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    Goldene Ära: „Die Zeit schreit nach Satire!“

    Kabarett in den goldenen 20ern vom Schall und Rauch 1919 bis zu den Vier Nachrichtern 1932

    Kein Künstlerprogramm, sondern eine Ausstellung können die Besucher an Stand 232 buchen.

    Die Ausstellung des Vorjahres „Die Welt als Cabaret - wie Kabarett in Deutschland begann 1901-1916“ - war in 21 Städten on Tour und auch in diesem Jahr bahnt sich wieder eine rege Nachfrage für die neue Ausstellung an, vor allem weil die goldene Ära  mit ihrer politischen Unsicherheit, der Spaßgesellschaft - damals nannte es man noch vornehmer Amüsement - der 20er Jahre und steigende Arbeitslosenzahlen ungewollt aktuell sind. 

    Unter dem Titel „Die arme Republik - Kabarett in den goldenen 20ern“ präsentiert das Deutsche Kabarettarchiv auf der Freiburger Kulturbörse sein aktuelles Ausstellungsangebot zum Kabarett in den goldenen 20ern (1919-1932). Die Ausstellung vermittelt einen Blick auf die Situation in Deutschland, vor gerade mal 80 Jahren: Der Kaiser hat abgedankt. Deutschland versucht sich an der Demokratie ­ und die mündig gewordenen Kabaretts an der politischen Satire. Eine Zensur findet  offiziell nicht mehr statt, plötzlich scheint möglich, was vordem undenkbar war: die kritische Kommentierung der politischen Ereignisse, das Lächerlich-machen der politischen Figuren.

    Mit seismographischem Gespür für die Geburtsfehler der Weimarer Republik formulieren zu Beginn eines unruhigen Jahrzehnts das zweite Schall und Rauch, Trude Hesterbergs Wilde Bühne und Rosa Valettis Cabaret Größenwahn ihren gesungenen und gespielten Protest gegen die reaktionären Tendenzen in Politik und Gesellschaft, thematisieren die durch galoppierende Inflation und Massenarbeitslosigkeit bedingte Verelendung weiter Bevöl-kerungsschichten. Politisches Kabarett erlebt eine erste, kurze Blütezeit, Kurt Tucholsky und Walter Mehring gehören zu seinen besten Autoren. Berlin, die nie schlafende Metropole Europas, ist der Spielplatz. 

    Auch andere Städte haben ihre Kabaretts, doch nur wenige wie die Leipziger Retorte oder die Münchener Bonbonnière erreichen das künstlerische Niveau der Hauptstadtbühnen. Und auf diesen ist, kaum hat sich die fragile Republik ein wenig stabilisiert, Politik nicht mehr gefragt. Das Publikum will sich amüsieren ­ und dies geht nirgendwo so gut wie im 1924 eröffneten Kabarett der Komiker. Kurt Robi-tschek und Paul Morgan präsentieren hier die elfte Muse als gut sortiertes Warenhaus, in dem für jeden etwas zu finden ist: eine Prise Zeitkritik und Operetten-zauber, Schlager und Varietékunst, Literatur und Humor. Die Kabarett-Revuen von Friedrich Hollaender, Mischa Spoliansky und immer noch Rudolf Nelson spiegeln unterdessen den Zeitgeist der Zwanziger, das Lebens-gefühl der Berliner wieder. Margo Lion, Blandine Ebinger, Kurt Gerron und Marlene Dietrich werden zu gefeierten Stars der Berliner Kleinkunstszene. Erst mit der massiven Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation am Ende des Jahrzehnts und der dadurch beschleunigten gesellschaftlichen Polarisierung sind auch im Kabarett wieder politische Töne zu hören. Die Republik, von rechts wie links attackiert und nur noch mittels Notverordnungen regiert, steuert ihrem Untergang entgegen. Und während die kommunistischen Agitpropkabaretts in Roten Revuen von der sozialistischen Utopie träumen, singen linksbürgerliche Kabaretts wie Werner Fincks Katakombe, Friedrich Hollaenders TingelTangelTheater und Helmut Käutners Vier Nachrichter der ungeliebten Republik den Schwanengesang.

     



     

     


    2002-03-15 | Nr. 34 |