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    Atmosphäre gezaubert!

    Wenn laut Veranstaltungsankündigung "der kleine Mann...zähneknirschend den Kampf gegen das Objekt aufnimmt", dann war eigentlich die französische Telefonzelle gemeint, auf der le petit Monsieur im Rahmen des dritten Internationalen Straßentheaterfestivals in Ludwigshafen vom 9. bis 10. August seine Kunststücke vollführte. Es gab aber ein viel größeres und offensichtlicheres "Objekt" gegen das die Kleinkünstler wirklich bestehen mußten und das war das die karge Betonarchitektur im Zentrum Ludwigshafens. Wer sich von stimmungsvollen Plakaten nach Ludwigshafen locken lies, mußte vom ersten Eindruck unweigerlich enttäuscht sein. Obwohl es in Ludwigshafen keine eigens für das Festival installierte Infrastruktur mit Speis, Trank und Straßengemütlichkeit gab, fand sich ein Publikum, das selbst bei ungünstiger Witterung und karger Kulisse blieb. Die Telefonzelle und die Handküsse des le petit Monsieur, 18 Gruppen mit über 50 Darbietungen schafften es, kleine Inseln der Atmosphäre in die Betonwüste zu zaubern. Um die Bühne des Puppentheaters die Poppets drängten sich die Kinder, denn hier bereiteten Erni und Bert, die sichtlich gealterten Stars der Sesamstraße, frische Pfannkuchen für die Kids zu. Übrigens der einzige Stand, an dem Essen ins Publikum gereicht wurde. Nicht immer ganz jugendfrei sinnierte Bert über das Dasein und kommentierte frech die staunenden Blicke und die scheuen Annäherungsversuche der Kinder. Dadurch erreichten die Poppets nicht nur die Eltern, sondern sogar Jugendliche konnten amüsiert schmunzeln. Entblößend eher der Beitrag der französischen Straßentheatertruppe Compagnie Cacahuete, die der Einkaufspassage beim Rathaus einen Besuch mit offenem Hinterteil abstattete. Derart erfrischend auf der Konsummeile unters Volk gebracht, entfaltete Straßentheater als Provokation seine volle Wirkung. Arthurs Hochradkapriolen vor gesichtslosen Fassaden, seine Akrobatik rund um einen grasgrünen Fiat 500 führten eindringlich vor Augen, wie nötig Ludwigshafens Innenstadt das bunte Treiben der Kleinkünstler hat und wie begeistert die Anwohner auf Balkonen und an Fenstern stehend die Darbietungen aufnahmen. Als es dunkel wurde, konzentrierte sich das Publikum auf die hell erleuchtete Bühne am Rathausplatz, wo sich das vollkommen abgedrehte Running Orchestra aus Italien mit „Noten im Sturm“ Stück für Stück aus dem starren Korsett der Klassik löste um am Ende mit einem Feuerwerk der Gefühle und einer Konfetti-Bombe zu explodieren. Die flotte Darbietung erwärmte das Publikum derart, dass auch der einsetzende Regen der Stimmung nichts anhaben konnte.

    Das zweite Zelt Spektakel am Tierpark, das vom 27. August bis 8. September in Walldorf stattfand, war mit Kleinkunst, Kindermitmachcircus, Kino und Kulinarischem ein kleines aber feines Kultur Festival, das Besucher von acht bis achtzig gleichermaßen begeisterte. Zirkusluft im weiß-roten Zelt des Circus Luna, eine gemütlich bedachte Laube mit gepflegter Bewirtung und ein knisterndes Lagerfeuer, an dem die letzten lauen Sommerabende ausklangen - ein Besuch des "Zelt Spektakels" war selbst dann lohnend, wenn man sich nicht für die dargebotene Kleinkunst begeisterte. Hier war das Programm bei weitem nicht spektakulär. Neben regionalen Akts wie dem Karlsruher Pantomimen und Magier Peter Herrmann am Eröffnungsabend und der Musikrevue „Herzflattern und Ohrensausen“ der Mannheimer Musikbühne, gaben sich aber auch Sven Ratzke und die Queens of Spleens die Ehre. Mit seinem „Kur/pfälzer Highmat-Abend (3)“ und spürbarer Spielfreude errang aber Christian Habekost in der Figur des "Palatinators" die Gunst des Publikums. Rund 250 Zuschauer aller Altersklassen lauschten auf den schmalen und eigentlich eher unbequemen aber atmosphärisch sehr wirkungsvollen Holzbänken dem "Philosophomaten" Habekost, der einmal angestoßen, im "Dialogus perpetuum mobile" nicht mehr aufhörte kurpfälzische Lebensweisheiten von sich zu geben. Wenn Habekost seine "Gosch raus klappt und die Sproch raus schwappt", dann trifft er das Lebensgefühl des Publikums. Am Ende des Programms angelangt mußte selbst der Künstler unter frenetischem Applaus und nach zwei Zugaben zugeben, dass er "sehr verrührt" ist von der einmaligen Atmosphäre unter dem Sternenhimmel des Zeltdachs.

    Zum Auftakt der Theatersaison rührte man in der Mannheimer Klapsmühl' die Buschtrommel. Leider war dem Publikum am 11. September wohl nicht nach „Gnadenlos gut gelaunt“ zumute, so der Titel des mittlerweile fünften Programms des Berliner Kabarett Ensembles die Buschtrommel. Es mag auch am Wetter gelegen haben, denn wer sich bei strahlendem Sonnenschein in einen abgedunkelten Theatersaal begibt, der muß schon ein gnadenloser Kabarett Enthusiast sein. Gnadenlos auch die Mission der drei Buschtrommler, die in einem Feldversuch der Europäischen Union den Humor in strukturschwachen Gebieten mit Aktionen wie dem von Hase Hans vorgetragenen Mörike Gedicht "der Frühling" oder westfälischem Kampftrinken fördern wollen. Wirklich überzeugend in dieser Mission war Andreas Breiing, der neben seinen Mitstreitern Jörg Fabrizius und Ludger Wilhelm dem Programm mit erfrischender Bühnenpräsenz Glanzpunkte aufsetzte und für ausgelassene Stimmung sorgte.

    Mit Frieda Frosch, der grasgrünen Phantasiefigur, lud das Kulturfenster e.V. vom 19. bis 21. September Kinder ab drei Jahren zum 6. Kindertheaterfestival ins Zirkuszelt auf die Heidelberger Neckarwiese und schuf eine Umgebung, in der Kinder unbeschwert Freude erleben und ausleben konnten. Das von der Sonne beschienene Dach im blau roten Zelt leuchtete wie ein Lampion. Vor der Bühne drängten sich bei jeder der acht Vorstellungen gut hundert Kinder auf Gymnastikmatten im bunten Licht, während die Eltern die Vorfreude ihrer Kleinen auf den Stuhlreihen dahinter sichtlich genossen. Detailreich gestaltete Puppen und der erfrischend freie Umgang mit der literarischen Vorlage, ließ die Darbietung des Karlsruher Kindertheaters Marotte "Pettersons Feuerwerk für den Fuchs", nach dem zum Klassiker avancierten Kinderbuch von Sven Nordqvist, gleich am ersten Tag zum Höhepunkt werden. Wenn die Puppenhühner ohne Federkleid in der Sauna sitzen und Harald der Hahn ihnen einen Aufguß bereitet, dann krähten die Kinder vor Lachen. Wenn Huhn Henni dabei bekundet, sie fühle sich wie ein Suppenhuhn, dann prusteten auch die Eltern vor Vergnügen. Die Theater Companie Voland & Kunstdünger aus München hatte bei der subtilen Geschichte über das Wesen Tohuwabohu, das der Krachverwandelmaschine entspringt und die Kluft von Wissenschaft und Phantasie überwindet, mit dem Satz "um so lauter, um so nerviger, um so schöner - und als Krönung einen R..." schon zu Beginn das junge Publikum auf ihrer Seite. Das ist nicht Jedem auf der Bühne gelungen. Wenn die Kinder bei der von Schauspieler und Pantomime Günter Fortmeier aus Freiburg erzählten Geschichte "die abenteuerliche Reise des Hans-Georg Eichenlaub" vereint im Chor ihrer Kritik lautstark mit Rufen wie "Angeber" Ausdruck verliehen, dann mag das vielleicht eine von Fortmeier provozierte Reaktion des jungen Publikums sein. Auf alle Fälle aber ist sie ein Zeichen dafür, wie unbeschwert und wohl sich das Publikum auf diesem Festival gefühlt hat. Die aus Russland stammenden Clowns Valeri & Gleb holten die Kinder als Kollegen auf die Bühne und bescherten ihnen ungeahnte Erfolgserlebnisse. Den Erfolg der beiden Clowns hätte man auch in Kinderlachdezibel messen können. Das Firlefanz Kindermusiktheater aus Ritschweier durfte erst nach fünf Liedern Zugabe die Bühne verlassen und am Ende des Festivals verließen die Kinder das Zelt mit dem Lied über die Küchenschabe auf den Lippen.

    Redaktion: Sibylle Zerr

     

    Tipp:

    Vom 28.12 - 31.12 2002 findet im Kulturhaus Osterfeld in Pfozheim das Varieté "Winterträume" statt. Ein Höhepunkt ist sicher Vladik, der diesjährige Gewinner der Goldmedallie beim Festival mondial du cirque de demain, der im Kulturhaus seinen einzigen europäischen Auftritt in diesem Jahr haben wird.

    Es treten außerdem auf: Markus Jeroch- Moderation/ Jonglage Akita  - Veritkalseil Unisono - Trapez Tigris - Hula-Hoop Duo Blind Date - Hand-auf-Hand Equilibristik/ Rola Rola Günter Fortmeier- Theater mit Händen Starkhovy brothers - Hand-auf-Hand

    2002-12-15 | Nr. 37 | Weitere Artikel von: Sibylle Zerr