Trottoir Online Magazin / Künstler und Eventattraktionen

--- Trottoir Admin Ebene ---

 
 
 
Trottoir Header
Suche im Trottoir

Kategorien Alle Jahrgänge




Admin Bereich K10


Artikel - gewählte Ausgabe
Meist gelesen
Statistik
  • Kategorien: 66
  • Artikel: 3301
  • Szenen Regionen :: Frankreich

    [zurück]

    Der Schatten des Clowns

    Der verrückteste Bastler in Frankreichs Szene ist ein Performer namens Jean-Paul Céalis. Wenn er gerade nicht in absurden Maschinen aus Holz und Tüchern über die Buhne rollt und robbt, dann baut er sich elektrische Fallstricke und versprüht Schwefel. Das Resultat sieht hier wie Zirkus aus, dort wie Theater und ist bildende Kunst die aus der französischen Komikertradition von Tati und de Funès stammt. Daß auch Musik zum Campingkocher oder zum Fisch gerinnen kann, wenn sie nur aus einem Lautsprecher rieselt der in Wahrheit ein Schuh ist, demonstrierte Céalis 1999 in seinem Opus “Beaux parleurs” (ein passendes Wortspiel auf deutsch wäre: Lauf-Sprecher). Am Anfang dieses “musikalischen Objekttheaters” (ein Foto schlich sich irrtümlich ins letzte Heft) standen die Kompositionen von Nicolas Brasart. In einer Ausrüstung die an Weltraumanzüge erinnert, stapfen Céalis und Brasart auf ihren Lustsprecher-Schuhen durch akustische Treppenhäuser, Bahnhöfe und Bergtäler. Wie alle guten Clowns läßt Céalis die Kette von Ursache und Wirkung seitwärts laufen. So wird nicht die Musik in das Geschehen gedrückt, sondern alles was geschieht ist das Produkt seiner eigenen Geräusche. Ein Jahr später, im März 2000, verdreht Céalis das Verhältnis zwischen Mensch bzw. Objekt und deren Schatten. Titel der Performance: “Fait d’ombres.” Céalis und sein Partner tauchen in eine Welt, in der sich die Schatten, aus Müllsäcken oder Folie geschnitten, selbständig gemacht haben. Dein Schatten ist eben auch eine Bestätigung Deiner Existenz und Céalis ist nicht nur Bastler sondern auch ein wenig Philosoph – ist mein Gegenüber ein/Dein/mein Schatten, ein Fetisch oder ein Produkt aus der Retorte? Wenn die Akteure umfallen weil die Tür, die umfällt, sich als ihr eigener Schatten entpuppt dann hat das mit Kafka mehr zu tun als mit Jango Edwards. Eine Performance von Céalis ist eher hintergründig und keine schrille Komödie.

     

    Tango origami und Tango negro

    Wem der Tango in seiner ur-argentinischen Form nicht mehr exotisch genug ist, der kann den Rio de la Plata nun auch japanisch oder afrikanisch ergründen. Anna Saeki ist in Japan die einzige Tangostimme, die auch auf spanisch singt. In Europa ist sie, auch das ist klar, die einzige Sängerin die Tangoklassiker auf japanisch interpretiert. Das schafft eine Leichtigkeit durch die man jene hundertmal gehörten Nostalgias, Caminito etc. die einem irgendwann zum Hals raushängen völlig neu entdeckt. Daß Annas spanisch 100%ig ist wurde mir von südamerikanischer Seite bestätigt. Allerdings sollte man sich garantieren lassen daß sie sich nur von ihrer besten Seite zeigt und das ist eindeutig der Tango. Denn Anna Saeki ist vielseitig. In Paris sang sie, leider, auch Salsa und Songs von Barbara Streisand oder so. Und plötzlich war es aus mit der Finesse und es gab gröbsten Kitsch. Rätselhaftes Japan. Anna ist Starmoderatorin im japanischen TV und hat das offizielle Lied für Japans Fußballteam bei der WM ’98 eingespielt. Früher sang sie in einer Salsaband und wurde zur Miss Saporo gewählt. Ihre grandiose CD “Soul of tango” (1999, Toshiba EMI) wird leider nur über japanische Kanäle vertrieben.  

    Nicht luftig-elegant sondern kraftvoll mitreißend sind die Konzerte von Juan Carlos Caceres. Er komponiert, singt, spielt das Piano und könnte seine Auftritte sogar mit Austellungen seiner eigenen Gemälde bebildern die ebenso intensive Töne und Tango-Motive aufweisen wie seine Musik. In seienem neuen Konzertprogramm mit dem Titel “Toca Tango” und auf seiner CD “Tango negro” (Melodie, Celluloid 67 006) legt Caceres die afrikanischen Wurzeln des Tango frei. Seine Lieder brennen wie der Candomble, jener Vorläufer des Tango mit Wurzeln in Afrika. Oder wie die Murga, eine echauffierende Karnevalsmusik die während der Militärdiktatur unter Zensur stand. Nun wird die Murga in Argentinien wieder populär und Caceres stellt sie in Paris vor. Die trockene Stimme von Caceres, die dennoch zärtlich werden kann, erinnert an Paolo Conte, die Percussions eher an Flamenco und an die dichten Rythmen an kreolische Séga. Wie Piazzolla streifte auch Caceres den Jazz, als er 1968 (!) nach Paris floh.  


    Zirkus auf Mond und Triton

    Zwei hereausragende Beitrage aus dem Bereich neür Zirkus stammen von ausgewiesenen Choreografen. Da ist zum Einen das Abschluzsstück 2000 des Zirkusakademie CNAC in Chalons sur Marne. Die Kreation wurde dem Choreografenpaar Hela Fattoumi und Eric Lamoureux anvertraut. Ihr “Vita Nova” ist ein Puzzle, großartig orchestriert, elegant und dazu die flüssigste Verbindung von Tanz und Zirkus die je zu sehen war. Dazu kommt die poetisierende, erfindungsreiche Ästhetik der Geräte an denen sich die exzellenten Nachwuchsartisten in die Luft hangeln und werfen. Kein Zirkus sondern ein Gesamtkunstwerk, poetisch und eher lunär als explosiv wie der Cirque Plume. “Vita Nova” darf, wie alle Abschlußstücke des CNAC, im ersten Jahr nur eine begrenzte Anzahl von Aufführungen bestreiten, ist dann aber frei für neü Engagements.

    Sommerfestivals gibt es nicht nur in Südfrankreich  sondern auch in Paris. Das Festival “Paris Quartier d’Ete” bietet viele Open-Air-Veranstaltungen, darunter hauptsächlich Weltmusik und Tanzaufführungen angesehener Kompanien. In diesem verschwommenen Sommer stand Philippe Decouflé im Mittelpunkt, der sein Zirkusstück “Triton” neu auflegte unter dem Titel “Triton 2ter”. Der bemalte Rundboden aus Holz, die Trägerkonstruktion ohne Zeltdach und das symbolische Tor der Manege sind für Outdoor wie geschaffen. Decouflé macht seine Tänzer zu Artisten und als solche zu Komikern die sich absurder Lautmalerei bedienen, zeigt die humoristische Seite von Fellini und ersinnt für den Neptun-Planeten Triton eine imaginäre, vollig verrückte Welt, bevölkert von Superman, Elfen, Walküren und orientalischen Paschas. Logik und Naturgesetze werden auf dem verdrehten Planeten so elastisch gehandhabt wie das Schwingseil an dem ein Pärchen seinen Streit austrägt - bevor der Mufti mit den Rollerblades wie Tarzan durch das Rund schwingt. Clownereien überall. Behutsam befriedet Decouflé den Rythmus der Nummern, führt Stuck und Publikum vom Variété Richtung Tanz und begeistert das Publikum jeder Couleur und Generation.  Wie Jean-Paul Céalis ist auch Philippe Decouflé im Grunde ein bastelnder Clown, ein Kind im Mann das den Herrn am Schwanz zieht.

    Redaktion: Thomas Hahn

     

     

    2000-09-15 | Nr. 28 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn