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  • Themen-Fokus :: Circus

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    Neue Länder, neue Wege


    Der neue Zirkus erobert nicht nur ganz Europa, sondern auch ferne Kontinente, wo er dann noch überraschendere Wege gehen kann. Eine der wohl radikalsten Kompanien ist Acrobat aus Sydney. Der ironische Titel ihrer neuen Produktion „Smaller, poorer, cheaper“ stemmt sich voller Sarkasmus gegen das übermächtige „schneller, höher, weiter“. Statt in Glitter inszeniert Acrobat sich in weißer Unterwäsche. Auch deshalb, weil auf der Blutflecken stärker beeindrucken, wenn nach einer ganz normalen Nummer am Seil plötzlich Blut über den Körper rinnt. Der Konvention gemäß hat Blut im Zirkus nichts zu suchen. Der Tod wird ja nur unterschwellig evoziert, um ihn umso aufwendiger zu überspielen. Oder Jo-Ann Lancaster geht gleich nackt ans Trapez, mit verhülltem Kopf. Zu den Übungen verweigert sie jedes Lächeln. Das Risiko für die Artisten wird so nicht weggewischt, sondern unterstrichen. Das Grollen der Raubkatzen ertönt aus den Lautsprechern. Nach der Hälfte der Aufführung fragt man sich, welche Bilder sie denn jetzt noch finden wollen, um Konventionen zu knacken. Sie finden: Eine Trapeznummer ohne Licht! Das spart auch noch Strom. Zum Schluss lösen sie ihren Anarchozirkus in Humor auf. Die Seiltänzerin bringt das Frühstück, bis Saft, Milch und Flakes wild spritzen. Acrobat, das sind Bilderstürmer mit Zielfernrohr, die ihre Effekte glasklar und bewusst setzen, in perfekt beherrschter Technik. So kann Zirkus nicht nur anders sein, sondern anders als anders!

    Zirkuszelte_Theater MetronomCirco de la sombra nennt sich ein junges Kollektiv aus Spanien. Ihre Bühne ist rund, doch sie spielen eher frontal, vor nostalgischen Fassaden von Schaustellern wie aus dem Museum. Ihre Art aber, Akrobatik aus dem Nichts einzuführen, ist sehr aktuell. Zu Beginn gehen sie auf der Bühne spazieren, als wären sie ein Orchester beim Einspielen, und zeigen Zärtliches oder Querelen zwischen den Mitgliedern der Truppe. Aus dieser unterschwelligen Bewegung entstehen – wie aus einem choreografischen Grundrauschen – unvermittelt Akrobatik, Stummfilm-Einlagen oder Choreografien am Röhnrad. Diese Form ist hochaktuell, doch hier geht man respekt- und liebevoll mit der Tradition um. Ein wenig Frische und Abwechslung fehlt der Truppe dennoch. Dass Circo de la sombra, metaphorisch und konkret gesprochen, von Anfang bis Ende unterbelichtet bleibt, ist natürlich Absicht. Um dabei nicht vom Halbdunkel verschlungen zu werden, bedarf es großer Erfahrung.

    Das neue Opus aus dem Stall des CNAC in Chalons-en-Champagne ist zwar etwas wortreich, aber auch sehr kreativ. Das Wort „Stall“ darf man wörtlich nehmen, denn das CNAC hat sich zwei Kaltblüter zugelegt, die immer die Ruhe bewahren und sich gut für humorvolle Einlagen eignen. Sie verkörpern das langsame Zusammenwachsen von neuem Zirkus und Tradition. „Tout est perdu sauf le bonheur“ lässt sich bestens unter diesem Aspekt betrachten. Da sieht man Yukihiro Suzuki, Japans Vizeweltmeister im Jo-Jo, wie er sich als Mädchen verkleidet und mit dem Jongleur François Wojdan ein Duo aus Jo-Jo und Keulen jongliert, das von den Martial Arts inspiriert wurde. Besonders beeindruckend: Ein humoristisches Rodeo mit Stummfilm-Ambiente von Benoît Charpe, der auf seinem Einrad die kühnsten Trampolinsprünge wagt. Und alle Artisten treten gleichzeitig als Musiker auf. Regisseur Philippe Car liebt surrealistisches Theater, wie er schon zu Beginn demonstriert, wenn eine menschengroße Puppe in Hut und Anzug erst aufgebahrt und dann gehenkt wird. Alles futsch, außer dem Glück, das bedeutet ihr Titel, mit dem sie unterstreichen, dass auch die heutige Generation von Freiheit und Abenteuer träumt und sich dem fahrenden Volk alten Stils verbunden fühlt. (www.cnac.fr)

    Ähnliches gilt auch für den Jongleur François Chat, der nach Höhenflügen – wie einer Zusammenarbeit mit Bob Wilson – wieder auf dem Boden der Tatsachen relativ schlichter Kreationen gelandet ist. In seinem einfachen, poetischen Solo „Variations“ präsentiert er sich offen, einfach, ehrlich. Aus Geschicklichkeit und dem Spiel mit Schwerkraft und Flugbahnen zeichnet der Interpret ein Bild seiner selbst, in dem sich der Zuschauer reflektieren kann. (www.francoischat.com)

    Schauen wir jetzt, welche überraschenden Formen von Zirkus-Kleinkunst Mimos 2007 präsentierte. Eine ganz kuriose Figur ist „Pétule“, eine von Lucie Boulay kreierte Körperpuppe. Die schrullige Pétule muss man sich vorstellen wie eine Rentnerin aus dem Kaffeekränzchen, die sich für eine Ballerina hält. Boulay steigt nun aufs Seil und versteckt sich dabei hinter Pétule und versteckt dabei auch, wie geschickt sie das Seil beherrscht. Nach außen kehrt sie ihr schauspielerisches Talent und ihre feinsinnige Ironie. So ist sie eine humoristisch-närrische Variante von Ilka Schönbein.

    Das Festival Circa in Auch (Trottoir 53) feierte sein zwanzigjähriges Bestehen mit einem nächtlichen Drahtseilakt vor der Kathedrale und der Einladung zu einem der atemberaubendsten Zirkusspektakel überhaupt. Der NoFit State Circus aus Cardiff kommt eher aus Wales als aus Großbritannien, wenn überhaupt aus einem Staat – daher ja auch „NoFit State“… Ihre Zeltkuppel gleicht einem UFO und die Show erinnert an die befreiende Intensität der Anfangszeiten von La Fura dels Baus oder auch der Argentinier von De la Guarda. In der neuen Version (2007) von „ImMortal“ teilen sich die etwa zwanzig Artisten den gesamten Raum mit dem Publikum, abgesehen von dem Rundlauf über den Köpfen, wo sie mit Koffern, Fahrrad und Kinderwagen Bilder der Vertreibung entstehen lassen. Auch das Publikum wird immer wieder vertrieben und muss sich ständig neu formieren, kann aber dabei sogar persönlich mit den Artisten kommunizieren. NoFit bespielen den Raum in allen Richtungen. Viele Bilder sind absolut spektakulär, so etwa die vertikale und horizontale Akrobatik in einer Art Spinnennetz aus gespannten Seilen. Die Körper wirken roh, die Atmosphäre erinnert an Boxkampf oder Sechstagerennen. Die Akteure wedeln mit Geldscheinen. „ImMortal“ ist kein explizit politisches Stück, aber das Modell eines Zirkus aus Schweiß und Freiheit widerspricht im Kern jeder gängigen Bildersprache der Werbewelt. Nie war die Wahrheit des Körpers so eindringlich. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug, wie auf einer rauschenden Party zwischen Publikum und Artisten. Es gibt aber auch stillere, poetische Bilder. Zu erwähnen sind neben dem Live-Einsatz von Video auch die verblüffenden Designerkostüme von Elfie Berry. Kaum zu glauben, dass die Truppe bisher kaum aus Großbritannien heraus gekommen ist. (http://www.nofitstate.org)

    Aus Finnland kommt die kleine, federleichte Kati Pikkarainen. Zusammen mit dem umso stämmigeren Victor Katala und dem Musiker Mathieu Levasseur zeigt sie in „La Piste Là“, was guten Zirkus von anderer Bühnenkunst unterscheidet. Da lacht, weint und jubelt das Publikum mit dem Trio, als ginge es um dessen Leben. Das Zelt ist mittelgroß, der Kontakt zu den Figuren intensiv. Cirque Aïtal spielt mit dem Kontrast aus groß und klein, aus leicht und schwer so virtuos wie ein Jongleur mit dem Diabolo. Zu Beginn spielt sie die riesige Tuba und er die Minitrompete. Dann setzt er sie in die Tuba, als Schalldämpfer. Mal spielt sie die Tochter und die beiden Herren das Elternpaar, mal gibt es Streit zwischen Kati und Victor als Ehepaar. Dabei brüllt sie ihn auf Finnisch an und holt den Vorschlaghammer raus. Er wiederum kann sie hochwerfen und mit dem Nacken auffangen. Die Psychologie der Figuren ist fein und rührend gezeichnet, die Akrobatik wartet mit Humor und immer neuen Überraschungen auf. Zum Schluss reitet Kati als Voltigeuse auf ihren galoppierenden Trägern. So setzt sie das parodistische i-Tüpfelchen auf einen der Hits der Saison. Trotz aller Akrobatik steht hier das Menschliche im Mittelpunkt.

    Noch intimer ist das Zelt L’attraction céleste, das in jeden Hinterhof passt. Eine füllige Mutterfigur am Akkordeon amüsiert sich über einen tollpatschigen Herrn an der Klarinette, dessen Unfallserie nicht abreißt. Sie liebt ihn aber auch, ob als Sohn oder als Partner. „Dans mes bras“ (Von mir umarmt) ist ein Musikstück, das eine Liebesgeschichte erzählt. Menschlich, zärtlich und ironisch, in unmittelbarer Nähe zwischen Zuschauern und Akrobaten. Bei Kompanien wie Aïtal oder L’attraction céleste darf man von Theaterzirkus oder Zirkustheater sprechen, natürlich ohne viele Worte, ganz so, wie Pina Bausch Tanztheater macht.

    Redaktion: Thomas Hahn, Paris

    AdNr:1093  

    2007-12-15 | Nr. 57 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn