Trottoir Online Magazin / Künstler und Eventattraktionen

--- Trottoir Admin Ebene ---

 
 
 
Trottoir Header
Suche im Trottoir

Kategorien Alle Jahrgänge




Admin Bereich K10


Artikel - gewählte Ausgabe
Meist gelesen
Statistik
  • Kategorien: 66
  • Artikel: 3301
  • Szenen Regionen :: München

    [zurück]

    Der Verrückte im Schlafanzug und die Rückkehr der singenden Legende

    Diese Momente kennt wohl jeder: Da will man eine Anekdote erzählen über jemanden, den man einmal sehr gut gekannt hat, der vielleicht sogar zu den besten Freunden gehörte, den man aber ein paar Jahre schon nicht mehr gesehen hat. Und was passiert: Der Name dieses Menschen will einem partout nicht einfallen. Andere Namen hingegen hat man ständig parat, obwohl man die dazugehörigen Menschen so gut wie gar nicht kennt. Rudolf Scharping ist in diesem Sinne ein Weggefährte vieler Menschen, sicher auch Peter Alexander oder Lothar Matthäus. Auch Manfred O. Tauchen ist einer dieser Namen, von denen viele sagen werden: Den habe ich doch irgendwo schon einmal gehört. 

    In der Tat, der Mann war einmal eine ganz große Nummer. Mit einer der Humpe-Sisters düste er einst im Sauseschritt durch die Galaxien, mit Wolfgang Ambros brachte er das legendäre Watzmann-Musical zu seinem Ur-Ruhm und war auch sonst ein immatrikulierter Mann, der für jeden Witz zu haben war. Und dann, ja dann hörte man lange Zeit nichts von ihm. Bis er nun in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft sein Kabarettsolo vorstellte. Der Titel könnte passender kaum sein: „Auftauchen“ heißt das Stück des schrägen Österreichers, der sich in München niedergelassen hat. Dort wagt er also nun den Neuanfang – und: er kann es noch! Immer noch ist Tauchen einer, der Ideen hat, wenn andere längst mit dem Denken aufgehört haben. Er ist ein Meister des Absurden, das nicht selten ins völlig Abstruse abgleitet, sodass das Publikum häufig den Kopf schüttelt vor lauter Spinnerei. Er ist ein Verrückter im positivsten Wortsinn, einer, der den guten, alten Schmarren pflegt und bei dem man sich wirklich vorstellen kann, dass er mit dem Schlafanzug durch die Stadt irrt, nachdem er zehn Jahre seine Wohnung nicht verlassen hat. Das nämlich ist die Story des Abends. Manchmal wirkt er so verrückt, dass man sich richtig Sorgen macht. Einem wie Tauchen glaubt man alles, auch, dass er sich als Sohn eines Freidenkers einst die Hostie in der Kirche erschlichen hat, weil das das Einzige gewesen sei, was es seinerzeit zu essen gegeben habe. „Der arme Kerl“, möchte man mitleidig seufzen – und: gut, dass er über all dem Ungemach nicht seinen Humor verloren hat.

    Ein neues, weil eigenes Gesicht hat mittlerweile das Theaterzelt am Olympiapark bekommen. „Das Schloss“ war ein Spielort der traditionellen Volksmusiktage, die seit diesem Jahr nicht nur im Theater im Fraunhofer, sondern eben auch im schicken Zelt veranstaltet wurden. Die Wiener Tschuschenkapelle wurde ebenso gefeiert wie die sinnlichen Lieder von Landstreich. Die Monaco Bagage hatte ein Heimspiel und der griechische Lautenvirtuose Stelios Petrakis ein umjubeltes Gastspiel. Überstrahlt wurde all dies jedoch von einem Altmeisters des bayerischen Humors: Fredl Fesl trat wieder einmal auf. Natürlich vor ausverkauftem Haus, natürlich bestens gelaunt. Die Legende Fesl lebt! Wahnsinn! Aber auch im traditionellen Haus in der Fraunhoferstraße gab es wieder jede Menge Leckerbissen der neuen Volksmusik zu erleben. Mistgabel pumpte viel Luft in die Dudelsäcke, und die Mehlprimeln haben gezeigt, dass sie es immer noch drauf haben, das Publikum zu begeistern.

    Am Ende wollen wir noch einmal einen kleinen Rückblick in das vergangene Jahr machen. Das mag manchem zwar als alter Hut erscheinen, aber immerhin findet im Dezember jeden Jahres das Münchner Kabarettfestival schlechthin statt, der Kabarett-Kaktus. Der ist immer noch ein wahrer Publikumsmagnet, was durchaus als Phänomen betrachtet werden darf. Die etablierten Münchner Bühnen haben nämlich durchaus zu kämpfen mit einer veränderten Ausgehmentalität der Münchner. Selbst an den Wochenenden sind in den Bühnen, für die man noch vor nicht allzu langer Zeit Wochen im Voraus reservieren musste, bisweilen einige Plätze frei. In Pasing jedoch, in dem ehemaligen Fabrikgebäude am Bahnhof, sind beinahe alle Veranstaltungen ausverkauft. Kein Wunder, dass sich das doch eher regionale Festival der Vergangenheit in ein großes Event mit bundesweiter Strahlkraft entwickelt. Die Sieger des diesjährigen Wettbewerbs kommen aus Potsdam – nicht unbedingt ein Vorort der bayerischen Landeshauptstadt. Das Duo Schwarze Grütze, Dirk Pursche und Stefan Klucke, pflegt ein ganz besonderes Verhältnis zum schwarzen Humor, das kommt bisweilen ziemlich undeutsch daher, und ist vielleicht gerade deshalb so gut angekommen bei der Jury. Die konnte auch der Bamberger Götz Frittrang überzeugen, der mit seinem Solo als wahrer Newcomer gleich einen der begehrten Stachelpflanzen überreicht bekam. 

    Und nach dem Rückblick noch ein Ausblick. Das absolute Highlight des Kabarettfrühlings in München hat Helmut Schleich vorbereitet. Das lang ersehnte neue Programm ist fertig. Es wurde in der Lach- und Schießgesellschaft und der Drehleier vorgestellt. „Mutanfall – ein Angsthase schießt zurück“ heißt das neue Œvre des Großmeisters der gepflegten Grimasse. Näheres dazu gibt es sicherlich in der nächsten Ausgabe zu lesen.

    Redaktion: Andreas Rüttenauer

    Agentur Olivia Reinecke
    AdNr:1089 

    2005-03-15 | Nr. 46 | Weitere Artikel von: Andreas Rüttenauer