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    Der Kröhnert’sche Kabarettkosmos

    Irgendwann hat Friedrich Merz den Spieß einfach umgedreht. Er wich seiner Parodie nicht mehr aus, nein, er glich sich ihr an. Auch eine Form der Vorwärtsverteidigung. Apropos Verteidigung – Volker Rühe hat’s genauso gemacht. Sich erst vor der eigenen Karikatur geziert und dann einfach eins mit ihr geworden.

    Andere mutierten mehrfach und forderten so dem Parodisten alles Erdenkliche an Flexibilität ab. Unser aller Filzballgladiator aus Leimen war so Einer. Mal Bobele, mal Boris, mal Becker, mal Selbstparodie. Das unfreiwillig Komische wurde unfreiwillig tragisch, kehrte aber dann doch zu einer Art freiwilligen Komik zurück.Auf der Strecke blieben viele „Äh’s“ und ein paar gebrochene Frauenherzen. Inzwischen ruht er wohlverdient, aber unvergessen und bei Bedarf abrufbereit, in Reiner Kröhnerts Kuriositätenarchiv.

    Und darin ruhen noch Einige mehr! Illustre Namen, deren politische Wirkung oft weniger nachhaltig war, als die satirische. Was haben wir über Rita Süßmuth einst lachen dürfen – aber was blieb von ihr übrig? Außer der Erinnerung an ihre köstliche Karikatur auf den Brettl-Bühnen der Republik? Reiners Rita jedenfalls wirkte allzeit authentischer als das Original. Und erotischer zudem!

    Dazu brauchte und braucht Reiner Kröhnert auch keine Travestie-Takelage. Schön, eine Perücke für Frau Merkel, zugegeben, aber nur einmal kurz zum Auftakt, zur optischen Einführung quasi. Denn eigentlich zaubert der virile Kabarettist auch seine Frauenfiguren einzig mit den Mitteln der Schauspielkunst auf die Bühne – Gestik, Mimik, Körperhaltung, der richtige Blick, der entsprechende Gang und (natürlich!) die perfekte Stimmparodie nebst passendem Duktus und schon steht die Kanzlerin vor einem staunenden Kabarettpublikum und übt sich in rhetorischer Selbstentlarvung.

    Ja, so funktioniert er, der Kröhnert´sche Kabarettkosmos – Die Konstruktion der satirischen Überzeichnung dekonstruiert sich scheinbar selbst. Und statt Parodienpanoptikum pur, gibt´s bei Reiner Kröhnert richtiges Theater, mit Exposition, durchgehender Dramaturgie und Höhepunkt, mit retardierendem Moment, mit Pro- und Epilog, mit Rollenfächern und epischen Verfremdungseffekten.

    Und die zu erzählende Geschichte (und nur die!) entscheidet, wer letztendlich mitspielen darf. Denn mitspielen dürfen eben nicht nur jene, welche gerade auf dem journalistischen Mainstream dümpeln. Reiner Kröhnert leiht auch den Abgeschobenen, den ins zweite Glied Gedrängten und den vom Zeitgeist Ausgemusterten seine vielseitig wandelbare Stimme.

    Die Protagonisten stehen nämlich nicht nur für sich selbst, sie stehen für Haltungen, für Positionen, für übergeordnete Eigenschaften. Ähnlich wie bei der Commedia dell´arte, symbolisieren sie die Charaktermasken des öffentlichen Lebens und der politischen Interaktion. Harlekin und Königin, statt Blüm und Merkel. Aber auch der rückgratlose Untertan will besetzt sein, der rücksichtslose Macher und der rigorose Unterdrücker. Der ewige Spitzel, der Selbstgerechte, der Oberlehrer, der Naive und die menschliche Marionette.

    Doch zunächst ist da der Plot: was wird erzählt, wie wird erzählt und schließlich – wer erzählt? Dazu geht Reiner Kröhnert mit seinem Regisseur und Autorenkollegen Wolfgang Marschall am Anfang in Klausur. In konzentriert fröhlichen Brainstormingprozessen werden hier die entscheidenden Fragen nach real existierender Politik, nach den launischen Strömungen des Zeitgeistes und nach den zu erwartenden Entwicklungen gestellt.

    Auf die Analyse folgt die satirische Spekulation und darauf die kabarettistische Überhöhung. Danach erst werden die Rollen verteilt. Und dies nie nach den Regeln fraktioneller Ausgewogenheit! Parodiert wird nicht nach aktueller Sitzverteilung. Parodiert wird nach den Bedürfnissen der Geschichte!

    Dazu können auch schon mal Tote wiedererweckt werden. Besonders solche, die ohnehin unsterblich sind. Klaus Kinski ist so Einer. Einer, der auch posthum noch polarisiert, ob seiner Kompromisslosigkeit in Sachen Schauspielkunst, ob seiner emphatischen Radikalität und seines
    berserkerhaften Temperamentes. Dieser Kinski stand einmal als „Jesus Christus Erlöser“ in der Deutschlandhalle in Berlin vor einer höhnisch johlenden Öffentlichkeit und versuchte, dem pöbelnden Mob sein persönliches Neues Testament zu verkünden. Dafür erntete er überwiegend Spott und vernichtende Kritiken. Reiner Kröhnert gibt ihm und dem Publikum eine zweite Chance.

    Jesus Kinski, der Erlöser, is back! Und er hat auch eine Botschaft. Und er hat auch schon eine Partei, die seinen Namen in ihrem Namen trägt. Ob die CDU aber tatsächlich in seinem Namen handelt und ob er sich von buckelnden Pharisäern und opportunistischen Schriftgelehrten zu deren Ehrenvorsitzenden korrumpieren lässt, wird Reiner Kröhnerts Bühnenmysterium „DAS JESUS COMEBACK“ in einer turbulenten Parodie-Performance auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erst noch aufzuklären haben.



    2009-09-15 | Nr. 64 |