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    Kritik: Marc-Uwe Kling im Mehringhof-Theater


    An diesem Abend wundert man sich heftig. Man ist mit relativ geringen Erwartungen zu einem jungen, vielgelobten Künstler ins Mehringhof-Theater gekommen. Dann sitzt man in einem Publikum, dessen Mitglieder ihren dreißigsten Geburtstag größtenteils noch vor sich haben. Das ist selten, wenn einer als „Kabarettist“ gehandelt wird, und nicht als „Comedian“. Richtig die Augen – und die Ohren – reibt man sich aber etwa eineinhalb Stunden später. Einmal, weil der ganze Raum singt. Vor allem aber, weil er singt: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“. Und zwar nur halb im Jux. Halb ist auch eine ganz echte, ganz politisch gefärbte Ernüchterung über die Zustände in Deutschland ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende zu spüren.

    Der Mann, der diese hedonistische Spontanpolitisierung der Generation Praktikum zustande bringt, heißt Marc-Uwe Kling, ist 26 Jahre alt und studiert neben seiner Karriere als Kabarettist Theaterwissenschaften und Philosophie in Berlin. Wenn er mit seinem schwarzen Hut, dem hübschen Gesicht und der irgendwie romantisch-altertümlich wirkenden Kombination aus weißem Hemd und schwarzem Jackett auf der Bühne steht, erinnert er – je nach Lichteinfall – an den britischen Musiker Pete Doherty oder an den jungen Harald Juhnke. „Die Känguru-Chroniken“ heißt sein zweites Programm. Darin singt Kling wechselweise lustige, mehr oder weniger politische Lieder. Und er liest Stücke aus seinem neuen, im April erscheinenden Buch mit dem gleichen Titel. Die dort versammelten Kurzgeschichten handeln von seinem fiktiven Mitbewohner: einem ziemlich dreisten, kommunistischen Känguru, das sich gerne betrinkt. Die Geschichten sind skurril, witzig und pointensicher vorgetragen. In diesen Lesenummern erinnert Marc-Uwe Kling deutlich an Fil, einen anderen Star der Mehringhof-Bühne.

    Noch hat Kling aber nicht Fils kamikazehaften Hang zur Selbstvergessenheit, die den Künstler in einen immer absurderen, oft genialen Assoziationswirbel strudeln lässt. Vor allem aber fehlt Kling eine stilsichere Regie, die ihm hilft, sein großes Talent auf einen eigenen, unverwechselbaren Ton zu reduzieren. So schwankt er gelegentlich noch etwas unsicher zwischen einer ziemlich weicheiigen Schlunzigkeit beim Singen – eine Haltung, die etwa Olaf Schubert wesentlich konsequenter beherrscht – und eben Fils unerschrockener Coolness. Eindeutig ist aber, dass Kling eines der größten Talente seiner Generation in Deutschland ist. Und im Gegensatz zu all den anderen gutaussehenden, bühnenpräsenten Männern seiner Art hat er ein ganz wesentliches Alleinstellungsmerkmal: eine politische Haltung, die er völlig unverschnarcht und ziemlich sexy an die jüngeren Zuschauer weiterzugeben versteht.

    Redaktion: Susann Sitzler 
     

    2009-03-15 | Nr. 62 | Weitere Artikel von: Susann Sitzler