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  • Themen-Fokus :: Variete

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    Gewitterwolken am Varieté-Himmel im Südwesten

     

    „Balance“ heißt das Ziel einer vernünftigen und fairen globalen und regionalen Entwicklung, bei der alle die Chance haben, gewinnen zu können, allerdings mit unterschiedlichen Zuwachsraten, je nach Ausgangssituation. Wissenschaftlich fundierte Modellrechnungen zeigen, dass eine derartige ökosoziale Marktwirtschaft möglich ist. Aber selbst die Autoren dieser Modellrechnungen halten es für wahrscheinlicher, dass sich die gegenwärtigen Tendenzen zu immer größeren Gewinnen und zum starken Anwachsen der Verliererzahl, also dem Ausbluten der Mittelschicht, quasi zu einer „Brasilianisierung“ zuspitzen werden. Hemmungsloser Ressourcenverbrauch, schädliches Verhalten gegenüber dem sozialen Gesamtorganismus und die Gier nach Geldzuwendungen, die durch Arbeit nicht mehr zu rechtfertigen sind, werden offensichtlich nicht genügend abgestraft. Es fehlt die richtige „Balance“, um das weitere Auseinanderdriften von Arm und Reich zu bremsen.

    Dos ToledosIrgendwie scheint sich diese gesamtgesellschaftliche Situation auch in der Entwicklung der Varietészene widerzuspiegeln. Immer mehr aufgeblasene Mega-Events, Dinner-Shows in Spiegelzelten, bei denen man als Publikum auf enorm hohe Gesamtkosten für einen Abend kommt, und andere circensische oder musikalische Großereignisse ziehen von den ständig spielenden Häusern (oder den meisten der ständig reisenden seriösen Circusunternehmen) zu viel Publikum, Kaufkraft und Sponsorengelder ab. Solche Häuser fühlen sich neben ihren Verdiensten um die künstlerische Entwicklung der Artistik und Komik im Gegensatz zu den Abzocker-Unternehmungen auch der Nachwuchspflege und der Ausbildung von zum Beispiel Veranstaltungskaufleuten, Bühnentechnikern, Lichtdesignern usw. verpflichtet. Leider tragen auch Städte und Gemeinden, private und öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten oder Zeitungen durch ihren übertriebenen Hang zu Großveranstaltungen (Quote!) maßgeblich zu nicht mehr zu übersehenden Verwerfungen und Wettbewerbsverzerrungen bei. Anders ausgedrückt: Sie fördern schwerpunktmäßig nur das, was auch alleine klarkäme oder klarkommen könnte. Die Nachhaltigkeit, die man von den genannten, der Öffentlichkeit stärker als die reinen Wirtschaftsunternehmen verpflichteten Institutionen einfordern müsste, bleibt dabei auf der Strecke.

    Michael Holderried, Direktor des Traumzeit-Theaters in Backnang, führt gerade mit seinem Oberbürgermeister Frank Nopper eine exemplarische und heftige Auseinandersetzung über dieses Thema, bei der es letzten Endes darum geht, wie viel der Stadt eine Einrichtung wie das Traumzeit-Theater wert ist. Kurz vor Redaktionsschluss haben die beiden Kontrahenten gerade noch einmal die Kurve gekriegt, um bis Ende Juni noch einmal zu versuchen, die Schließung des Theaters samt Kalanag-Museum und Zauberzentrum im Januar 2009 abzuwenden. Wie wir im letzten Trottoir-Heft anlässlich des 5. Geburtstags des Backnanger Zauberbergs schildern konnten, würde bei einer Theaterschließung für Michael Holderried die Verwirklichung seines Lebenstraums ein vorzeitiges, völlig unverdientes Ende finden, denn eine fortdauernde Selbstausbeutung ist ihm nicht zuzumuten. Hoffen wir, dass es positiv weitergeht mit dem Traumzeit-Theater. Eine Situation wie in Frankfurt, wo sich seit nunmehr 20 Jahren der Alt-68er und Pfarrersohn Johnny Klinke als „Oberbürgermeister der Nacht“ mit Tigerpalast, Bar und getrenntem Sterne-Restaurant behauptet, zeichnet sich in der württembergischen Stadt Backnang bisher nicht ab. Zu den Tigerpalast-Premieren erscheint ja mittlerweile der Frankfurter Magistrat in fast beschlussfähiger Stärke. Allerdings fehlt im Backnanger Theater auch die „Regierungsbank“, auf die der Frankfurter Hausherr des ehemaligen Heilsarmee-Versammlungssaals immer wieder politische Streithähne einlädt, die es dann auf engstem Raum während einer Vorstellung unter den Augen der Öffentlichkeit miteinander aushalten müssen… - Ortswechsel: Im Stuttgarter Friedrichsbauvarieté ist die Lage ungleich positiver. Gleichwohl gibt die Entwicklung der Zuschauerzahlen auf dem eingangs skizzierten Hintergrund ebenfalls Anlass zur Sorge. Und auch ein regerer Besuch der Programme durch die Entscheidungsträger wäre durchaus noch vorstellbar! Schließlich war es ja die Stadt Stuttgart, die nach dem großen Varietésterben der Nachkriegszeit, als praktisch nur das Hamburger Hansa-Theater überlebt hatte, auf dem Killesberg in Stuttgart mit dem Sommertheater in städtischer (!) Regie, Artisten, Sängern, Komödianten, Zauberern und anderen Show-Talenten neue Auftrittsmöglichkeiten bot. Der Killesberg wurde so zum Vorläufer für eine Wiederbelebung der Varietékünste, die sich heute ganz andere Personen zuschreiben. Das unrühmliche Ende dieser verdienstvollen kommunalen Initiative durch späteres politisches Desinteresse und Ungeschick ist historisch noch nicht aufgearbeitet, böte aber reichlich Stoff, um daraus auch für die aktuelle Situation Lehren zu ziehen.

    Derweil nimmt im aktuellen Friedrichsbauprogramm Johannes Warth seine Schwester Rosemie liebevoll an die Hand und entführt sie aus ihrem klischeebeladenen, schüchternen, verklemmten Dasein, das vom Bildschirmschoner-Häkeln ausgefüllt zu sein scheint, in die fantastische Welt des Varietés, diesmal ausschließlich von Duos der verschiedensten Art repräsentiert, und nicht ohne die Show-Talente der Schwester neben den eigenen zu entdecken und gebührend zu präsentieren. Der große Bruder befleißigt sich dabei eines edlen Honoratioren-Schwäbischs, also jener Sprache, die auch der erste Bundespräsident Heuss sprach und von der er immer sagte, dass dies das sei, was er für Hochdeutsch halte. Übrigens haben beide Warths schon andere erfolgreiche Programme im Friedrichsbau moderiert und präsentiert, aber noch nie zusammen.

    Zu „Warth’s ab oder Ein Duo kommt selten allein“ gehören noch: das Duo Passion am Vertikaltuch, das Duo Elja, die Zwillinge Julia und Ele Janke aus Berlin am Trapez, das Duo Plastic, dessen Künstlername in keiner Weise der ausgezeichneten, an der Circusschule von Kiew erlernten Kombination von Kontorsion und Equilibristik gerecht wird, Denise Randols mit Hula-Hoop und Rollerskating zusammen mit Partner Massimo, Emilie Weisse & Menno van Dyke, die Jonglage und Tanz wunderbar harmonisch zu „Tango-Juggling“ vereinen, und Holger Spreer, ein preisgekrönter Bodybui1der, der als Untermann zum augenzwinkernd-humorvollen Duo-Partner für eine Kraftakrobatik-Nummer mit Rosemie mutiert. Selbst die Regie tritt als Duo auf. Neben dem künstlerischen Leiter des Friedrichsbau-Varietés Ralph Sun zeichnet auch Johannes Warth verantwortlich für diese allseits gelobte Sommerproduktion. Und von den vier Herren des Friedrichsbau­Varieté-Orchesters hätte man gerne noch etwas mehr gehört statt von manchem mitgebrachten Tonband.

    Redaktion: Manfred Hilsenbeck

    AdNr:1027 

    2008-06-15 | Nr. 59 | Weitere Artikel von: Manfred Hilsenbeck