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  • Themen-Fokus :: Circus

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    Das Dorf im Blickpunkt der Geostrategie

    Mehr und mehr öffnen sich Künste und ganze Kontinente dem neuen Zirkus. In Asien hat Kambodscha den Anfang gemacht. Jetzt folgt Vietnam mit der ersten Kreation im Land, die sich dem neuen Zirkus zuordnet. „Lang Toi“ (Mein Dorf) heißt das Opus, für das ab November 2008 im Staatszirkus von Hanoi geprobt wurde. Auch Vietnam hat eine Art Zirkustradition, aber die geht auf den Staatszirkus sowjetischer Prägung zurück. „Lang Toi“ schlägt ganz andere Wege ein. Zwanzig vietnamesische Artisten und Musiker haben ein durchlaufendes Stück kreiert. Über dessen Handlung laden sie zu einer Reise durch verschiedene Kulturen Vietnams ein und stellen über die Musik dessen Traditionen vor, einschließlich jener, die zu kulturellen Minderheiten im Land gehören. Akrobaten und Jongleure führen durch ländliche Atmosphären, wofür sie Bambus in den Mittelpunkt stellen. So mischen sich in „Lang Toi“ kulturelles Erbe, Staatszirkus und die französische Inspiration des nouveau cirque. Das künstlerische Konzept stammt von Lan Nguyen, der auch für die pädagogische Leitung der Zirkusschule von Chambery in Frankreich verantwortlich zeichnet. Dass Frankreich seine Hand im Spiel hat, zeigt neben der Mitarbeit des Regisseurs Nhat Ly Nguyen und des Choreografen Tan Loc Nguyen auch der Umstand, dass „Lang Toi“ im Auftrag des Pariser Musée du Quai Branly entstand, dem vor kurzem eröffneten Völkerkundemuseum neuen Stils, das auch ein Theater beherbergt. „Lang Toi“ wird nach der Uraufführung im Musée du Quai Branly (18.–27. Juni) europaweit auf Tournee gehen (www.quaibranly.fr).

    Gleichzeitig meldet sich der nouveau cirque in bzw. aus Kambodscha zurück. Die jungen Akrobaten des Kunstzentrums Phare Ponleu Selpak kommen nach Europa mit ihrem neuen Stück „Puthou!“, das vom Leben der Khmer in ihren Dörfern erzählt. Und das sagt uns wiederum, dass hier noch alles am Anfang steht. Eines Tages werden sie wie einst Charlie Chaplin aus der Großstadt berichten. Uraufgeführt wurde „Puthou!“ auf der sechsten Ausgabe des Tini Tinou International Circus Festival in Battambang, wo die Truppe auch beheimatet ist mitsamt ihrem Kunstzentrum, das wie eine Akademie funktioniert und ebenfalls Kurse in Musik, Theater, Filmanimation und mehr anbietet. Auch hier war die treibende Kraft Frankreichs Suche nach Geltung in einer immer anglophoneren Welt, was zu der Idee führte, über den Export der innovativsten Kunstformen jene Verbindungen neu zu beleben, die in kolonialen Zeiten entstanden. Aber auch die Prinz Claus Stiftung unterstützt das Projekt, sowie natürlich das kambodschanische Kulturministerium. Frankreich weiß heute eben, wie man Hip-Hop, Straßentheater, zeitgenössischen Tanz oder eben Zirkus zur Wahrung von geostrategischen Interessen einsetzt. Ganz anders sind natürlich die Absichten des Collectif clowns d’ailleurs et d’ici, von dem Phare Ponleu Selpak tatkräftige und kompetente Unterstützung erfährt. Hier steht das Menschliche im Vordergrund. „Puthou!“ gibt den jungen kambodschanischen Artisten die Möglichkeit, ihre Khmer-Kultur in Europa darzustellen. Sie haben acht Jahre Ausbildung durchlaufen und bilden den dritten Abschlussjahrgang der Zirkusschule. Zum Programm gehören auch Kurse in Schauspiel und Dramaturgie an der Philippine Educational Theatre Association. In Deutschland waren sie bereits mit der Produktion „De 4 à 5“ (Von 4 bis 5) unterwegs, siehe Trottoir Nr. 49 (www.phareps.org).

    In Sachen Kreativität steht der neue Zirkus eigentlich erst am Anfang einer langen Reise. Das Zentrum Hors les murs in Paris lädt nun Tanz- und Theaterkritiker aus Europa zu einem Workshop, um sich mit Ästhetik und Analyse von Zirkusaufführungen vertraut zu machen. Es wird auch Zeit, dass Schritte in diese Richtung stattfinden. Der Zirkus selbst forscht längst in alle Richtungen. Immer mehr Trios, Duos oder Solokünstler spezialisieren sich in einer Disziplin, ob Hand-in-Hand-Akrobatik, Jonglage mit Bällen oder Diabolo, Seiltanz oder Choreografie. Protektionismus? Krise? Im Gegenteil! Diese Kleinzellen sind Keimzellen und treiben die Recherche vorwärts. Ihre Mobilität favorisiert die Begegnung mit anderen Künsten. Doch das ist nur eine Antwort auf die Frage, warum Zirkus heute die kreativste und innovativste aller Künste ist. Die andere liegt darin, dass Zirkus bis heute die kreative Arbeit der Hände in den Mittelpunkt stellt. Diese sehr praxisorientierte, handwerkliche Komponente macht Zirkus besonders empfänglich für Beiträge aus anderen Disziplinen, von bildenden Künsten über Informatik bis zum Ingenieurswesen. Doch steht man damit voll in der Tradition, denn schon immer war die Manege ein Ort der Begegnung zwischen Wesen ganz unterschiedlicher Welten, man denke nur an die Tiere. Zu jenen, die heute in der Recherche am weitesten gehen, gehört der Jongleur AdrienM, der sich mit dem physikalischen Phänomen des Fallens auseinander setzt, mit der Zeit und mit Illusion. Letztere kreiert er durch spezifisch entwickelte Videoprogramme, die er „eMotion“ nennt, was für „electronic motion“ steht. Im Ergebnis kann er mit realer Bewegung oder einer Wärmequelle grafische Strukturen auf dem Bildschirm beeinflussen. Durch virtuelle Nachahmung physikalischer Phänomene entsteht die Illusion, die virtuellen Strukturen und Objekte auf den Bildschirmen seien real. Das nutzt AdrienM, um in seinen Rundumprojektionen die Illusion endlosen Fallens zu erzeugen, wie in einem Traum. So verändert er den Blick auf reale Bewegungen und Gesten und das führt uns zurück zum Jongleur. Die virtuellen Bälle können einfach endlos fallen, und nicht nur sie. Wenn nämlich der Körper des Jongleurs destabilisiert wird und er seine Bälle deshalb zwangsläufig fallen lässt, ändert das unseren Blick auf die Jonglage selbst. Da kommt Choreografie ins Spiel. Die Bälle und der Jongleur selbst stoßen in den Bereich des Tanzes vor. Und Zirkus hält Einzug auf einem Festival für elektronische Künste wie Les Bains numériques in Enghien-les-Bains bei Paris (www.adrienm.net).

    Dagegen kommt die Trapezkünstlerin Cécile Mont-Reynaud ganz ohne elektronische Tricks aus. Sie hat aber Design studiert, und das sieht man ihrem Stück „Ce qui nous lie“ (Was uns verbindet) auch an. Wie ein Perlenvorhang fallen die Stoffbahnen, die sie zu ihren kreativen Kletterpartien nutzt. Am Boden spielt nicht nur Cesar Stroscio, einer der führenden Bandoneonisten dieser Welt, auf seinem Tango-Instrument, sondern der Jongleur Sylvain Julien wirbelt mit den Stoffbahnen, als wären die seine neuen Bälle. Dabei formt er sie geradezu um in ganz neue Objekte. Da ist die absurde Welt von Josef Nadj gar nicht weit.

    Was aber ganz weit zu sein scheint, und doch nur einen Steinwurf entfernt liegt, ist die Welt der Zirkusnomaden alter Schule. Und doch scheint, wer aus diesen Familien ausbricht, irgendwann nicht anders zu können, als sich mit dem Zirkusleben seiner Kindheit auseinander zu setzen, von außen oder von innen. Alexandre Romanes stammt aus der Familie Bouglione und ist heute deren bekanntester Dissident. Als er sich aus den Fesseln der Familie löste, wurde er zum Spezialisten für Barockmusik und zum engsten Freund Jean Genets. Doch er ist stolz auf seine Herkunft seitens der Roma und würde gerne zu Ehren ihrer Tradition ein ständiges Kulturzentrum einrichten. Romanes selbst hält die Verbindung zum fahrenden Volk, das um Paris seine Wagenburgen installiert. Sein eigenes Zelt musste allerdings zuletzt seinen ursprünglichen Ort innerhalb von Paris verlassen. So spielen Alexandre und seine Frau Delia Romanes samt Familie vor den Toren der Stadt ihre neuen Stücke mit Titeln, die wiederum ein leicht folkloristisches Licht auf das Leben der Roma werfen und mit Klischees kokettieren, wenn es da heißt: „Rien dans les poches“ (Leere Taschen) oder „Au paradis toutes les femmes sont gitanes“ (Im Paradies sind alle Frauen Zigeunerinnen). Sein aktuelles Projekt soll endlich das Stück realisieren, von dem er und Genet gemeinsam geträumt haben: „La reine des gitans et des chats“ (Die Königin der Zigeuner und der Katzen) soll es heißen (www.cirqueromanes.com).

    Auch die Familie Zavatta hat ihren Aussteiger. Warren Zavatta heißt der Enkel des Zirkusgründers Achille Zavatta, und er tritt im Theater auf. Allerdings nicht in Klassikern des Sprechtheaters, wie er es gehofft hatte, sondern in einer Art kabarettistischem Monolog, in dem er mit seiner Kindheit und dem Zirkusleben abrechnet, das nicht immer so romantisch ist, wie es von außen scheint. Es hat sogar seine brutalen Seiten. Der Titel „Ce soir dans votre ville“ zielt auf den Tourneealltag von Zirkuskompanien, und Warren trägt auf den Plakaten für sein Stück eine blutende Clown-Nase. Aber er kann eben doch jonglieren, zaubern, musizieren, ist nicht umsonst als Kind mit täglichem Training gequält worden, bis er ausriss, um sich in New York und Moskau durchzuschlagen. Und so ist die Zirkusfamilie wie jede Familie eine Zelle, aus der man zwar zeitweise ausbrechen kann, die einen aber doch immer einholt, so als wäre man durch ein Gummiband an sie gekettet, von Seilen und Keulen ganz zu schweigen.

    Redaktion: Thomas Hahn

     AdNr:1085

    2009-06-15 | Nr. 63 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn