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  • Szenen Regionen :: Frankreich

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    Reiselust auf allen Bühnen

    Künstler sind ja bekanntlich zum Reisen geboren. Dass sie sich in möglichst vielen Bereichen inspirieren und auf den Spuren ihrer Meister die Welt umrunden, gehört zu den Freuden des Metiers. Tourneen können weniger glückbringend sein. Doch die Reise als solche ist in die Köpfe gebrannt, so sehr dass dramatische Figuren immer wieder mit dem symbolischen Koffer die Bühne betreten. Und wenn man gerade kein Thema zur Hand hat, dann lässt sich die Fahrt duch Kontinente und Stile immer noch hervorragend verwenden, um einem Auftritt den roten Faden zu verpassen, auf dass der Zuschauer die konzeptuellen Fähigkeiten des Künstlers mit dessen Weltoffenheit identifiziere.


    Checkpoint Herrenschuhe

    Wenn dabei Wasser ins Spiel kommt, muss es sich noch lange nicht um ein Seefahrerepos oder die Geschichte von Sindbad handeln. Was lässt sich nicht alles anstellen, wenn man mit Bordmitteln zu fantasieren weiss. Musikalische Seifenblasen, klingende Gläser oder Flaschen, Korkenzieher, singende PVC-Schläuche, oder einfach die Hand ins Wasser getaucht. Fünf Herren und eine Dame steigen in Abendgarderobe samt Lederschuhen in das Schwimmbecken ihres Wintergartens und geben ein recht perkussives Konzert. Sie sind nicht nur authentische Kammermusiker und -sänger, sie sehen auch so aus und heissen Mélodie Theatre. In ihrer musikalischen Clownerei für Gross und Klein greifen sie aber auch auf exotische Instrumente zurück oder trätieren die Saiten einer schwimmenden Gitarre mit Teelöffeln. Sie schwören, dass sie bisher noch kein Theater unter Wasser gesetzt haben, so dass sie seit Jahren mit ihrem „Concert d’eau pour jardin d’hiver“ erfolgreich auf Tournee sind. Musikalisch umrunden sie in ihrem Wasser-Kammer-Konzert die halbe Welt, lassen den Balkan, Lateinamerika, Afrika und Asien anklingen. Ihre eigene Welt gar nicht mitgezählt (www.melodietheatre.com).

    Auch das Duo Shim & Sham hüpft von Land zu Land, doch begnügen sie sich mit einem „Tap Europe Express.“ Obwohl sie als Stepptänzer ihre Schuhe zu Dreieinhalb-Meilen-Stiefeln (ja, der Euro !) erklären könnten, begnügen sie sich mit einer Kunst der kleinen Schritte. Zunächst im Bahnhof, später im Auto, auf der Fähre oder im Flugzeug. Es geht nach Italien, Irland, Schottland, aufs Oktoberfest… Den Weg weist die Musik. Die Rollenverteilung ist so einfach und effizient wie in jedem Clown-Duo. Philippe Roux als Shim ist der Reiseleiter und immer einen Schritt voraus. Bernard Pantié als Sham gibt den August, ist schüchtern, einzelgängerisch und wirkt verloren. Beide erlernten ihr Fuss- (Hand- ?) –werk grösstenteils in New York und haben neben Stepptanz- auch Gesangs- und Schauspielausbildung. Ihr Tapdance ist kein Showtanz, sondern die rythmische Seele ihres Mimentheaters. In Paris traten sie in Madonna Bougliones Theatre du Ranelagh auf, das weiterhin eine Hochburg des Clownkunst ist.

     

    Checkpoint Damenstimme

    Japans Tangostar Anna Saeki ist 2001 noch argentinischer geworden, auch wenn sie live jetzt im Kimono auftritt. Nach ihrem Erfolg mit Tango-Standards aus dem Vorjahr widmet sie ihre neue CD „Canto di sirena“ und ihr Konzertprogramm exklusiv Astor Piazzolla. Einige Interpretationen, z.B. von „Vuelvo al sur“ oder „Rinaceré“ kann man nur als kongenial bezeichnen. In ihrer klaren, sehr präsenten und trotzdem dramatischen Stimme hört man das Zittern einer neuen Welt, netterweise ohne das sonst so schwere Pathos und den Heiligenschein. Das argentinische Publikum rieb sich die Augen, als sie dort im TV Tangos auf japanisch sang.  Anna entwickelt sich zu einer wahren internationalen Tango-Persönlichkeit und hat sich mit dem neu formierten, in Frankreich lebenden Quintett Tiempo Sur zusammen geschlossen. Früher war sie Schauspielerin, TV-Moderatorin oder gar Miss Sapporo. In der Zukunft will sie sich voll dem modernen Tango widmen. Bevor sie Tango sang, tanzte sie schon zu Piazzolla in einem eher maskulinen Stil. „Die Gefühlswelt des Tango entspricht der des Yenka, einer frühen japanischen Form elegischer, sentimentaler Lieder und ist dadurch den Japanern zugänglich und vertraut“, erzählt sie. Bisher beschränkt sich ihre Präsenz in Europa auf punktuelle Konzerte in Paris, doch sie sucht natürlich auch einen Vertrieb für ihre CDs und Agenturen für Konzertauftritte (Kontakt : kagayaku@easynet.fr).

    Im Fado gab es zwei Neuerscheinungen. Dabei kontrastiert die Strenge von Misia mit der leicht in Richtung Brasilien ausschlagenden Fröhlichkeit von Bevinda. Misia zelebriert Fado schlicht und prägnant, beinahe protestantisch und nur von Gitarren begleitet. Schwarz-weiss und beige lassen hier keine Farben zu. Die Sängerin und ihr Auftritt sind ganz auf Mysterium gestylt und zielen auf die philosophische, konzeptuelle Tiefe der Texte die zwar von veschiedenen Poeten stammen, aber eine eigene Welt formen. Nicht von ungefähr heissen Konzert und CD „Ritual“ (Warner Brothers 8573-85818-2). Es geht vor allem um eine Hommage an Amalia Rodriguez durch Text, Musik und die Präsenz von Musikern die schon die Rodriguez begleiteten. So wurde Misia dank ihres „Ritual“ die erste Sängerin, die beim Avignon-Festival im Ehrenhof des Papstpalastes auftrat. Ursprünglich kam sie nach einem Umweg über die Movida der achtziger Jahre in Madrid und Barcelona erst ab 1990 wieder zu ihrer eigenen Kultur und zum Fado.

    Bevinda singt eher von den kleinen Gesten und Sehnsüchten des Alltags, von der Kraft der Liebe. Bemerkenswert für den Fado : ihre CD heisst „Alegria“ (Mélodie 67029-2). Hier und da klingt Bevindas Stimme so schwebend, transparent und hintergründig wie die von Anna Saeki. Denn beide haben Schauspieltalent und verweigern sich der üblichen Schwere ihrer Genres.  Und dann erfährt man, dass die zierliche Bevinda jedes Jahr nach Asien reist, gerne die Gipfel des Nepal besteigt und auf „Alegria“ ein Lied dem Annapurna widmet. In welchem sie wiederum dem Akkordeon viel Platz einräumt und Pariser Musette anklingen lässt. Jedes Lied birgt eine neue Couleur. Bevinda kreiert den World-Fado, der beweist, wie universell diese Musik sein kann und wie sehr sie zu Unrecht ausschliesslich mit Melancholie gleich gesetzt wird. „Wer möchte nicht die Welt bereisen ?“ fragt  die Pariser Fado-Königin. Sie tut es. Texte, Instrumentierung, Stimme und Musik verraten in jedem Augenblick, dass hier jemand singt der glücklich ist oder fest daran glaubt, es zu werden. Und: Bevinda kann sogar zum Tanzen einladen, ohne je die Seele des Fado zu verlieren. www.bevinda.net

     

    Checkpoint Charlie

    Und auch im Tanz gibt es Reiselust. Zum Beispiel Frankreichs Hip Hop. Eine der bekanntesten und spannendsten Kompanien ist Accrorap. Für ihr neues Stück, „Anokha“, führte der Weg von Kader Attou und seinen Tänzern bis nach Indien. Dort verbrüderten sie sich mit einer lokalen Kompanie und kreierten gemeinsam. Die Begegnung zwischen Hip Hop und indischem Tanz ist ein Fest der gegenseitigen Verführung. Ein von der Kompanie in Indien gedrehtes Video, das man auch kaufen kann, zeigt, wie auf Marktplätzen und auf den Treppen der Tempel die Begegnung zwischen Hip Hop und indischem Tanz ihren Lauf nahm. Das Ergebnis ist auf der Bühne zu lesen. Fünf Hip Hopper vermengen ihre Figuren mit jenen von drei Barata-Natyam-Tänzern und besitzen dennoch die Weisheit, den Indern das Feld zu überlassen. Und gerade deshalb brillieren sie umso mehr wenn ihre Breakfiguren zärtliche Leichtigkeit erreichen.

    Etwas kleiner im Format ist der Berliner Niels Robitzky, bekannt als Storm. In „Solo for two“ rennt er über Berliner Autobahnen, durch Strassentunnel und U-Bahnhöfe. Auf Video. Vor dem Bildschirm tanzt er in Fleisch und Blut, manchmal im Wettstreit mit sich selbst (gefilmt). Das hat humoristische und tänzerische Klasse. Diese Inszenierung der Suche nach sich selbst gerade an der Schnittstelle zwischen Ost und West, direkt am Checkpoint Charlie, hat sicher auch etwas mit der Befindlichkeit der Berliner Republik zu tun und den Deutschen mehr zu sagen als den Franzosen, doch bislang reist Storm mit seinem „Solo for two“ fast nur durch Frankreich.

    Eine ungewöhnliche Begegnung gab es auch im Flamenco. Die Tänzerin Ana Yerno ist tschechisch-ägyptischer Abstammung und bekannt dafür, dass sie buchstäblich die Hosen an hat. So gelang es ihr, den Pianisten Guillaume de Chassy von einer gemeinsamen Performance zu überzeugen, obwohl dieser für Flamenco ursprünglich gar nichts übrig hatte. De Chassy komponiert und interpretiert zwischen  Klassik und Jazz und bleibt seiner Musik treu. Sie mimt dazu das Tier, die Frau im Urzustand, eine Bestie die sich nach und nach von Chassy und seiner Musik zähmen lässt. Nebst expressiver Mimik jongliert sie mit den Stereotypen von Show, Glamour und Verführung. Von einer traditionellen Tänzerin ist sie so weit enfernt wie ihre schwarze Hose von einem Flamencokleid. Den Rythmus klatscht sie mit den Händen, ruft selbst ihre jaleos. So ist die Yerno das Symbol schlechthin für die Freiheit der Frau im Flamenco. Mit Spaniens Machos möchte sie nichts zu tun haben, auch wenn sie das Image der Revoluzzerin ablehnt mit dem Hinweis darauf, dass schon Carmen Amaya 1930 in Hosen auftrat. Die zündende Performance trägt den schlichten Titel „Yerno Chassy Encuentro.“

     

    Redaktion: Thomas Hahn

     

    2002-03-15 | Nr. 34 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn