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    Bunter Abend…

    Der nicht gerade dezent geschminkte Mann blickt zweifelnd über die Zuschauerreihen. „Sehen Sie denn so überhaupt gut“, fragt er eine verdutzte junge Frau. „Rücken Sie doch besser noch etwas nach innen.“ Dann animiert der rührige Entertainer die kichernden Zuschauer zu einem letzten Klogang oder einer Getränkebestellung vor der Vorstellung, indem er versichert: „Wir haben Zeit!“. Hans Schwabs Auftakt zum Bunten Abend passt ins urige Ambiente. Zum wiederholten Male ist der bekannte Wetterauer Mime einer Einladung des Zelttheaters Comedia Mundi an das Frankfurter Museumsufer gefolgt. Diesmal präsentierten Schwab und seine Mitspieler (Margret Gilgenreiner, Andreas Nowak, Ronka Nickel und Tanja Felten) ein wahres Siechenkonzert mit dem sinnigen Titel „Über Berge, Täler und Höhn“. So werden die Zuschauer bereits zu Beginn mit der Mitteilung freudig überrascht, dass sie als Insassen des Sanatoriums Waldesruh’ die Ehre haben, an einem legendären Bunten Abend teilzuhaben, der auch an weiteren Überraschungen einiges zu bieten hat. Dafür sorgt erst einmal der krankgeschriebene Musiklehrer Hans-Dieter Becker, der eine ambitionierte kleine Truppe zusammengestellt hat, welche für ausgefallene Unterhaltung sorgen soll. Und auch im Publikum finden sich Herrschaften, die den Bunten Abend – allerdings unwissentlich – möglich machten, darunter laut Schwab der Vorstand des Sanatoriums, Pflegepersonal, der Hausmeister sowie der Bauunternehmer Schneider. Die so Angesprochenen nehmen die Rollenverteilung mit Humor. Der als Schneider titulierte unfreiwillige Mitspieler muss sicherlich zusätzlich zu seiner umstrittenen Tätigkeit als Bauunternehmer verdauen, dass seine kurzfristig ernannte Ehefrau Renate aktiv auf der Bühne mitwirkt und auch im Laufe des Abendprogramms nicht müde wird, das Sponsoring ihres Gatten anzupreisen. Ebenfalls aktiv im Bühnengeschehen sind die Sanatoriums-Bibliothekarin Lore Holzhammer, der Moderator Horst Sommer und die junge Lernschwester Silvie Schmidt. Während Renate Schneider spielerisch in Konkurrenz zu Moderator Sommer tritt, offenbaren sich dessen Vorliebe für Lernschwester Silvie und ungeahnte musikalische Talente der gesamten Darstellertruppe. Unter anderem mit Hilfe von Kontrabass, Blockflöte, Akkordeon, singender Säge sowie der jodelnden Frau Schneider bekamen die Zuschauer im Comedia-Mundi-Zelt so manches Schlager-Schmankerl geboten. Spätestens beim großen Finale mit „Wir wollen niemals auseinander gehen“ beschleicht sicherlich so manchen Zuschauer das Gefühl, dass diese Truppe nicht nur kabarettistisch dem Musikantenstadel weit überlegen ist. Zudem auch noch die Nähe zum unverfälschten Zirkusgeschehen bleibt, denn bei der Zugabe entzückt die Präsenz des Hundes von Lernschwester Silvie die Zuschauerschar.

    Das kleine, bunte Zelt, die aparten, alten Zirkuswagen sowie der ansprechende Cafébus sind aus Mainhattens Flussszenerie nicht mehr wegzudenken: Seit nunmehr 20 Jahren residiert das bayrische Zelttheater Comedia Mundi am Frankfurter Museumsufer. Das freut nicht nur Theaterbesucher. Denn wo lässt es sich gemütlicher ein Feierabendbier genießen als im Zirkusambiente am Main? Doch auch die vom 1983 gegründeten Ensemble angebotenen Produktionen und Gastspiele finden Zuspruch. „1987 kamen wir erstmalig auf Einladung des Mousonturm-Intendanten Dr. Buroch nach Frankfurt“, berichtet Theaterchef Fabian Schwarz. Die Einladung erfolgte im Rahmen des damals noch existierenden Summertime-Festivals. „Als das Festival 1993 eingestellt wurde, blieben wir in Eigenregie“, so Schwarz. Seit 2000 organisiert Comedia Mundi zudem ein eigenes Festival am Mainufer. „Neben unseren eigenen Produktionen laden wir Künstler ein, mit denen wir irgendwie zu tun haben“, erzählt Schwarz weiter. So kommen Gäste, die selber einmal beim Zelttheater Ensemble-Mitglieder waren, als Regisseure mit den Schauspielern gearbeitet haben oder eben ansonsten in irgendeiner Form mit dem freien Theaterprojekt vernetzt sind. In diesem Jahr dabei waren unter anderem neben zwei Produktionen mit Hans Schwab auch Faltsch Wagoni und Peter Spielbauer. „Hans Schwab kennen wir beispielsweise seit 24 Jahren“, so Schwarz. „Damals war er selber noch in Sachen Zelttheater mit der Compania Mobilé unterwegs.“ Seitdem hat sich viel verändert. „Die Preise haben sich verdoppelt, die Zuschauerzahlen halbiert“, sagt Fabian Schwarz schmunzelnd. „Als wir anfingen, gab es zwei Fernsehkanäle, heute sind es 40. Außerdem werden natürlich viel mehr Veranstaltungen angeboten, hier die Burgfestspiele, da ein Festival, dort ein Open-Air-Kinoprogramm. Da kommt es einfach darauf an, ob man durchhält.“ Resigniert hat der Leiter von Comedia Mundi dennoch nicht. „Obwohl wir das Ensemble verkleinern mussten.“ Heute steht Schwarz in erster Linie mit Loes Snijders und dem Gitarristen Stefan Grasse auf der Bühne. Trotzdem spielt das Trio verschiedene Programme. Dazu die Gastspiele, und auch in Frankfurt kommen treue Fans. Eins ist für Schwarz und die Kollegen jedenfalls sicher: „Wir haben das Ganze noch nie gemacht, weil wir reich werden wollten, sondern weil wir es machen wollten!“ Es bleibt der Truppe und ihrem Publikum zu wünschen, dass dieses Engagement erhalten bleibt. Wer dazu beitragen möchte, kann dieses in Form einer Zukunftspatenschaft tun. Mit einem jährlichen Betrag ab 52 Euro und vielen engagierten Paten wäre dem Ensemble geholfen. Eine steuerabzugsfähige Spendenquittung ist selbstverständlich.

    Wenn ein gebürtiger Bub des Kurorts Bad Homburg von Wellness spricht, weiß er sicherlich, wovon er redet. Umso überraschter waren Besucher des Stalburg Theaters, als sie Jo van Nelsens Einladung zum Wellness-Abend Folge leisteten. Denn statt Dampfschwitzbad erwartete sie kühler Apfelwein sowie ein Protagonist auf der Bühne, der – ungerührt vom starken Andrang in den Theatersaal neben der Frankfurter Äpplerkneipe – beim betörenden Duft von Räucherkerzen auf der Bühne Yoga-Übungen ausführte. Da muss auch das Publikum mit, dafür sorgt van Nelsen, nachdem endlich alle einen Platz gefunden haben. Also wenden und drehen sich die Zuschauer nach Anweisung. „So sieht man wenigstens auch mal, wer hinter einem sitzt“, ruft van Nelsen begeistert und ignoriert vorerst Mitspieler Thorsten Larbig, der offensichtlich seine Schwierigkeiten mit Jo van Nelsens verrücktem Gebaren hat. „Noch vor einem Jahr hattest du ein völlig anderes Verhältnis zu deinem Körper“, begrüßt Frankfurts Vorzeige-Musiker Larbig seinen langjährigen Bühnenpartner und Chansonier van Nelsen. Obwohl die Rollenverteilung dank Larbigs schwarzem und van Nelsens weißem Bademantel offensichtlich ist. Das Anti-Wellness-Teufelchen in Larbig kann den Kollegen im neuen Bühnenprogramm „Was, es geht dir gut? Ein Wellness-Abend“ wohl kaum von der eigenen Gesundung abbringen. So viel negative Energie wird von van Nelsen einfach überspielt, indem er anbietet: „Willst du vielleicht eine Engelskarte?“ Denn für den Protagonisten in Guru-Gestalt liegt klar auf der Hand: „Ich habe viel Zeit, seitdem ich nicht mehr trinke und rauche und auch wenig Freunde. Aber dafür bin ich gesund!“ So kämpfen Jo van Nelsen und Thorsten Larbig um ihr Seelen- und Körperheil, dass es für ihr Auditorium eine wahre Freude ist. Van Nelsen weiß längst, worauf es im Leben ankommt: „Eine Kreuzfahrt ist günstiger als das Altersheim!“ Selbstverständlich gab es bei dieser besonderen Zeitreise durch die Welt des Wellness-Booms viel Hörenswertes; unter anderem auch Chansons von Georg Kreisler, Hildegard Knef, Robert Gernhardt oder Friedhelm Kändler. Und während Pianist Larbig als echter Ausgleich zum ansonsten sehr gesprächigen und gesangsfreudigen Bühnenpartner ebenso gekonnt redet, singt und spielt, entblößt sich van Nelsen im wahrsten Sinn des Wortes und zeigt dem Auditorium schlussendlich sein ganzes Ich. Schöne Aussichten auf weitere Programme des beliebten Frankfurter Duos!

    Eine weitere Köstlichkeit im Frankfurter Kulturgeschehen hat eine Eigenproduktion des Stalburg Theaters in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk zu bieten. Die Hintergrundgeschichte des Erfolgstücks von Kult-Autor Michi Herl ist leicht zu erzählen, aber schwer zu verdauen. Der Schauspieler Ilja Kamphues verkörpert den ungelenken Molekularbiologen Dr. Theodor Kögel in „Wer kocht, schießt nicht“. Er erhält in einer Lebenskrise vom Arbeitsamt einen Auftrag als Seminarleiter beim Fast-Food-Hersteller „Schnell und Lecker“. Ausgerechnet der Gastwirtssohn aus dem Sauerland und begabte Hobbykoch soll dem „ausgesuchten Testpublikum“ im Stalburg Theater die Fertigprodukte von „Schnell und Lecker“ schmackhaft machen. Anfangs noch gewollt angepasst an die Firmenpolitik „Alles ist zu verkaufen. Nobody isst perfect“, macht sich Akademiker Kögel an die Arbeit und gerät immer mehr aus dem Konzept. Somit gerät die Werbekampagne für „Schnell und Lecker“ schnell zur Farce, als Kögel alias Kamphues eine Spargelcremesuppe anpreist, dann aber beim Verlesen der Zutaten ins Stocken gerät. Ganze drei Prozent Spargel enthalte die Tütensuppe des Auftraggebers, lässt Kögel verlauten und ergänzt: „Meine Herren, stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause, legen Ihrer Frau drei Spargel auf den Tisch und sagen: Zauber uns mal daraus eine leckere Suppe. Sehen Sie, Sie können das nicht. Schnell und Lecker kann es!“ Und so serviert Kögel im Laufe seines Verkaufgesprächs immer mehr Privates und fängt tatsächlich an zu kochen. Bei der Zubereitung seines Hühnergerichts à la Kögel erfährt das Publikum allerlei Wissenswertes über die Nachteile der Fertigküche sowie über die „Daseinsberechtigung und Sterbegeschichte“ einer weiteren Akteurin des Bühnengeschehens: eines Huhns namens Berta. Das Resultat von Kögels Kochkünsten wird selbstverständlich von glücklichen Zuschauern direkt vor Ort verkostet, während der Rest des Publikums als Ausgleich das Rezept für die gefüllte Hühnerkeule mit selbst gemachten Nudeln zum Selbstversuch mit nach Hause nehmen kann. Auch der, ebenfalls von Kamphues gespielte, Teamleiter des Unternehmens „Schnell und Lecker“ bekommt schlussendlich sein Fett weg. Nachdem er den kochkühnen Kollegen Kögel von der Bühne verdrängt hat, um seinerseits mit der Verköstigung eines Fertiggerichts werbemäßig wieder Land zu gewinnen, ist ihm nach Verlesen des Etiketts auf der Dose für Hundefutter selber endgültig der Appetit auf Fast-Food vergangen. Köstlich lehrreich, Herr Herl, nur weiter so!

    Jede Menge Spaß und Erfolg im kulturellen Winter wünscht

    Redaktion: Kiki Krebs

     

    Termin-Tipps

    Ingrid El Sigai, Markus Neumeyer und Frank Wolff kommen übrigens am Montag, 1. Oktober, mit ihrem Programm „Modern Times – Scharfe Töne nach 1999“ ins Stalburg Theater. Und Uta Köbernick feiert am Dienstag, 2. Oktober, dort ihre CD-Rauskommfeier unter dem Motto „Sonnenscheinwelt“. Am Mittwoch, 3. Oktober, ist im Stalburg Theater erneut Michael Herls Satire „Wer kocht, schießt nicht“ zu sehen. Wilfried Schmickler kommt am Freitag, 5., sowie Samstag, 6. Oktober, ins Mainzer Unterhaus. An den gleichen Tagen spielt Die Schwarze Grütze im Unterhaus. Und der Hesse Vince Ebert ist dann am Montag, 8. Oktober, in Mainz zu Gast.

    2007-09-15 | Nr. 56 | Weitere Artikel von: Kiki Krebs