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    Stattlich? Oder doch eher dünn?

    Altersvorsorge/Vermögensaufbau mit staatlicher Hilfe für freie Kulturschaffende

    „Jetzt tut der Staat auch was für Sie!“, so titelte die Postbank in einer Wurfsendung zum Jahresende. Uwe S., der Beispielkunde, bekommt einen maximalen Steuervorteil von 150.144,– Euro zu Rentenbeginn! Das ist doch was … oder etwa nicht?

    Uwe S. ist 33 Jahre alt, selbstständig, ledig und hat ein Jahresbruttoeinkommen von 80.000 Euro. Damit ist er sicherlich der Lieblingskunde eines jeden Postbank-Beraters! Die Rechnung ist schnell gemacht: Rürup-Rente, Jahresbeitrag 12.000 Euro, steuerlich absetzbar 8.160 Euro … gekauft!

    Wie viel kommt dabei herum? Keine Ahnung, steht nicht im Prospekt. Hauptsache Steuern runter.

    Genau so funktioniert Altersvorsorge. Dein Bankberater oder dein Versicherungsagent hat irgendein Produkt in der Tasche und weiß genau, dass es das beste für dich ist! „Sie sparen doch Steuern“. Oder: „Der Staat gibt noch was oben drauf: Grundzulage, Kinderzulage, Hartz IV sicher, mit Hinterbliebenenschutz und – natürlich nicht zu vergessen – alles steueroptimierend“. Wer jetzt nicht kauft, ist selber schuld!

    Oder?

    Bringen wir einmal etwas Ordnung in das Durcheinander:

    Malte S., 33 Jahre alt, freier Artist und Jongleur mit Patchwork-Familie, ist unser „Durchschnitts-Künstler“. Mit seiner Kunst verdient er 30.000 Euro brutto (Betriebseinnahmen abzüglich Betriebsausgaben). Seine Beiträge zur Künstlersozialkasse (KSK) führt er ehrlich ab und zahlt rund 500 Euro pro Monat in die gesetzliche Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung.

    Was sollte Malte tun, um in rund 33 Jahren nicht der staatlichen Fürsorge anheimzufallen?

    Zunächst einmal ist da die gesetzliche Rentenversicherung. In die zahlt Malte gut 250 Euro im Monat ein. Noch einmal 250 Euro legt die KSK dazu. Was dabei herauskommt, steht in den Sternen. Keiner kann das heute sagen. Irgendwelche Ansprüche wird Malte damit erwerben. Nach heutiger Rechnung werden es wohl rund 800 Euro werden. Zu wenig, um davon zu leben …

    Angenommen, Malte hätte gerne 1.600 Euro zum Leben später. Dafür müsste er weitere 800 Euro Rente ansparen. Wie das geht, macht folgende Zinseszinsrechnung deutlich:

    Wer heute 100 Euro zurücklegt und dafür 6 % Zinsen bekommt, hat in rund 30 Jahren ein Vermögen von ca. 100.000 Euro zusammengespart.

    Aus diesen 100.000 Euro kann sich Malte eine monatliche Rente von 400 Euro quasi lebenslänglich ausbezahlen, wenn er 4 % Zinsen bekommt.

    Dann reichen also 200 Euro zusätzliches Sparen, um im Alter nicht ganz alt auszusehen … könnte man meinen.

    Aber: Wir haben die Inflation vergessen, also die Geldentwertung. In 30 Jahren hat sich die Kaufkraft unseres Geldes voraussichtlich halbiert, wenn wir die aktuell niedrige Inflationsrate unterstellen. Malte bekommt also nicht 400 Euro, sondern inflationsbereinigt gerade einmal 200 Euro. Für Malte heißt das, dass er neben der KSK noch 400 Euro monatlich sparen muss, damit er im Alter nicht jeden Cent zweimal umdrehen muss.

    Aber wo ist jetzt der Steuervorteil?

    Der ist in der Art, wie man spart, versteckt. Der Gesetzgeber hat vor einigen Jahren ein Schichtenmodell in der Altersvorsorge eingeführt. Jede Schicht wird steuerlich unterschiedlich behandelt. In den beiden ersten Schichten, zu denen die Riester-Rente und die Rürup-Rente zählen, ist die nachgelagerte Besteuerung umgesetzt. Das heißt, dass die Beiträge zwar heute steuermindernd genutzt werden können, dafür jedoch die spätere Auszahlung als Rente im Alter komplett versteuert werden muß.

    Bei der klassischen privaten Rentenversicherung ist dies genau umgekehrt: Die Beiträge werden heute aus versteuertem Einkommen gezahlt, dafür ist die Rente im Alter fast steuerfrei. Deshalb ist es „fast“ egal, wie man spart … Hauptsache, man spart überhaupt!

    Rentenversicherungen sind natürlich nicht die einzige Form der Altersvorsorge. Auch die Rücklage auf dem Tagesgeldkonto, Investmentfonds oder eine Immobilie (selbstgenutzt oder vermietet) gehören dazu. Und auch bei diesen Alternativen hilft der Staat.

    Wichtig ist, sich nicht von irgendwelchen Steuervorteilen locken zu lassen, sondern zunächst ganz nüchtern individuell zu überlegen, wie viel Geld im Alter notwendig ist. Malte hat diese Überlegungen zusammen mit seinem Finanz- und Versicherungs-Coach gemacht. Dabei kam heraus, dass die Rürup-Rente, die Uwe S. vorgeschlagen wurde, frühestens mit dem 60. Lebensjahr ausgezahlt werden kann. An dieses Geld kommt man vorher überhaupt nicht mehr heran. Für Malte war das nicht geeignet.

    Malte S. plant, eine alte Fabrikhalle zu kaufen und als zirkuspädagogisches Zentrum aufzubauen – da nützen ihm die Rürup-Rente und der Steuervorteil, den Uwe S. hat, wenig. Viel wichtiger ist es, flexibel zu bleiben, verfügbares Eigenkapital aufzubauen und sich darüber im Klaren zu sein, wie viel jeden Monat in die Rücklagen fürs Alter und die anderen Projekte gesteckt werden muss. Malte weiß das jetzt.

    Christian Grüner, Kuenstler-Fairsicherung®, Hagen (gruener@kuenstler-fairsicherung.de)

    Abb.: Für eine auskömmliche Rente wird viel Kapital benötigt wie das Beispiel zeigt

     

    1. Sparphase (heute):

     

    100 Euro/Monat > 6 % Zins p. a. > 30 Jahre Laufzeit     =>       100.000 Euro

    Abzüglich Inflation!!!                                           =>          50.000 Euro

    Tatsächlicher Wert (Kaufkraft) in 30 Jahren:               =>          50 000 Euro

    2. Entnahmephase (Rente mit 65):

    50.000 Euro > 6 % Zins p. a.                     => lebenslänglich rund 250 Euro Rente/Monat



    2009-12-15 | Nr. 65 | Weitere Artikel von: Christian Grüner