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  • Szenen Regionen :: Hamburg

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    Szene Hamburg: Kein Obolus mehr im Hut

    Alles löst sich auf – Rentensystem und bürgerliche Wertvorstellungen, Geschlechter-Rollen und Alpengletscher. Und nun auch noch – neben dem kotterschnäuzigen Damen-Duo Missfits, das in Schmidt’s Tivoli beifallumrauscht seine letzte Tournee startete – das Bader-Ehnert-Kommando! Wahrlich ein Verlust für die nicht immer gleichmäßig glanzvolle Hamburger Kabarett-Szene, die in den 15 Jahren der Kooperation von Michael Ehnert (37) und Kristian Bader (39) nicht nur durch urwüchsigen Witz, sondern auch – selteneres Gut – durch konsequente Aussagen zu relevanten Themen bereichert worden ist.

    Ende Mai begingen die beiden Schauspieler sozusagen ihre eigene Beerdigung in Alma Hoppes Lustspielhaus: Noch einmal trugen sie ihre seit 1992 erfolgreiche „Lethal Weather“-Trilogie vor, eine groteske Parodie auf Action- und Science-Fiction-Filme („Der Terminator“), die Umweltverschmutzung und Klimakatastrophen anprangert. In Schulen, Stadtteilkulturzentren und Theatern, in Hamburg und Shanghai hatten Bader und Ehnert mit dem Mix aus Bühnenstück, Kabarett und Comedy für Furore gesorgt. Im jeweils ausverkauften Lustspielhaus boten sie eine modifizierte Nostalgie-Version: eine Lesung, die sie mit rückblickenden, selbstkritischen Kommentaren würzten („das ist auch `ne total langweilige Szene“). Überflüssig zu sagen, dass das tosende Publikum die beiden kaum gehen lassen mochte.

    Wie kam es zum Schlussstrich? „Es gibt keinen konkreten Grund für die Trennung, aber auch keinen konkreten Grund zusammenzubleiben“, sagte Michael Ehnert gegenüber Trottoir. Schon als Duo hätten beide aus Inspirationsgründen immer wieder solo gearbeitet, inzwischen sei es mit den gemeinsamen Entwicklungsmöglichkeiten gänzlich vorbei.

    Deshalb wollen die zwei Engagierten, die auch vor albernen Kalauern und plumper Moralpredigt nicht Halt gemacht haben, nun ihre eigenen Karrieren ausbauen. Ehnert, der für das Düsseldorfer Kom(m)ödchen und die Münchner Lach- und Schießgesellschaft („Jenseits von Oz“, 2004) geschrieben und inszeniert hat, probt mit Dirk-Bielefeldt-Regisseur Martin Blau („Herr Holm“) ein Solo-Programm. Bader, der nach wie vor in der Esther-Schweins-Inszenierung von „Caveman“ für volle Häuser sorgt, bastelt an einer Art „Cavemusic“, einer Geschichte über die Entstehung der Klangwelten in der Steinzeit. Außerdem hat er mit der „Baderanstalt“ auf zwei Fabrik-Etagen in Hamburg-Hamm eine „Heimstatt für vertriebene Künstler“ geschaffen: ein Forum für Kabarett und Musik, Lesungen und Theater mit knapp 100 Plätzen quasi im eigenen Wohnzimmer.

    „Ich lache gern – auch über plumpe Sachen, wenn sie gut `rübergebracht werden“, sagt einer, der gerade erst anfängt: Volker von Liliencron, Dichter-Urenkel und freier Schauspieler (29), gründet zur Zeit mit viel Enthusiasmus den „Comedy-Salon“ im Kiez-Musik-Club „Weltbühne“. Pilot-Premiere gab’s im Juni mit Lutz von Rosenberg-Lipinsky, Newcomer-Proleten-Zicke Ricky Busch alias Susi Banzhaf, Gregor Mönter, Martin Niemeyer sowie Emmi & Herr Willnowsky. Im zweimal am Abend gut besuchten Plüsch-Etablissement mit rund 100 Plätzen herrschte schon bald beste, zuweilen derbe Aufbruchstimmung.

    Die präsentierte bunte Mischung aus Etablierten und Nachwuchs, Hamburgern und Gästen sowie verschiedenen Spielarten der Comedy hat sich Liliencron auch als Programm ab diesem Herbst auf die Fahnen geschrieben. Motiviert durch die reiche Club-Szene im Londoner West-End sieht sich der Jung-Veranstalter nicht als Konkurrent zu Machern wie Sebastian Schnoy oder Konrad Stöckel, sondern als Ergänzung: Comedy sei in Hamburg lange nicht ausgereizt, die Zielgruppe („von 16 bis 66 aus jeglichen Schichten“) könne noch kräftig wachsen, meint Liliencron.

    Und nun noch ein (Rück-)Blick auf die Sommerfestival-Szene: Im „Zelt der kleinen Künste“ waren die Hamburger „Männergestalten“ längst Kult-Institution, Schmidt’s Tivoli kam mit Auszügen u. a. aus seinem Musical „Heiße Ecke“, das Hebeartistik-Duo „Popeyed“ aus Australien wurde von jeweils gut 500 Menschen bestaunt, an den Gastro-Ständen offerierte etwa Sterne-Koch Harald Wohlfahrt Köstlichkeiten seines „Palazzo“-Menüs: Das anspruchsvolle Konzept des Hamburger Duckstein-Festivals, eine Mischung aus Kultur und edlem Kulinarischen, zog in seinem siebten Jahr im Juli rund 120.000  Besucher (Veranstalterangabe) auf die sonst karge Fleetinsel in der Innenstadt. Auch in Kiel und Lübeck gab es wieder erfolgreiche Ableger. Thorsten Weis, Geschäftsführer des Veranstalters bwp, einer Tochter der Uwe Bergmann Agentur, zeigte sich denn auch zufrieden mit den Ergebnissen und ist doch nicht hundertprozentig glücklich mit der aktuellen Situation der deutschen Straßentheater-Festivals: „Das Grundproblem ist: Ein Straßenkünstler kann einen sehr hohen Anspruch verfolgen – doch dafür braucht er Proben- und Auftrittsmöglichkeiten, also entsprechende Gagen. Früher honorierte ihn das Publikum mit kräftigem Obolus in den Hut. Das ist heute komplett verschwunden“, sagte der 38-Jährige zu Trottoir. „Wir brauchen daher Sponsoren, aus der Wirtschaft oder aus der Politik, die Idealisten sind – die begreifen, dass nicht der schnelle Umsatz, sondern das Geschenk eines Kultur-Erlebnisses auch ihren Erfolg langfristig ausmacht“, räsonierte der Veranstalter. Auch das Publikum sollte wieder sein Scherflein beitragen und somit Mini-Sponsor werden: „Ich bin Anhänger des Konzepts des von uns mitorganisierten Güstrower ‚Sommertraums’, zu dem jeder Besucher Eintritt bezahlt.“ Weitere Probleme sieht Weis bei der in Deutschland aussterbenden Zirkuskunst, wie etwa der von ihm geschätzten Trapezartistik. Und seine Straßentheater-Künstler müsse er sich mittlerweile oft aus Übersee holen, zum Beispiel aus Australien.  

    Redaktion: Ulrike Cordes

     

    TERMINE

    Steife Brise: IMPROSLAM!
    29.9. Imperial-Theater, 20 Uhr

     

    Comedy-Salon:

    6.10. mit Gregor Mönter, Improtronics, Susi Banzhaf alias Ricky Busch, Kay Ray, Ole Lehmann 

    3.11. Dr. Dr. Jörn Haeger, Kai Maertens, Der Mann im Leopardenmantel, Desimo

     1.12. Bernd Schrubka, Jens Ohle, Lutz von Rosenberg-Lipinsky u. a. 

    Weltbühne, Nobistor 24, 19.30 und 22.30 Uhr 

     

    Missfits: „Letzte Runde“, u. a.:

    8./9.10. Aachen, Eurogress

    25./26.10. München, Zirkus Krone

    22./23.10. Frankfurt/M., Alte Oper

    28.–30.11. Hannover, Theater am Aegi

    2004-09-15 | Nr. 44 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes