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    Mit alten Schlagern in die Gegenwart

    Robert Kreis, Charla Drops & Luna Luder in der neuesten Friedrichsbau-Produktion

    Robert Kreis, der im vergangenen Sommer sein 25-jähriges Jubiläum auf deutschsprachigen Bühnen im Friedrichsbauvarieté in Stuttgart feierte, ist zur Freude seiner Fans wieder einmal „nur“ Conferencier eines Varietéprogramms. Ein Heimspiel sozusagen, ein Dank an das Publikum, wie er selber sagt. Wenige Tage vor der hier besprochenen Premiere konnte Kreis zusammen mit vielen namhaften Kollegen im Rahmen einer Kabarett-Gala Gerhard Woyda zum 80. Geburtstag gratulieren. Woyda hat 45 Jahre lang das von ihm gegründete Stuttgarter Renitenztheater geleitet (Trottoir 46, Seite 25) und, neben dem Süddeutschen Rundfunk und seinem langjährigen, unvergessenen Unterhaltungschef Manfred Adelmann, der ebenfalls an der Geburtstags-Gala teilnahm, dazu beigetragen, dass sich Kreis in die Herzen der Stuttgarter steppen und singen konnte, noch bevor es den neuen Friedrichsbau gab.

    Das Frauenduo Charla Drops & Luna Luder – das in Berlin 14 Jahre lang das inzwischen legendäre Theater Unart am Moritzplatz in Kreuzberg betrieb, bis es nach der Wende vom unerschwinglich gewordenen Mietpreis nach Köln vertrieben wurde – kommt fast ohne Sprache aus und arbeitet auf einer emotional völlig anderen, im Grunde gegenläufigen Schiene zu Kreis.

    Eva Hass alias Luna Luder und Charla Drops haben zu ihrem ersten Varieté-Engagement dem Zeitgeist entsprechend vor allem Solo-Nummern mitgebracht. Eva Hass mimt eine grotesk-komische Hula-Hoop-Künstlerin, Charla Drops zur Eröffnung der Show einen krähenden Hahn, der starke Assoziationen zu dem bekannten brüllenden Film-Vorspann-Löwen weckt, und später eine Puppe, die ihrer Geschenkpackung entsteigt. Und obwohl es sich dabei um in sich geschlossene Einzelnummern handelt, bilden Charla Drops & Luna Luder doch, wie schon geschildert, einen durchgehenden Gegenpol zu Robert Kreis, der dem bisher bescheiden, aber vorzüglich von der Seite her begleitenden Friedrichsbauorchester diesmal Show-Orchester-Qualitäten abverlangt. Und setzt dazu folgende Herren auf die Bühne und ins rechte Licht: Michael Stauss, Piano und Keyboard, Jürgen Häußler, Saxofon, Flöte und Klarinette, Marc Hirte, Gitarre, Hans-Joachim Weiß, Bass und Rainer Kunert, Schlagzeug und musikalische Leitung. Nur während der leider auf nur einen Titel beschränkten Hommage an den Wiener Klavierhumoristen Hermann Leopoldi begleitet Kreis sich selber am Flügel, wobei er das Original an raffinierter Ausdruckskunst vermutlich noch übertrifft, wenn ich die Aufnahmen und Mitschnitte Leopoldis noch richtig im Ohr habe.

    Es mag ja Zufall sein, aber auch die vier engagierten, jungen, durchweg sehr leistungsstarken Solo-Artisten nehmen thematisch aufeinander Bezug. Vor der Pause zelebrieren Lajos Nereus mit bis zu 5 Keulen, 7 Bällen und 10 Ringen und seine Lebenspartnerin Kathy Donnert als Antipodistin die hohe Kunst der Jonglage. Wenn Lajos – für das Publikum bis auf die gelegentlich erscheinenden Arme unsichtbar unter der Trinka liegend – seiner Kathy die großen Bälle zuwirft, so ist das eine kleine Überraschung am Rande, aber eine, die viel Atmosphäre schafft. Nach der Pause ist dann der Luftraum über den Köpfen der Zuschauer das verbindende Thema, denn Luftnummern finden im Friedrichsbau immer unter der Kuppel in der Saalmitte statt. Mara Bittmann, Absolventin der staatlichen Berliner Artistenschule und Preisträgerin beim „Cirque de Demain“ in Paris, gestaltet eher klassisch-elegante Bilder am Trapez, während Rustam aus Weißrussland ungestüm und leidenschaftlich, manchmal mit weit ausholenden Schwüngen den gesamten Luftraum erobernd, an den Strapaten arbeitet. Ich bin gespannt, in welchem großen Circusprogramm wir ihn zuerst wiedersehen werden; ihn aber im Friedrichsbau nicht nur gesehen, sondern auch die von ihm bewegte Luft buchstäblich hautnah gespürt zu haben, prägt sich dem Gedächtnis sicherlich stärker ein.

    Gäbe es derzeit einen Preis für das innovativste deutsche Varieté zu vergeben, so würde dieser nach „Paris-Berlin-Amsterdam“ ziemlich sicher auf den Friedrichsbau entfallen. Auch das vorhergehende Programm „Volldampf voraus“ (Trottoir 46/2005) hätte in seiner Premierenversion solchen Ansprüchen genügt. Dass Johannes Warth, an dem der Großteil der Programmidee hing, nicht ganz bis zum Ende der Laufzeit zur Verfügung stand, war in allen Ankündigungen des Hauses zwar korrekt angegeben. Martin Quilitz brachte aber mit Yvonne Hotz als verbliebener Frau von Klemmt keine gleichrangige Idee mehr auf die Beine. Und so störte es weiter nicht, dass auch die begeisternde Rhönradnummer Konstantin Mouravievs und die beiden Schwestern Vanessa und Jaqueline Alvarez vorzeitig zum Circus Roncalli abberufen wurden. Mit dem Crazy-Horse-erfahrenen Comedy-Zauberer Gaetan Bloom, der starken Solo-Äquilibristik von Alexander Charkov, den Kaskadeuren Duo Flash und einem Zweitauftritt von Diabolo-Jongleur Martin Mall (gleich zu Programmbeginn als Cellist in einem klassischen Streichtrio, der ganz allmählich mit dem Geigenbogen und einem Ball zu jonglieren zu beginnt), gab es ein fast komplett neues Programm unter dem alten Titel. Nur das vorzügliche Strapaten-Duo Valery war auch noch geblieben. Und obwohl sich dieses reine Nummernprogramm durchaus sehen lassen konnte, wäre es doch wünschenswert, wenn sich derartige vermeidbare Casting-Varianten nicht wiederholten.

    Redaktion: Manfred Hilsenbeck

    2005-06-15 | Nr. 47 | Weitere Artikel von: Manfred Hilsenbeck