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  • Themen-Fokus :: Zauberkunst

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    Eine Ära ist zu Ende

    Ein halbes Jahrhundert lang hat W. Geissler-Werry die Welt der Zauberkunst mit geprägt. Am 19. Juni 2000 starb Werry urplötzlich. Eine Ära ist somit jäh beendet worden.

    Was bleibt ist eine fast unüberschaubare Fülle von Kunststücken, Ideen, Beschreibungen, Abhandlungen, Gedanken und - eine Erinnerung an einen Mann, der fast kompromisslos sein Leben lebte, immer seinen eigenen Weg ging, und der stets genau wusste, was er tat.

    Er ist weiter gekommen, als irgend ein anderer Zaubergerätehändler je gekommen ist. Ich kenne keinen, der sich in so vielen Bereichen auskannte wie Werry: Er lernte das (Buch-) Setzen, das Layouten, das Drucken, Chemie, Physik, das (literarische) Schreiben, und er lernte ständig dazu. Ich bin sicher, in den meisten dieser Bereiche hätte er seine “Meisterprüfung” ablegen können. Er stellte die erfahrenen Physiker und Chemiker vor Probleme, die er dann manchmal sogar selbst löste.

    Werry kaufte manche Maschine, die jeder andere bereits als “Schrott” eingestuft hatte, aber Werry erkannte, welche Möglichkeiten immer noch in dieser Maschine steckten.

    Er arbeitete Tag und Nacht im wahrsten Sinne des Wortes, um die Maschine wieder zum Laufen  zu bringen. Anschließend gab er ihr ein “neues Kleid” und strich  sie an. “Da, Wittus, schau sie dir an, sie ist wie neu”. Und sie sah tatsächlich wie fabrikneu aus.

    Werry hat mehr Kunststücke erfunden und produziert als irgendein anderer Händler, glaube ich - weit über 100. Unter seinen Klassikern befinden sich: Die verschwindende Coca-Cola-Flasche, die erscheinenden Spazierstöcke und Kerzen aus Kunststoff (weit vor Fantasio), die Match-Box-Illusion, der Durania-Billardball-Trick, die Brainwave Coinbox und zig andere.

    Und - Werry brachte die Magische Welt heraus. SEINE “Magische”Welt. Sie trug - besonders in den letzten Jahren - seine ganz persönliche Handschrift. Er schrieb, was er dachte, nicht nur über die Zauberszene. Er machte sich auch häufig “Luft” über den Staat, in dem er lebte. Nicht zur Freude aller, aber, warum auch nicht!

    Wo bleibt der MENSCH Werry? Überall! Werry hatte Kraft und Macht - unausgesprochen, wohlbemerkt - die sofort auf sein Gegenüber ausstrahlten. Wer ihn kennenlernte konnte sich kaum seinem Bann entziehen. Werry war präsent, wie man heute sagt. Völlig unaufdringlich, aber dennoch kraftvoll präsent. Werry konnte Mitarbeiter motivieren, ohne sie konkret darum zu bitten. Manchmal schlug allerdings dann auch die Begeisterung um, und der eine und andere wandte sich wieder von ihm ab. Denn Werry war stark, und für manche eben zu stark. Das ist wahrscheinlich typisch für derart “kraftvolle” Persönlichkeiten.

    Was ich besonders an ihm schätzte, obwohl ich es nicht verstand, war die Tatsache, dass er vielen Charakteren einen Platz in seiner “M”W einräumte. Wenn jemand etwas zu sagen hatte, was für ihn, für Werry, nur ETWAS von der “Norm” abwich, dann durfte er es zu Papier bringen. Warum auch nicht!

    Werry kannte keinen Urlaub, er lebte nur für seine Zauberwelt und natürlich mit seiner Inge, die ihm über 30 Jahre zur Seite stand und ihn unterstützte, wo sie nur konnte, was jedoch nicht bedeutete, dass sie sich ihm völlig unterordnete. Inge hatte ihre eigene Welt neben der von Werry. Und das genoss er sehr.

    Es gibt natürlich noch viel mehr, was man, was ich über Werry schreiben kann: über sein Zauberstudio, sein Engagement in der Parapsychologie, über seine Art zu denken und zu fühlen. Mit Werry bin ich “groß” geworden. Werry gehört(e) zu meinem Leben. Werry hat mich wie kaum ein anderer in der “Zauberszene” beeinflusst.

    Danke.

    Die Ära Werry wird mich auch weiterhin begleiten.

    Wittus Witt

    2000-09-15 | Nr. 28 |