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    Stell Dir vor es ist Expo und....

    Nein! Drei Monate lang galt unser Lieblingskalauer, doch gerade als wir uns an die schöne leere Expo gewöhnt hatten, da strömten alle auf einmal die Massen. Und das, wo Expo-Sprecherin Wibke Bruns just den Grund der Leere erkannt hatte: An Hannovers provinziellem Charakter läg’s. Konnte man ja vorher nicht wissen, wie’s hier ausieht, wer kennt schon Hannover... Allerdings: die eingeplanten Besucher von bis zu 350 000 am Tag hätten ohnehin nur mithilfe japanischer U-Bahn-Quetscher aufs Gelände gepasst. Die vielen wohlgemeinten Kulturveranstaltungen ringsum blieben aber bis jetzt ein leerer Rahmen: Wer drei Stunden vor dem deutschen Pavillon  Schlange stand, dem steht abends der Sinn kaum noch nach großer oder kleiner Kunst. Ganz davon zu schweigen, dass so einige Open Airs ins Wasser fielen.

    Ausgenommen natürlich unser Dauerbrenner, das Kleine Fest im Großen Garten, dessen Chef, der „Mann mit dem Zylinder“ alias Kulturdezernent Harald Böhlmann, berüchtigt dafür ist, dass er nur zwei Wetterlagen kennt: gutes und Das-geht-noch-Wetter. Zur Expo gab’s zusätzliche Spieltermine, viele Best-Offs und englischsprachige Künstler wie Herrn Schulze und Herrn Schröder, die akrobatischen Gentlemen des Wall Street Theatre, die diesmal mit ihrer hinreißenden Würstchen-aus-dem-Mund-Schieß-Jonglage antraten, und wieder mal US-Blondlock-Charmeur und Jongleur Cotton MacAloon. Stars im Garten aber waren The Primitives aus Belgien, die in ihrem Aktionsgalastück Cook it auf urkomische Weise ein Omelett brutzelten, Les Zanimos aus Frankreich, die Andrée Kupps Gemüse-Dressur, witzige Kunststücke von zweibeinigen Erbsen und Zucchinis zeigten, sowie Gogol & Mäx, die mit einem Grande Concerto – Clowns Classiques aufwarteten, gekonnt Didgeridoo oder Geige malträtierten und verkehrt herum auf einem schräg angehobenen Klavier ein Duo klimperten. Prädikat dringend weiterzuempfehlen. Enttäuschend dagegen Valter Rado,  der früher als die eine Hälfte von I pendolari dell’essere mit dem großartigen „Tätum tätum cräck“ begeistert hatte. Diesmal trat er im großen Garten mit neuem Partner Iggi Meggiorin zur Pippo Comedy Show als Hund auf, der Kunststücke vorführen soll. Dünne Story, wenig witzige Darstellung.

    Tja, wenn einer gewohnte Gleise verlässt, dann kann er was erleben. Peter Shub, der großartige stumme Clown und – möge Frau Bruns staunen –­ Wahlhannoveraner aus den USA, probierte sich in einer Nachtshow im GOP Hannover als Stand-upper aus, erzählte absurde Geschichten aus seinem Alltag, von kleinen Abenteuern beim Flug übern großen Teich und vom komisch-bitteren Ende einer Liebe. Das ganze wirkte sehr frisch zusammengefügt, hatte viel Witz und Charme, überforderte aber den weniger sprachgewandten Teil des Publikums total. So blieben nach der Pause einige Plätze leer, für Shub sicher eine neue Erfahrung.  Pech für die Heimgeher: Im zweiten Teil spulte Shub seine gewohnte Gag-Parade vom unsichtbaren Hund bis zum tanzenden Suppenhuhn ab. Doch dass die Leidenschaft des schräg-bösen Clowns bei der Stand-up Comedy liegt, war deutlich; sein abendfüllendes Soloprogramm nimmt Formen an. An einem solchen bastelt derzeit auch sein Mime-Kollege Niels, der erste Ausschnitte am 14. Oktober in Fulda zeigen wird. Niels, weltbester Schrägsteher und großartig als verliebter Roboter, ist auch als Regisseur gefragt, er wird das Wintervarieté in der Konzertscheune Calden inszenieren.

    Noch ein unschönes Randergebnis der Expo gibt es zu beklagen: Die Sponsorentöpfe in der Stadt sind blankgeleckt. Nix geht mehr, selbst professionelle Sponsorenjäger brachten für das qualitativ gute Kleinkunstprogramm des Kulturkaleidoskops schon während der Expo keine müde Mark zusammen. Harte Zeiten für den hiesigen Nachwuchs. Zumal auch noch ein beliebtes Sprungbrett auf größere Bühnen angeknackst ist: Erwin Schütterle, der sonst unerschütterliche, machte zeitweise seine Kleinkunst-, Konzert- und Weinstube Kanapee dicht, der schon Größen wie Alix Dudel und das Chansonduo Duda/Iser entwuchsen. Bei den wenigen Plätzen bleiben die Einnahmen einfach zu gering, um den Fortbestand langfristig zu sichern, Erwin sucht größere Räumlichkeiten. Nachwuchsförderung hat sich auch die Werkstatt Galerie Calenberg (WGC) auf die Fahnen geschrieben, vor allem bei ihrem alljährlichen Kabarettwochen im Frühjahr. Wobei der Nachwuchs jedoch gründlich mit Gestandenen durchmischt war, schon als Auftaktbonbon gab’s den bluesigen Pianoplauderer Armin Töpel, der seit kurzem auf seinen Abstechern von Süddeutschland nach Bremen regelmäßig seinen Fankreis in Hannover beglückt. In „Sex ist keine Lösung“ breitet er seine kleine Bühnen-Gefühlswelt mit einnehmendem Lieblings-Schwiegersohncharme aus: der Anfang-Vierziger, von Frau und Tochter verlassen; Sonja sei Dank, denn seither macht er erfolgreich in Kleinkunst. Umjubelt auch der Senkrechtstarter der WGC, Musikkabarettist Matthias Brodowy, bei seinem Heimspiel; doch richtig schön wird es in der WGC, wenn so abgedrehte Vögel wie Christof Stolle antreten, die anderswo durch das Raster des Erfolgszwangs fallen. Selbst auf der familiären WGC-Bühne wirkt Stolles Auftritt seltsam verloren. Völlig gegen den Geist der Zeit lassen seine Geschichten alle wohlfeilen Pointen verächtlich liegen. Dafür kriechen sie einem heimtückisch übers Hirn ins Zwerchfell. „Gibt’s noch Fragen?“ heißt sein Programm und mit schrägkomischer Überzeugungskraft malt Stolle das Innenleben eines „Vereins zur Vernichtung von Fragen“ aus. Oder schildert, wie zwei Handwerker morgens um sieben in der Tür stehen, um einen Zweifel bei ihm anzubringen. Und schon ist ein Fragezeichen bei ihm da und läßt sich Knödel mit Sauce bringen. Feinsinnig unterkühlter Humor mit Substanz. Und noch zwei verdienten sich die Weiterempfehlung: Die Circen, die mit ihren Chansons als „sittlich-sinnlich“ angekündigt wurden, und, selten genug, die Ankündigung untertrieb. Sängerin Gabriele Lange glaubt man rückhaltlos, dass sie Kakteen küsst und mit Reißzwecken gurgelt - oder Regierungsherren beim Blutvergießen hilft, wie sie mit süffisant-coolem Lächeln singt. Eine Femme fatale mit Überraschungen. Und so ärgerlich der Abschluss der Reihe mit dem selbsternannten „Geheimtip“ Detlev Hörold war - wieder einem Tastenplauderer, aber einem selbstgefälligen Saalräumer -, so großartig vor der vorletzte Abend der Reihe mit Ingo Börchers. Der schlaksige Bielefelder weiß klug mit Worten zu spielen, spöttelt, etwas oberflächlich aber lustig, über Edmund, den Zerstoiber, und Sammelbüchsen-Kohl: „Und wer von euch ohne Kleingeld ist, der werfe den ersten Schein.“ 26 Jahre ist er und sieht noch jünger aus, philosophiert über die Zeiten, in denen Raider noch Twix hieß, zieht von seinem Nachgeborenen-Standpunkt aus gelungen lästerlich über die Alt-68er her: „Wozu soll ich ein Haus besetzen, wenn ich es auch besitzen kann?“ Könnte mehr draus werden.

    Während trotz ordentlichen Programms die etablierten Kabaretthäuser mit einer leichten, aber stetigen Publikumsschwund-Tendenz zu kämpfen haben, erfreuen sich die Kleinbühnen und Zeltfestivals des Umlands steigender Beliebtheit, zumal wenn sie so gute Ideen haben wie das Gasthaus Hahn in Ottensein mit seinem Theater-Dinner – für die Vorweihnachtszeit schon fast ausverkauft. Auch Künstlerinnen wie Caroline Schreiber (am 14.10.) gastieren gerne in der dörflichen Tanzsaal-Atmosphäre, sie bringt ihr Chansonprogramm mit Texten von Elke Heidenreich und Friedhelm Kändler. Zunehmende Anfragen auch von Künstlerseiten verzeichnet auch der Musenpalast in Clenze/Wendland, der zum dritten Mal seine Zeltplanen aufgeschlug. Im Theaterchapiteau von Guillaume le Grand fanden zwischen Himmelfahrt und Pfingsten 22 Veranstaltungen statt. Höhepunkte waren das Bader Ehnert Kommando sowie die traditionell ausverkaufte Varietéshow „Kulturelle Lachparade“ sowie der Berliner Zauberer/Entertainer Eckart von Hirschhausen, der an seinem Soloabend alle Register der Verbalakrobatik zog. Urkomisch, ganz gleich, ob er als Gedankenleser auftrat oder sich in sein Chinesisches Ringspiel verhedderte. Zehn Prozent der Einnahmen im Musenpalast gehen übrigens in den wendländischen Anti-Atom-Widerstand. So was gibt‘s auch noch. In der anderen Richtung von Hannover aus gesehen begibt sich Mimuse-Macher Udo Püschel jetzt zeitweise in ländliche Regionen: Er hat es übernommen, das Programm im neuen Varieté in Bad Oeynhausen zu gestalten. Nachdem er diese Aufgabe fürs GOP Hannover an Direktor Werner Buss abgegeben hatte, hielt er es offenbar mit soviel Freizeit nicht aus. Nun schwärmt er von der tollen Atmosphäre im alten Kurstadt-Casino.

    In weiser Voraussicht, die anderen fehlte, hat Püschel übrigens sein Kleinkunstfestival in Langenhagen in die Zeit nach der Expo platziert. Zur 20. Mimuse vom 4.11. bis 15.12. setzt er überwiegend auf ein Wiedersehen mit Höhepunkten früherer Jahre, wie Gerhard Polt, Götz Alsmann, Bruno Jonas, Dieter Nuhr, Achim Konejung und Hans Hermann Thielke. Peter Shub präsentiert ein FUNtastisch, und weil‘s so schön war, ist die Entdeckung der letzten Mimuse wieder dabei. Pinguin, der missratene Pantomime mit dem grandios verschrobenen Humor. Auch im Theater am Küchengarten (tak) gibt‘s ein freudiges Wiedersehen: Urgestein Kalla Wefel tritt zur neuen Eigenproduktion an. Für die letzte, „Immer locker bleiben“ kassierte er den „Satirelöwen 99“; jetzt gibt er unter der Regie von tak-Leiter Horst Janzen ab 25.10. die Ansichten eines Klons zum Besten. Zur Kultveranstaltung ist im tak alljährlich die Crunchy Xmas der Künstlergruppe Hebebühne geworden. für das diesjährige Fest wird das musikomische Weihnachtsfest für Randgruppen aller Art erstmals aktualisiert. Neu im Repertoire der Hebebühne ist ein musikalisch-szenischer Streifzug durch die Abgründe der Großstadt: Nachtschweiß ist auch am 23. September beim Domino Theaterfestival in Göttingen zu sehen.

    Last not least: Der Gaul von Niedersachsen, der Kabarettpreis des tak – zuletzt ging er an Thomas Reis – kriegt Nachwuchs, der dem Nachwuchs gewidmet ist. Kabaretttalente sind bundesweit aufgefordert, beim tak um das Fohlen von Niedersachsen zu wetteifern. Gefordert ist jeweils ein halbstüdiges Kurzprogramm, als Preis winken DM 2.000 sowie vier Tage Auftritt im tak. Genaueres beim Theater unter 0511 – 44 55 85. Richtig was zum Wiehern wünscht sich

    Redaktion: Evelyn Beyer

    2000-09-15 | Nr. 28 | Weitere Artikel von: Evelyn Beyer