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    Aktuelle Kritik - Links am Paradies vorbei“


    artbild_250_paradiesDie Frau mit den zwei „Spielbeinen“. Sabine Wackernagel erzählt von ihrem „Leben als Schauspielerin in der Provinz“ – und vom Abenteuer Kleinkunst. „Links am Paradies vorbei“ übertitelt Sabine Wackernagel (Foto) ihre Erinnerungen. Angesichts des vorweg genannten Untertitels wäre man geneigt, jenes Paradies dort zu verorten, wo die Handvoll Großkritiker, in deren Macht auch die Kür der Teilnehmer am Berliner Theatertreffen steht, regelmäßig bei Premieren aufschlägt: in der „Theater-Bundesliga“ eben, die freilich deutlich weniger „Vereine“ aufweist wie im Fußball. „Zweite Liga“ hat Sabine Wackernagel immer gespielt. „Linksaußen“, um im von ihr gewählten Bild zu bleiben – hat ihr diese Position die Tür zum Paradies vernagelt? Aber warum? Warum im Spiel-Raum Theater, in dem doch, wo denn sonst, Platz war und ist für linke Positionen? Zeit, sich von den Interpretationstücken der vielleicht etwas unglücklich bemühten Titelage abzuwenden, Zeit, auf das einzugehen, was sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Das ist nicht weniger als eine selbst erfahrene, selbst genossene wie durchlittene Chronik der Theaterkultur und ihrer Gestalter von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Erstere hat Sabine, 1947 geboren, vorwiegend als kindlicher Zaungast auf der Hinterbühne verbracht, die Mutter war Schauspielerin, der Vater Regisseur. In den Sechziger stand die Sehnsucht nach der Rampe in fragiler Balance mit der Lust auf ferne Länder und dem Drang nach dem Hinterfragen betonierter gesellschaftlicher Zustände. Wackernagel ging auf die Schauspielschule, reiste mit ihrem künftigen Mann nach Indien und sympathisierte auf ihre zupackend geerdete Weise mit der 68-er-Bewegung. Die Siebziger erlebte sie als Ensemblemitglied in den „Mitbestimmungs-Theatern“ Tübingen und Freiburg. In den Achzigern folgte sie dem Intendanten Manfred Beilhard ans Staatstheater Kassel, wo international ausgerichtete Festivals neue, zirzensische Theaterformen in die nordhessische Provinz brachten. Die Einladung ihres „Chefs“ in den frühen Neunzigern, ihn ans Schauspielhaus Bonn zu begleiten, schlägt sie aus; ihre drei Kinder haben unisono Veto eingelegt. Sie gibt ihr festes Engagement in Kassel auf, gastiert gelegentlich, taucht im Fernsehen auf. Aber hauptsächlich frönt sie ihrer auch während ihrer Ensemblezeit immer wieder aufgeflammten Leidenschaft, eigene Programme zu realisieren – allein oder im Verbund mit Musikern, anderen Akteuren, besonders gern mit ihrer Tochter Katharina. Ihre darstellerischen wie dramaturgischen Funken schlägt sie aus der Literatur einerseits, dem Leben andererseits. Je hochwertiger die Vorlage, je näher an der eigenen Biographie, desto gelungener die Bearbeitung und Verkörperung. „Raben-Mütter“ etwa referiert auf den Spagat zwischen Karriere und Kinderaufzucht, dem Wackernagel lange Zeit ausgesetzt war, „Goethes dicke Hälfte“  erzählt von einem tapferen Emanzipationsversuch im patriarchalischen Weimar, ein weiteres Programm widmet sich den Tücken des Alters. Alle Epochen ihres Lebens belegt die Autorin mit einer Fülle von Fotografien, Briefen, Kritiken, Arbeitsnotizen und Reflexionen aus der Zeit. So entsteht das vielschichtige, ungemein plastische Bild einer Künstlerin, die nie den leichten, aber immer einen aufregenden Weg gegangen ist.


    Redaktion: Verena Joos 

     

    2016-07-04 | Nr. 91 | Weitere Artikel von: Verena Joos