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    Die Frau im Dunkeln

    Wenn Geschichte und Geschichten vom Kabarett erzählt werden, ist meistens von Männern die Rede und seltener von Frauen. Dabei gibt es durchaus einige Frauen, die als Texterinnen oder Komponistinnen zu nennen wären – aber eben nicht genannt werden. Evelin Förster hat sich in Archiven, Bibliotheken und auf Flohmärkten umgetan, um Die Frau im Dunkeln (duo-phon 07163; 2 CDs, 17 Tracks, 65:54 Min.+ 19 Tracks, 53:43 Min., Infos) „des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935“ ans Licht zu bringen. Titelgebend für diese Chanson-Text-Collage-CD war eine gleichnamige Operette von 1920, für deren Text Eddy Beuth mit verantwortlich zeichnete. Wer war Eddy Beuth? Mit dieser (wie sich herausstellte) Frau begann die Suche von Evelin Förster, und sie wurde schon beim Start des ersten Kabaretts 1901 durch Ernst von Wolzogen fündig. Elsa Laura Seemann, die spätere Ehefrau von Wolzogens, wird als Texterin und Komponistin vorgestellt, oder auch Marita Gründgens, Gustafs Schwester. Mascha Kaléko, Erika Mann oder Claire Waldoff sind natürlich bekannter, aber auch eine Reihe heute gänzlich unbekannter Künstlerinnen werden vorgestellt. Eine verdienstvolle Entdeckungsreise, die Lust auf mehr macht.

    Berlin ist ja nicht gerade als Karnevalshochburg bekannt, dafür macht es sich zunehmend einen Namen damit, die Karnevalszeit kabarettistisch zu verabschieden: 5. Politischer Aschermittwoch (con anima CA 26578; ISBN 978-3-931265-78-6; 2 CDs, 10 Tracks, 73:34 Min.+ 11 Tracks, 63:09 Min.) mit Arnulf Rating, Matthias Deutschmann, Wiglaf Droste, Kirsten Fuchs und dem Altmeister Dieter Hildebrandt. Für den musikalischen Genuss sorgten Anna Maria Scholz mit ihrer Gruppe, alias Annamateur & Außensaiter. Der alte Tornado Rating agiert eher tagespolitisch direkt und grober, Deutschmann gerne mit ruhigem, fragendem und irritierendem Duktus, Droste als spitzfindiger und scharfsinniger Zeit(geist)kritiker, Kirsten Fuchs brilliert mit einem satirischen Text über einen Naziumzug in Dresden und Dieter Hildebrandt beteuert wortgewaltig: „Nie wieder achtzig“. Ein Gipfeltreffen unterschiedlicher Vertreter des politischen Kabaretts, das man nicht alle Tage in dieser Qualität geboten bekommt.

    Wenn man die Zeit nur noch durch Computer und das Internet betrachtet, stellt man wie Ingo Börchers überrascht fest: Die Welt ist eine Google (con anima CA 26577; ISBN 978-3-931265-77-9; 23 Tracks, 78:20 Min.). Ein wort- und geistreiches Panoramabild vom Vermischen der analogen und digitalen Welt, der virtuellen und realen Welt entwirft dieser westfälische Wortspieler. Witzig und durchaus mit Tiefsinn zeigt er, wie sich die Sicht auf die Welt und die Geschichten und Mythen im Computerzeitalter ändern, wie sich Begriffe wandeln und damit unsere Zeit anders begriffen wird. Ein höchst gelungenes Programm, Börchers 5.0, downgeloadet in Düsseldorf, über die Welt, die Welt wie sie scheint und über Scheinwelten.

    Westfalen und Düsseldorf sind für den Tiroler Wahlkölner Konrad Beikircher natürlich Unworte und Unorte. Er findet stattdessen zurück zu den einfachen Wahrheiten: Am schönsten isset, wenn et schön is! (Tacheles! / Roof Music RD 2933375; ISBN 978-3-938781-93-7; 2 CDs, 12 Tracks, 65:56 Min.+ 10 Tracks, 71:33 Min.). Sein Archiv ist nicht eingestürzt, und so ist seine rheinische Trilogie inzwischen bei Teil Zehn angekommen. Und immer wieder klüngelt er bei seinem Publikum für die Weisheiten und Erkenntnissen der rheinisch-kölschen Lebensart. Diesmal greift er weit zurück, die Römer und die Varus-Schlacht vor 2.000 Jahren bedürfen dringend der Aufklärung. Ausgerechnet die Niedersachsen wollen an der westfälischen Grenze die Römer besiegt haben. Ist ja lächerlich! Und das Publikum (in Wuppertal-Elberfeld) lacht auch herzlich, zumal selbst Barmen mit Spott nicht verschont wird. Dass Rheinisch und Lateinisch linguistisch nahe verwandt sind, werden sie nach seinen Ausführungen ebenso gerne glauben wie die Beweisführung, dass die Kölner eigentlich freundliche und liebenswerte Zeitgenossen sind. Man muss es nur richtig verstehen, quod erat demonstrandum.

    Für Kai Magnus Sting ist das Leben ja alles nur Theater, und dem Theaterschlachten (Tacheles! / Roof Music RD 2933371; ISBN 978-3-938781-97-5; 19 Tracks, 82:56 Min.) gibt sich der Duisburger denn auch mit Verve hin. Sein Verständnis für moderne Kunst ist nur schwach entwickelt und dementsprechend schimpft und mosert und kalauert er sich durch die Szene. Stings Bekenntnissen „Mir fällt dazu nichts Intelligentes ein“ und „Ich bin zu blöd für’s Museum“ ist man wirklich geneigt zu glauben, denn seine Persiflagen kommen teilweise doch etwas arg flach und vordergründig daher. Zum gerechten Ausgleich regt er sich auch über das Fernsehen auf, all die Zoos, Köche, Nannys und Superstars will er gar nicht sehen. Mit Tempo schwadroniert er sich hypochondernd durchs Programm. Und so bleibt die Frage „Was will uns der Künstler damit sagen?“ wohl unbeantwortet. Tröstlich dagegen ist, dass jede seiner Vorstellungen beim Griechen endet. Zum Lesen gibt es im Booklet noch eine Geschichte aus dem Reisezentrum der Deutschen Bahn.

    Michael Ehnert landet dagegen ganz woanders: Von Lummerland nach China

    (WortArt 4990; ISBN 978-3-86604-990-1; 17 Tracks, 77:44 Min.). Und wieder kann man beim Kabarett etwas lernen. Im Buch von Jim Knopf wurde in späteren Auflagen der Name des fernen Reiches politisch korrekt oder opportun in Mandala umbenannt. Doch nicht nur aus Jim Knopf liest Ehnert zur Einleitung ins Thema längere Zeit vor: Auch von Douglas Adams gibt’s Komisches zu hören – über den völlig unerotischen Versuch, Kondome in China zu erwerben. Dann folgt im Hauptteil ein erheiternder Reisebericht des Kleinkünstlers über Auftritte in dem Riesenland, die er zusammen mit seinem Kollegen Christian Baader absolviert hat. Sach- und Lachgeschichten für Erwachsene über das Land der aufgehenden Sonne, und natürlich über Herrn Ehnert.

    In Die Abgründe des Nils (Kennen; ISBN 978-3-938705-52-0; 2 CDs; 11 Tracks, 58:44 Min.+ 11 Tracks, 53:11 Min.) führt uns derweil Nils Heinrich ein. Er startete seinen Aufstieg in Sangerhausen und bereist nun – durch Lesebühnen und Poetry Slam geschult – mit Texten und Liedern die Republik. Diesen Mix verzapft er auch auf der CD. Für politisches Kabarett ändern sich ihm die Zeiten zu schnell, seine Gags über einen gewissen Herrn Beck kann man zusammen mit Herrn Beck schnell und getrost vergessen. Aber Handyfotografien von Innenstadtarkaden, Gespräche über früher und Probleme mit T9 werden unser Leben noch ein Weilchen begleiten. Auch der gesungene Rat, sich als Terrorismusexperte auszugeben, übersteht noch ein paar Regierungswechsel. Der Rap auf Oma Inge oder der Song über zukünftige Greise, die früher mal harte Hip-Hopper waren, erschüttern Mark und Bein und Gemüt. Tja, so wird’s wohl kommen.

    Wenn man Heinz Erhardt Blödelnd durch den Ernst der Zeit (Bear Family Records BCD 16058 AH; ISBN 978-3-89916-427-5, 14 Tracks, 32:33 Min., Texte) folgt, kommt man sogar zurück in die 40er-Jahre. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags (und dreißigsten Todestages) werden allerorten die Archive bemüht – hier sind seine frühesten Aufnahmen überhaupt zu hören. Erhardts erste Elaborate waren kleine, etwas alberne, aber ganz charmante Liedchen. Die älteste Aufnahme „Mein Mädchen“ aus dem Jahre 1939 wurde sogar zu Versuchszwecken im gerade startenden Fernsehen gesendet. Rank und schlank am Klavier trat er noch im „Kabarett der Komiker“ bei Willi Schaeffers auf, war dann in der Truppenbetreuung unterwegs und landete nach dem Krieg beim NWDR in Hamburg. Seine verschmitzten Wortdrechseleien, seine Reimfreude und seine etwas ungelenke Art zeichneten ihn damals schon aus. Diese Attribute machten ihn bis zu seinem tragischen Schlaganfall 1971 zum Publikumsliebling und bis heute zu einem Vorbild für Kleinkünstler. Schalkhaft-schüchterne Liebeslieder standen am Anfang seiner Karriere, jetzt kann man sie hören.

    Auch in den 50ern sang er weiter seine Chansons, am Klavier, mit Tanzorchestern und in Filmen. Es kamen neue hinzu, er wurde populär und verkörperte wie kaum ein Anderer die Kleinbürger der Nachkriegszeit. Schelmisch, verschmitzt und niemals böse ist sein Humor, die Damen, die Liebe, das Skatspielen und Anpumpen werden in freundlich-harmlosen Liedern besungen. Doch obwohl man um die Spießigkeit dieser Lieder und der Zeit weiß, kann man sich gleichwohl dem erhardtschen Humor schwerlich entziehen. Vom Schelm, der sich als Trottel gab (Bear Family Records BCD 16074AH; ISBN 978-3-89916-429-9; 20 Tracks, 59:01 Min., Infos) dokumentiert die Lieder, die den Mann mit der Hornbrille auf bunten Abenden, Theatertourneen und in Hörfunksendungen zum Publikumsliebling machten.

    Wer mehr wissen will über Heinz Erhardt (Lappan Verlag; ISBN 978-3-8303-3206-0; 334 S., 19,95 €), dem sei Die Biographie empfohlen, die Rainer Berg und Nobert Klugmann geschrieben haben. Die beiden beschreiben sowohl den Menschen und den Lebenslauf des etwas scheuen, aber freundlichen und arbeitswütigen Künstlers als auch, unter Einzelaspekten, sein Verhältnis zu den verschiedenen Medien und Ausdrucksformen, zu Kollegen, zum Publikum, zur Werbung, zu Essen und auch Trinken oder zum Geld. Dass ein Schlaganfall ausgerechnet sein Sprachzentrum lähmte, war für den großen Wortverdreher besonders furchtbar. Und obwohl die Familie, Kollegen oder das Publikum stets hofften, dass er noch einmal genesen würde und wieder auftreten könnte, starb er siebzigjährig, ohne je wieder ein Wort gesagt zu haben. Ein interessantes Buch, weil es einem nicht nur ein differenziertes Bild eines (getriebenen) Künstlers, sondern auch einiges über die Nachkriegszeit und das damalige Kulturleben (in Westdeutschland) vermittelt.

    Allzu große Freundlichkeit und Harmoniesucht kann man Jochen Malmsheimer nun wahrlich nicht vorwerfen. Mit einem etwas altertümlichen Duktus erklärt, schimpft und nörgelt er sich höchst originell, wortgewandt und pointiert durch ein kryptisch betiteltes Programm: „Flieg Fisch, lies und gesunde! Oder: Glück, wo ist Dein Stachel“ (Tacheles! / Roof Music; ISBN 978-3-938781-98-2). Er hat einen wunderbar trockenen und grotesken Witz, mit dem er Wundersames zu berichten weiß. Wie das so ist mit Kindern und Meerschweinchen, vom Abenteuer, mit dem Nachwuchs einen Zoobesuch zu wagen, die Mythen um Wurstbrot und Radios, das verfluchte Beige, der vermaledeite Spiegel oder was Bücher nachts in ihrem Regal so anstellen. Mit solchen hanebüchenen Geschichten erfreut er den geneigten Zuhörer und die Jury des Deutschen Kleinkunstpreises (2009). Mit einem wohl gelungenen Gedicht klärt sich am Ende auch der Titel und jeder Zweifel daran auf, dass man einem der Besten seiner Zunft angeregt ergriffen gelauscht hat.

    Beiträge des geistreichen und streitbaren Kritikers Alfred Kerr präsentiert das Hörbuch: Weltempfindung mit Musike (duo-phon records 07133; 33 Tracks, 79:37 Min., Infos). Kerr wurde 1867 in Breslau geboren und kam 1897 zum Studium nach Berlin. Dort begann er bald mit dem Schreiben von Kritiken über Theater und Literatur, später auch von politischen Artikeln, Lyrik, Reiseberichten und Radiobeiträgen. Sein engagierter und bisweilen auch salopper Stil war berühmt, und als politisch aktiver Mensch schrieb er engagiert gegen die Nazis. Die verbrannten seine Bücher denn auch 1933, und als Jude musste Alfred Kerr aus Deutschland fliehen. Auch im Ausland konnte er seine Arbeit fortsetzen. 1948 nahm er sich nach einem schweren Schlaganfall in Hamburg das Leben. Auf dieser CD sind sowohl Originalaufnahmen des Kritikers als auch Rezitationen des unvergessenen Schauspielers Martin Held zu hören. Über ihren Vater spricht zudem Judith Kerr-Kneale. Eine überaus gelungene Produktion von Helga Bemmann, die einen klugen Geist wieder der Öffentlichkeit näherbringt.

     

    Kämpfe

    Die Krise spitzt sich zu, die Zeiten werden härter und die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot gibt die Parole aus oder berichtet nur oder spielt nur auf: Kämpfe (David Volksmund Produktion 06272 / Buschfunk; 15 Tracks, 59:23 Min.). Dieses ganz außergewöhnliche Blasorchester hat mit Rio Reiser und Hanns Eisler zwei herausragende Musiker ausgewählt, deren Biografien und Kompositionen unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein anarchistischer Rockmusiker und ein hochintellektueller Schönberg-Schüler und Brecht-Partner, beide vereint oder getrennt durch ihre politische Vision und ein paar Jahrzehnte Alterunterschied, die Kurkapelle macht’s möglich. Natürlich haben sie die Kompositionen für ihre Instrumente umarrangieren müssen, und dabei weben sie eine solch liebevoll-dezente Distanz und Ironie in ihren Vortrag ein, dass man sowohl ergriffen wie in (selbst)kritischem Abstand gehalten wird. Das Solidaritätslied und der Julimond, Wiegenlieder und Menschenfresser, Rock und Agitprop als Blasmusik auf einer CD für Blechmusiker, ein unerhörtes Hörvergnügen.

    Die Mitglieder der norddeutschen Oma Körner Band machen zum Teil schon seit Jahrzehnten engagierte Lieder, mit denen sie sich politisch einmischen. Auf Konzerten und Demonstrationen, auf Festen und bei politischen Veranstaltungen kann man das Sextett mit Banjo, Gitarre, Mandoline, Schlagzeug – ausgestattet mit einem traditionellen linken Politikverständnis – erleben. Die reine Weissheit (www.omakoernerband.de; 15 Tracks, 46:19 Min., Texte), noch vor dem Ausbruch der großen Krise entstanden, prangert die kapitalistische Gesellschaftsordnung dahingehend an, Ursache für Not und Elend auf dieser Welt zu sein, und fordert zu Widerstand und Engagement auf. Charakteristisch für die Band ist ihr Bestreben, die Themen sowohl aufklärend als auch humorvoll und satirisch gebrochen zu präsentieren und dabei gleichzeitig musikalisch abwechslungsreich und flott zu arrangieren. Ihr Ziel, große Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu besingen, ein bekanntermaßen schwieriges Unterfangen, erreichen sie recht gut.

    Zu viel Verwirrung hier (www.salli-sallmann.de / Schimmelpfennig & Friends 05013; 14 Tracks, 66:00 Min., Texte) findet der Journalist, Dichter, Maler und Musiker Salli Sallman. Mit seiner Band und überwiegend eigenen Texten und Kompositionen liefert der Mitfünfziger und Wahlberliner ein starkes Album ab. Erdiger, deutscher Rock über kaputte Typen am Rande der Großstadt, aber auch Songs über Träume und Liebe, eben genau das, was das Genre so attraktiv macht. Er erzählt Geschichten und Balladen ohne Schmus, er ist nahe dran an der sozialen Wirklichkeit, am gelebten Leben. Einige gecoverte Lieder (Dylan, Lou Reed) und Texte des viel zu früh verstorbenen Gerulf Pannach (ehemals Renft Combo) runden die Produktion ab.

    Dota Kehr, die Kleingeldprinzessin aus Berlin, hat in ihr neues Projekt Schall und Schatten (Kleingeld Prinzessin Records; 10 Tracks, 33:53 Min., Texte) Elemente brasilianischer Musik einfließen lassen. Ihre lyrischen Chansons, die träumen, reflektieren und fragen, finden darin einen angemessenen musikalischen Ausdruck. Die CD wurde in Zusammenarbeit mit Musikern aus São Paulo aufgenommen, unter anderem mit Chico César, von dem sie zwei Lieder singt, eines davon zweisprachig mit ihm im Duett. Mit ihren atmosphärisch dichten Liedern hat sich die Künstlerin zunehmend etabliert und tourt inzwischen mit verdientem Erfolg durch Klubs im ganzen Land.

    Nachtlüx, eine Berliner Formation um die Sängerin Lea W. Frey und den Komponisten und Produzenten Venzian, wollen Nach Norden (Traumton Records 4524; 12 Tracks, 55:16 Min., Texte). Eine unbestimmte Sehnsucht durchzieht das ganze Album. Die verträumten Texte von Lea W. Frey werden von einem Klangteppich durchwoben, auf dem man selber sinnend in die Ferne entschwebt. Eine außergewöhnliche CD für die meditativen Momente im Leben.

    Claudia Koreck aus Traunstein am Chiemsee zieht auf ihrem zweiten Album gleich Barfuaß um die Welt (Ariola / Sony Music 88697394312; 12 Tracks, 52:25 Min., Texte). Bei ihr erweist sich wieder einmal, dass Lieder im Dialekt, und das gilt ganz besonders fürs (Ober)Bayerische, ihren eigenen Blues haben. Die Liebesballaden von ihr klingen und schwingen einfach, auch wenn man nicht jedes Wort auf Anhieb versteht. Sie singt ruhige Lieder, minimalistisch begleitet, aber voller Wärme und mit überzeugenden Texten. Bis zur Filmmusik hat sie es schon gebracht, im „Brandner Kaspar“ besingt sie gar „’s ewige Lem“.

    Entschieden politischer und grantelnder geht dagegen der Niederbayer Christoph Weiherer zur Sache. Gegen geistige Enge und Angepasstheit, Dummheit und Falschheit singt er an, all die Umstände und Eigenschaften, die den Menschen „oiwei“ das Leben schwer machen. Er könnte einfach nur Scheiße schrein! (Conträr 59 / Indigo; 12 Tracks, 49:50 Min.). Seine kritischen Lieder bringt er geradezu in klassischer Songwriter-Manier zur Gitarre und gelegentlich mit Mundharmonika zu Gehör.

    Der gelernte Pfarrer Wolfgang Buck aus Franken lässt das Leben musikalisch an uns vorüber ziehen, doch: asu werd des nix (c.a.b. records cab-S16; 13 Tracks, 50:08 Min., Texte + DVD). Da macht sich einer einen Kopf um die Welt und kann das auch in nachdenkliche und stimmungsvolle Lieder umsetzen, das ist doch was. Er singt über Gott und die Welt und die Frangnbagoosch ( = Frankenbagage) in seiner Heimat. Ruhige Chansons zur Gitarre, keine Effekthascherei; hochdeutsche Ohren müssen sich aber einhören. Auf der CD gibt es sein neues Programm und auf der DVD kann man ihn live sehen in einem Mitschnitt von 2008.

    Im Röseligarte (Zytglogge ZYT 4921; 10 Tracks, 57:44 Min.) lautet der Name eines Liederbuches mit Schweizer Volksliedern, das Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen ist und 2008 neu aufgelegt wurde. Dies hat zufällig Kristina Fuchs mitbekommen, eine Schweizer Jazzsängerin, die in Amsterdam lebt. Kurz entschlossen ist daraus mit belgischen und niederländischen Musikern eine ganz eigentümliche Aufnahme entstanden. Mit ihrer schönen Stimme und einer originellen, sparsamen Instrumentierung bekommen diese Volkslieder einen sehr speziellen Kunstliedcharakter. Wie eigentlich immer bei deutsch(sprachig)en Volksliedern sind diese Lieder recht romantisch geprägt, doch dank eines vielfältigen Mixes aus Jodeln und Jazz, Glocken und Piano, Obertönen und Improvisationen erfahren sie eine interessante Modernisierung.

    In diesem Jahr feiert eine der bedeutendsten deutschsprachigen Bands ihren 40. Geburtstag. Einem Großteil der Einwohner dieses Landes sind sie völlig unbekannt, und bei einem anderen Teil sind sie Riesenkult. Das liegt schlicht daran, dass das Abenteuer Puhdys (Buschfunk BF 40402; 13 Tracks, 54:53 Min., Texte) in der DDR stattgefunden hat, manch einer kennt ja selbst die schon gar nicht mehr. In der DDR war englischsprachige Popmusik bei den Oberen nicht wohl gelitten und so waren die Künstler gezwungen und auch in der Lage, fetzige Songs auf Deutsch zu produzieren. (Westlich der Elbe dauerte es noch ein wenig, ehe überzeugender, deutschsprachiger Pop geboten wurde.). Die Puhdys waren dabei die populärste und auch fleißigste Band, die zahllose Hits produzierte (Vorn ist das Licht, Alt wie ein Baum, Das Buch etc.). Berühmt auch ihre Filmmusik zu „Paul und Paula“, die maßgeblich zum Erfolg dieses Streifens beigetragen hat. Es ist ihnen immer gelungen, etwas vom Lebensgefühl junger Leute, ihren Konflikten und Problemen in ihren Liedern einzufangen. Kurz vor der Wende 1989 hatten die Puhdys ihren Abschied verkündet, doch schon zwei Jahre später waren sie wieder beieinander und mit neuen und alten Liedern unterwegs. Das Jubiläumsalbum – wie immer mit schwerem, erdigem, auch etwas rumpelndem Rock – bringt wieder Stimmung in die Bude. Die Jubiläums-CD ist eine Hommage an die Musik und ihr Publikum im typischen Puhdyssound mit der verkratzten Stimme des Frontmannes Dieter „Maschine“ Birr.

    Mehr zum Abenteuer Puhdys (Verlag Neues Leben; ISBN 978-3-355-01755-8; 320 S., 19,90 €) findet man in einem Buch, dass die wechselvolle Geschichte der Band nachzeichnet. Wie sich der Name herleitet (nämlich von den Vornamen), ihr Start in Freiberg, die ersten Hits, die Platten, die Tourneen, die Bandmitglieder, natürlich „Paul und Paula“, die Texter (z. B. Kurt Demmler) das Ende von DDR und Puhdys, der Neustart der Band ohne DDR, die Eisbären und der Nachwuchs. Bilder, Bilder, Bilder, eine Chronik und eine Diskographie runden das goldene Geburtstagsbuch ab.

     

                        

    2009-06-15 | Nr. 63 |