen in Theresienstadt und Auschwitz nicht emotional hoch aufgeladen werden, so sehr hätte man sich am Ende etwas mehr Emotionen und Zeit gewünscht. Und vielleicht auch, dass man diesem ungemein sympathischen Coco ein bisschen näher kommt – Helen Schneider füllt ihre Rolle mit solcher Bravour aus, dass sie eindeutig im Mittelpunkt steht und die eigentlich Hauptfigur ein bisschen blass erscheinen lässt.

    Redaktion: Katrin Schielke


    Bildnachweis:
    Foto oben „Der Ghetto Swinger Helen Schneider Konstantin Moreth“: Helen Schneider als Conférencier, Konstantin Moreth als Coco Schumann.
    Fotograf Tino Crisó.
    Foto Teaser „Der Ghetto Swinger Helen Schneider…“:
    Helen Schneider übernimmt die Rolle des Conférencier. Fotograf Tino Crisó. 

     


    2016-07-04 | Nr. 91 | Weitere Artikel von: Katrin Schielke