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    Rückblick: 21. Internationale Kulturbörse Freiburg

    Freiburg zwischen Rock-Hexen, Musik-Zauberern, Kleinkunst-Helden und Hausmanns-Kost!

    Auch die 21. Internationale Kulturbörse Freiburg ist schon wieder Vergangenheit. Schönes Wetter, gute Atmosphäre, über 3.500 Besucher, 350 Aussteller, 180 Live-Auftritte, eine Veranstaltung der Superlative, wenn man die nüchternen Zahlen betrachtet – was wollen die Veranstalter mehr? Und dann die Präsentationsauftritte auf zwei Theaterbühnen, eine für Musiker und eine große Halle für Straßentheateraufführungen. Trottoir interessiert sich ja erst einmal für Kleinkunst, Kabarett, Comedy, mittlerweile bietet die Börse aber ein sehr weites Feld.

    Und dann traten im Theatersaal 1 Carrington und Brown auf, die schon bei der Eröffnungsveranstaltung dabei waren. Eigentlich ist dies mehr eine Soloperformance von Carrington. Sie hat eine tolle Stimme, die von Opernklängen bis zum rauen Blues reicht, spielt solide Cello, macht gleichzeitig mit einer Hand Perkussion auf dem Holzkörper, springt von Bach über Police – Every Breath You Take – zu Madonna. Wenn sie als Vollweib die Spindeldürre imitiert, ist das Komik pur. Die Übergänge sind humorvolle Ansagen in drei Sprachen. Kein Wunder, dass die beiden international beachtet werden und eine Menge Preise eingeheimst haben. Brown assistiert als Dudelsackpfeifer im Schottenrock, in seinen langen Pausen hat er immer wieder die Möglichkeit, für seinen nächsten Auftritt in ein neues Outfit zu springen. Stark ist er in der Doppel-Conférence, und er übernimmt auch bestimmte Gesangsparts.

    Eine Überraschung war für mich ein Mann, der schon lange die deutschen Bühnen beglückt: Roberto Capitoni, ein Halbitaliener aus dem Allgäu. Er ironisiert das pralle Leben: Egal, ob es sein Kampf mit dem Nachwuchs ist, der ihn mit der Wiederholung bestimmter Kinder-CDs in den Wahnsinn treibt, oder ob er sich auf seine Wurzeln besinnt und mit seinem Mafia-Onkel den nächsten Coup ausbaldowert. Verrückt, wie er in all die Rollen springt; man hat die ganze deutsch-italienische Familiengeschichte vor Augen, wenn er sie – mit nur geringer Übertreibung – als Realsatire präsentiert. Auch einige Ossis, die es wagen, in seiner rheinischen Heimat Urlaub zu machen, gehen ihm so auf die Nerven, dass er ein wunderbar ironisches Abziehbild von ihnen präsentiert. Das gipfelt in seinen schwarzhumorigen Vorschlag, dass er ihnen die Mauer wieder wünscht – aber um jeden Einzelnen! Roberto ist ein wunderbarer Tipp für Kleinkunstbühnen, wenn etwas todsicher ankommen soll.

    Ein Sprung auf die Musikbühne. Hier tobte sich Johanna Zeul, die Tochter des schwäbischen Dylan, mit ihren verrückten Songs aus. Zunächst solo und unplugged, was für Freiburg sicher die bessere Lösung für den gesamten Auftritt gewesen wäre. Als nämlich kurz danach ihre Band eingriff, mit der sie grade auf Deutschlandtour ist, wurde die Musik zu laut und die Texte dadurch leider etwas unverständlich. Frau Zeul, mit vielen Preisen in den letzten Jahren bedacht, ist nicht nur eine gute Texterin und Komponisten. Sie ist auch auf der Bühne wie eine Bombe oder ein Gummiball, der hüpft und dann explodiert! Und dazu spielt eine hervorragende Rhythmusgitarre. Und dazu ist sie auch noch rotzfrech und anzüglich. Ihre Texte müssten zum Teil von der Zensur verboten werden. Nur zu, man sollte ihr den Prozess machen, aber wo bleiben die Inquisitoren? Dann hätte Johanna endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Nach dem Auftritt saß ich neben zwei Veranstaltern, die wahrscheinlich aus der Sozialpädagogenecke kamen. Sie stritten darüber, ob das jetzt ein Superauftritt oder eher ein Flop gewesen sei. Dann verabschiedeten sie sich mit dem Satz: „Gut, dass wir drüber geredet haben!“ Richtig: drüber reden, nachdenken und einladen. Gerade Kleinkunstläden mit einem Methusalem-Publikum würden von einem urplötzlich jungen Publikum überrascht werden und davon profitieren. Kein Wunder, wenn jemand spielt, der mehr Power als Nena hat, verrückter als Nina ist und verruchter als Helen Vita.

    Zurück im Theatersaal. Karl-Heinz Helmschrot bot seine Lehrernummer dar, im Publikum waren die Schüler, denen er mal drei Sechsen für Unaufmerksamkeit und, falls es sich um Frauen handelt, auch mal drei Einsen wegen schönen Guckens gab. Mit stechenden Augen, artistischen Einlagen – erzählen und gleichzeitig mit Feuerfackeln agieren – bringt dieses Multitalent den Saal zum Kochen. Man hätte sich gerne noch eine Stunde länger masochistisch von ihm schulmeistern lassen. Der Künstler wurde für seinen Auftritt von den Anwesenden mit der FREIBURGER LEITER ausgezeichnet, die außerdem noch von der schwedischen Band Sirqus Alfon erklommen wurde. Auf ein Wiedersehen mit diesen Musikern darf sich das Fachpublikum bei der 22. IKF freuen.

    Die beeindruckendste Darbietung neben den bisher genannten war etwas ganz Ausgefallenes: Ulik & Le Snob aus Frankreich. Das Ganze hat etwas Zauberhaftes, Magisches. Da schweben sieben Bläser, zwei Trommler und ein Banjospieler, angeführt von einer Flammen-Frau, in den Saal. Wunderbare Choreografien, gespielte Kämpfe. Über den Köpfen der Musiker züngeln kleine Flammen, die Protagonistin, die der Band mit zwei Flammen-Stäben vorauseilt, verwandelt den Raum mit Feuerkreisen und Feuerstraßen, die von den Musikern mit ihren ausgefallenen Melodien mal brachial laut, mal lyrisch leise, benutzt werden. Vielleicht haben nicht so viele Leute, die die Wahlkarten für die Freiburger Leiter ausgefüllt haben, diese Performance gesehen. Einen Preis hätte sie allemal verdient.

    Zum Abschluss möchte ich noch erwähnen, dass es auf der Messe auch jede Menge Hausmannskost gab, gute wie die des Kabarettisten Sebastian Schnoy. In die gleiche Kategorie mit viel Applaus gehört Herr Fröhlich, ein Musik-Kabarettist mit hinterhältiger Komik, die einfach Spaß macht. Schlechte Kost boten dagegen die Ansager, wie Ausbilder Schmidt. Vielleicht sollte man doch zu den sachlichen Moderatoren früherer Jahre zurückkehren. Bekannte Künstler wie Jo van Nelsen, Lüder Wohlenberg oder Marko Tschierpke & Sebastian Krämer, die ich auf anderen Veranstaltungen genossen habe, konnte ich wegen der Parallel-Veranstaltungen leider nicht ansehen. Kurz: Ein Freiburg-Trip in meine alte Heimat, der sich gelohnt hat.

    Redaktion: Bruno Schollenbruch


     

     

     

    2009-03-15 | Nr. 62 | Weitere Artikel von: Bruno Schollenbruch