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  • Szenen Regionen :: Hamburg

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    Schock im Lustspielhaus

    Ein echter Schocker: Hamburgs führende Kabarett-Bühne hat ihre Unschuld verloren – an ihren heiligen Hallen klebt nun Blut! Denn Doppelmord stand auf dem Programm, als der ostdeutsche Kabarettist Lutz Anklam in Alma Hoppes Lustspielhaus auftrat und dazu jene früheren politischen Mitstreiter einlud, die heute in der Elbestadt leben. All diese Personen hatten nämlich alte Rechnungen zu begleichen ... So erzählt es jedenfalls Regula Venske, erfolgreiche Krimiautorin und Schwester von Kabarett-Urgestein Henning, in ihrem neuen Buch „Mord im Lustspielhaus“.

    Fool PoolDer Band der Reihe „Kaliber 64“ aus der Hamburger Edition Nautilus inspirierte Lustspielhaus-Chef Nils Loenicker, an einem unwirtlichen Sonntagnachmittag zu einer Führung der Schriftstellerin an die Tatorte zu bitten. Eine Gruppe Interessierter folgte Venske in Fundus und Garderoben, zu Licht- und Tonmaschinerie und in die sogenannte Gruft. Mit Macht befreite der Genius Loci dabei die kriminelle Fantasie der Besucher: Sie ersannen Mordmethoden mit Schokonuss-Automaten und deklarierten Metallstifte zu Sargnägeln. Loenicker graute es nicht – er freute sich über den speziellen PR-Effekt. Am Abend lasen Venske und Krimi-Kollegin Sandra Lüpkes auf der Bühne aus ihren Werken – und das Musik-Duo Mea Culpa (Gesang: Lüpkes) spielte dazu die vertonten sieben Todsünden.

    Weniger sündig ging es diesmal im Schmidts Tivoli zu: Es gibt keine gelben Telefonzellen mehr. Daran und an vieles mehr, was die 80er-Jahre von der Gegenwart unterscheidet, erinnert Heino Trusheim in „Früher war besser“. Der Mittdreißiger, den viele aus dem „Quatsch Comedy Club“ oder der „Schmidt Mitternachtsshow“ kennen, präsentierte im Schmidt sein erstes Solo, ein Strukturvergleich zwischen Einst und Jetzt, um dabei der Frage auf den Grund zu gehen, warum seine Generation so orientierungslos erscheint. Antwort: Sie hat zu viele Wahlmöglichkeiten – das lähmt. Hieß es zu Popper-Zeiten schlicht „ARD oder ZDF“, „Denver“ oder „Dallas“, so verwirren heute bereits die schier unüberschaubaren Latte-Macchiato-Varianten. Mit sympathisch-unaufdringlicher Bühnenpräsenz und allerhand abstrusen Zeitbeispielen (Regie: Martin Blau) gewann der Wahl-Hamburger Trusheim sein Premierenpublikum für sich. Doch dürfte der verheißungsvolle Comedian ruhig noch mehr eigene Note zeigen – manche seiner Ideen wirkten, als hätte man sie schon einmal irgendwo gehört. (nächster Schmidt-Auftritt: 3.9.)

    Die idealistischen Macher, die schon die angesagte Pony-Bar nahe der Uni und den Altonaer Live-Club Astra-Stube stemmen, nennen sich das „Pferdestall-Team“. Jene mehr als 100 unsubventionierten Studenten und Nicht-Studenten schenkten den Hamburgern im vergangenen Herbst ein ganzes gastronomiegestütztes Kulturhaus: das Kulturhaus 73 im Schanzenviertel. Auf dem einst linksradikal dominierten, nunmehr malerisch-szenigen Kiez offeriert Geschäftsführer Falk Hocquél (37) auf 800 Quadratmetern über drei Etagen neben Spielangeboten für Kinder, Familienbrunches mit Live-Musik und Tanz-Kursen auch Jazz-Sessions, Lesungen, Theater, Film, Vorträge, Konzerte, Fußball auf Videoleinwänden sowie – last but not least – Comedy. Wie zum Beispiel Klara Koch mit ihrer monatlichen „Tapetenwechsel“-Show.

    Im schummrigen, atmosphäreträchtigen Hinterzimmer des Gebäudes von 1889 gleich neben der Roten Flora gastierte auch Wiebke Wimmer mit ihrem ersten Soloprogramm „W“.

    So sanft wie intensiv begleitet von Markus Glossner am Hammondorgel-Imitat, sang die Sängerin (Queen B), Schauspielerin (Impro-Gruppe Steife Brise) und Texterin einfühlsam und voller Melancholie jazzige Lieder über Liebesleid und Liebeslust – um gleich darauf Quatsch-Geschichten von Gründgens und des Pudels Kern (in Wirklichkeit ein Westhighland-Terrier) oder über Elvis allzu frühes Ende beizusteuern (Regie: Constance Mattheus). Längst kein Geheimtipp mehr, entwickelte die apart grimassierende, cool-erotische Wimmer dabei eine angenehm schräge, ganz persönliche Poesie.

    Voller Freude konnte der Culture Club Santa Fu am 23. Februar 2007 die junge lettische Sopranistin Aviva Piniane und ihren Landsmann, den Pianisten Gints Racenus, zu einem Konzert in der JVA begrüßen. Die von dem Verein Live Music Now e. V der Yehudi-Menuhin-Organisation engagierten Künstler bezauberten die Gefangenen mit Klassikern aus der großen Zeit des Swing und Jazz so sehr, dass sie am Ende mit stehenden Ovationen verabschiedet wurden. Von ganz anderer Art, aber nicht weniger groß war die Begeisterung, die das Hamburger Schauspielhaus mit seiner Inszenierung des Theaterstücks Nipple Jesus von Nick Hornby auslösen konnte. Der den ehemaligen Türsteher sehr glaubhaft spielende Hermann Book zog alle in seinen Bann, ließ sie mitfühlen, und hatte die Lacher auf seiner Seite, wenn er, den prolligen Gewaltmenschen mimend, die durchaus selbstironischen Seiten seiner Zuschauer ansprach. Die Insassen bedanken sich nochmals herzlichst bei den Künstlern und allen Helfern – „ihr habt Licht in unsere grauen Zellen gebracht!“

    Redaktion: Ulrike Cordes

    AdNr:1018

     

     

    2007-06-15 | Nr. 55 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes