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  • Szenen Regionen :: Stuttgart

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    Theaterdonner und Kleinkunstblitze

    Das Theaterhaus feierte im März seinen 20. Geburtstag; zwei Jahre befindet es sich nun im schönen, neuen Haus am Pragsattel. Zwanzig Jahre, gefüllt mit qualitätsvollen Veranstaltungen, von Kleinkunst bis Jazz, von Theater bis Tanz.

    Das Projekt, einst vom Intendanten Werner Schretzmeier und Weggefährten gegründet, hat es trotz harter finanzieller Zeiten immer wieder geschafft, durchzuhalten und den eigenen Weg konsequent weiterzuverfolgen. Ein Anlass für ein großes Fest, gestaltet von Wolfgang Dauner, Heinrich Pachl, der schon vor zwanzig Jahren die Auftaktveranstaltung moderierte, Arnulf Rating, der einst mit den „Drei Tornados“ für das Theaterhaus auftrat, Peter Grohmann, Roland Baisch, Timo Brunke, Christoph Sonntag und natürlich von Mitgliedern des internationalen Theaterhausensembles. Unter den Gästen Ex-Oberbürgermeister Manfred Rommel, ein wichtiger Förderer des Hauses. Mit viel Humor wurde die Videodokumentation der ersten zwanzig Jahre vom Publikum aufgenommen. In den Tagen vor dem Hausgeburtstag hatten beim Jazzfestival Eberhard Weber, Jan Garbarek, Gary Burton, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Dee Dee Bridgewater mit „J’ai deux amours“, Jean-Luc Ponty und andere Jazzgrößen die Feier eingeläutet.

    Seinen achtzigsten Geburtstag feierte im Renitenztheater der Ex-Intendant Gerhard Woyda. Und alle, die in diesem Haus ihre Karriere gestartet haben, waren gekommen. Thomas Freitag glänzte mit einer Reich-Ranicki-Parodie, Mathias Richling wurde von Gerhard Woyda am Klavier begleitet, als er ein Valentin-Lied zum Besten gab. Der Sänger und Pianist Robert Kreis, auch seit langem dem Haus und dem Jubilar freundschaftlich verbunden, brachte den Saal mit Mitmachliedern zum Kochen. Frank Lüdecke, der das letzte Hausprogramm geschrieben hat, durfte genauso wenig fehlen wie Reiner Kröhnert, Romy Haag und Hagen Rether. Astrid Jacobs moderierte den Abend, Oberbürgermeister Schuster überraschte mit einer humorvollen Gratulation, und im Hintergrund hielt der neue Intendant Sebastian Weingarten die Fäden zusammen. Sichtlich gerührt nahm Gerhard Woyda mit seinen kabarettistischen Gratulanten den Applaus entgegen. Er wird der Bühne, die er vor über vierzig Jahren gegründet hat, auch weiterhin Abend für Abend treu bleiben.

    Hagen Rether gab hier ein mehrtägiges, stets ausverkauftes Gastspiel. Vom tagespolitischen Plaudern mit Joghurtbecher in der Hand bis zur bissig-furiosen Grönemeyer-Parodie folgt das Publikum gebannt dem Essener Kleinkünstler, der sich erst nach gut drei Stunden verabschiedet, eine Leistung, die wir bisher hauptsächlich von Biermann und Kittner kannten. Die Zeit vergeht wie im Flug, auf die Fortsetzung seines Programms „Liebe“ darf man gespannt sein.

    Beim 13. Stuttgarter Kabarett-Festival überzeugten die Besengewinner Weber & Beckmann mit Chansons, Knusper mit einer Mischung aus Comedy und Songparodien und Matthias Tretter mit Politkabarett. Sigi Zimmerschied brachte für eine TV-Aufzeichnung einen Mix aus „Klassentreffen“ und „Betondeppen“, Malediva stellten ihr neues Programm „Heimatmelodie“ vor.

    Ausgefallen auch die Stuttgarter Premiere von Eiselt und Prayon mit „Top Sigrid – Wir machen alles“. Satirisch verarbeitete Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit war ein Motor des Programms. Wie kann man illegal von ALG I leben und die Flucht vor Hartz IV erfolgreich überstehen? Ganz einfach: Man macht für Veranstalter einfach alles. Singen und Tanzen, Kabarett und Theatersport, Soap und Heimatfilm. Das Duo schreckt vor nichts zurück. Ironisch brechen sie die hochgeschraubten Erwartungen von Veranstaltern, singen „Upside down“ von Nile Rogers in verschiedenen Versionen, mal in Volksliedmanier, mal mit Flöte, als Chanson oder als verfremdete Disco-Version. Ein unterhaltsamer Abend, nicht nur für Kenner der Kleinkunstszene.

    Am 5. Juli gab es hier einen wunderschönen Gedächtnisabend zum 25. Todestag von Thaddäus Troll, mit Dieter Lattmann, Erhard Eppler, dem Hauskabarett und vielen prominenten Wegbegleitern des berühmten Satirikers.

    Eine Premiere im Laboratorium: Bernd Gieseking mit „Köpper vom Dreier“.

    Ein sehr persönliches Programm. Erinnerungen an die Pubertät, die Rangfolgen in den Cliquen, die Mutproben. Und dazu gehört der Köpper vom Dreier, und der klappt dann auch eines Tages; ein Erfolg, auch wenn es zum Köpper vom Fünfer oder gar Zehner nicht mehr kommt. Das eigene Männerbild ist gestählt durch die Helden der Kindheit: Karl May, Akim, Tibor und der letzte Mohikaner. Sein Selbstbewusstsein steigt, wenn er den halben Kopf Vorsprung der geliebten Bademeistertochter mit Clogs ausgleicht. Ob Gieseking die Kneipenszene in Köln, Kofferpacken im Urlaub oder die Medienszene aufs Korn nimmt, immer überraschen sein scharfer satirischer Blick, seine Freude am Detail; das Schmunzeln wird von Lachsalven unterbrochen, ein Höhepunkt sind seine kurzen Gedichte mit den überraschenden Pointen.

    Im Merlin waren mal wieder Pigor und Eichhorn zu Gast. Mit einer Karnevalsliedparodie brachten sie gleich die Zuschauer auf ihre Seite; satirische Texte, hohe Musikalität, ein Abend für Feinschmecker.

    „Theater der Welt“ waren zum zweiten Mal in Stuttgart zu Gast. Gleich am Anfang eine Überraschung: „Faces“. Zuschauerraum und Bühne sind eins, siebzig Betten als Sitzplätze bzw. Liegeplätze, Paare werden am Eingang getrennt, und auf und zwischen den Liegeflächen bewegen sich die Schauspieler, fliegen die Ehefetzen.

    Da plärren zu Beginn zehn Radiorekorder, aus vier Ecken erschallen wilde Gesänge, und dann nimmt das Drama mit Ausbrüchen aus der Ehe, Enttäuschungen und Rückkehr seinen Lauf. Das Ringen um Nähe und Distanz spiegelt sich in der spielerischen Nutzung des ganzen Raumes wieder. Da wird geflüstert und gebrüllt, gerannt und getorkelt. Der Versuch, die Hollywood-Filmvorlage von John Cassavetes auf die Bühne zu übertragen, kann als gelungen bezeichnet werden.

    Aus Österreich kam Burgtheater von Elfriede Jelinek zum Theater der Welt. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Nazi-Film-Karriere der Familie Wessely-Hörbiger, deren Mitglieder nach dem Krieg in Wien weiter als Stars gefeiert und mit Orden behängt wurden. Das Grazer Theater im Bahnhof hat Jelineks Aufforderung, das Stück stark zu aktualisieren und umzuändern, ernst genommen. Mit ausgefallenem Outfit, Filmsequenzen aus der Nazizeit und starken Textänderungen machen die jungen Grazer aus dem Stoff ihr eigenes Stück.

    Die Auseinandersetzung mit den politischen und familiären Verstrickungen des Schauspielerclans gelingt, auch wenn sich in der zweiten Hälfte einige Längen den Spielfluss hemmen.

    Ob Marthalers „Seemannslieder“, ob „Hospital Works“ aus London oder „Liquid Skin“ vom Figurentheater Tübingen mit Frank Söhnle: ein erfolgreiches Festival, das von den Zuschauern begeistert angenommen wurde.

    Das Kulturzentrum Dieselstraße in Esslingen führte wieder das Burgfest durch, mit Georg Ringsgwandl und Sophie B. Hawkins, trotz des regnerischen Wetters zwei heiße Abende.

    Redaktion: Bruno Schollenbruch

     Bernd Lafrenz 

    Termine

    Stuttgart Theaterhaus:

    14.10.05 Merit Becker
    21.10.05 Niedecken singt Dylan
    26.10.05 Insterburg & Dall
    28.11.–1.12.05 Mittermeier


    Stuttgart KKT:

    16.12.05 Lore Zorn & G. Thamm
    17.12.05 Tina Recknagel

    Stuttgart: Rosenau

    2.10.05 Poetry Slam mit Timo Brunke u. a.
    6.10.05 Olaf Schubert
    9.10.05 Vince Weber
    15.10.05 Evi & das Tier

    Stuttgart: Laboratorium

    8.10.05 Guru, Guru
    26.11.05 Andreas Giebel
    27.11.05 Manfred Maurenbrecher

    Esslingen: Kabarett der Galgenstricke

    11.11.05 Bruno Schollenbruch

    AdNr:1012

     

    2005-09-15 | Nr. 48 | Weitere Artikel von: Bruno Schollenbruch