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    Der letzte Auftritt …

    Einen Lichtstrahl vom toten, aber immer noch strahlenden Stern am Kabaretthimmel gibt es zu vermelden: Neues von Neuss – Der letzte Auftritt … (www.ufaFabrik.de; DVD, 1:56 Min.). Nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit hat der bekiffte, aber immer noch hellwache Geist von Wolfgang Neuss nicht aufgehört zu arbeiten, und bei einigen seltenen Auftritten im alternativen Berliner Kulturtempel ufaFabrik schleuderte er diese Geistesblitze ins begeisterte Publikum. Technisch nicht perfekte, aber gleichwohl sehenswerte Mitschnitte dieser Abende, einschließlich des letzten Auftritts, zeigt die DVD. Seine scharfzüngigen Kommentare, seine Lust am Erzählen und an Assoziationen, seine Fantasie und sein Charisma bleiben unerreicht. Ein leckeres Scheibchen für jeden Kabarettfreund.

    1961, Berlins Teilung wurde mit einer Mauer auf Jahre besiegelt, Wolfgang Neuss arbeitete sich an diesem Thema lange ab, und Frank Lüdecke wurde in Berlin geboren. Seit seiner Schulzeit macht er Kabarett, etwas spröde im Auftritt, aber intelligent, mit oft versteckten, aber scharfen Spitzen; nicht zum Schenkel klopfen, aber zum Mit- und Weiterdenken. Mit der Forderung: Elite für alle! (conanima CA 26554 / Hörsturz ISBN 3-931265-54-4; 21 Tracks, 78:21 Min., live) sucht er den Ausweg aus der Krise des Landes. Die wenigen Kinder, die vielen Alten, die hohen Löhne, der Bildungsnotstand, die fehlende Leistungsbereitschaft – es läuft eben alles schief! In Wort und Gesang ergießt er seinen Spott über die allgemeine Larmoyanz. Die jüngsten politischen Ereignisse sind von ihm natürlich noch verarbeitet worden, aber das Programm wird schon eine Weile aktuell bleiben.

    Peter Vollmer hat sein eigenes Rezept dafür, wie es mit unserem Land wieder aufwärts gehen kann: Helden, bitte melden (WortArt 73030 / Lübbe ISBN 3-7857-3030-6; 19 Tracks, 74:15 Min., live). Er singt und schlüpft in verschiedene Rollen, und die dargestellten Typen sind Helden der besonderen Art: der verelendete Arzt, der letzte Fan des FC Köln, der erste Ich-AG-Bergmann, der den Schacht fürs private Heim buddelt oder die Hobbits, die das Abenteuer Bahn nur knapp überstehen. Mit solcher Art Helden wird es im Land vielleicht nicht besser, aber lustiger zugehen.

    Michael Ehnert hat ein Problem: Er hat seinen Standpunkt als Kabarettist verloren. Wie konnte das nur passieren? Um das zu erklären lässt er seine Lebensgeschichte wie einen Film an uns vorüberziehen: Mein Leben (conanima CA 26553 / Hörsturz ISBN 3-931265-53-6; 21 Tracks, 78:16 Min., Infos, live). Und Filme haben seine Vorstellungen geprägt. Er schafft es ganz außergewöhnlich, die Zuhörer in seine Geschichte hineinzuziehen: Wenn er als Rocky um 12-Uhr-Mittags seine Heldentaten vollbringen will und wie er als Schauspieler zu sich selbst findet. Witz, Humor, Ernsthaftigkeit, Nachdenklichkeit, Weisheit und Ironie vereint er zu einer höchst gelungenen Melange.

    Wie schädlich es für die geistige Entwicklung sein kann, zuviel Film und Fernsehen zu schauen, beweist auf andere Art Kalkofes Mattscheibe Vol. 2 (Turbine Medien 6401025; 2 DVDs). Oliver Kalkofe, der Onkel Hotte und Arschkrampe vom Frühstyxradio auf ffn, macht in seiner Mattscheibe die treffendste und böseste Fernsehkritik dieser Tage. Er zeigt Ausschnitte aus Unterhaltungssendungen und beamt sich dann parodierend ins Bild, um beißende Kommentare abzugeben. Seine Ergüsse des Jahres 2004 über die Küblböcks, Reibers, Arabellas, Naddels und Veronas des deutschen Fernsehens, seine hervorragenden Parodien und Kommentare: alles auf zwei DVDs jetzt im Handel.

    Apropos Frühstyxradio! Ehre, wem Ehre gebührt: Dem Frühstyxradio von Radio ffn, jener ebenso betörenden wie verstörenden Sonntagmorgensendung, mit ihrem primitiven Brachialwitz sowie ihrer subtilen Satire, die grauenvoll ordinär war und gleichzeitig hochintelligent und Tabu-los, wo die Begriffe „Kult“ und „Legende“ wirklich einmal zutreffen, dieser verrückten Einmaligkeit wurde eine üppige 8-CD-Box gewidmet. Bear Family, dem Label für die speziellen Zusammenstellungen und Veröffentlichungen, ist dieses Kraftpaket zu danken: 1500 Jahre Frühstyxradio – Am Anfang war das Ei (Bear Family BCD 16060 HD / ISBN 3-89916-089-4; 8 CDs, insgesamt 295 Tracks, 10:28:24 Std., Infos). Der kleine Tierfreund, Frieda und Anneliese, die Arschkrampen, Onkel Hotte, Willi Deutschmann und all die anderen schrägen Figuren feiern fröhliche Urständ, Geschmacklosigkeiten ohne Ende, dergleichen wird’s auf absehbare Zeit wohl nicht mehr geben. Acht Jahre war diese chaotische Truppe auf Sendung, eroberte sich eine große Fangemeinde und war dann den Senderoberen doch zu heikel. Fast 300 Beiträge, die zuvor noch nicht auf Tonträger zu hören waren, werden Freund und Feind noch mal bestätigen, was sie immer schon wussten: wunderbar, scheußlich, ergreifend und abstoßend.

    Ganz im Ernst (WortArt 71461 / Lübbe ISBN 3-7857-1461-0; 17 Tracks, 64:23 Min., live), über Humor macht man keine Witze – aber vielleicht ein ganzes Kabarettprogramm. Severin Groebner erzählt seine Version der Geschichte des Humors. Von Sokrates, Marc Anton, der Völkerwanderung über die Kreuzzüge, Columbus und die französische Revolution bis zur eigenen Lebenskrise spannt sich sein historischer Spannungsbogen. Dieser eigenwillige geschichtliche Diskurs, in freundlichem österreichischem Dialekt vorgetragen, mag jetzt fachlich nicht jeden Historiker zufrieden stellen; aber einen netten Abend hätte er allemal.

    Über Sachsen Witze machen und lachen, dass kann ja jeder (außerhalb des Freistaates), aber lachen Sie doch mal mit den Sachsen und ihren Witzen! Bei Teekessel und Othello (Hörwerk Leipzig ISBN 3-86189-912-4; 12 Tracks, 60:05 Min., live) gibt der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange einem dazu Gelegenheit. Er erzählt seine sächsischen Lieblingswitze und belehrt uns dabei humorvoll über die Eigenarten unserer nuschelnden Landsleute. Gänsefleisch ma rinnheeren!

    In Köln wird ja viel gelacht, manchmal sogar im Karneval. Aber ach, auch die rheinische Lebensart will verstanden sein. Das rheinische Harmoniebedürfnis und der kölsche Klüngel führen zu einer „Seele der Korruption“. Drei einschlägige Spezialisten, Wolfgang Jaegers, Jürgen Becker und Nick Berk, machen sich für uns ans Werk und analysieren Köln auf der Couch (WortArt 73029 / Lübbe ISBN 3-7857-3029-2; 33 Tracks, 77:02 Min., live), dem Zuhörer zur Erklärung und zur Freud. Da Köln eine alte römische Stadt ist, liegt der Ursprung der speziellen Mentalität im Altertum. Mehrere römische Kaiser kamen mal aus Köln, u. a. Nero, da wundert einen doch gar nichts mehr. Auch nicht, dass das Gehirn eines Kölners anders aussieht als das aller anderen Menschen vom Schlage Homo sapiens sapiens, wie unsere drei Seelenklempner eindrucksvoll erklären. Also keine Aufregung wegen Bestechung und Korruption, der Kölner ist halt, wie er ist, und dat iss ooch jut so!

    Im Bayern2Radio gibt es seit 1986 regelmäßig Brettl-Gastspiele (conanima 02455503 ISBN 3-931265-52-8; 17 Tracks, 70:27 Min., Infos) zu hören, die im ganzen Freistaat verteilt aufgezeichnet werden. Anlässlich des 50. Gastspiels in diesem Jahr gibt es eine Jubiläums-CD, auf der bayerische und andere Kabarettgrößen ihre Duftmarken abgeben: Ringsgwandl, Priol, Fischer (Ottfried), Schleich, Maria Peschek, Pigor & Eichhorn, Pispers, Queen Bee und andere. Leckere Appetithäppchen, gelegentlich scharf gewürzt.

    Im Saarländischen Rundfunk lief über Jahre, ja Jahrzehnte der Gesellschaftsabend (Conträr Musik 26 / ISBN 3-932219-55-4; 2 CDs, 19 Tracks, 73:12 Min. + 21Tracks, 74:46 Min., live, Infos)

    mit dem einzigartigen Hanns Dieter Hüsch als Gastgeber (Herzliche Glückwünsche nachträglich zum 80sten Geburtstag!). Es ist bereits Die 2te Veröffentlichung mit Aufnahmen dieser legendären Sendung. Da kann man den großen alten Meister mal wieder mit seinen Liedern, seinen niederrheinischen Geschichten, seinen philosophischen Einsprengseln und seinen menschlichen und allzu menschlichen Alltagsbeobachtungen genießen. Die Beiträge der illustren, prominenten Gästeschar runden den Genuss ab: z. B. von Wader, Wecker, Vita, Schobert & Black.

    Halb so alt wie Hüsch ist ein kleines, reges Label, das sich immer in die politischen Auseinandersetzungen im Land eingemischt hat und allen Widrigkeiten zum Trotz bis heute munter behauptet: Der Pläne Verlag ist 40 (auch hier herzlichen Glückwunsch und erfolgreiches Weitermachen!). Das Label hat sich dem Marsch der Minderheit (Pläne 88916/17; 2 CDs, 17 Tracks, 56:42 Min. + 14 Tracks, 61:35 Min., Infos) verschrieben, dem politischen Lied und dem Volks- und Arbeiterlied. Auf der ersten CD sind ältere Lieder, u. a. von Degenhardt, Süverkrüp, Kittner, Hüsch, Busch, Zupfgeigenhansel, Liederjan, Hein & Oss, Fasia und Frank Baier zu hören, die Beiträge der zweiten CD sind jüngeren Datums (Anne Haigis, Ina Deter, Jan Degenhardt, Mathilda und andere). Es sind nicht die ganz bekannten Titel dieser Künstler zu hören, es sind mehr die Entdeckungen, die hier den Reiz ausmachen. Der Wandel der Zeiten dokumentiert sich ebenfalls in den Liedern, und manches wirkt heute in der Rückschau interessant, aber gelegentlich auch schon befremdlich.

    Der Penner aus der Lindenstraße, der aussieht wie Karl Marx, der Träger eines großen Verlegernamens, der preisgekrönte Übersetzer, Der Paganini der Abschweifung (Mundraub 6017-2 / Edition Tiamat 3-89320-086-X; 2 CDs, 9 Tracks, 77:34 Min. + 8 Tracks, 60:59 Min., live) Harry Rowohlt also, gibt Dönekens zum Besten. Nett plaudert er Geschichten aus, die er so auf seinen Lesereisen oder sonst in seinem Alltag erlebte. Ein vergnüglicher Abend, voller schnurriger Erinnerungen und kleiner netter Boshaftigkeiten. Ob die Geschichten alle stimmen, ob Beteiligte abweichende Erinnerungen daran haben? Wer will das schon wissen bei schönen Geschichten. Es ist unwichtig, sie müssen gut und interessant erzählt sein – und das sind sie.

    Nun kann der Mann aber nicht nur übersetzen und erzählen, er ist auch ein begehrter Vorleser. Harry Rowohlt liest aus dem Tagebuch eines Trinkers (Zweitausendeins ISBN 3-86150-460-X; 16 Tracks, 74:26 Min., Infos) und andere Texte von Eugen Egner. Soweit ist diese CD noch einfach darzustellen, aber wie soll man diese versponnenen, verschrobenen und doch liebenswerten Geschichten beschreiben? Wie soll man die spinnerten Abenteuer zweier Herren schildern, die eine Reise in einem Karton unternehmen? Oder wie die Gelage mit und bei Schenkel erklären? Nein unmöglich, das müssen Sie schon selber hören; ein paar Gläschen Rotwein dazu können nicht schaden und schon tauchen Sie in einen anderen Kosmos ein, lernen Sie ein Paralleluniversum kennen.

    Das was uns Fanny Müller erzählt, ist ganz aus dieser Welt: Keks, Frau K. und Katastrophen (Haffmanns / Zweitausendeins ISBN 3-86150-550-9; 18 Tracks, 79:30 Min., Infos, live). Frau Müller hat einen sehr genauen Blick, der sieht auch all die kleinen Details, die das Leben so komisch machen können. Das ist z. T. so alltäglich, so wie Sie und ich es auch erleben, nur Frau Müller kann daraus Geschichten machen. Und was für welche – präzise, messerscharf und saukomisch. Ob Rex Gildo, Harleys, Dessous-Partys, selbst Krankheiten und ihrem Reha-Aufenthalt weiß sie noch ulkige Texte abzugewinnen. Lakonisch, illusionslos und schnoddrig ist ihr Blick auf ihre Umgebung, und mit staubtrockenem Humor werden wir Zeugen ihres Alltags.

    Da wir gerade bei „Fanny“ sind: Es gibt einen Sänger, der macht aus solchen banalen Alltagsgeschichte schräge Lieder: Funny van Dannen. Wenn er seine Nebelmaschine (Trikont US-0336 / Indigo; 23 Tracks, 75:28 Min., Booklet mit Zeichnungen) anwirft, verschwimmen Wirklichkeit, Spinnerei und Tiefsinn in einem einzigen Dunst. Wer kann schon Lieder über Häuser aus Styropor oder über blutige Halme schreiben, die man gerne hört? Wer kann über die Zeit und über das Leben singen, wahr, nachdenklich und komisch zugleich? Wann haben Sie das letzte Mal die Infrastruktur besungen? Dergleichen kann (fast) nur Herr van Dunnen. Er macht seine Lieder so schlicht, dass man ihre unglaubliche Raffinesse beinahe überhört. Das Ganze gibt’s zu so flotter Musik, dass die Füße wippen. Ein unverschämt gutes Scheibchen!

    Es gibt ja so ein paar Sachen, die gibt es nur in Bayern! Da kann man als Berliner neidgelb anlaufen, es nützt einem nix: Wirtshauskomiker und Volkssänger sind solche bajuwarischen Besonderheiten. Da gibt es selbstredend viel Fürchterliches darunter, aber auf diesem Humus an Tradition treiben immer wieder ganz erstaunliche und schillernde Blüten. Wem bei Bayern nur die CSU einfällt, der verkennt das Widerborstige, das in Verbindung mit diesem lebendigen, kraftvollen Dialekt sich für musikalischen und kabarettistischen Ausdruck geradezu anbietet. Nehmen wir mal z. B. Josef Bauer, genannt der Krauden-Sepp, ein einfacher Bauer aus der Tölzer Gegend, der Deftiges, Wildererlieder, Gestanzln und Volkstümliches in Wirtshäusern zur Zither aufspielte. Er verkörperte noch das Ursprüngliche dieser Volkslieder, als die so genannte volkstümliche Musik noch nicht die Ohren derart verjodelt und verblödet hatte. Seine Lieder und Witze sind für Nichtbayern mitunter schwer zu verstehen, aber das ganze Album lohnt zu hören (und zu sehen): Sonntag (Trikont US-334 / Indigo; 21 Tracks, 62:05 Min. + 17 Tracks, 39:13 Min. + 3 Videoaufnahmen).

    Oder nehmen wir als anders Beispiel Ringsgwandl. Von seinem wunderbaren Programm Trulla! Trulla! (Blankomusik / SonyBMG 82876690339) wurden Anfang der Neunziger in Frankfurt, Tübingen und Maxlrain Filmaufnahmen gemacht, die es jetzt zu schauen gibt. Wer es seinerzeit versäumte, den Herrn Oberarzt live zu erleben, dem sei die DVD empfohlen (wer es gesehen hat, der braucht diese Empfehlung nicht, der weiß eh Bescheid). Da waren lauter Wuide unterwegs ….

    In seinen Konzerten kommt er gelegentlich bei den Ansagen des nächsten Titels ins Plaudern und ins Verplaudern. Solche Schnipsel zwischen den Songs sind auf einer CD zusammengefasst worden: Alte Reisser – Verreckte Geschichten (SonyBMG 82876699232; 25 Tracks, 64:19 Min.). Zwischenansagen mit und ohne Song, zur Zweitverwertung zusammengefasst, komisch allemal, als eigenes CD-Projekt? Ungewöhnlich! Aber es sollte nicht zur Gewohnheit werden!

    2005-09-15 | Nr. 48 |