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    Lob der Provinz

    Natürlich haben die Kabaretts im Osten zu wirtschaften gelernt. Die Subventionen nehmen ab, oft gibt es nur noch Zuschüsse für Projekte. Die Buchhalter der Satirefirmen rechnen mit spitzem Stift und greifen zuweilen direkt in künstlerische Belange ein. Man hält das Geld zusammen. Am besten fahren diejenigen, die mit den öffentlichen Geldern gar nicht erst rechnen. Wie die Magdeburger Zwickmühle, die ohne Zuschuss auskommt. Und dennoch ist sie außerordentlich erfolgreich, denn ihre Vorstellungen sind oft bereits zwei Monate im Voraus ausverkauft.

    Gleich nebenan, in Halle, bei den Kiebitzensteinern, sieht das ganz anders aus. Vor rund fünf Jahren stand das Ensemble noch auf der Gehaltsliste der Stadt. Der Veranstalter Ulf Herden hatte sich dann um die Leitung des privatisierten Kabaretts bemüht. Ein Ensemble brachte er aber nicht zusammen. Er engagierte Autoren und Kabarettisten, die ihre Arbeit einfach als Nebenjob betrachten mussten. Viele Besucher kamen nicht, um die Finanzen stand es somit nie so richtig gut. Und als die Stadt Ende letzten Jahres beschloss, sie werde ab dem zweiten Halbjahr 2006 ihre Zahlungen einstellen, löste zum gleichen Termin der Geschäftsführer die gemeinnützige GmbH auf. Danach wollen die Kiebitzensteiner ihre Arbeit als GbR ohne Ensemble wieder aufnehmen. Mit Lothar Bölck als Mime und künstlerischem Leiter.

    Kein gutes Beispiel, wenn man der Provinz ein Lob aussprechen will.

    Dafür gibt es aber allen Grund in Erfurt und in Chemnitz. Sowohl die Arche als auch das Chemnitzer Kabarett zielen seit langem nicht mehr auf große Gastspielreisen ab. Auch nicht auf Medienpräsenz. Sie bespielen halt ihre Stadt, und das außerordentlich erfolgreich. Beide haben einen Repertoire-Spielplan, der für jeden Brettl-Geschmack etwas bietet. Die Erfurter haben mit ihrem ebenso spielerischen wie politischen Kabarett der unterhaltsamen Art eine Auslastung von mehr als 90 % erreicht. Ganz so viel ist es beim Chemnitzer Kabarett nicht. Zweifelsohne sind die Lieblinge der Kabarettfreunde Gerd Ulbricht und Andreas Zweigler, die mit ihrem Duo-Abend „Das kleinere Übel“ temporeiches, politisches Conférence-Kabarett zeigen. Da bleibt kein Auge trocken, und die Wut der beiden Kabarettisten spürt man auch sehr deutlich.

    Aus Leipzig ist noch eine Premiere aus dem September vom Kabarett-Theater Sanftwut nachzutragen. Der Abend der sanft Wütigen heißt „Auf, auf zum fröhlichen Klagen“. Er fängt wirklich reizvoll an, kommt aber dann, vor allem im zweiten Teil, nicht so richtig auf Touren. Schade, das Thema Klagen hatte so viele Hoffnungen geweckt.

    Nachzutragen sind auch noch die Premieren von Lothar Bölck und Hans Günther Pölitz. Wie in Trottoir 2 /2005 bereits berichtet, hatten sich beide bei der Magdeburger Zwickmühle getrennt. Nun wartete jeder mit einem eigenen Programm auf. „Bölck gibt Stoff“ ist ein leichter und temporeicher Talk zu politischen Themen aus der Republik und darüber hinaus. Zwischen Kalauer und Kernsatz will sich Bölck dabei bewegen, wobei das lockere Wortspiel aber dominiert. Man erlebt eine Conférence, bei der Bölck die Figuren wechselt, aber weniger spielt als an der Moderation festhält.

    Pölitz steht nunmehr bei seiner Magdeburger Zwickmühle mit Marion Bach auf der Bühne. Und man erlebt bewährtes, politisches Zwickmühlenkabarett. Die beiden machen „Ab und Zu Stimmung“, ein Blick auf die Wahl und deren Folgen. Beide entwickeln ihre Themen über Missverständnisse mit diebischer Freude an ständiger Frotzelei. Auch Bach/Pölitz stehen der Conférence näher als dem Nummernspiel, musikalisch und mit ihrem treibenden Spiel sind sie überzeugend.

    Bei der Leipziger Pfeffermühle steht ein Umzug bevor. Die Stadt hat zugunsten des im gleichen Haus untergebrachten Bach-Archivs dem Kabarett den Mietvertrag per Anfang 2007 gekündigt. Die Vertragspartner suchen nun nach einer neuen Spielstätte.

    Die Lachmesse hat den Preisträger 2006 gekürt. Es ist das Duo Schwarze Grütze aus Potsdam. Stefan Glucke und Dirk Pursche gehören als Mittdreißiger zu den jüngsten Lachmessepreisträgern. Eine neue Generation rückt nach, mit spielerischer Leichtigkeit bei Wort und Ton, Spaß an schwarzen Geschichten, nicht selten mit politisch-satirischem Hintergrund, bezwingendem Witz und einer Show, der man sich einfach nicht entziehen kann.

    Zum Schluss noch ein paar Worte zur Berliner Distel. „Zwischen den Polen“ heißt ihr neues Programm und es ist zweifellos das beste der letzen Jahre. Das Textbuch stammt von Frank Lüdecke, der eine wunderbare Spielsituation geschaffen hat. Vor einer Party trifft ein neureiches Ehepaar aus dem Osten auf einen eher ärmlichen Mitarbeiter einer Catering-Firma aus dem Westen. Nachdem alle Gäste abgesagt haben, lernen sich die drei genauer kennen. Wechselweise verbünden sich immer zwei gegen einen, wobei verblüffende Konstellationen entstehen, die spielerisch grandios umgesetzt werden. Ensemble-Kabarett, das auf mehr Appetit macht.

     

    Premieren:

    16.03. Chemnitzer Kabarett: „Ritter der Schwafelrunde“

    19.03. academixer: „Gefeiert wird später“

    01.04. Die Arche: „Wir machen’s selber“

    2006-03-15 | Nr. 50 |