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    Blickpunkt Belgien: Rabentheater

    Belgien, geteiltes Land. Man kennt das provokante, ironische Trash-Theater der Flamen und die das Schöne suchende, glattere Kunst der Flamen. Dass es in Belgien auch deutschsprachiges Theater gibt, ist kaum bekannt. Erst recht nicht, wie ein solches aussehen mag. „Wir sind das Theater der deutschen Minderheit“, sagt Theater Agora. Soll heißen: die einzige Kompanie. Die Gemeinde der 70.000 Deutschen ist keine Theatermetropole und die Stücke von Agora touren hauptsächlich in Deutschland und in der Wallonie, denn Agora spielen auf Deutsch und Französisch. Auch die Anzahl deutsch-belgischer Schaupieler ist naturgemäß begrenzt, und so spielen in der in Sankt-Vith gemeldeten Kompanie einige Bundesdeutsche. Drei Kinderstücke haben sie im Programm, und zwei „Rabenstücke“. Frech und frei spielt Viola Streicher ihr Solo „Die Rabenfrau“.

    Ludger HollmannUnter den gefiederten Symboltieren ist der Rabe, wie wir wissen, derbsten Verunglimpfungen ausgesetzt. Er kann einem sagenhaft unerwartet in den Schoß fallen. Dann kann man ihm entweder den Hals umdrehen oder muss mit ihm leben, sagt die Rabenfrau. Raben sind dreiste Vögel und Agoras Rabenstücke sind dreistes Theater. Aber kein dreckiges. Ein großer Daunenhaufen und Holzstöckchen, selbst im Wald gesammelt: das ist aller Unrat. Am Hals der Rabenfrau hängt ein Akkordeon, doch spielen wird sie darauf (fast) nicht. Streichers rebellische Sage besteht aus Erzählung, einer Art Tanz, Performance und Video, kindlich, weise und ironisch.

    Noch tiefer in den Mythos taucht „Die Nacht der Raben“, wo statt der individuellen die kollektive Xenophobie regiert. Die fünf Sängerinnen spielen nicht nur die zweite hintergründige Sage von Marcel Crémer, sondern auch Tuba, Trompete, Saxofon und Posaune. Tief tauchen sie in deutsche Seele, Lieder, Dorf, Kirche, Wald, Gewalt und in das Reich der Gartenzwerge. Und wieder finden sie einen ganz eigenen Pfad zwischen Theater, Symbolik, Erzählung und Musik, berühren alle Schichten des Bewusstseins, von den tiefsten zu den konkreten. Rabennacht und Rabenfrau sind wie heitere Totentänze, ein Abgesang auf böse Geister der Vergangenheit und ein ästhetischer Neubeginn, wo das Alte in sich zusammenfällt und aus dem Getöse ein neues, freies Theater entsteht. Wo ein Video tief ins Innere des Waldes und der Seele blickt und doch nichts daran ändert, dass wir diese Stücke fast wie Mysterienspiele erleben. Wo die Menschen den Raben den totalen Krieg erklären und untergehen, weil sie die Musik unterschätzen. Nur wer sich mit Gartenzwergen identifiziert, sollte diese rabenhaft-schöne Theaternacht lieber zu Hause verbringen. Und weil keine andere Kompanie das Gegenteil beweisen kann, behaupten wir eben, dass wir hier die original deutsch-belgische Szene erleben. Oder ganz einfach starke Persönlichkeiten.

    Redaktion: Thomas Hahn

    AdNr:1069    

    2004-09-15 | Nr. 44 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn