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  • Szenen Regionen :: Frankreich

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    Gönnen Sie sich einen Streifzug ...

    ... durch die Vielfalt der französischen Szene: Hip-Hop, ein Clown, apokalyptisches Körpertheater, Freiluftakrobatik, Tanztheater-Performance, Striptease und… die Sprösslinge von Charlie Chaplin, die immer mehr für Furore sorgen. Denn neben James Thierrée, den man heute bereits als künstlerisch legitimen Nachfolger von Philippe Genty ansehen kann, tritt nun auch dessen Schwester Aurélia Thierrée ins Rampenlicht. Beide sind Kinder der Chaplin-Tochter Victoria Thierrée-Chaplin, die nun persönlich ihre Tochter Aurélia in einer bunten Folge mimischer bis akrobatischer Szenen inszeniert, die dann auch noch „L’Oratorio d’Aurélia“ heißt. Diese Serie der Traumbilder beginnt mit einer Art Umkehrung der Magie-Nummer von der zersägten Jungfrau. Aus den Schubladen einer Kommode melden sich Arme, Beine, ein Kopf. Sie scheinen getrennt, aber handeln gemeinsam. Und Aurélia wird sogar, wie aus einem Schneckenhaus lugend, ihren Wein trinken. Eine Tango-Nummer, Kletterei in den Vorhängen, Schattentheater, das an die Legenden des Ramayana erinnert ... Insgesamt hat sie eher wenig Überraschendes oder Originelles zu bieten, aber doch Charme und Poesie, wenn es auch an Rhythmus und Dramaturgie mangelt. Aber dafür hat sie ja berühmte Eltern und ihr Bruder James verdient mit seinen ungemein inspirierten und märchenhaften Inszenierungen jede noch so exaltierte Aufmerksamkeit. Obwohl dessen Inszenierungen ungleich schwerer wiegen in Sachen Personal, Bühnenbild und Transport. Beide haben die Ehre, ihre Kreationen im Théâtre de la Ville in Paris zu zeigen!

    Das Théâtre de la Mezzanine ist in Deutschland nicht unbekannt. Die monumentalen Kreationen von Denis Chabroullet und Roselyne Bonnet des Tuves bilden ein Theater der Katastrophe, das die großen Schocks und Mythen des zwanzigsten Jahrhunderts verarbeitet und dabei mindestens genauso stark von der Angst vor der Zukunft der Menschheit geprägt ist. Dass die Lebenslust dabei nicht zu kurz kommt, garantiert das joviale Wesen Chabroullets. Immer wieder tauchen in seinen Stücken Soldaten des ersten Weltkriegs auf, so auch in „Nous sommes tous des Papous“. Wir sind alle bedroht, wie die Papua. Damit verweist er auf Gewalt und lässt das Publikum von oben in einen Abgrund schauen. Dort tummeln sich die Überlebenden einer Katastrophe, ähnlich 9/11 oder New Orleans. Durch diese Art Hinterhof strömt Wasser, das Körperteile, Computerteile, Atommüll und mehr anschwemmt. Die verstörten Bewohner versuchen, nicht alle menschlichen Regungen zu verlieren. Doch die Lackschicht des guten Betragens ist ab. Der Mann wird zum Kind, die Frauen boxen und streicheln angeschwemmte Arme oder Beine, die sie dann in einen Schredder werfen. Die verzweifelte Kommune wird von einer Art Soldatin beherrscht. Und über ihnen tönt eine Band im Stil der Blues Brothers, die fast wie ein antiker Chor oder wie eine Gottheit, der die Proletarier ihre Revolte entgegenschreien, das Geschehen begleitet und kommentiert. Für die Schauspieler ist das alles andere als ein Spaziergang. Durchnässt, schlammbedeckt und erschöpft entsteigen sie ihrer Hölle. Der Zuschauer fühlt sich an Orwell, Huxley, Bosch, Breughel oder Dali erinnert. Mehr als je zuvor schleudert La Mezzanine uns Bilder an die Stirn, die verstören, faszinieren und amüsieren. Es ist ein kühnes Theater, das aufwühlt und bei dem es politisch kribbelt. Die Arena dazu hat die Kompanie eigens für das Stück entworfen und gebaut und in ihrer eigenen Baracke zwischen den Feldern und Vororten von Paris installiert. Das Reisen auf Festivals etc. sind sie gewöhnt. (www.theatredelamezzanine.com)

    Anderen reicht eine leere Bühne mit guter Beleuchtung. Gerade kreierte Christine Coudun von den Black Blanc Beur das wohl erste Hip-Hop-Stück, in dem Frauen aus ihrer Sicht von der Mutterschaft erzählen. Da antworten fünf Breakerinnen auf eine frühere Kreation der Kompanie, „Break Quintette“ mit fünf B-Boys. Unglaublich, dass eine Kompanie nach zwanzig Jahren noch immer den Trend vorgibt. In „Au Féminin“ enden Breakfiguren in Zärtlichkeit. Power und Spannung tut das keinen Abbruch.

    Frauenpower auch bei der Kompanie Rêvolution aus Bordeaux. Da legt die Breakerin Emilie Sudre eine Art Striptease hin. Der Choreograf der Truppe, Anthony Egea, liebt es, der Szene ihre Probleme mit der Akzeptanz weiblicher Erotik aufzuzeigen. Sudre stelzt im Gegenlicht auf Pfennigabsätzen und im schwarzen Minikleid um eine rechteckige Tanzfläche. Model, Vamp, Werbefigur. Und plötzlich eine Breakfigur. Neue Runden als wandelndes Pin-up. Ein Freeze, ein Handstand. Dann zieht sie sich das Kleid über den Kopf. Neuer Handstand, neues Freeze, blind. Die Schuhe fallen und das Kleid. Mit nacktem Oberkörper breakt sie weiter. Tempo, Haare oder Hände verdecken die Brüste. Sie provoziert den Blick des Zuschauers, lässt die Rückenmuskeln spielen. Zu Beginn johlen die Kids und pfeifen auf den Fingern. Dann beugen sie sich Sudres ungemeinem Selbstbewusstsein. Es ist ein Kampf, in dem sie Bestie und Dompteuse zugleich ist. Sudres Beine sind Waffen, ihre Schenkel und ihr Rücken flößen auch Machos Respekt ein. Und das mit den aufreizendsten Klischees weiblicher Erotik. Gäbe sie nur eine Schwäche preis, das Publikum der Banlieue würde sie verschlingen. Noch vor ein paar Jahren hätte sie keine Chance gehabt. Heute zeigt die Öffnung des Hip-Hop im Publikum und auf der Bühne Wirkung. (www.blackblancbeur.fr und http://musiques.de.nuit.free.fr/index.php?nomData=artistes/revolution.php)

    Genauso überraschend ist das Frauenbild von Delphine Clairet, ausgerechnet in der Rubrik „Striptease“. Die klein gewachsene, füllige und reichlich tätowierte Delphine Clairet ist „feministische Stripperin“ in Paris und tritt mit ihrer Truppe in einem Café und gelegentlich mit einer Solonummer in einem Lesbenclub nahe Pigalle auf. „Das ist politisch, weil wir alle Körpertypen im Programm haben und die gängigen Stereotypen des Frauenbilds auf die Schippe nehmen. Mein burlesker Striptease richtet sich gegen die Norm des patriarchalischen Systems, in dem der Strip von Männern durch den männlichen Blick für Männer organisiert wird“. Mit sieben Jahren begann sie, Theater zu spielen und zu tanzen. Heute leitet sie eine Kompanie namens Kisses Cause Trouble, die regelmäßig im Untergeschoss einer Bar in Paris auftritt. Das Programm besteht aus Sketchen, in denen stereotype Frauenbilder und sexuelle Fantasien verulkt werden, von der katholischen Betschwester bis zum tätowierten männlichen Monstrum, von Schlankheitswahn bis Striptease. Clairet spielt die Generalin Inga Waffenküloh. Ein heiß gehandelter Underground-Tipp, der aber auch schon in den größten Zeitungen des Landes auftauchte. Theatralisch oder choreografisch aufgewerteter Striptease ist im Kommen, eindeutig. (http://www.myspace.com/kissescausetrouble)

    Fest in Paris angekommen ist inzwischen auch das sehr charakteristische japanische Tanzduo mit dem codehaften Namen 86B210. Mit der sehr persönlichen Mischung aus Tanztheater, Performance, Mime und Butoh sind sie die beiden unverwechselbar. Fumie Suzuki mit ihrem fast kahlen Schädel und die sanftere Keiko Iguchi, deren glattes, schwarzes Haar fast bis zum Boden reicht, bilden einen Kontrast wie bei den berühmtesten Paaren der Kunstgeschichte. Wenn sie auf die Bühne treten, fällt ein Bannstrahl auf das Publikum. So auch in ihrem neuen Duo „C.O.L.O.R. – Cold Laboratoy of Rabbits“ das mit zwei langen Soli beginnt. Erst Iguchi mit weiten, klaren Gesten und wie unter Schock stehend. Dann Suzuki, wie ein Cyborg unter Stromstößen. Im Hintergrund zucken Blitze über eine Installation: Lauter kleine, weiße Häschen, wie schockgefroren. Manipulation und Laborversuche sind das Thema. Immer wieder setzen sich die beiden mit den verdrängten Schattenseiten der modernen Produktionsgesellschaft auseinander, doch werden sie dabei nie belehrend. Jedes Thema setzen sie in packende Bilder um, so schlicht wie ergreifend. Ihre Figuren entstammen zwar dem Alltag, aber sie rühren am Mythos. (www.geocities.jp/dance86b210)

    Zwei komplementäre Gesichter hat auch die Kompanie Retouramont. Indoor kreieren die Choreografen Geneviève Mazin und Fabrice Guillot höchst interessante Stücke, die sich mit der Materie auseinandersetzen, ob es sich dabei um Sand oder den Tanzboden selbst handelt. Gerade für Kinder erschaffen sie sehr intelligente und dennoch einfache Werke, die Realität spielerisch bewusst machen und die Sinne wecken. Outdoor sind sie bekannt für akrobatischen Fassadentanz. Da setzen sie Bauwerke in Szene, arbeiten mit Architekten zusammen und verbinden Avantgarde mit alten Gemäuern. Jetzt aber zieht es sie zwischen die Plattenbauten oder Wohntürme der Vorstädte. Fabrice Guillot kreiert „Vide accordé“. Sie spannen ihre Seile zwischen mehrere Fassaden, in schwindelerregender Höhe. Mit diesem neuen, atemberaubenden Projekt wird die Kompanie Anfang August das Festival Mimos in Périgueux bereichern, ebenso wie die Schweizer Zimmermann & De Perrot (siehe Circus international). Das Festival wird vom 30. Juli bis 5. August unter dem Thema „Die Anstrengung“ stehen und muss sich dabei selbst sehr anstrengen, um finanziell zu überleben. In diesem Jahr aber soll es besonders üppig zugehen, denn Mimos wird 25 Jahre alt! (www.retouramont.com; www.mimos.fr)

    Da kommt ein musikalisch interessierter Clown wie Willem gerade recht. Mit Violine, Trompete, Akkordeon, Säge etc. illustriert er seine Fantasien, Ängste und Träume von Liebe und Abenteuer, aber auch sein Trauma als (Musik-)Schüler. Eine Art Marionettentheater zieht er auf mit seinen musikalischen Geliebten. Verführung, Romantik, Tragödie zaubert er aus seinem Hut, den er aus einer Partitur gefaltet hat. Ein Passionario, ein Meloman, der uns auf seinen unorthodoxen Instrumenten Verdi, Ravel, Bartok etc. serviert, und das in aller Würde, zu der ein Clown fähig ist. Was heißt, in aller Menschlichkeit und Sensibilität. „Top! Willem“ nennt Jean-Baptiste Valeur sein neues Stück, das von Bertrand Moricet, einem Spezialisten des Körpertheaters, inszeniert wurde. Kinder (ab etwa zehn Jahren) verstehen ihn, weil sie sich den Erwachsenen unterordnen müssen. Und letztere, weil sie längst verstanden haben, dass sie ihre Träume der Musik anvertrauen mussten. Überwiegen auch die dunklen Töne, am Ende darf Willem tanzen. (http://jivago.follies.free.fr)

    Redaktion: Thomas Hahn

    2007-06-15 | Nr. 55 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn