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    Kunstvoll und leicht verdaulich – Die Trends des neuen Jahrzehnts


    Auch im Jahr 2010 werden wir beobachten können, wie sich einige Trends in der Musikszene fortsetzen: Die längst vergessenen „Beat“-Gruppen formieren sich weiterhin neu, Bands tun sich zusammen, um an die Erfolge alter Tage anzuknüpfen. Oldies but Goldies. Zudem nehmen die Kostümschlachten zu. Altbewährte Musicals werden weiter gespielt, viele neue kommen dazu, vor allem solche über historische Begebenheiten oder kulturelle Kultfiguren. Das bringt eine enorme Vielfalt in die Musikwelt, in der sich allerdings das Hochklassige immer mehr der „leichten Muse“ beugen muss. Angestrengtes Hören auf spannende Jazzparaphrasen weicht dem Nebenher – Mithören von Musik, die leicht ins Ohr geht. Trotzdem gibt es Musiker – Gott sei Dank –, die immer noch gegen den Trend arbeiten oder sich gar der Quadratur des Kreises nähern, indem sie Kunstvolles so aufbereiten, dass es trotzdem leicht verdaulich ist.

    Von all dem möchte ich berichten.

    Im Hohen Norden Deutschlands wird derzeit ein Musical vom Publikum umjubelt, in dem es um eine wahre Kultfigur geht: Scheißwetter. Zwei Männer sitzen am Deich. Ein Sturm zieht auf. Möwengeschrei. Eine Beerdigungsgesellschaft betritt die Szene. Es erklingt „Knockin’ On Heaven’s Door“. Mit dieser Beschwörung beginnt META, NORDDEICH, eine tiefe Verneigung vor Meta Rogall und ihrem Musikclub „Haus Waterkant“, vom dem aus in den 60er- und 70er-Jahren der Duft von Sex, Drugs & Rock’n’Roll durch Ostfriesland wehte. Alle kannten Meta, die Mutter Courage der ostfriesischen Rockgeschichte, die das Bier im Kinderwagen durch die Kneipe schob. Und die die Besucher ermahnte: „Nicht kleckern, is alles neu, nicht!“. Sie nahm keinen Eintritt. Aber wer nichts trank, flog raus! Die Scorpions, Otto Waalkes und Howard Carpendale gaben sich hier die Klinke in die Hand. „Komm, wir geh’n zu Meta“ war ein geflügeltes Wort unter Jugendlichen und Junggebliebenen. Für alle anderen war der „Hottentottenschuppen“ ein rotes Tuch ... und all die Jugendlichen, die Samstagabend ab halb elf von wo auch immer per Anhalter fuhren, wollten zu Meta. Da musste keiner fragen.

    Der Versuch, das „Haus Waterkant“ wegen Drogen dauerhaft zu schließen, wurde erfolgreich von einer Gegendemonstration verhindert, an der Tausende von Menschen aus Niedersachen, Hamburg, Bremen und NRW teilnahmen.

    Und dann war da noch der Papagei. Der trank Cola und nahm einmal pro Abend ein Schnapsglas in die Krallen und kippte einen Doppelkorn in sich hinein. Das habe ich übrigens alles mit eigenen Augen gesehen und erlebt.

    Papagei und Meta sind beide tot. In Metas Sterbeszene singen die beiden im Duett „Dat du mien leevsten büst“, bevor Meta in einen Strandkorb gelegt wird und mitsamt diesem zu „Stairway to Heaven“ in den Bühnenhimmel entschwebt. Das Publikum ist begeistert, wegen der Livemusik auch und wegen der grandiosen Leistung von Angelika Bartsch, die die resolute Meta, die blonde Ostfriesin, die immer Hochsteckfrisur und Minirock trug, äußerst glaubwürdig verkörpert. Dank an den Autor Peter Schanz.

    Mein Tipp: Nix wie hin in die Vorstellungen. Und falls ihr mal nach Norddeich kommt: Das Haus Waterkant gibt es als „Metas Musikladen“ immer noch. Metas Sohn Sven führt die Kneipe weiter, innen hat sich nichts verändert. Die komplette Einrichtung ist so, wie Meta sie verlassen hat.

    Eine ebenso interessante wie spannende Musikfrau ist Etta Scollo. Vor Jahren lag die noch unfertige erste CD der Sängerin auf meinem Schreibtisch und ließ beim Hören erahnen, dass die Musik dieser Italienerin eine große Zukunft hat.

    1983 gewann sie den ersten Preis des „Diano Marina-Jazz Festivals“. Zwischen 1983 und 1987 arbeitete sie, sowohl bei Schallplattenaufnahmen als auch bei Konzerten, mit Künstlern wie dem Saxofonisten Eddie Lockjaw Davis, Sunnyland Slim und Champion Jack Dupree. Dazu kamen Gesangslehrgänge mit Künstlern wie Bobby McFerrin und Sheila Jordan.
    Aus zufälligen Begegnungen mit Produzenten der Popszene entstanden eine musikalische Zusammenarbeit und die Aufnahme des Titels „Oh Darling“ von Paul McCartney, welche von Etta auf Italienisch neu bearbeitet wurde. Sofort schoss dieses Stück auf Platz eins der österreichischen Hitparade. Von da an ging es nur noch bergauf. Heute ist sie eine der beliebtesten italienischen Künstlerinnen in Deutschland.

    Etta Scollos musikalisches Programm vereint sizilianische Tradition, Pop-Avantgarde und Jazzeinflüsse. Sie lebt in Berlin und Sizilien, spielt auf der einen Seite Musiken ein, die mit den Tönen, die es gibt, sehr experimentell umgehen. Andererseits widmet sie sich der Erforschung traditioneller Musik. Dieser weite Bogen macht auch ihre Konzerte spannend. So unbeschreiblich wie ihre Stimme ist die Bühnenpräsenz dieser Frau. Der Authentizität und dem musikalischen Ausdruck der Scollo wird sich kaum ein Zuhörer entziehen können.

    In der Tat ist es fast ausnahmslos so, dass gesungene Musik ihren besonderen musikalischen Geschmack und ihre Aussagekraft erst durch den Interpreten bekommt – oder die Interpretin. Eine solche ist Heidi Mainzer, Frontfrau des Trios Refugeez. 2006 tat sie sich mit dem Gitarristen Ulli Herrschbach zusammen, um „Musik jenseits des Gewöhnlichen“ auf die Bühnen zu bringen. Jazzstandards und eigene Werke ließen schon damals die ersten Kritiker staunen. Seit zwei Jahren ist der grandios aufspielende Bassist Thomas Schäfer mit von der Partie. Der gelernte Jazzer ist einer von drei i-Tüpfelchen des Trios. Und zugleich derjenige, der zum federführenden Arrangeur avanciert ist.

    Zum Schluss nach all den weiblichen Interpreten noch ein Hinweis auf einen außergewöhnlichen Musiker. Chris Kramer ist am Samstag, den 12.12.09, mit dem Deutschen Rock und Pop Preis 2009 in gleich fünf Kategorien ausgezeichnet worden: als „Bester Instrumentalsolist“, für „Bestes Arrangement“, als „Bester Rhythm & Blues Sänger“, für das „Beste Rhythm & Blues Album“ und als Interpret für „Bestes Blasinstrument“.

    Chris Kramer steht seit 20 Jahren auf der Bühne. Er ist ein wahrer Weltmeister auf der Mundharmonika, begleitet sich dabei wahlweise auf der Dobro oder Gitarre. Gespielt hat er mit Bands wie Whitesnake, den Blues Brothers, sowie Woodstock-Legenden wie Canned Heat und Alvin Lee. Seine CDs produziert er mit Hochkarätern wie der Cream-Legende Jack Bruce, Helge Schneider, Pete York, Bernhard Allison und dem kürzlich verstorbene Long John Baldry. Allein an diese Namen lässt sich erkennen, wie tief verwurzelt und anerkannt Chris Kramer in der Szene ist. Seine Virtuosität auf der mouth-harp, seine musikalische Leidenschaft und sein Ziel, dem Publikum immer wieder ein Konzert zu schenken, das aus den Ohren nie mehr rausgeht, zeichnen Kramer aus. Er ist der deutsche Bluesman, der Kunst, Können und Charisma miteinander verbindet, und er hat den Rock und Pop Preis 2009 wirklich verdient. Chapeau dafür.

    So, das war’s für heute.

    Bis demnäx

    euer Bernhard Wibben

    2010-03-15 | Nr. 66 | Weitere Artikel von: Bernhard Wibben