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  • Themen-Fokus :: Clown | Mime

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    Nachruf auf Augusto Boal


    Im letzten Jahr verloren wir mit Marcel Marceau einen der ganz großen Theatermacher.
    Im Mai dieses Jahres ereilt uns nun die traurige Nachricht, dass ein weiterer ganz großer Theater-Mensch dieser Generation gegangen ist:

    Clownschule Uli TammAugusto Boal starb am Samstag, den 2. Mai 2009, 78-jährig in Rio de Janeiro.

    Augusto Boal, ein politischer Künstler, Regisseur, Stücke-Schreiber, Theaterpädagoge, der das Theater revolutioniert hat wie wohl kein zweiter.

    Sein Ziel war es, mit den Mitteln des Theaters an einer menschlicheren, freieren und gerechteren Welt zu arbeiten.

    Boal: „Wir wollen den Rechtlosen eine Stimme geben, wir wollen Frieden – aber eben nicht Passivität.“

     

    Augusto Boals Arbeit

    Zentraler Punkt von Boals Arbeit ist das Theater der Unterdrückten. Er arbeitete mit den Zuschauerinnen und Zuschauern an deren Problemen: Unterdrückungsszenarien aus dem Alltag. Dabei spielte es keine Rolle, ob dieser Alltag in Indien, Schweden oder sonst irgendwo auf der Welt stattfand, ob es um die Unterdrückung eines Arbeiters, um die einer Ehefrau oder rassistisch motivierte Unterdrückungssituationen ging.

    Mit den Mitteln des Theaters versuchte Boal, zusammen mit den Betroffenen Lösungen für soziale Missstände zu finden, und bot mit dem Bühnengeschehen Probemöglichkeiten für Problemlösungen im realen Leben.

    Boal: „(...) Deshalb meine ich, dass Theater zwar nicht in sich selbst revolutionär ist; mit Sicherheit jedoch ist es ‚Probe‘ zur Revolution.“

    Methoden des Theaters der Unterdrückten sind unter anderem das Forumtheater, das Statuentheater, das Zeitungstheater, das Unsichtbare Theater usw. Das Forumtheater findet mittlerweile weltweit Verwendung: Eine Unterdrückungssituation (die das Publikum betrifft) wird mit Betroffenen und/oder Schauspielern inszeniert. Nach der ersten Aufführung wird es ein zweites Mal (und danach noch viele Male) gespielt. Diesmal haben die Zuschauer die Möglichkeit, in die Handlung einzugreifen: Sie machen Vorschläge, wie man sich in der Situation anders verhalten könnte. Diese Vorschläge setzen sie auf der Bühne aktiv um. So ergeben sich die verschiedensten Lösungsoptionen.

    Auf diese Weise schaffte es Boal, die Zuschauer von bloßen Zeugen des Geschehens zu Protagonisten, Handelnden auf der Bühne – und ihres eigenen Lebens –zu machen.

    Er zeigte den Menschen, dass sie einen größeren Handlungsspielraum haben als zumeist vermutet. Es war ihm wichtig, sich mit der Zukunft und deren Möglichkeiten zu beschäftigen, mit den Möglichkeiten des Einzelnen, seine eigene Welt zu gestalten, statt im Theater immer wieder Vergangenes zu reproduzieren.

    Boal: „Schluss mit einem Theater, das die Realität nur interpretiert, es ist an der Zeit, sie zu verändern.“

    Mit der Technik des Unsichtbaren Theaters sorgten Boal und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter erfolgreich für Unruhe: Auf der Straße, vor der Oper, in der U-Bahn spielten sie, ohne sich als Schauspieler zu erkennen zu geben, lebensecht Szenen, die Unterdrückung zum Thema haben, wie z. B. rassistische Diskriminierung, sexistische Übergriffe, soziale Missstände. Die unfreiwilligen Zuschauer sind somit gezwungen, sich zu diesen Missständen zu verhalten. Auf diese Weise machen sie Unterdrückungsszenarien sichtbar und regen zum Nachdenken und zur Courage, zum Mitgestalten an.

    Boal: „Theater soll nicht die richtigen Antworten geben, sondern die Zuschauer dazu bringen, die richtigen Fragen zu stellen.“

    Das Leben von Augusto Boal

    1931 wird Augusto Boal in Rio de Janeiro geboren.

    Nachdem er Chemie und Theaterwissenschaften an der Columbia University in New York studiert hat, leitet er von 1955 bis 1971 das „Theater der Arena“ in Sao Paulo. Dort widmet man sich politischen und brasilianischen Themen – der Cultura Popular –, statt sich am europäischen, am klassischen Theater zu orientieren, wie es derzeit auf Brasiliens großen Bühnen üblich ist.

    Beeinflusst von Paulo Freires Alphabetisierungs-Programmen spielen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Teatro de Arena vor Landarbeitern, Favela-Bewohnern usw. In vielen Teilen Brasiliens schreiben und spielen die Arena-Mitglieder gemeinsam mit der Bevölkerung Stücke, die diese thematisch auch betreffen.

    1964 reißt das brasilianische Militär mittels eines Putsches die Regierungsgewalt an sich. Unter dieser Diktatur verstärkt sich die Zensur immens.

    Das Theater der Arena entwickelt das Theater der Unterdrückten, bzw. dessen Anfänge. In ganz Brasilien wird diese Methode durch 40 herumreisende Theatergruppen populär gemacht.

    1971 verhaftet die Geheimpolizei Augusto Boal. Man foltert ihn. Da er bereits weltweite Bekanntheit genießt, lässt man ihn auf internationalen Druck hin wieder frei. Er geht ins Exil nach Argentinien, der Heimat seiner Frau Cecilia.

    Bevor er 1976 Südamerika gen Europa verlässt, arbeitet er mit der von Paulo Freire entwickelten „Pädagogik der Unterdrückten“ in Peru.

    1978 kommt Boal nach Paris. Er wird Dozent an der Sorbonne. In Paris gründet er das erste Zentrum des Theaters der Unterdrückten (CTO) im Jahre 1979. Mittlerweile gibt es viele CTOs weltweit.

    In seiner Zeit in Europa entwickelt er Methoden wie „Der Regenbogen der Wünsche“ und „Polizist im Kopf“. Diese Methoden sind eher psychisch orientiert, da laut Boal die Unterdrückung in Europa subtiler sei und oft im Kopf stattfände.

    Erst 1984, nachdem die Militärdiktatur endlich ein Ende gefunden hat, kehrt Boal nach Brasilien zurück.

    Von 1992 bis 1996 wird Boal in den Stadtrat von Rio de Janeiro gewählt. Er entwickelt die Techniken des Theaters der Unterdrückten weiter zum Legislativen Theater, d. h. gemeinsam mit der Bevölkerung schafft er Stücke über deren Probleme. Es werden mögliche Lösungsvorschläge gesammelt und gemeinsam mit Juristen und Politikern Gesetzesvorlagen entwickelt. 13 dieser Gesetzesvorlagen sind in Kraft getreten.

    1994 erhält er von der UNESCO für seine Arbeit die „Pablo-Picasso-Medaille“ und 1996 von der Universität Nebraska gemeinsam mit Paulo Freire die Ehrendoktorwürde.

    2008 wird Boal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

    Kurz vor seinem Tod im Mai wird er im März 2009 von der UNESCO zum „Weltbotschafter des Theaters“ ernannt.

    Das „Theater der Unterdrückten“ ist von der UNESCO als „Method of social change“ anerkannt.

    Julian Boal, der gemeinsam mit seinem Vater viele Jahre weltweit das Theater der Unterdrückten praktiziert und populär gemacht hat, führt die Arbeit Augustos fort. 

    Literatur: Augusto Boal

    AdNr:1007



    2009-06-15 | Nr. 63 |