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    Kabarettgeschichte(n)

    Unglaublich gewaltig! Unglaublich und gewaltig waren das Werk und der Humor von Karl Valentin. Die Gesamtausgabe Ton (Trikont ISBN 3-89898-300-5; 8 CD-Box mit ausführlichen Infos und Buch) mit sämtlichen Rundfunk- und Plattenaufnahmen von 1928 – 1947, sind ein gewaltiger editorischer Kraftakt und werden  dem großen Künstler gerecht. Er war Volkssänger, Autor, Komiker und Schauspieler, der die Absurdität seiner Szenen stets an der Realität ausrichtete. Die Doppelbödigkeit seiner anarchisch-bürgerlichen Situations - und Wortkomik erreichte immer wieder philosophische Dimensionen. Mit seinem wüsten Klamauk hat er Intellektuelle ebenso begeistert wie den kleinen Mann von der Straße. Doch er war ein schwieriger Mensch; Lisl Karlstadt, seine kongeniale Partnerin ist an der Zusammenarbeit mit ihm fast zerbrochen und er selbst hat es mit sich auch nicht leicht gehabt. Er hatte große Erfolge und war doch nach dem Krieg, am Ende seines Lebens, weitgehend ohne Arbeit und Einkommen. Dieser Künstler ist ein einzigartiges Phänomen, diese ausgezeichnete, materialreiche Einspielung seines Werkes ist höchst empfehlenswert.

    Bleiben wir in Bayern. Gerhard Polt hat Kabarettgeschichte(n) (hr audio Tel.: 069-155-4330; 2 CDs, 14 Tracks, 77:58 min + 26 Tracks, 56:36 min, Infos) geschrieben. Der hessische Rundfunk hat in einem Feature sein Leben und seine Karriere nachgezeichnet. Polt ist ein ungewöhnlicher Menschendarsteller. Sparsam, mit nur wenigen Worten und Gesten, zeichnet er einprägsam Figuren aus dem Leben auf die Bühne. Eigentlich ganz nette und harmlose Menschen, doch ihre Arglosigkeit verbirgt die Grausigkeiten der bayerischen Kleinbürger. Polt ist in München und im Marienwallfahrtsort Altötting groß geworden, da kann man das pralle Leben kennen lernen. Diese Kenntnis nutzte er schon bei seiner ersten größeren Arbeit für das Radio 1975, die auf der zweiten CD zu hören ist. Er schildert in rund 50 Figuren wie im vorolympischen München eine Straße auf edel umsaniert wurde und die alte Bevölkerung weichen mußte.  Ein Debüt, mit dem er seine darstellerische Vielseitigkeit und seinen kritischen Scharfsinn gleich eindrucksvoll unter Beweis stellte.

    Das Beste aus Ottis Schlachthof (WortArt 71261/ Lübbe Audio ISBN 3-7857-1261-8; live, 15 Tracks, 67:06 min) sind Häppchen, die ein wenig lieblos garniert wurden. Ottfried Fischer und hochkarätige Kollegen, die in der gleichnamigen Sendung des Bayrischen Rundfunks auftraten, wie Beltz, Grünwald, Fitz, Schroth, Nuhr, Astor, Evers u.a., sind mit Beiträgen vertreten, das Booklet stellt sie aber kaum vor. Die Häppchen selbst sind lecker und gut verdaulich.

     Hennes Bender gehört der Generation YPS (WortArt 71259 / Lübbe Audio ISBN 3-7857-1259-6; live, 21 Tracks, 59:28 min, Infos) an, was immer das bedeuten mag (YPS: Titel einer 2002 eingestellten Kinderzeitschrift, mit Höchstauflagen in den 80ern. Natürlich Kult!). Bei ihm hat der übermäßige Konsum dieser Hefte offenbar dazu geführt, daß er heute mit flottem, losem Mundwerk Comedy betreibt, anstatt einen ordentlichen Beruf auszuüben. Doch trotz  der vielen mißratenen Gimmicks macht er seine Sache gar nicht schlecht. Seine Späßken und Geschichten über Anrufbeantworter, Handys, 0190-Nummern, den Ruhrpott und YPS lassen sich hören.

    Wenn vier Herren Nachtschicht machen, dann kommt's bitterböse in Text & Musik (Mundraub 6009-2/Eichborn ISBN 3-8218-5502-9; 2 CDs, 10 Tracks, 63:26 min, live + 12 Tracks 38:59 min). Wo die Phrase und das Klischee dominieren da langt das Quartett aus Westfalen ordentlich zu: das therapeutisch getränkte Selbstmitleid, die Besserwisserei beim Heimspiel, Vertretergeschwätz am Tresen nach Feierabend. Das ist wunderbare Satire, treffsicher, böse, wie es sein muß. Die Lieder von Fritz Eckenga, Jürgen Friesenhahn, Peter Krettek und Ulrich Schlitzer erreichen dieses Niveau nicht, sie sind nicht schlecht aber sie zünden nicht so wie die Texte.

    Wenn Horst Evers im Nachtbus verschläft, Bov Bjerg am Fließband Schrott produziert und Manfred Maurerbrecher über Sex auf Baustellen singt, dann ziehen sie ihr Mittwochsfazit (Silberblick-Musik; live, 12 Tracks, 74:50 min). Diese gelungene Mischung aus Liedern, aktuellem Kabarett und kleiner Alltagsliteratur hat sich inzwischen zu einer festen Größe im Berliner Kleinkunstgeschehen und zum kulturellen Exportschlager der Stadt entwickelt. Die Tragik der Hochbegabten (Untertitel) ist erschütternd (für's Zwerchfell).

    Die "Reformbühne Heim und Welt" ist in Berlin eine ähnliche Veranstaltung, hier tritt Daniela Böhle mit ihren Geschichten auf, z.B. über Französisch-Buchholz (phonmedia ISBN 3-935813-06-6; 16 Tracks, 65:39 min, Infos). Sie ist eine Meisterin der kleinen, humorvollen literarischen Form. Acht hübsche kleine Geschichten aus dem Alltag, klug beobachtet und lakonisch erzählt – eine Freude sie zu hören. Fürs gefällige musikalische Zwischenspiel sorgen El Maariachi.

    Die Politik läuft aus dem Kurs und Arnulf Rating folgt ihr knapp daneben (con anima CA 26536 / ISBN 3-931265-36-6; live, 24 Tracks, 77:07 min). Seine irrwitzigen Programme geben dem Zeitgeschehen beredten Ausdruck und einen verrückten Anblick. Die Geschichten und Gedanken springen, die Szenen und Masken wechseln und alles kreist um den Zeitgeist, von dem schon Goethe wußte, daß er "der Herr(schenden)en eigener Geist" war. Die Pleite Berlins, der 11. September, die Wahlen, die Börsenkrise, der Krieg und die Tabaksteuer werden mit Psycho- und Juppiemacken zu einem bewußtseinerweiternden kabarettischen Rauscherlebnis verarbeitet.

    Wenn Frank Lüdecke seine Bilanz (con anima CA 26537 / ISBN 3-931265-37-4; live, 23 Tracks, 78:06 min) zieht, ist das weniger chaotisch und etwas spröder, aber auf seine eigene Art komisch, treffend und genau (und jetzt auch mit Musik). Ausgehend von seinem 40sten Geburtstag nimmt er uns auf eine sehr persönliche Zeitreise mit. Beginnend mit seiner Kindheit im (West-)Berlin der Sechziger skizziert er pointiert und originell wie sich die Zeiten, Menschen, Moden, die Musik und die Phrasen geändert haben. Keine Schenkelklopfer aber ein gutes Programm voller Intelligenz und präzisem Humor.

    Volker Pispers macht von 1982 ...bis neulich... (con anima CA 26539 / ISBN 3-931265-39-0; 2 CDs, live, 14 Tracks, 67:10 min + 8 Tracks, 7:7 min) Kabarett und hat sich in diesen zwanzig Jahren zu einem der besten politischen Kabarettisten in Deutschland entwickelt. Sein scharfsinniges und spitzzüngiges Wortkabarett setzt sich unterhaltsam mit den bestehenden Verhältnissen auseinander und analysiert Zustände, Politiker und uns Wahlvolk. Für viele ist er der, der endlich mal sagt, wie es ist. Die "aktuellen Klassiker" aus diesen zwanzig Jahren auf der Doppel-CD sind bestens ausgewählt, frech dargebracht und belegen sein außergewöhnliches Können.

     

    Jetzt aber Rhein – und wieder weg

    Der Rhein als trennender oder als verbindender Fluß zwischen den Nationen – das  war lange die Frage. Elsaß-Lothringen war lange eine umstrittene Region – heute gehen von hier Impulse zur Völkerfreundschaft aus. In diesem Sinne haben Manfred Pohlmann, Roger Siffer und Henri Muller ihrem gemeinsamen Programm den Namen Papa Rhein (M. Pohlmann Tel.: 02622-82015; 25 Tracks, 74:28 min) gegeben. Lieder von Elvis bis Degenhardt, Volkslieder und Eigenes wird in mehreren Sprachen (d, eng, frz, elsässisch, jiddisch) dargeboten. Eine friedliche, freundliche und unterhaltsame Wacht am Rhein.

    Für die Kinder von morgen (Jakobi Tel.: 0031-45-5245-867; 14 Tracks, 48:50 min) schreibt heute der in Holland wohnende Elsässer Robert Frank Jakobi seine Lieder. Früher hatte er einige Hits für Schlagersänger geschrieben, eine Herkunft, die man seinen Liedern anmerkt. Die Lieder haben vom Schlager die gewisse Romantik, die musikalische Eingängigkeit und vom Chanson die Ernsthaftigkeit des Anspruchs. Zwei Brel-Übertragungen runden die Scheibe ab, die von Heimatliebe und Vertrauen in die Jugend geprägt ist. Grenzenlos – Sans Frontieres (Jakobi Tel.: 0031-45-5245-867; 13 Tracks,43:10 min) heißt das letzte Projekt von Robert Frank Jakobi, mit dem Schüler und Jugendliche Toleranz, Freundschaft und Friedensliebe vermittelt bekommen sollen. Auch hier Brel, der Deserteur von Boris Vian und eine Adaption von Dominique (Sie erinnern sich?: die lächelnde Nonne; 1963), diese zweisprachige CD ist vor allem direkt der deutsch-französischen Freundschaft gewidmet. Beide CDs von Jakobi sind für ihr Anliegen ausgezeichnet worden.

    Ein Lothringer (Leico-records Tel.: 06887-2376; 17 Tracks, 57:46 min, Texte)  ist Marcel Adam und daher singt er seine (Pop-)Chansons auch überwiegend im Dialekt (aber auch frz.). Die Suche nach Menschlichkeit im Alltag durchzieht seine (z.T. auch religiös gefärbten) Lieder, die sich durch eine hohe musikalische Professionalität auszeichnen. Eine rundum schöne CD.

    Jetz ävver ran (WortArt 71303 / Lübbe Audio ISBN 3-7857-1303-7; live, 19 Tracks, 65:33 min, Texte) fordern uns Jürgen Becker & Klaus der Geiger mit dem Kunstsalon-Orchester auf. Salonmusik und Dönnickens und Lieder heißt das Erfolgsrezept dieser Kölner Veranstaltung. Klaus von Wrochem, alias Klaus der Geiger, ein bekannter Kölner Straßenmusiker und der Alternativkarnevalist Jürgen Becker gestalten einen richtig gemütlichen Abend. Übrigens lernen wir anderen, daß der Rhein eigentlich erst durch die Mosel so richtig zum Fluß wird.

    In der Schweiz ist der Rhein also eigentlich noch ein Rinnsal. Dafür ist es bei der Schweizer Formation B@ng aber auch nicht mehr so gemütlich. Die vier Schweizer Musiker kommen aus Zürich, singen aber auf ihrem Debütalbum in Berndeutsch, was zwar nicht sehr verständlich ist, sich aber gut anhört.  Mundartrock, den man gerne hört: Vermisse di (Zytglogge 4564; 12 Tracks, 52:49 min; Texte).

    Noch weniger gemütlich wird's bei Stiller Has. Diese schräge Zwei-Mann-Band um (den Musiker) Bats Nill und (den Texter und Sänger) Endo Anaconda (wie auch immer die beiden Herren richtig heißen), ergänzt öfter durch Gastmusiker, sind eine höchst außergewöhnliche Band. Ob hochdeutsch oder im Schweizer oder österreichischen Dialekt, die Texte sind von großer Eindringlichkeit, Assoziativkraft und Sprachwitz. Musikalisch minimalistisch aber ausgefuchst ist der stille Hase ein wilder Hase. Hier steppt der Bär, doch genug der tierischen Spielereien, Stelzen (Kain & Aber Records /EFA /Eichborn ISBN 3-0369-1401-3; 16 Tracks, 61:53 min, Texte) heißt ihre neue CD, die hier sehr empfohlen werden soll.

    Nicht durch den Rhein, aber durch Alster und Elbe ist Hamburg geprägt, das aber kräftig. Da entsteht Romantik, da entsteht eine eigene Regionalmentalität, die sich auch kulturell im Volk niederschlägt. Charly Wittong (1876-1943) war solch ein "Volkssänger", der mit seinen Liedern die Hamburger erfreute. Da er schon früh Aufnahmen machte ist es möglich ihn heute im Original auf CD zu hören: Fohr mi mol röber (Musik Antik Tel.: 04101-45324; 23 Tracks, 66:35 min, ausführliche Infos). Auf einiges sei hier verwiesen: Wie einer vom Coupletsänger mit Zylinder zum Volkssänger in Arbeiterkleidung wird, beschreibt das Booklet. Er singt zwei Lieder, bei denen sich ein Vergleich mit Hans Albers anbietet: die "Kedelklopper" singt er original mit einer Sprachspezialität, die die Arbeiter auf der Werft bei Blohm & Voss auszeichnete. Albers singt dagegen eine gefärbte Hochdeutschversion. Hingegen "Auf der Reeperbahn" bringt der gelernte Schauspieler Hanns Albers atmosphärisch dichter und verruchter rüber.  "Die schönste Stadt ist Hamburg", na wollen wir's mal glauben.

    Von Heinrich Köllisch (1857-1901), einem Kollegen von Wittong, gibt es keine Originalaufnahmen, so daß hier Heiner Dreckmann, Holger Voß (beide im Polizeichor Hamburg) und Erwin Petersen für Gesang und Musik verantwortlich zeichnen: To Pingst'n, ach, wie scheun (Musik Antik Tel.: 04101-406010; 18 Tracks, 51:58 min, Infos). Lesern, die, sagen wir mal, 250 km südlich der Küsten wohnen, sei diese CD nicht empfohlen, sie verstehen kein Wort, so platt ist das Deutsch. Wer selbst so platte Ohren hat, wird erstaunt sein wie aktuell manche Texte und Lieder wirken.

    Einen (Schellack-)Bummel durch das verklungene Hamburg kann man mit Arnold Risch (1890-1979), einem Schauspieler, Dichter und Musiker, unternehmen Und das freut ein' denn ja auch (Musik Antik Tel.: 04101-406010; 24 Tracks, 74:12 min, Infos). Ernst Busch, Maria Ney, Heidi Kabel u.a. begleiten uns auf diesem netten Bummel. Wenn Sie sich ein wenig für Hamburg erwärmen können, bummeln Sie mit.

     

    Deutsch zu sein...

    Einem der frühesten deutschen Dichter wandten sich 1980 Bärengässlin zu: Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230) (Pläne 88876; 10 Tracks, 34:42 min, Texte).    

    Die schöne Lyrik der niederen Minne, die politischen Texte über das Papsttum und Palästina, gesungen zu alter, adaptierter Musik werden kein Massenpublikum finden, sind aber für die Liebhabersammlung eine Bereicherung.

    ...wollte nicht der Frühling kommen? (Conträr Musik 2040-2; 14 Tracks, 29:57 min) fragt uns berechtigterweise der Berliner Kabarettist Lothar von Versen mit seinen Liedern von Erich Mühsam. Dieser von den Nazis grausam ermordete Schreiber, Bohemien, Anarchist und Politiker ist zu Unrecht vergessen. Einige Texte (es hätten ruhig mehr sein können) hat Lothar von Versen aus der Versenkung geholt und (etwas bieder) für Liedermacher vertont. Ein sensibler und frecher Dichter, dem man mehr Aufmerksamkeit gönnt, ist hier dankenswerterweise wieder vorgestellt worden.

    Dieter Süverkrüp hat auch vor Jahren ein Mühsam-Album herausgebracht, diese Lieder sind aber nicht in der höchst beachtenswerten CD-Box enthalten, die jetzt unter dem Titel: Süverkrüps Liederjahre (Conträr Musik 2075-2; 4 CDs, 71 Tracks insgesamt, ca.4:30 Stunden, ausführliches Beibuch) erschienen ist. Nur seine eigenen Lieder, aus über zwanzig Jahren politischer Singerei, sind auf den 4 CDs vertreten. Er war immer ein kritisch-ironisch auftretender Liedermacher, was ihm Zuhörer und Fans einbrachte weit über die DKP hinaus, der er lange angehörte. Anfang der Sechziger schrieb er die ersten Lieder gegen den kleinbürgerlichen Mief der Adenauerära, dann über den Vietnamkrieg, die APO, die Notstandsgesetze, später Streik- und Sozialismuslieder und den berühmten Baggerführer Willibald. Nur am Rande seien noch kurz erwähnt seine Aufnahmen mit Liedern der französischen Revolution, der 1848er Revolution, den Bellman- und besagten Mühsamliedern. Übrigens hat Süverkrüp auch ganz ausgezeichnet Gitarre spielen können, sehr jazzig. Diese umfangreiche und liebevolle Werkausgabe zeugt von verlegerischem Mut und dem Bemühen auch jenseits des Mainstreams künstlerische Seitenpfade nachvollziehbar und begehbar zu gestalten. Zu diesem Großprojekt  ist noch ein von Udo Achten herausgegebenes Buch erschienen, ebenfalls unter dem Titel Süverkrüps Liederjahre (Grupello ISBN 3-933749-88-3; 296 S.). Es ist gleichfalls sehr liebevoll gestaltet und mit vielen Graphiken Süverkrüps bereichert (er ist eigentlich von Beruf Graphiker). Hier sind die Liedertexte und Texte und Plaudereien dazu enthalten. Buch und CD-Box sind zwei eindrucksvolle Ehrungen für Dieter Süverkrüp, die große Aufmerksamkeit verdienen.

    Im anderen Deutschland, der DDR, hat über Jahrzehnte Barbara Thalheim gewirkt und hat heute noch (oder wieder) ihre Probleme damit Deutsch zu sein... (duo-phon-records 06083; 12 Tracks,12 Tracks, 66:35 min, live, Texte). Sie ist eine ebenso sensible wie talentierte Liedermacherin. Sie vermag es, ihre ganz persönlichen Zweifel, Träume und Hoffnungen in schöne Texte zu fassen, sie ist musikalisch vielseitig und eine gute Stimme hat sie auch. So ist eine sehr hörenswerte und schöne CD entstanden, die belegt, daß es jenseits der Spaßgesellschaft noch KünstlerInnen gibt, die sowohl ernsthaft wie unterhaltend sein können.

    Noch einmal zurück in die Vergangenheit. Als Helen Vita Mitte der Sechziger Freche Chansons aus dem alten Frankreich (Pool; 10 Tracks, 30:33 min) sang, zeigten sich gleich zwei deutsche Eigenschaften: Es gab diese elegante erotische Ausdrucksweise in Deutschland nicht und man reagierte erst mal verklemmt und empört. Zwar sind die Zeiten heute offener aber eine elegante erotische Sprache gibt es immer noch nicht. Da macht es immer wieder Freude, Helen Vita zu lauschen und dem Floh zu folgen.
    Evelyn Künneke und Helen Vita waren in ihren letzten Jahren Partnerinnen auf der Bühne; jetzt sind beide tot und von Frau Künneke sind ihre letzten Live-Aufnahmen erschienen: Das Leben ist ein Karussell (duo-phon-records 06023; live, 21 Tracks, 71:51 min, Infos). Man darf hier natürlich nicht mehr den allerhöchsten künstlerischen Ausdruck erwarten, aber die Aufnahmen haben ihren Charme. Wer die alte Dame in ihren späten Jahren noch gesehen hat, wird seine Freude haben, wenn sie die alten Lieder vom Vater, Brel oder Balz/Jary singt.

    Apropos Balz/Jary: Von dem Texter Bruno Balz gibt es unzählige bekannte (Film-) Songs, nur ihn selbst kennt kaum jemand. Als Schwuler war er im Nazideutschland ebenso Mitläufer wie (potentiell) Verfolgter und so etwas kann einen Seemann schon erschüttern, davon kann die Welt doch untergehen. Zarah Leander und Heinz Rühmann, um nur zwei zu nennen, haben mit seinen Liedern (Musik meistens Michael Jary) große Erfolge gefeiert. Davon geht die Welt nicht unter (duo-phon-records 05333; 22 Tracks, 66:31 min, Infos) enthält Originalaufnahmen berühmter Schauspieler, erschienen anläßlich des 100sten Geburtstags von Bruno Balz.

    Nicht nur Jede Frau hat ein Geheimnis (Musik Antik Tel.: 04101-45324; 22 Tracks, 63:18 min, Infos) auch von Hans Söhnker ist kaum bekannt wie viele Chansons er gesungen hat (übrigens auch von Bruno Balz). Hier wurde nun Abhilfe geschaffen. Es sind diese leichten/seichten Liedchen um Mädel und Liebe aus den Filmen der dreißiger Jahre, die er aber sehr achtbar darbietet.

    Die große Zeit des jüdischen Schauspielers und Kabarettisten Siegfried Arno waren in Deutschland die zwanziger und frühen dreißiger Jahre vor der Naziherrschaft. Da hat er als Komiker und Sänger im Film und auf der Bühne brilliert. Was kann der Sigismund dafür..., daß er Jude ist?  Alte Schellack-Aufnahmen von einem heute fast Unbekannten, unter dem Titel: Ich bin so scharf auf Erika! (Musik Antik Tel.: 04101-45324; 23 Tracks, 65:35 min, Infos).

    Als im Spätsommer 1928 das Theater am Schiffbauerdamm mit einem neuen Stück wieder eröffnet werden sollte, ahnte keiner welcher Welterfolg sich da anbahnte. Denn nicht nur das Stück war spannend, sondern auch Die Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper (duo-phon-records 07023; 25 Tracks, 79:47 min, ausführliches Booklet) war aufregend und ließ solch einen Erfolg nicht vermuten. Mit vielen Originalaufnahmen und hervorragenden Sprechern (J. Winter, Schoenfelder, Pigor, Eichhorn u.a.) wurde diese Entwicklung bis zur Premiere in einer sehr informativen Hörcollage nachvollzogen. Der Anteil von E. Hauptmann/Brecht/Weill am Entstehen des Stückes, die Atmosphäre in Berlin, die Arbeitsbedingungen und die Rivalitäten am Theater, all dies schildert die Collage plastisch. Sehr erhellend, sehr spannend, sehr gut gemacht!

    Ganz entscheidend für die Dreigroschenoper war eine Person und ein Song: Just Mackie Messer...und der Haifisch, der hat Zähne (EFA/2001; 19 tracks, 64:31 min). Wie es zu diesem Song kam, siehe oben, aber auf wie viele verschiedene Arten er interpretierbar ist, höre hier. Ernst Busch und Helge Schneider, Frank Sinatra und Hildegard Knef, Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, Kurt Geron und Bert Brecht, sie alle haben dieses Lied gesungen. Die Verselbstständigung eines Liedes als Welthit, eine spannende Perspektive.

    Da wir gerade Hildegard Knef hatten: ihre Schwester im Geiste Irmgard Knef alias Ulrich Michael Heissig ist ja nun nach Hildchens Tod Schwesterseelenallein (con anima CA 26538; 20 Tracks, 60:22 min). Das ist auch nicht so leicht! Aber Irmchen hat das bravourös gelöst. Sie hat eigene Texte geschrieben (die Musik haben verschiedene beigesteuert), die sich nicht auf Hilde beziehen, sondern den Blick auf die Stadt (Berlin) und die Menschen richtet. Das hat sie richtig gut gemacht! Aufmerksam, lebensnah, klug, da möchte man Irmchen loben und H. Heissig im Hintergrund danken.

    Aus fremden Landen...

    Carl Michael Bellman regt immer wieder einmal Künstler zu neuen Interpretationen an. Fiede Kay, friesischer Sänger und Kneipier, singt eine norddeutsche Version (Texte: Hein Hoop) der Episteln und Lieder des schwedischen Lebemanns.    "Brüder, es zieht ein Geruch über's Land" (Kay Tel.: 04671-2300; 11 Tracks, 44:06 min) klingt dadurch nicht wie feinsinnige Barockkunst, sondern wie bodenständige Volkskunst. Eine interessante Variante, in sich überzeugend aber erst einmal fremd.

    Holger Hoffmann singt Carl Michael Bellman (Hoffmann Tel.: 036374-28097; 12 Tracks, 47:28 min, Texte) wie er auf Jahrmärkten und in Kneipen vorgetragen werden kann. Auch er hat sich Bellman (von Jörg Hensel) neu übersetzen lassen. Seine Lieder (und das Booklet) sind aufwändiger produziert, Hoffmann betont den burlesken Charakter der Bellman'schen Lyrik. Eine mögliche und gelungene Interpretation!

    Wußten Sie wie gut polnisch gesungen klingt? Celina Muza, die auch schon CDs auf deutsch veröffentlich hat, klingt in ihrer Muttersprache noch besser. Richtig schöne Chansons sind auf Czueosc (duo-phon-records 01932; 11 Tracks, 44:36 min, polnische Texte) zu hören – nur leider versteht man nichts. Das Booklet ist da auch keine Hilfe, die deutschen Übersetzungen fehlen. Schade, es wäre zu schön gewesen.

    Misha Alexandrovich, der große Kantor und Tenor, der letztes Jahr in Deutschland  gestorben ist, ist hier mit jüdischen Gesängen zu hören. The tree of life (Pläne 88825; 11 Tracks, 75:45 min, Texte und  Infos) besticht durch die eindrucksvoll schöne Stimme, mit der Alexandrovich diese liturgischen Texte vorträgt. Die Aufnahmen wurden 1973 in Israel gemacht, wohin er aus der Sowjetunion emigrierte. Was immer Seele auch sein mag, hier schwingt sie mit.

    Klezmer, die Feier- und Tanzmusik der (ost-)europäischen Juden, hat bei uns in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnnen. Sowohl in Konzertsälen als auch auf Festen sind Traditionelles, neue Kompositionen und Adaptionen anderer Musikstile zu hören.

    Die Tacheles Klezmer Company, hat sich dieser Musik angenommen und sie mit eigenen Akzenten versehen. Durch den Einsatz von Blechinstrumenten, Akkordeon, und Schlagzeug (Klarinette selbstverständlich) haben die Arrangements des Quintetts auf ihrer Debüt-CD "Balkan Reggae" (Raumer Records 14601, 11 Tracks, 52:15 min) einen ganz speziellen, rhythmischen Klang.

    Das Swing & Klezmer Trio Köln spielt schon seit einigen Jahren zusammen und verfügt daher über ein breites Repertoire. Mit Baß, Gitarre und Klarinette sind sie sparsam ausstattet. Sie präsentieren auf ihren beiden CDs " Ballroom" (Tel.: 02235-430490; 18 Tracks, 56:11 min) und "Radio TOV" (Tel.: 02235-430490; 13 Tracks, 57:24 min) eher ruhige und sehr melodische Töne.

    Eine mörderische, umstrittene aber schöne Musik ist auf der CD "Omerta, Onuri e Sangu" (PIAS ; 22 Tracks, 60:55 min, Texte) zu hören: Musik der Mafia. (Volks-)Lieder voller Legenden, Frömmigkeit, Melancholie, Brutalität und Selbstlügen sind zu hören und, man kann es nicht leugnen, zu genießen. Soll man dergleichen veröffentlichen? Die Diskussionen waren/sind darüber heftig, dies ist aber schon die zweite CD davon, denn auch der Erfolg war beträchtlich.

    Sing something simple (duo-phon-records 06053; 16 Tracks, 48:29 min, Infos) lautet dagegen das deutlich freundlichere Motto von Hudson Shad. Die fünf Herren aus  New York sind ausgebildete Opernsänger und mit ihrem Pianisten seit dem Comedian-Harmonists-Programm vor einigen Jahren auch in Deutschland höchst erfolgreich. Vom Wiegenlied bis zum Banana Boat Song reicht die Spanne auf ihrer neuen CD, es ist für jeden was dabei.  

     

    2003-03-15 | Nr. 38 |