Trottoir Online Magazin / Künstler und Eventattraktionen

--- Trottoir Admin Ebene ---

 
 
Trottoir Header
Suche im Trottoir

Kategorien Alle Jahrgänge




Admin Bereich K10


Artikel - gewählte Ausgabe
Meist gelesen
Statistik
  • Kategorien: 66
  • Artikel: 3185
  • Themen-Fokus :: Variete

    [zurück]

    Goldener Clown für Anthony Gatto

    einziges Deutschland Interview in TROTTOIR -

    Bevor wir zu unserem Exclusiv-Interview mit Anthony Gatto kommen, zuerst noch ein kurzer Rückblick auf die Programme der Varietés zum Jahresabschluß:

    Weihnachtliches wurde im GOP-Varieté Essen geboten. Thomas Otto zauberte so schnell, wie er sprach und geleitete gewitzt und rasant durch das Programm. Herr Riesling komisch, pflegeleicht und anpassungsfähig als Hausmeister, unterstützte den Conférencier in jeder Hinsicht mit seinen witzigen Kapriolen.

    In die Birkenstraße Nr. 13 entführte das Varieté et cetera in Bochum sein Publikum, wo alle Künstler vereint unter einem Dach wohnten.

    Conférencier und Zauberkünstler Philip Simon spielte den charmanten Holländer, der mit Tricks und Gags das Treiben auf der Straße kommentierte.

    Musikalisch begleitet wurden die Artisten von der eigenen Varietéband, die auch das Finale mit allen Auftretenden gestaltete.

    Moonlight Serenade benannte das Luna Varieté in Dortmund sein diesjähriges Jahreswechselprogramm. Chapeau, Verwandlungs- und Zauberkünstler moderierten den Abend, der mit illustren Künstlern gespickt war.

    Mit der Premiere im Dezember in Roncalli´s Apollo Varieté in Düsseldorf hatte man wieder interessante Künstler für einen Monat eingeladen. Markus Schimpp, seines Zeichens musikalischer Conférencier geleitete charmant das Publikum von Darbietung zu Darbietung, hier plaudernd, dort ein Gedicht rezitierend, an anderer Stelle ein Couplet aus den 20er Jahren vortragend.

    Gerasim Drobot & Valerii Popov zeigten eine atemberaubende Handstandequilibristik, mit schwierigen Hebe- und Balancefiguren, wie Hand auf Hand und Kopf auf Kopf etc. Für diese Leistung wurden sie 1999 mit dem Grand Prix des internationalen Circusfestivals in Paris ausgezeichnet. Ihr Lehrmeister war kein geringerer als der berühmte Handstandequilibrist Anatoli Zalevski.

    Als Mozart der Jongleure wird Anthony Gatto betitelt.

    Der junge Amerikaner jonglierte tempogeladen mit Bällen, Reifen und schließlich mit sieben Keulen. Schon 1993 brachte er es auf acht Keulen und übertraf damit Meisterjongleur Enrico Rastelli. Als Inhaber von Sieben Weltrekorden! jongliert er neben den acht Keulen auch bis zu zwölf Ringe. Dabei scheint er mit den Objekten zu spielen und lässt sie in Figuren in die Luft fliegen, die man für unmöglich hält. Für seine im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Jonglage erhielt er in diesem Jahr den Goldenen Clown in Monte Carlo aus der Hand Stefanie von Monaco.

     

    Anthony Gatto - Mozart der Jongleure

    Der weltbeste Tempojongleur und Preisträger des goldenen Clowns stellte sich in einem Exclusiv-Interview im Apollo Varieté Düsseldorf den Fragen unseres Mitarbeiters Hartmut Höltgen-Calvero.

    Herr Gatto, sie werden hier in Deutschland und in Europa als Mozart der Jongleure bezeichnet. Schmeichelt Ihnen dieser Vergleich ?

    Wissen Sie in den USA nennt man mich den weltbesten Jongleur und kündigt mich bei einer Show auch so an. In Deutschland und Europa zieht man gerne Vergleiche hinzu, wie aus dem Musikbereich. Die Artistik und auch die Musik, wie auch ihre Vertreter, wie Mozart stehen in Europa mehr im Vordergrund. Die Ankündigung in Amerika als weltbester Jongleur drückt die Art und Weise der großen Shows aus, um die Menschen dort zu beeindrucken.

    In Deutschland arbeiten Sie nun in einem Varieté-Theater, während Sie in den USA vornehmlich Gala-Shows absolvieren. Was macht für Sie die Arbeit in einem Varieté aus ?

    In den USA gibt es mehr Produktionsshows mit einer großen Anzahl von Tanz- und Gesangseinlagen. Ich bevorzuge das Varieté, weil es hier viele unterschiedliche artistische Darbietungen gibt und diese interessant anzuschauen sind. Eine Produktionsshow in Amerika hat nur wenige artistische Darbietungen in einem Programm. Im Varieté liebe ich es die unterschiedlichen Talente von Künstlern zu beobachten, ihre Ideen, ihre Kreativität und  die Arbeit großartiger Menschen zu sehen.

    Sie arbeiten als Jongleur auch im Circus. Was bedeutet für Sie die „Magie“ einer    Manege ?

    Es besteht ein großer Unterschied in einem Circus oder Varieté zu arbeiten. Ich würde sagen, dass es viel schwieriger ist in einem Circus zu spielen. Zum Beispiel sitzen die Menschen in einem Circus im Rund. Der Künstler muss also auch das Publikum um ihn herum wahrnehmen, er muss seine ganze Show darauf ausrichten, das alle etwas zu sehen bekommen. Für mich ist es leichter in einem Varieté meine Show zu präsentieren, da es hier einen geschlossenen, abgegrenzten Raum gibt. In einem Circus habe ich zwar eine Menge Platz, aber dort treffe ich teilweise auch auf schwierige Bedingungen, besonders gilt das für die Proben und das Praktizieren im Ring. Ich habe lediglich in Europa im Circus gearbeitet und die Arbeit in einem Circusprogramm und auch das Leben im Circus selbst sind total verschieden zu dem in einem Varietétheater.

    In welchen Varietéhäusern in Deutschland haben Sie Ihre Show schon gezeigt ?

    1995 bin ich bereits im Wintergarten in Berlin aufgetreten. Es war meine erste Erfahrung mit einem Varieté und jetzt spiele ich für zwei Monate im Apollo in Düsseldorf.

    Die Varietés in Deutschland und Europa haben eine alte Tradition. Was halten Sie von der Wiederbelebung der Varietétheater seit Anfang der 90er Jahre besonders hier in      Deutschland ?    

    Je mehr Varietétheater es wieder gibt desto mehr bedeutet es für mich Auftrittsmöglichkeiten geschaffen zu bekommen. Wir sind in Amerika viel beschäftigt. Die Varietés verhelfen dazu mehr in Europa zu spielen. In den USA sprechen zudem die Artisten davon, dass es die meiste Arbeit in Deutschland gibt.

    Für Ihre Darbietung brauchen Sie jedoch eine bestimmte Höhe, die nicht in jedem Varieté vorhanden zu sein scheint...

    Mit elf Ringen oder acht Keulen jongliere ich manchmal im Circus, so z.B. in Mexiko oder Monte Carlo. Je nachdem wie die Bedingungen sind und wie meine Show sich darstellt auch in einem Varietétheater.

    Was verbinden Sie mit der Faszination des Jonglierens ?

    Nun Sie müssen wissen, ich jongliere seit meinem dritten Lebensjahr. Das ist alles was ich seitdem getan habe und es wäre schwierig das nun zu ändern. Das Jonglieren begleitet mich nun vierundzwanzig Jahre lang und ich weiß nun, wie man jongliert. Mit der täglichen Praxis lernt man zudem immer wieder etwas Neues und es kommen neue Ideen hinzu, die in den Proben funktionieren, aber am Abend in der Show vielleicht nicht. Fehler können auftauchen, aus denen man lernen kann und die zur Überprüfung dienen. Daraus entsteht die Motivation besser zu werden. Wie lange so etwas geht kann ich nicht sagen. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und irgendwann wird der Punkt kommen, an dem man nicht mehr besser werden kann, was gewisse Techniken angeht. Ich jongliere mit realen Gegenständen, wie  Keulen, Bällen, Ringe und Feuer. Daraus ergeben sich manchmal verrückte Ideen, die Zeit kosten, sie umzusetzen. Allerdings setze ich dann nur Dinge um, die meine Karriere auch fördern. Ein Beispiel dafür ist der Stab mit den kleinen Beuteln, den ich balanciere und in die ich die Bälle hineinwerfe. Die Beutel sind gerade so groß, dass die Bälle dort hineinpassen und das Publikum die Schwierigkeit dieses Teils der Darbietung erkennen kann. Ich bin sicherlich ein guter Jongleur und versuche die Zuschauer mit meinem Können auf das Beste zu unterhalten.

    Es gab in Ihrem Leben einen Punkt, wo Sie ihre Karriere für zwei Jahre unterbrochen und auch nicht mehr jongliert haben. War das eine kreative Pause ?

    Er war vor allem eine erholsame Pause von dem vielen Training, den vielen Auftritten. Ich wollte mit dem Jonglieren aufhören und einmal etwas völlig anderes tun außerhalb des Theaters und des Entertainments. Für mich war es eine sehr positive Erfahrung in meinem Leben. Ich konnte über mein Talent, meine Möglichkeiten als Jongleur, die guten Seiten des Lebens nachdenken. Meine Frau und ich waren zum Dinner eingeladen beim Prinzen von Monacco. Das sind z.B. Dinge, die in keiner anderen Karriere passieren würden. So war diese Auszeit für mich genau das Richtige, denn als ich wieder anfing, war ich besser und gereifter. Meine Motivation und mein Praxisstiel hatten sich geändert.

    Sie zählen zu den besten Jongleuren der Welt und haben eine außergewöhnliche Show. Interessieren Sie sich für die Geschichte der großen Jongleure in Europa, wie z.B. Enrico Rastelli ?

    Es ist für mich sehr interessant die Geschichte der Jonglierkunst und seiner größten Vertreter auf diesem Gebiet zu verfolgen. Wir haben sogar jemanden aus Deutschland der uns mit Videobändern versorgt, welche Jongleure und Varieténummern aus der Vergangenheit zeigen. So habe ich Aufzeichnungen von Enrico Rastelli, Grock, Francis Brunn etc. Interessant ist es die verschiedenen Stile zu beobachten und die unterschiedlichen Vorführarten zu betrachten.

    Wenn Sie morgen auf eine einsame Insel reisen, welche drei Gegenstände würden Sie mitnehmen ?

    Das eine gute Frage, ich habe noch nie darüber nachgedacht. Ich denke ich würde ein Photoalbum mitnehmen, mit Photos und Zeitungsausschnitten, die wir über die Jahre gesammelt haben und womit viele Erinnerungen verbunden sind. Meine Frau natürlich, sie sollte an meiner Seite nicht fehlen. Wichtig für mich wäre zudem noch ein Buch zu haben über die 2000jährige Geschichte des Jonglierens und  ein Telefon, damit ich von dieser Insel wieder herunterkommen kann.

    Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft ?

    Nun ich muss jetzt für meine Frau und für mich darüber nachdenken, denn ich bin inzwischen verheiratet. Ich möchte gerne in Europa, wie in den USA gleichermaßen arbeiten. Auch in Europa ist es für mich wichtig zu spielen, sonst vergessen einen die Menschen. Meine Darbietung wird sich im Laufe der Zeit verändern, was den Stil und die Art des Jonglierens anbetrifft. Je nachdem was mir für neue und frische Ideen einfallen, werden diese in meine Nummer eingebaut, um das ganze interessant zu gestalten.

    Anthony, ich danke Ihnen für dieses Interview und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.

    Ich bedanke mich sehr herzlich für das Interesse an meiner Person und die guten Wünsche.

     

    Termine:

     

    März 2001

    Friedrichsbau Varieté, Stuttgart

    Max Nix, Conférence & Zauberei; KGB-Clowns, Comedy; Sarah Schwarz, Drahtseil; Rippel Brothers, Handstandequilibristik; Fafa, Comedy; Elena Taekina, Luftdarbietung am Ring; Oliver Groszer, Jonglagen

    Wintergarten Varieté, Berlin

    Konrad Thurano & Sohn John, Drahtseilakrobatik; Kris Kremo, Tempojonglagen u.a.

     

     

    2001-03-15 | Nr. 30 |