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  • Themen-Fokus :: Clown | Mime

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    Clowns without Borders

    Ein Interview mit Moshe Cohen

    Die Arbeitsbereiche der Clowns, Gaukler und Komödianten haben sich in den letzten 30 Jahren weiter verändert.

    Neu belebt durch die Ideen der „Freien Theater“ und der „Clown-Power“ in den 60er- und 70er-Jahren verließ die Clown-Figur zunächst den Zirkus, spielte mit neuen Formen und Themen und in neuem Gewand auf den Straßen und Plätzen.

    In den 80er- und 90er-Jahren dann wuchs, neben einer zunehmenden Etablierung im professionell-künstlerischen Bereich (Varieté und Zirkus, TV, Kleinkunst und Events), auch das Interesse an den helfenden und heilenden Kräften von Clownspiel und Humor.

    Und so sind in den letzten 15 Jahren immer mehr sozial engagierte Initiativen entstanden, in denen professionelle Clowns und Komödianten ihre Kunst dorthin bringen, wo Spiel und Lachen zunächst keinen Platz zu haben scheinen: in Krankenhäuser, soziale Brennpunkte und Krisengebiete dieser Erde.

    Moshe Cohen, ein Clown aus den USA, ist neben seiner professionellen Tätigkeit Repräsentant von „Clowns without Borders“, einer der ersten internationalen Hilfsorganisationen dieser Art. Ich konnte ihm einige Fragen zur Organisation und seiner Arbeit darin stellen.

    Ralf Höhne (R.H.): Clowns without Borders (CwB) wurde 1993 gegründet. Was waren die ursprünglichen Motive und Ideen?

    Moshe Cohen (M.C.): CwB wurde während des Balkankriegs gegründet, um das Lachen in die Flüchtlingslager dort zu bringen. Die Idee hatte Tortell Poltrona, ein Clown aus Katalonien, der für eine Aufführung in eine Schule in einem kroatischen Flüchtlingslager eingeladen war. Er erlebte, wie Lachen den Kindern die Möglichkeit gab, Spannung loszulassen und die Atmosphäre in ihrer Umgebung zu verändern.

    R.H.: Wie sieht das Spiel deines Clown-Charakters „Mr. Yoowho“ bei CwB aus? Zeigst du dieselben Shows wie in Europa und den USA?

    M.C.: Mr. Yoowho spielt immer das, was für die Zuschauer lustig ist. Und das variiert ständig, gemäß dem Land und den bisherigen Sehgewohnheiten des Publikums. Manchmal, wie in Chiapas, einem Flüchtlings-Camp in Mexiko, hatten sie bisher sehr wenig gesehen und reagierten stark auf Slapstick-Elemente. So hatten wir viel Spaß mit Verfolgungsjagden u. s. w. Anderenorts, wie im Kosovo, wo sie mit Fernsehen, Kino und Theater aufgewachsen sind, spiele ich einen mehr komödiantischen Stil.

    R.H.: Spielst du immer vor großem Publikum (wie z. B. die 5.000 Zuschauer in einem Camp in Nepal) oder gibt es da auch „intimere“ Momente des Spiels mit den Kindern?

    M.C.: Die Größe des Publikums variiert stark je nach Spielort. Selten begegnen wir einem so riesigen Publikum wie in Nepal. Es gibt so viele bhutanische Flüchtlinge in Nepal: mindestens 100.000 leben in sieben Camps – und das schon seit über 12 Jahren!

    R.H.: Welche Erfahrungen hast du mit den verschiedenen Kulturen gemacht? Gibt es eine vergleichbare Akzeptanz des Clown-Charakters und einen ähnlichen Sinn für Humor? Wie stellen sich die Clowns von CwB auf kulturelle Unterschiede ein?

    M.C.: Es geht oft weniger um kulturelle Unterschiede als um die Sehgewohnheiten. Clowns sind fast immer willkommen. Und das Konzept des Clowns – jemand, dessen Rolle es ist, Lachen zu erzeugen – ist kulturübergreifend. Sicher bauen auch einige Clown-Spieler kulturelle Besonderheiten des Ortes mit ein. Aber selbst innerhalb einer Region findet das eine Publikum manches „Typische“ lustiger als ein anderes. Gleichzeitig lachen alle Zuschauer gern, wenn der Clown grundlegende menschliche Verhaltensweisen und Schwächen zum Gegenstand seines Spiels macht.

    R.H.: Bei einer deiner Aufführungen in einem nepalesischen Camp sahst Du Polizisten, die mit Stöcken das Publikum zu disziplinieren versuchten. Wie gehst du mit Situationen um, in denen soziale oder politische Verhaltensmuster nicht unbedingt den deinen entsprechen? Wer reagiert dann:der sozial engagierte Moshe Cohen oder der vielleicht sanft rebellierende und spiegelnde Clown?

    M.C.: Stöcke scheinen dort ein allgemein benutztes Disziplinierungsmittel zu sein. Aber sie schlagen nicht hart zu. Auch ältere Familienmitglieder benutzen sie manchmal, um Kinderscharen zu verscheuchen. In der obigen Situation entstand durch die riesige Zuschauermenge ein wirklich gefährlicher Moment und natürlich sollte vermieden werden, dass irgendjemand erdrückt wird. Wir bemühen uns, die politische Situation während der Arbeit zu ignorieren und Lachen zu so vielen Kindern (und Eltern) wie möglich zu bringen. „Kein Kind ohne ein Lächeln!“ Mein sozial engagiertes Selbst beobachtet und nimmt wahr, aber mein Clown ist der Aktive, der für all die Kinder arbeitet.

    R.H.: Ein altes Sprichwort besagt: „Ein guter Clown ersetzt einen Sack Medikamente.“ Seid ihr oft mit Hunger und katastrophalen medizinischen Verhältnissen konfrontiert? Wie siehst du die Rolle, vielleicht auch die Grenzen, von CwB in Hilfsaktionen? Gibt es eine Zusammenarbeit von CwB mit anderen Hilfsorganisationen vor Ort?

    M.C.: Wir gehen generell nicht in Situationen von Hunger und Verzweiflung. Wir gehen nur dorthin, wo die Grundbedürfnisse bereits befriedigt wurden. Wir arbeiten oft mit verschiedenen humanitären Organisationen zusammen  und bringen das Lachen zu den Menschen, für die sie arbeiten.

    R.H.: CwB setzt sich auch in sozialen Brennpunkten in der westlichen Welt ein, z. B. für obdachlose Kinder in den USA.

    M.C.: Konfliktsituationen gibt es innerhalb unserer Grenzen genau so wie in Kriegsgebieten. Und es gibt auch bei uns zahlreiche Flüchtlingslager. Wir meinen, dass es wichtig ist, auch diese Bevölkerungsgruppen zu erreichen.

    R.H.: Du hast ein Programm entwickelt mit dem Titel „Clown Without Borders“, das du an Schulen in den USA spielst. Was hat es damit auf sich?

    M.C.: Ein Teil der Arbeit von CwB ist es, Informationen über Konfliktzonen mit in unser Heimatland zurückzubringen, um die Bevölkerung bei uns zu  Hause dafür zu sensibilisieren. Das ist es, was ich mit meiner Show für Schulen tue, vermischt mit einer gesunden Portion von Clownspiel und Lachen.

    R.H.: CwB ist eine Non-Profit-Organisation. Die Clowns erhalten keine Bezahlung für ihre Arbeit. Welche Möglichkeiten gibt es, CwB zu unterstützen?

    M.C.: Interessierte Clowns können auf unserer Homepage Näheres über die Vorbedingungen und Kontakte erfahren. CwB, wie alle „non-profits“, sammelt natürlich ständig Spenden für seine Aktivitäten: alle Zuwendungen sind also willkommen, z. B. auch Gratis-Flugmeilen von Vielfliegern.

    R.H.: Moshe, vielen Dank für dieses Gespräch.

    Ralf Höhne, TuT Hannover

    Mehr Informationen über die Arbeit von CwB findet man auf der umfangreichen und interessanten Homepage http://www.clownswithoutborders.org

    Moshe Cohen ist vom 15.–19. Oktober 2004 in Hannover. Eingeladen vom TuT – Schule für Tanz, Clown & Theater, wird er dort einen Workshop für aktive Klinik-Clowns leiten und einen Vortrag über die Arbeit von CwB halten.

    Näheres unter http://www.tut-hannover.de

    2004-09-15 | Nr. 44 |