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    Mutters Zungenkuss

    Die Mannheimer Klapsmühl’ feiert 25. Geburtstag und die Truppe dahinter, eine der dienstältesten Deutschlands, das Kabarett Dusche, gerät in die Zone jenseits der Dreißig. Die Dusche bespielt das eigene Haus an gut 170 Tagen im Jahr selbst, den Rest (240 Programmtage) bestreiten Gastkünstler. Über 4.050 Auftritte mit mehr als 520.000 Besuchern hat das Ensemble so seit 1977 auf dem Buckel, und gastierte, neben Fernseh- und Rundfunkauftritten, in über 100 Städten Deutschlands. Klaus-Jürgen Hoffmann und Wolfgang Schmitter gründeten 1976 eine freie Truppe, die bald neun Köpfe mit Band zählte. „Undenkbar ist das heute“, sagt Schmitter. Drei Akteure sind sie noch: Wolfgang Schmitter, Hans Georg Sütsch, seit 1986 im Ensemble, und Josefin Lössl, seit neun Jahren dabei und damit die dienstälteste Frau der Dusche. Gründervater Klaus-Jürgen Hoffmann ist aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr aktiv. Früher gab es noch den Musiker Uli Preis, aber fünf Leute kann das Theater mit seinen 145 Plätzen nicht ernähren. Zu 80 Prozent finanziert sich das Ensemble durch Eintrittsgelder. Stadt und Land fördern etwa 20 Prozent des Etats.

     Andreas KlaueIm Mai 1977 spielte die Dusche ihre erste Produktion, den Überraschungserfolg „1990, was nun?“. Alle Vorstellungen, damals im Haus der Jugend in C 2, waren ausverkauft. Die Zeit des deutschen Herbstes war eine stark politisierte Zeit. Die Amateurtruppe mit Lust auf rein politisches Kabarett blieb bis zum fünften Programm auf der Bühne im C 2, verkleinerte und professionalisierte sich 1981 mit Rainer Krönert und erhielt prompt den damals erstmals vergebenen Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg. Eine Tournee mit 140 Auftritten durch 60 Städte folgte, bei der die Dusche „andauernd dem Rogler begegnete, der damals mit dem Programm ‚Der wahre Anton‘ unterwegs war“, lacht Schmitter. 1982 eröffnete das Ensemble die Klapsmühl’ als eigenes Haus, das seitdem auch jenseits der Bühne auf Trab hält, denn jeder und jede muss hier alles können und machen. In den Neunzigern gab es Phasen, wo die Klapsmühl’ jeden Abend ausverkauft war. Da bescherte der Studententarif am Donnerstag ein rappelvolles Haus, bis sich diese Szene radikal entpolitisierte. 1994 lagerte man Vorstellungen aus, weil die so beliebt waren, dass das Ensemble sich im eigenen Haus hätte halbtot spielen müssen, um die Nachfrage zu befriedigen. In der Mannheimer Feuerwache konnte die Dusche zwar 300 Leute auf einen Streich bedienen, aber das gab man gerne auf. Im eigenen Haus so nahen Kontakt zum Publikum zu haben, empfand die Dusche als Privileg.

    Inzwischen gibt es in Mannheim viele Kleinkunstbühnen, und Veranstaltungshäuser wie das Capitol bieten Kabarett und Kleinkunst für 1.000 Besucher an. Sucht einer wie Bülent Ceylan eine Spielstätte, kann die Klapsmühl’ nicht mehr mithalten, obwohl auch Bülent hier einmal angefangen hat. Doch die Klapsmühl’ hat ihr Publikum, ein zum Teil auffallend junges. Weitermachen wie bisher lautet also die Devise – eine Kabarettproduktion zum Oktober und eine Sommerproduktion, zum Beispiel mit Best-of-Klassikern wie Heinz Erhard, Karl Valentin und Loriot. Schmitters Lieblingsprogramm ist das 19: „Haben oder Schein“ von 1991. Zu den durchnummerierten Kabarett-Programmen kamen seit 1982 weitere 28 Sonderproduktionen. Das erste Loriot-Programm brachte man 1999 heraus. 150-mal lief von 1987 bis 1990 Woody Allens Komödie „Spiels noch mal Sam“ vor meist ausverkauftem Haus. Heuer läuft die Sommerkomödie „Das verflixte Jahr“ wie geschmiert. 13 Programme hat Wolfgang Marshall seit 1988 für die Truppe geschrieben. Beim 35. Programm ist Marshall wieder als Autor eingestiegen. Seit 1999 schreiben Volkmar Staub, Frederic Hormuth und Hubert Burghardt.

    35 Programme wird die Truppe in der Besetzung wohl nicht mehr auf die Beine stellen. „Wenn aber doch“, so Hans Georg Sütsch augenzwinkernd, „dann würde ich das nicht mehr auf die Verpackung schreiben“. Mit dem aktuellen 35. – „Schlanker Staat und dicke Bürger“ – will man in der Region gastieren. Fünf Wortspiele und Songs gliedern den regional- bis weltpolitisch motivierten Episodenreigen, der ergründet, warum „asiatische Hungerhaken den fetten deutschen Staat auf dem Globalisierungshighway überholt“ haben. Schöne Glanzpunkte bietet das Programm: Die Figur des „asketischen Stalingrad-Veteranen“ Adolf Schmittke etwa, gespielt von Wolfgang Schmitter, der in der Episode „Schmittke und die Dicken“ übers Gesundheitssystem und Ökogleichgewicht schwadroniert, erinnert in ihrer Bissigkeit an Georg Schramm. Josefin Lössl brilliert in der Rolle der Ethnologin, die das gemeine Zonenweibchen Peggy Vulgaris unter die Lupe nimmt. Fleisch oder nicht Fleisch?, das ist die Frage der Episode „Weltrettung“. Und die funktioniert antithetisch zwischen der perfekten Hausfrauenrolle von Josefin Lössl und dem Fleischfresserehemann, gespielt von Hans Georg Sütsch. Wenn die Kühe schon das Weltklima durcheinanderfurzen, dann hilft am Ende nur der radikale, nämlich tägliche Fleischverzehr mit Kollateralnutzen: Furzen für die Fernwärme entlastet schließlich auch das Wohnzimmer. Wunderbar: Wolfgang Schmitter alias Luis Trenker als Stargast in der Spendengala für Schwarzafrika, wo Lössl als „Kerzkasperln Vronie mit ihrem Vorgebirge“ den bayerischen Radi als Spende nach Afrika singt, damit „der Fremde nicht kommt und den Aldi leer frisst“. Der Luis hat vergeblich versucht, zusammen mit seinen Berg- und Menschenfreunden der Trachtengruppe vom schwarzen Block, über den Heiligendamm auf den G-8-Gipfel zu gelangen, denn plötzlich war der Gipfel weg. Als „Militärpfaffe“ in zweifelhafter Mission am „jung, jünger, jüngsten Tag“ in der Wüste forciert Hans Georg Sütsch das Spiel mit Schädeln beim tödlich langweiligen Afghanistan-Dienst, und ihm gelingt es am Ende in der „Verschwörung“ gar, sich das Publikum vollkommen wegzureden. „Lacht ihr nur! Euch gibt es ja gar nicht!“. Xavier Naidoos außerirdisches Gejammer, der Name Mannheim, den Alice Schwarzer nie hätte durchgehen lassen, und eine Muttersprache, die keiner von außerhalb versteht – das alles seien Indizien dafür, dass Mannheim eine Simulation des CIA sei und sogar das „Monnemerisch“ vom CIA entwickelt wurde. Mundart ist seit jeher ein Stilmittel der Dusche. Aber Hochdeutsch ist als Zweitsprache nützlich, denn sind Schwäbisch und Bayrisch ja schon regelrecht als internationale Sprachen anerkannt, so stand die Kurpfälzer Mundart bislang in deren Verstehens-Schatten. „Seit es Bülent Ceylan gibt“, sagt Josefin Lössl, „wird Kurpfälzisch selbst in Hamburg nicht mehr mit Bayrisch verwechselt“.

    Schon zu Beginn von Bülents neuem Programm „Kebabbel net“, das am 19. September 2007 im ausverkauften Mannheimer Capitol Premiere feierte, macht sich der Mannheimer Deutschtürke für die Integration platt – und das deutlich derber als gewöhnlich. Das Publikum will den Türken gleich schwitzen sehen, sagt der Regisseur, und schickt Bülent in eine Headbanger-Nummer mit Knieschonern. Das funktioniert überall in der Republik. Das schweißt zusammen wie die herzliche Umarmung mit dem Fan, der bei Bülents München-Gastspiel einen ordentlichen „Dabbelju Busch“ unter den triefenden Achseln trug. „Kebabbel net“ politisiert mit derartigen Phrasen, mit Wortkaskaden nur um des Wortes Willen, ist aber nicht politisch, sondern pfeift auf alles politisch Korrekte und moralisch Schickliche. Körperbetonte Agitprop-Comedy, einmal mehr holt Bülent mit seinen Figuren Mannheimer Gossenkinder wie Hasan und Harald oder die neureichschön bepelzte Anneliese auf die Bühne, zeichnet das Vexierbild der Quadratestadt mit überzeichneten Charakteren, die den Lebensnerv treffen und zwischen denen er gewohnt geschmeidig wechselt. Die Fama vom billig gekauften chinesischen Importgag wird zum roten Programmfaden. Doch der Türke bleibt Boss, ist Moderator und Strippenzieher, an dessen Händen die Figuren wie Marionetten baumeln. Die sind reifer geworden. Macho Hasan knackt nur noch geschälte Paranüsse mit seinen schwergewichtigen Pobacken, die ihm seine türkische Freundin Karadul (aus dem Türkischen übersetzt „die Vogelspinne“!) angekocht hat. Der Mannheimer Telefonnotdienst für türkische Männer „Hallo Macho“ kennt das Problem. Aber für dumm hat Hasan noch keine Frau verkauft – 2.000 bis 3.000 Euro waren immer drin. Gemüsehändler Aslan will den Ossis türkische Ohrfeigen – die geballte Faust direkt auf die Nase – verkaufen, denn in Mannheim waren die Türken zuerst da. „Hausmeschter Mampfred“ ist es leid, für den Türken zu schuften, agiert mit der „Bumbewassazong“ (übersetzt Rohrzange) ungewohnt aggressiv, keift und spuckt wie irre. Aber am Ende trickst der Einfachgestrickte seinen smarten Türkenboss mit einem simplen Hütchenspiel aus.

    Zugabe will keiner mehr, wenn sich einer wie Bülent vom proletenschlauen „Hausmeschter“ in die Endlosprogrammspirale schicken lässt. Ein genialer Schachzug. Froh kann man da am Ende sein, dass man nur mit Bauchweh vom Lachen davonkommt.

    Eine feinsinnige „MundARTacke“ führt Christian Habekost. Am 13. Oktober feierte er damit ebenfalls im ausverkauften Mannheimer Capitol Premiere. Wieselflink swingt sein Sprachparforceritt und ist nicht nur dank seines bewährten Pfälzer-Weinschoppenphilosophen von einem Tiefgang, der beachtlich auf den Grund des Weinglases geht. Die Suche nach dem Sinn im Sein klingt aber auch nirgends so schön wie in Pfalz und Kurpfalz, wo man von Natur aus beim Sprechen singt, dass es kracht: „De sin vom Soi? So wie ma sin darf ma net soi!“ Die grammatikalische Sonderform „Konjunktivus Palatinus Individualis“ sorgt für verwirrende Vielfalt. Schoppenglaskreisen als lokale Konfliktlösungsstrategie, ohne die Pfälzer wäre selbst fernöstliche Meditation undenkbar. Das Philosophen-Gen reagiert auf vergorenen Traubensaft, ist besonders im Herbst und am Wochenende aktiv und liegt direkt neben der Leber. Beim Kurpfälzer Superman, dem „Weeschtwieichmän“ (übersetzt: „Weißt du, was ich meine?“), muss man sich je nach Rebensaftwirkungsgrad die Ikea-Frage stellen: „Babbelt er noch oder philosophiert er schon?“ Und wenn das letzte Stadium erreicht ist, dann kann so ein „Weeschtwieichmän“ einen konkreten Beitrag gegen die Klimaerwärmung leisten. Pfälzer und Kurpfälzer seien die einzigen Völkchen, die noch nicht vereint sind, obwohl sie doch die Lebenslust eint. Zu lebenslustig für den Profit sind beide. Deshalb hat man sich gegen sie verschworen. Verkehrsplaner planten ihre Baustellen so, dass man nicht mehr zum Schoppenglas komme. Boris Becker wurde von Verschwörern in die Besenkammer gelockt, Kurt Beck gar nach Berlin, weil der Hauch der Ge(s)chichte – schön versteckte Anspielungen auf den schwarzen Riesen aus Oggersheim – immer einen Umweg über die Pfalz nimmt und bei den Sozialdemokraten keiner mehr Vors(chw)itzender werden will. Chakko, der die Gnade hatte, zweisprachig aufgewachsen zu sein – also Kurpfälzisch und Hochdeutsch beherrscht – führt den Gast aus den USA „through our homeland“, erklärt kurpfalz-denglisch, wie die „guest economy“ (Gastwirtschaft) funktioniert und entlässt den „Outlander“ erst nach dem „palatin-islamic ritual“ mit dem Abschiedsgruß „Alla-Alla donn“ in die Niederungen der USA. Drei seiner Geheimnisse gibt der Wortblitzgescheite im Programmverlauf preis: Dass er gerne aus therapeutischen Gründen in den Baumarkt geht, obwohl er „Hochschulinsolvent“ ist, denn dank ihrer gebe es weniger häusliche Gewalt. Dass er sich all die Texte seines neuen Programms merken kann, weil er vergessen hat, wie das geht und er es also spontan macht, weil er schon immer für alles zu klug war, schon auf dem Schulklo Effie Briest las und deshalb bis heute die Gesellschaft von Leuten sucht, die nicht studiert haben und auch klug sind. Und drittens, dass er früher in die Mucki-Bude ging, nicht ins Fitnessstudio, und heute entschieden vor Aqua-Jogging warnt, das nur Jesus wirklich beherrschte, der ja bekanntlich nicht alt wurde. Chakko eilt dem Lacher manchmal weit voraus. Doch die „MundARTacke“ funktioniert selbst beim „Outlander“. Wer den Wortsinn auf die Schnelle nicht kapiert, versteht intuitiv, bekommt ein wohliges Bauchgefühl und darf nachlachen, sobald der Groschen fällt. So wird der Sauseschritt selbst zum stilvollen Lachelement.

    Redaktion: Sibylle Zerr

    Terminvorschau

    Klapsmühl’, Mannheim

    02.–27. Januar: Kabarett Dusche, „Schlanker Staat und dicke Bürger“
    18. Januar: Klapsmühl’ Ensemble, „Valentins Lachkabinett“
    20. Januar: Nessie Tausendschön, „Frustschutz“
    30. Januar bis 4. Februar: Klapsmühl’ Ensemble, „Das verflixte 7. Jahr“
    13. und 14. Februar: Kabarett Kabbaratz, „Rettet dem Dativ“
    15.–17. Februar: Vince Ebert, „Denken lohnt sich“
    27. Februar bis 02. März: Robert Kreis, „Das frivole Grammophon“

    Schatzkistl’, Mannheim

    27. Januar: Leipziger Pfeffermühle, „Happy D“
    16. Februar: Madeleine Sauveur, „Sternstundenhotel“
    17. Februar: Spitz & Stumpf, „Laabsammler im Park"

    Karlstorbahnhof, Heidelberg

    Carambolage – Kabarett- und Kleinkunst-Festival

    17.01. – 02.02.2008 u.a. mit Lilo Wanders, Vince Ebert, Erstes Deutsches Zwangsensemble, Claus von Wagner und Philipp Weber, Erwin Grosche, und einem Varieté-Abend zum Abschluß am 02.02.08 mit Jonglage, Diabolo, Akrobatik, Trapez.

    Kulturfenster, Heidelberg

    19. Januar: Les Coleumes, „Welten hören“, Musik
    02. Februar bis 15. März: Chansonfest „Schöner Lügen“ mit u.a. Annette Kruhl, Fabian Schläpper, Uta Köbernick, Barbara Thalheim und Jean Pacalet, Tim Fischer, Nessie Tausendschön, K. W. Timm & Band, Jo van Nelsen und Thorsten Larbig, Johannes Kirchberg

    Leos Bühne, Phillipsburg

    16. Januar: Kay Ray 20. Februar: Spitz & Stumpf, „Laabsammler im Park“
    12. März: Florian Schroeder, „Du willst es doch auch“

    AdNr:1088

    2007-12-15 | Nr. 57 | Weitere Artikel von: Sibylle Zerr