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    Jahrtausendfinish

      Die Zeiten haben sich rapide geändert. Und sind sich doch erbärmlich gleich geblieben. Vor und nach Kohl derselbe faule Parteiposten-Schacher. Nur die Zeitrechnung hat sich geändert: Nach der Kohl-Ära stehen uns vermutlich ebenso öde Post-Kohl-Jahre ins Haus. Nicht nur den Politikern und den Wählern, die so dumm waren, die Politiker zu wählen. Auch den Kabarettisten. So mancher steht jetzt dümmer da, weil er das Stimmvieh für noch dümmer hielt: Ohne das liebste, kaum zu verfehlende Rundziel für Häme und Parodie ist er doch glatt arbeitslos und aufgeschmissen. Bliebe nur der letzte Kanzler-Abgang. Oder schleunigst umzudenken, neue Texte zu bosseln und sich auf die neuen Genossen und das Jahrtausendfinish einzustellen und einzuschießen.

    Das Kabarett Alma Hoppe in Hamburg hat die Zeitenwende geistesgegenwärtig und geschwind geschaukelt. Sein Erfolgs-Programm "Der Dampf der Giganten" neu gecheckt, ex und hopp den veränderten Verhältnissen angepaßt. Lieferten sich vor dem geschichtsträchtigen Tag X auf der Bühne des Lustspielhauses die Wahlkampfgegner heiße Seifenblasen-Gefechte, schlüpften forsch auf Stimmenfang in falsche Helden- und Retter-Rollen, plusterten sich komisch brüllend und brüllend komisch auf zu Tarzan und Superman, so treibt es Flash-Schröder nach Kohls Tod in der neuen Programm-Ausgabe mit "Fischer/Schröder-Bonus" noch toller. Die Namen ändern sich ein bißchen. Hohle  Helden-Posen, leeres Versprechungs-Geschwätz und Imponiergehabe mit Publicity-Purzelbäumen bleiben sich bekanntlich ziemlich gleich. Wieder hauen Nils Loenicker und Jan-Peter Petersen mit ihrer knalligen Typenriege nur allzubekannter Parlamentarier auf die Klaumauk-Pauke, daß sich Bühnenbalken und Publikum biegen. Nach ihrem bewährten und wahlkampferprobten Motto: Nur mit derben Schlägen ist groben Klötzen beizukommen.  Auch "Schankzonette" Sybille Schrödter gibt sich bei ihrem neuen Solo nicht zimperlich und stellt sich mit "sinnlicher Selbstironie" der musikalischen Betrachtung eigener und fremder Weiblichkeit. Gleich zum Auftakt ihrer "Dekollethesen" widmet sich die "Disuse" den Fehlern und Vorzügen ihres Körpers: "Damit die Frauen nicht über ihr Aussehen nachdenken müssen."  Stimmstark singt die selbsternannte Schlampe begleitet vom Komponisten und Pianisten Rudolf Kitzelmann "Schlampest of Sybille Schrödter", verhält sich manchmal absichtlich nicht political correct. Beispielsweise wenn sie die "Powerweiber" auf die Schippe nimmt und sich mit Augenzwinkern sogar noch miteinschließt. Verschiedene Typen passieren Revue und auch die Männer werden nicht ausgelassen. Die Kabarettistin hat ihre vor eineinhalb Jahren etablierte Spielstätte "Frau Schrödter's" in der Altonaer Bernadottestraße nun durchgesetzt und sich ihr Publikum erobert. Zum Frühjahr bereitet sie "Haft-Bar", ein neues Anwältinnen-Programm vor sowie ein musikalisches Potpourri mit Liedern, die das Geld bedeuten: "Chansons d'argent" Um Geld ging es auch beim ungewöhnlichen Komödien-Experiment von Jörg Pleva.  Was George Tabori in Berlin mit Mozarts "Zauberflöte" ausprobierte, praktizierte der Regisseur und Schauspieler mit Molière. Hereinspaziert ins Theaterzelt zum geizigen und raffgierigen Sganarelle. Der Fernsehstar präsentierte drei Einakter des Komödien-Klassikers als "Familien-Vergnügen" in der Zirkusarena auf der Kleinen Moorweide in der Hamburger Innenstadt. "Die vornehmen Liebhaber" wurden nachmittags um 17 Uhr als "Moliere für Kids" gespielt: mit lebendiger Schlange in der circensischen Comedy. Nach Lust, Laune und Geldbeutel konnte man sich danach für "Die erzwungenen Heirat" und "Der falsche Arzt" entscheiden. In beiden Stücken brillierte Pleva mit seiner jungen und frischen Schauspielkompanie Adhoc in der Paraderolle des betrogenen Betrügers.

    Trotz einiger Finanzquerelen mit dem Gastro-Partner (ein Schelmenstück aus der Wirklichkeit wie von Molière) glückte ein amüsantes, freches und doch zeitgemäßes Revival alter Komödianten-Tradition: Aus der Ära, da englische, französische und italienische Schauspieltruppen noch mit ihren Karren über die Dörfer zogen.

    Nicht Unterhaltung, sondern ganz konkrete Hilfe gegen die "soziale Kälte" war beim "Missions"-Projekt gefragt, das viele Hamburger Künstler, Musiker und auch Kabarettisten mit Auftritten unterstützen. Christoph Schlingensief hatte mit seiner "Passion Impossible. 7 Tage Notruf für Deutschland" am Hamburger Schauspielhaus den Grundstein für den Obdachlosen-Treff in der Nähe des Hauptbahnhofs gelegt. Mit der Patenschaft von Schauspielhaus und privaten Spenden führen die Obdachlosen in Eigenregie die Räume weiter. Unter dem Motto "Kunst und Suppe" gab es beides - darunter auch von Thorsten Sievert organisiertes, mehr oder weniger improvisiertes Nummern-Kabarett von  der "Schönen Abend Show".

    Käthe Lachmann, Monty Arnold und Lutz von Rosenberg-Lipinski, viele andere Kllegen und Promis wie Wilhem Wieben setzten sich ebenfalls spiel- und sangesfreudig für die gute und Sache ein. Dennoch wurden die Missionisten aus ihren alten Räumen nahe der sozialen Problemzone Hauptbahnhof vertrieben, ziehen nun am 1. November um und eröffnen die Proteststube "Die Mission" in der Kaiser Wilhelm-Straße 81.

    Vorübergehend war auch Lutz von Rosenberg-Lipinski ohne Theaterdach überm Kopf: Er mußte die Räume der SchlapplacHHalde an der Rentzelstraße im Uni-Viertel aufgeben, hat aber schon wieder Unterschlupf im Schlachthof gefunden. Die Kabarettbühne geht nun unter gleichem Namen an anderem Ort weiter: Als Kabarett-Klub bleibt das Label SchlapplacHHalde erhalten. Jeden zweiten Samstag im Monat findet nun die HH-Revue statt, neuerdings mit musikalischer Begleitung von flotten Bands. Jeweils montags bestreiten dann zur Revue eingeladene Nachwuchskünstler oder Gruppen mit vollem Programm den Abend. 

    Volles Kabarett-Programm gab es im September auch in den Hamburger Kammerspielen. Gleich drei Klasse-Kabarettisten feierten jeder für sich Premiere mit neuen, noch tintenfeuchten Solo-Programmen. Horst Schroth gab sich beim "Herrenabend" als jovialer Macho mit Zigarre. Matthias Deutschmann zog "Finalissimo"-Bilanz zum Ende des Jahrtausends, ließ die Vergangenheit prestissimo revuepassieren. Während Dieter Nuhr zwar erinnerungswehmütig, aber doch lieber stur "Nuhr nach vorn" schaute und groteske Zukunftsperspektiven entwarf. 

    "Ich seh das noch nicht", meinte Nuhr lakonisch beim Auftreten. Nicht die Zukunft war gemeint, sondern sein Programm. "Sie wissen, daß das eine Premiere ist." Auch die zwei anderen Herrren Kabarettisten bekannten ganz offen ihren Bammel vor der ersten Probefahrt mit Publikum. Premiere gleicht dem berühmten Sprung ins kalte Wasser. Schreiben und Probieren ist in diesem speziellen Metier aus Fingerspitzengefühl und zugespitzer Wortkunst immer nur ein Vorlauf. Erst im Dialog mit dem Parkett erweist sich, wie und ob Text, Timing und Pointen funktionieren. Erst im Zusammenspiel mit den Zuschauern ergeben sich - trotz Regisseur - der letzte Schliff. Das rechte Tempo. Übrigens braucht's von Abend zu Abend, von Ort zu Ort, von Publikum zu Publikum die neue Feineinstellung. Auch ein guter Grund, sich mal die Programme später ein zeites Mal anzusehen.

    Bei diesen Drei lohnte es sich allemal. Und besonders beim Sprachspieler Dieter Nuhr, der sich ohnehin durch Premiere und "Textblockade" nicht wirlklich aus der Ruhe bringen läßt. Auch im Seitenblick auf's Manuskript fällt der Improvisationsprofi nicht aus dem lässigen Plauderton. Beim Schnack über die Segnungen des Kommunikationszeitalters schaut "Nuhr nach vorn" und erkennt: Sprache ist zum Gedudel geworden und wird nur mehr als Geräusch ausgetauscht. Für ihn erst recht ein Grund, sie als Denkinstrument zu rehabilitieren, mit Worten flink und treffsicher Globalisierung und Technologie zu sezieren. Analog zu den modernen Denkmaschinen zieht er munter absurde Kurzschlüsse, ironisiert das Chaos überflüssiger Überinformation durch weltweite Vernetzung.

    Den Beweis führt der satirische Philosoph und philosophische Satiriker mit dem Kauf eines Laufschuhs. Dem "Schwarzen Loch" einer Handtasche, einem Symbol für die vergebliche Sinnsuche im Leben. Ebenso abgründig wie banal, der Schuh-Schluß. Am Bedeutungslosen mißt Nuhr mit Robert Musil das Bedeutende, das Wirkliche an der  Wirklichkeit. Nur gut, daß es Nuhr dabei die Sprache nicht ganz verschlägt.

    Um Worte verlegen ist auch Matthias Deutschmann nicht, selbst wenn ihm mal kurz der Text wegbleibt. Er hat's nicht leicht mit dem Jahrhundert von ungezählten Kriegen. "Einem Jahrhundert der Neurosen und Therapien." Der Epoche gewonnener sowie zerronnener Utopien. "Finalissimo" - endgültigst rechnet Deutschmann ab und erspart sich und uns nicht, die Finger in die Wunden der Vergangenheit zu bohren, mit seinem Lästermaul nachzulegen und wenn's ganz schlimm wird, einfach sein Cello zu streichen und singend Kästner und Tucholsky zu zitieren: "Küßt die Faschisten., wo ihr sie trefft..." Deutschmann erinnert in seiner Parforce-Tour hundert Jahre deutsche Geschichte und Gegenwart. Sarkastisch Worte wendend, spielt gescheit und niederträchtig die Siege gegen die Niederlagen aus. Egal ob es sich um Politik und Gesellschaftsleben handelt. Um Kabarett, Kunst oder Fußball. Der unerbittlich satirischer Chronist der deutschen Geisteshaltung und Volksverfassung schärft gerade an den kritischen Punkten seinen bösen Witz. 

    Der Witz von Dr. Moritz Schneider, Koryphäe für Schönheitschirurgie, ist ein komödiantischer. Im "Herrenabend", den insbesonders die Damen mit großem Vergnügen genießen, will Horst Schroth Antworten auf alle alten Fragen über die rätselhaften Frauen finden, die Männer schon seit tausend Jahren plagen. Naturgemäß findet er sie nicht. Männer und Frauen sind zu verschieden. "Sie verstehen sich einfach nicht." So sein entmutigend knappes Fazit. Desto besser verstehen beide Geschlechter im Parkett. Erkennen im Lachen abwechselnd eigene Fehler und die des andern. Denn Schroth schlägt mithilfe von Regisseur Ulrich Waller aus dem permanenten Krisen-Kreislauf von Mißverständnissen reichlich Wortwitz und Situationskomik. Der Kölner Kabarettist ist eben ein Kabarett-Komödiant par excellance.

    Für ein Jahreswende-Special gibt sich Schroth am 30./31. Dezember und 2./3. Januar 1999 ein Rendezvous mit Ulrich Tukur und seinen Rhythmus Boys zu einem kombinierten Kabarett- und Musikabend. Zuvor zeigt Matthias Beltz ab 2. Dezember sein Programm "Notschlachten" in den Kammerspielen. Dort will Direktor Ulrich Waller auch sein 13. Kabarett-Festival abhalten. Nach dem letzten wurde ihm von Kampnagel-Chef Res Bosshart überraschend "wegen zu geringer Einnahmen und Publikums-Rückgang" der Spielort in der Kulturfabrik aufgekündigt. 1999 findet nun das rennommierte Festival vom 25. Mai bis 20 Juni in den Räumen an der Hartungstraße statt. Das große Programm präsentiert im Wechsel von vier bis fünf Tagen große Namen wie Sigi Zimmerschied, Richard Rogler oder die "Missfits" mit einem neuen Stück. Im Logensaal der Kammerspiele werden die kleinen Gruppen und die Nachwuchsabende der "Gipfelstürmer" gezeigt.         

    Ein Kabarett-Festival der anderen "alternativen" Art fand Ende Oktober zum zweiten Mal im Hamburger Stadtteilzentrum Brakula am Bramfelder Dorfplatz statt: In der Slam Poetry-Revue spülte das "Rat Pack" der Hamburger Poetry-Szene das Wahljahr mit hochprozentiger Spontan-Literatur über den Tresen. Zum Dream-Team gehörten Tracy Splinter und Bud Rose, der Jazzpoet Chris Brown und Conny von Wahnwitz. Auf dem Brakula-Programm standen auch die "Liv Ulmann Show" und ein Cabaret-Comedy-Chanson-Mix mit Moritaten Küchenliedern, gesungen und gespielt von Christiane Pohle und Rainer Süßmilch. Die Magdeburger "Kugelblitze" feierten Hamburg-Pemiere mit "Strandgut oder: Das ganze Leben ist Titanic". Unter der Regie von Thorsten Sievert retten sich die Schriffbrüchigen Lars Johansen und Hans-Peter Maus auf eine Insel und bescheren dem eingeborenen Publikum eine saftige Polit-Satire.

    Hamburg-Premiere gab es auch im Kabarett Mon Marthe für "Ekstase"  - einen "Abend für Singles und solche die es mal waren oder bald wieder sein werden". Marthe Friedrichs holte Christoph Schmidtke erstmals vom Rhein an die Elbe. Helga Siebert gastiert vom 7. bis 12. Dezember   mit Programm-Highlights "Die Krönung" im Eppendorfer Brettel an der       Tarpenbekstraße. Am 22. und 23. Januar 1999 kommen die "Alstersirenen" mit dem Musikkabarett "Damenpoker". In den nächsten beiden Monaten gibt es dann Mon Marthe-Premieren mit neuen Stücken von Bernd Vogel und dem Berliner Jürgen Timm. Zumindest vom Wahlhamburger Vogel sind erste böse Ergebnisse der Zeitwende und Post-Kohl-Ära zu erwarten, eine humoristisch bittere Bilanz auf den Seiten von "Haben und nicht haben".

    Redaktion:Klaus Witzeling          

    1998-12-15 | Nr. 21 | Weitere Artikel von: Klaus Witzeling