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    Straßentheater in Österreich


    Wer veranstaltet Straßentheater in Österreich und welche Gruppen sind wo am richtigen Platz?

    ‚Trottoir‘ heißt hier in Österreich landläufig ‚Gehsteig‘, maximal noch ‚Bürgersteig‘, und beschreibt den vom fahrenden Verkehr abgetrennten Teil der Straße. Der Teil, wo Platz ist, um zu gehen und zu stehen und mitunter auch zu schauen. Die Wahl des Titels Trottoir für eine Kleinkunstzeitschrift legt den Schluss nahe, dass sie inhaltlich etwas mit Straßentheater zu tun hat. Im folgenden Artikel möchte ich die Gelegenheit nutzen und Wurzelpflege betreiben. Back to the roots – österreichisches Straßentheaterfestival at its best.

    Vorweg: Bei allen Festivals, die ich in den letzten Jahren besucht habe, hat sich eines gezeigt, nämlich dass sich Straßentheater in Österreich seitens des Publikums sehr hoher Beliebtheit erfreut. Oft ist das Klatschen und Johlen oder der staunende Atmen von weit her hör- und spürbar. Ist ein Festival in der Stadt, sieht man häufiger als sonst und in der Regel auch andere Menschen als sonst schnell über einen Platz hetzen, um gerade noch pünktlich irgendwo zu sein. Wenn man sich während eines Festivals in einen Schanigarten setzt, um zu entspannen, hört man häufig Gespräche, wen man sehen muss, wie welche Show war etc. Wenn man solchen Gesprächen zuhört, kommt man immer wieder zum selben Schluss: Man kann Straßentheater nicht erzählen. Man muss es gesehen haben und genau davon leben alle Beteiligten, die Künstler, die Veranstalter und last but not least das Publikum: von der Einmaligkeit.

    Ich habe mir erlaubt in der Beschreibung der Festivals systematisch vorzugehen. Dazu habe ich all jene Veranstaltungen, in denen Straßentheater als solches veranstaltet wird, in zwei Großgruppen eingeteilt.

    Gruppe I:

    sind alle jene Festivals, die nach dem Vorbild anderer internationaler Straßentheaterfestivals Straßentheatergruppen oder Solisten einladen, sowohl Gagen, als auch Quartier, Verpflegung und Reisekosten übernehmen. Diese Festivals laden arrivierte Gruppen ein, die in der Szene einen Namen haben und meist schon viele Jahre und mit verschiedenen Produktionen am Werk sind. Auffällig, dass es sich hier selten um Solisten handelt und dass die Künstler mit ihren Produktionen eine theatrale Welt herstellen. Die Stücke können an feste Orte gebunden oder als walk act angelegt sein. Häufig spielt die Sprache hier nur eine untergeordnete Rolle.

    Österreichs Herzeigefestival ist hier sicherlich in Graz La strada. Werner Schrempf und Diana Brus organisieren mit ihrem Team „die Organisation“ ein sehr schönes und international hochkarätiges Festival. Tummel- Färberplatz und Co. werden in den 8 Tagen zu Bühnen des Straßentheaters. Kleine und feine Produktionen wie das Tanzstück von Claire Ducreux („De Paseo“), der Stehaufmann Dynamogene (m. Culbuto), kräftige Produktionen wie von Theater Mowetz (Anarchie und speed) oder Theater Irrwisch (Gatschpletzn und Nujork Denzing Kwiin) finden genauso ihren Platz wie für die Bühne adaptierte Straßentheateracts von Leandre und den Brüdern Ronaldo oder Großproduktionen wie „Malaya“ von Close Act Theatre (siehe www.lastrada.at).

    Nur zwei Tage und mit viel mehr Stadtfestcharacter, aber trotzdem als Straßentheaterfestival zu bezeichnen, ist das Wiener Stadtfest. Auch hier werden vom Organisationsteam Hallamasch internationale Gruppen eingeladen. Heuer waren unter anderem Les Frites Foutues und Strange Fruit zu Gast.

    Ebenfalls in diese Gruppe gehört Innsbruck mit dem Festival der Träume und Lienz (nicht Linz, Anm. der Redaktion) wo der Kulturverein Ummigummi jährlich einige internationale Gruppen einlädt.

    Daneben gibt es Stadtfeste, die nach dem Prinzip der Festivals arbeiten und neben Musikgruppen und dem üblichen Stadtfestrummel eine, oder wenige Straßentheatergruppen einladen. Die Gruppen kommen meist aus Österreich oder maximal dem nahen, angrenzenden Ausland. Auch hier werden für die Gruppen alle Kosten übernommen. Die Auftrittsbedingungen für die Künstler sind manchmal durch unerwartete Lärmbeeinflussungen (Bands um die Ecke) oder Platzmangel (Wirte, die jeden Platz mit Tischen zupflastern) beeinträchtigt. Mehr und mehr können Unstimmigkeiten aber beseitigt werden. Hierher gehören unzählige Stadt- und Marktfeste in Österreich, z. B. das Salamancafest in Spittal/Drau, die Sommernacht in Zell/See, der Klagenfurter Altstadtzauber, Stadtfest in Wr. Neustadt und in St. Pölten.

    Kunsthandwerkermärkte, die als Rahmenprogramm eine Straßentheaterschiene veranstalten, laden zum einmal jährlich stattfindenden Markt eine Straßentheatergruppe ein. Auch hier werden eher Straßentheatergruppen als Gaukler eingeladen, wobei der Übergang fließend ist, z. B. Kunsthandwerkermärkte in Radstadt, in Gmunden, in Graz, Villach, Wien etc.

    Gruppe 2:

    Gauklerfestivals (die sich verwirrenderweise manchmal auch Straßentheaterfestivals nennen). Das sind Festivals, die davon leben, dass sie Straßenkünstler einladen, ihnen Quartier, anteilige Reisekosten und eine sehr geringe Gage, quasi eine Aufwandsentschädigung, zahlen und den Künstlern dafür ermöglichen, Hutgeld-Shows (auf English „basking shows“ von „to bask“ = einsammeln) machen. Diese Künstler werden also von den Zusehern direkt bezahlt. Qualitativ unterscheidet sich diese Art der Festivals von den anderen dreien in folgenden Merkmalen: Bei Gauklerfestivals findet man vor allem Solisten (in der Regel Männer) oder maximal Gruppen von zwei Personen, alles andere ist eine Seltenheit. Hier werden in der Regel keine Stücke, sondern Shows geboten. Die Showmaster versuchen, ohne Verwendung einer theatralen Figur, Requisiten (im Gegensatz zu equilibristischen Utensilien) oder dem Versuch der Kreation ein theatralen Welt mit einem vermeintlichen Anteil von Improvisation nach längerem Spannungsaufbau in ein grandioses Finale zu leiten, begleitet von der Aufforderung, möglichst viel Geld in den Hut zu werfen. Häufigste Tätigkeiten sind Jonglieren, Einradfahren und das Herzeigen anderer akrobatischer oder equilibristischer Fähigkeiten. All jene, die sich diesem Gauklerprinzip nicht unterordnen wollen, sind zwar oft eine Bereicherung des Festivals, weil sie mit walk acts oder theatralischen Einlagen den zum Mainstream werdenden „One-Man-Shows mit grande Finale“ etwas entgegensetzen, finanziell rentiert sich dieses Konzept für diese Künstler aber oft nicht. Wie überall gibt es auch hier Ausnahmen. Skuriler Nebeneffekt dieser Abteilung der Straßenkunst ist, dass viele der Städte, die solche Gauklerfestivals veranstalten, Verordnungen haben, die das Durchführen von Baskingshows außerhalb der Festivals verbieten oder zumindest gar nicht gerne sehen.

    In dieser Gruppe steht allen voran Linz mit dem Pflasterspektakel. Diese Veranstaltung ist die größte und professionellste ihrer Art in Österreich. Hierher kommen Künstler aus fast allen Teilen der Welt, um ihre Acts vorzuführen. Neben Künstlern, die hier schon seit Jahren herkommen, gibt es auch immer wieder neue. Linz tobt, wenn das Pflasterspektakel stattfindet. Mehr und mehr kommen auch österreichische Agenturen nach Linz, um sich Programme anzusehen und den einen oder anderen Künstler für ihre Veranstaltungen einzuladen. Im Anschluss daran findet in kleinerem Rahmen das Gauklerfest in Villach statt und daran anschließend das Gauklerfest in Feldkirch. Viele Straßenkünstler planen diese drei Festivals als „Österreich-Tour“ ein. Bei all diesen Veranstaltungen muss man sich bewerben, am besten in Linz, denn zumindest für Villach wird dort ebenfalls eine Auswahl getroffen. Der Andrang der Künstler ist mittlerweile so groß, dass sich weit mehr anmelden als eingeladen werden.

    Redaktion: Stephan Novack

    2004-09-15 | Nr. 44 | Weitere Artikel von: Stephan Novack