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  • Szenen Regionen :: München

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    Die Radikalbayerin und zwei Berliner

    Mundwerk ist nicht unbedingt ein positiv besetztes Wort. Vor allem lose sollte es nicht sein. Das gilt allerdings nur für den Alltag. Auf den Kabarettbühnen dieses Landes ist schon mancher Kleinkünstler zum Star geworden, gerade weil er ein loses Mundwerk hatte. Dennoch reden die Wenigsten von der Bühne herab so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Nicht selten wird eine Kunstsprache entwickelt, etwas, was überall in der Republik verstanden werden kann. Auch viele urbayerische Kabarettisten trauen sich nur noch mit allseits verständlichem Walter-Sedlmayr-Bayrisch, der Exportvariante des Bayrischen, auf die Bühnen dieser Republik. Doch nun hat sich eine aufgemacht, die Szene zu erobern, die das ganz anders sieht. Martina Schwarzmann hat in der Lach- und Schießgesellschaft ihr neues Programm vorgestellt und war vor allem wieder einmal eines: unverschämt bayrisch.  

    Zick Zack Traum TheaterDie Figur der tratschenden Normalbürgerin hat auf den Brettlbühnen der Landeshauptstadt eine lange Tradition. Ida Schuhmacher war eine dieser Quatschtanten, die sich in die Herzen der Münchner geratscht hat. Ida Schuhmachers Dauerrolle war die der anständigen Nachbarin, die alles richtig macht und noch viel mehr besser weiß, und vor allem sehr viel Schlechtes über ihre Nachbarn zu sagen hat. Der Ida-Schumacher-Brunnen auf dem Viktualienmarkt ist der in Bronze gegossene Nachweis ihrer immer noch enormen Popularität. Sie gilt als eine der großen Münchener Brettlhelden. Dabei kam sie gar nicht aus der Hauptstadt aller Bayern. Vom niederbayerischen Arnstorf aus hat sie sich aufgemacht, die Städter zu erobern. Auch Martina Schwarzmann kommt nicht aus München. Die Häuseransammlung, aus der sie stammt, nennt sich Überacker. Ein Ortsname, der sich herumgesprochen hat in der Landeshauptstadt. Denn die Radikalbayerin erzählt viel von dem gottverlassenen Kaff, aus dem sie stammt. Überacker steht beinahe schon sinnbildlich für die Gemeinden Bayerns, an denen die Entwicklung des Freistaats zum Lederhosen-Laptop-Land ein wenig vorbeigegangen ist. Dort kann es schon einmal passieren, dass eine Liebende beim ersten Kuss eine Stallfliege verschluckt. Am Ende muss sich die bemitleidenswerte Fliegenverschluckerin gar noch als „Semmi-Tschumsn“ beschimpfen lassen. Semmi-Tschumsn? Martina Schwarzmann weiß, dass sogar die meisten Bayern nicht verstehen, was damit gemeint sein könnte, und klärt die Zuhörer auf: Tschumsn, so lernen wir, ist ein abwertender Begriff für eine Frau. Semmi heißt Semmel, besser Brötchen. Eine Semmi-Tschumsn ist also eine Frau, die dumm wie Brot ist. Solche gibt es natürlich nicht nur in Überacker und deshalb haben die Weisheiten, die im Programm „Deafs a bissal mehre sei?“ verkündet werden, Gültigkeit über die kleine Ortschaft hinaus. Einen deftigen Abend präsentiert Martina Schwarzmann da den Gästen. Einen, der kaum Erholungspausen zulässt. Nur wenn die Schwarzmann zur Gitarre greift und die ersten Akkorde zupft, kann das Publikum ein wenig durchatmen. Dann geht es wieder los mit satten Liedtexten über alles und nichts, über den Alltag eben.  

    Eher unbayerisch kommt dagegen das Heppel und Ettlich daher. Die Schwabinger Kultkneipe mit angeschlossener Kleinkunstbühne hat das Jubiläum Ihres 30-jährigen Bestehens gefeiert. Zwei Berliner waren es, die im Jahre 1976 in der Kaiserstraße einen Laden eröffnet haben. Wolfgang Ettlich und Henny Heppel, zwei Jungs aus Neukölln, haben sich in München breit gemacht und ihr Heppel und Ettlich gegründet. Der Laden besitzt heute vor allem deshalb Kultstatus in der Stadt, weil er so etwas wie ein Museum der Altachtundsechziger ist. Kein Ort, an dem man mit Fingern auf die Revoluzzer von damals zeigen würde, sondern einer, an dem man sich mit ihnen unterhalten kann. Verstaubt ist die Bühne trotz all der wohl gepflegten Patina dennoch nicht. Immer neue Künstlergenerationen sorgen für eine Dauerfrischzellenkur. Die Bühne ist Heimat altbekannter Kleinkunsthelden der Stadt wie Angelika Bauer und Walter Zauner, die ihr neuestes Beziehungs-Œvre „Die Lust stirbt zuletzt“ im März dort vorgestellt haben. Sie ist aber auch der Ort für erste Gehversuche junger Kabarettisten. Hier werden Programme nicht nach dem Schenkelklopfkoeffiezenten bewertet, denn auch die ruhigeren und literarischen Töne werden gerne gehört. Das Heppel und Ettlich war immer ein ungewöhnlicher Ort in der Szene. Nachzulesen gibt es die Geschichte der Berliner, die in München Kneipengeschichte geschrieben haben, in Helmut Schümanns „Die Heppel und Ettlich Story. Ein Zigarettenautomat packt aus“. Interessenten können es bestellen unter: info@heppel-ettlich.de.  

    Einer, der sich garantiert nicht mehr erinnern kann an die Gründungstage der oben besungenen Lokalität, steht ganz besonders im Fokus in diesen Tagen. Claus von Wagner ist 28 Jahre jung und gilt nach dem Überraschungserfolg seines Debütprogramms als einer der Hoffnungsträger der Szene in München. Sein neues Programm heißt „Im Feld“ und feiert in der Lach- und Schießgesellschaft Premiere. Claus von Wagner hat das Kabarett auf die Kabarettbühnen zurückgeholt und bewiesen, dass eine Unterscheidung von Comedy und Kabarett durchaus sinnvoll sein kann. Dennoch gibt es keinen Zeigefinger bei ihm, dafür viel Hintersinn, überhaupt viel Sinn – außerdem ist Wagner einfach lustig.  

    Redaktion: Andreas Rüttenauer

    Agentur Olivia Reinecke 

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    2006-03-15 | Nr. 50 | Weitere Artikel von: Andreas Rüttenauer