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    Die Quadratur des Kreises

    Ein Interview mit Robert Kreis

    Im Apollo Varieté Düsseldorf traf unser Mitarbeiter Hartmut Höltgen-Calvero Robert Kreis

    Trottoir: Herr Kreis, was macht die Faszination der Lieder der 20er- und 30er-Jahre aus und warum beschäftigen Sie sich gerade mit dieser Musikrichtung?

    Robert Kreis: Ich war einer der ersten in Deutschland, der sich mit dieser Sparte beschäftigte. Mittlerweile habe ich auch herrliche Kollegen, wie Max Raabe, die das auf ihre Art und Weise hervorragend machen. Ich kam 1979 nach Deutschland, später auch in die Schweiz und nach Österreich, und habe mir Programme ausgedacht und präsentiert, die aus der Weimarer Zeit stammten, ab 1918 bis 1931. Das war die Zeit, wo vor allen Dingen die Juden enorme Beiträge geliefert haben zu diesem herrlichen Kulturgut. Das waren Tanzschlager, das war Jazz, das war auch Kleinkunst, die großen Revuen, die damals hauptsächlich in Berlin liefen. Was die Faszination für mich ausmacht, ist die Art der Texte, die so einmalig geschrieben worden sind, mit einer Art von Humor und Scharfsinnigkeit, einem Esprit und einer Heiterkeit und vor allen Dingen mit einer enormen Frivolität. Heutzutage haben wir Sex, ruf’ mich an, oder eine Domina kommt im Fernsehen mit einer Peitsche, das ist alles viel zu direkt. Früher war die Erotik in diesen Schlagern indirekt vertreten. Die Texte sind so gut geschrieben, dass auch heute noch an den gleichen Stellen gelacht wird, wenn diese vorgetragen werden. Ein weiteres Vergnügen ist es für mich, diese Ära auf die Bühne zu bringen. Ich mache das jetzt seit 30 Jahren und im Januar 2005 bin ich 25 Jahre in den deutschsprachigen Ländern unterwegs und werde mein Programm „Jubilée“ präsentieren. Die 20er-Jahre waren so modern, was die Themen angeht. Es sind dieselben Probleme, die wir heute haben, wie Geldentwertung, Emanzipation, wirtschaftliche Krise u. v. m., sodass man heute als Publikum denkt: „Das kann doch gar nicht von damals sein, das ist von heute.“

    Trottoir: Solche Lieder muss man sicherlich lieben. Gab es in Ihrer Familie einen Grundstein, der dafür gelegt worden ist?

    Robert Kreis: Ich komme aus den Tropen, als Indonesien noch „Niederländisch Ostindien“ hieß und bin Baujahr 1949. Dort habe ich noch die letzten Zuckungen des Kolonialismus erlebt. Geboren bin ich auf Java, Bandu, Mitteljava. Meine Großmutter mütterlicherseits war eine gefeierte Bandleaderin in einer Damenkapelle. Mit 18 Frauen schipperte sie auf großen Liniendampfern zwischen Indonesien, China und Japan auf der Royal Inter Ocean und auf der Königlich Niederländischen Paketfahrtlinie. Das waren Titanic-artige Schiffe mit zwei- bis dreitausend Passagieren. Dort hatte sie eine riesige swingende, jazzende Band, zwischen 1922 und 1928.

    Trottoir: Für welche Situation wurden denn damals die durchaus scharfen, bissigen und pointierten Texte geschrieben?

    Robert Kreis: Sie wurden geschrieben in der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Die Leute wollten vergessen, sie wollten abschalten und das ist genauso wie heute. Es geht immer mehr bergab, und wie. Die Parteien gewinnen nicht mehr, die Wahlen sind unsicher geworden, die Menschen wissen eigentlich gar nicht mehr, was sie tun sollen. Wirtschaftlich sind wir auf so einem niedrigen Niveau gelandet und es ist meiner Meinung nach auch nicht zu reparieren. Wir brauchen Jahrzehnte, um diesen Schaden wieder einigermaßen beheben zu können. Die Texte damals haben nicht direkt gewagt, eine Aussage zu treffen. Heute wagt man mehr zu behaupten. Das ist das eigentliche Geheimnis dieser Texte: jeder weiß, worum es sich handelt, ob in Erotik oder Politik. Das Schöne ist, dass die Leute heute genauso wissen worum es sich handelt wie früher. Sie sind einmalig geschrieben und man kann das auch nicht nachschreiben. Sie sind konkurrenzlos, auch noch in der heutigen Zeit. Wir haben heutzutage nicht mehr diese Suggestivität und Heiterkeit, solche Texte zu entwerfen. Die Leute waren auf einem viel höheren Niveau. Wie man ja sieht, ist vieles in Europa schwach geworden. Die Bildung ist weit zu suchen. Die allgemeine gesellschaftliche Bildung nimmt durch Sparmaßnahmen derart ab: Man ist heute einfach nicht mehr in der Lage, solche Texte zu formulieren. Das ist ein Grund, warum ich mich auf diese Texte gestürzt habe und ein anderer ist, dass es sehr viel Spaß bereitet, als Hör- und Sehmal-Konservator die Sachen vom Meeresboden zu heben und ans Licht zu bringen und nicht vor sich hinschimmeln zu lassen in den Archiven. Viele meinen, das wäre nicht mehr aktuell, und dabei liegt alles da, was man heutzutage wieder auf die Bühne ins Rampenlicht bringen kann.

    Trottoir: Was haben Sie denn auf Ihren Tourneen an Aberwitzigem und Kuriosem erlebt? Worin unterscheidet sich für Sie das Varieté von anderen Spielstätten?

    Robert Kreis: Ich habe verschiedene Programme. Von mir wurde ein spezielles Konzept entworfen für Varietés, denn eigentlich bin ich Solokünstler, Kabarettist und Entertainer mit einem zweistündigen Programm. Mittlerweile sind es vier Programme, die ich wechsle, eins davon die Jazz Sextanten, welches mir wahnsinnig viel Spaß macht. Es ist eine große Freude, mit weiblichen Musikern zu arbeiten, weil Frauen in der Musik eine enorme Zähheit, viel Durchhaltevermögen und Musikalität besitzen. Sie scheuen sich nicht, eine Nummer dreißig bis vierzig Mal zu üben, was ich von männlichen Musikern nicht immer behaupten kann.

    Trottoir: Wie kommen Sie eigentlich an die Lieder und Texte? Wie groß ist Ihr Fundus alter Liebhaberstücke?

    Robert Kreis: Ja, ich bin immer noch auf der Suche. Wenn ich z. B. in so interessanten Städten bin wie Leipzig oder Dresden, Weimar, Berlin, Hamburg, Köln, Aachen und Düsseldorf: Da findet man noch einiges. Hauptsächlich spielt sich das Ganze auf Flohmärkten ab, oder in Antiquariaten. Mittlerweile existierte auch ein Kreis von Freunden, die mir helfen. Ich habe inzwischen ein so schönes Archiv aufgebaut, damit könnte ich noch hunderte von Programmen bestreiten. Den Fundus habe ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr aufgebaut. Damals hat man natürlich noch sehr viel mehr gefunden: Schellackplatten, Kleinkunst, Tanzmusik, Jazz, Revue. Es gibt immer wieder Dinge, von denen man sagt, das können wir auch mal wieder bringen, so unerschöpflich und reichhaltig ist das Ganze. Man bekommt nie genug von dieser Kreativität, diesem Humor. Die Frankfurter Allgemeine hat als Titel einmal geschrieben: „Andere nehmen Drogen, Robert Kreis nimmt Schellack“. Schellackplatten sind etwas ganz besonderes, weil darauf so viel Heiteres und Beschwingtes archiviert und vor dem Vergessen bewahrt wurde.

    Trottoir: Unvergesslich sind die Menschen jener Zeit, auch wenn sie teilweise grausame Schicksale erleiden mussten. Haben Sie auch etwas über deren Persönlichkeit durch die alten Dokumente erfahren können?

    Robert Kreis: Ja, sicher. Ich bin jetzt mit einem Programm unterwegs gewesen, „Verehrt, verfolgt und vergessen“. Das ist ein sehr feines und erlesenes Buch von Ulrich Liebe, wo er fünfzig Filmschauspieler, Kabarettgrößen und Theaterschauspieler beschreibt, die auf grausame Art und Weise ums Leben gekommen sind durch die Nazis. Das Programm ist mehr ein „Hör- und Sehmal“ als ein Denkmal, denn ich bin der Meinung, dass man lebendige Nachlässe, die in Archiven ruhen, spielen sollte. Für die Deutschen ist dies mitunter eine prekäre Situation und ein heikles Thema, diese Sachen ins Rampenlicht zu bringen. Als Holländer habe ich da natürlich einen kleinen Vorteil. Das wird mir dann sofort verziehen. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass die Deutschen ganz normal und entspannt an die Sache herangehen können, vor allen Dingen die Menschen, die nach dem Krieg geboren worden sind und mit den eigentlichen Ereignissen nichts zu tun haben. Das Programm ist aber auch ein sehr lustiges mit pfiffigen Texten, Doppelconférencen, lustigen Anekdoten, mit Flüsterwitzen über die Nazis, die die Juden sich untereinander erzählt haben. Es ist eine bunte Mischung dessen, was jüdische Künstler in der Kleinkunst und Unterhaltung eigentlich gebracht haben. Drei große Abende habe ich gerade in jüdischen Museen gespielt. Sie waren ausverkauft und die Leute haben furchtbar gelacht. Sogar ein deutscher Kritiker schrieb, dass er sich kaputtgelacht habe über die deutschen Witze jener Zeit und das wohl zu den besonderen Ereignissen dieses Programms gehört. Ich habe kein besinnliches Programm dort geboten, sondern vergessene Perlen der Kleinkunst präsentiert.

    Trottoir: Eines Ihrer Programme heißt „Let’s have fun“. Wie kam es dabei zu der interessanten Kombination zwischen Ihnen und einer Damenkapelle?

    Robert Kreis: Zu den Frauen kam ich, als ich einmal Saxofonunterricht bei meinem Lehrer Bernd Jäger nahm, denn der spielte sehr viel mit Frauen zusammen. Mein Wunsch war es immer, in Anlehnung an meine Großmutter, nur mit lauter Frauen eine Band aufzuziehen. Und so hat er dann die Musikerinnen für mich zusammengesucht. Vorher hatte ich schon einmal eine größere Damenband, die hießen „die Extravaganten“. Das, was ich mit der neuen Kapelle mache, ist mehr Jazz, die Damen lassen sich vergleichen mit der Band in dem Film mit Jack Lemmon und Tony Curtis „Manche mögen’s heiß“.

    Trottoir: Sie haben noch viele Ideen. Was möchten Sie noch alles umsetzen?

    Robert Kreis: Ich möchte an „Manche mögen’s heiß“ anknüpfen. Wir arbeiten jetzt fieberhaft an einer Produktion mit dem Titel „Manche mögen es Kreis“.

    Trottoir: Wenn eine gute Fee Sie besuchen würde und Ihnen drei Wünsche gewähren würde, was würden Sie sich wünschen?

    Robert Kreis: Das ist eine tolle Frage. Ich würde mir erstens Gesundheit wünschen, zweitens Kreativität, um weiter arbeiten zu können, und drittens wären mir sehr viel mehr finanzielle Mittel willkommen und Sponsoren, um meine vielen Projekte noch verwirklichen zu können. Ich würde das Geld gerne investieren in herrliche Produktionen, um den Menschen noch viel Freude bereiten zu können. Denn das ist eine der schönsten Aufgaben, die es gibt, und die möchte ich als Künstler bis zum Ende des Lebens wahrnehmen.

    Trottoir: Herzlichen Dank, Herr Kreis, für dieses Interview.

    Robert Kreis: Ich danke ganz herzlich.

    2005-03-15 | Nr. 46 |