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    Von Gypsy Kings und Queens

    Willkommen im Bucovina Club: Balkanmusik liegt im Trend

    Gypsy-Musik ist in; angesagt wie selten; findet in Deutschland ein so großes Publikum wie kaum je zuvor. Eines von vielen Anzeichen: der durchschlagende Erfolg des Bucovina Club. Die dem Schauspielhaus Frankfurt-Main entwachsene Veranstaltungsreihe tourt mit gleichbleibend großer Resonanz seit längerem auch durch andere Städte – im Gepäck einen ebenso erfolgreichen Tonträger. Der Bucovina Club lässt sich mit der Berliner Russendisko vergleichen. Erfinder des Balkan-Tanzabends ist Stefan Hantel alias DJ Shantel. Der Frankfurter Elektronika-Musiker kam auf die Idee, nachdem er die Bucovina bereist hatte, einem Landstrich zwischen Rumänien und der Ukraine, dem seine Großeltern entstammen, statt Techno einfach einmal die Musik aufzulegen, die er von dort mitgebracht hatte. Der Erfolg war überwältigend und dauert bis heute an. Durch reines Auflisten der auf der CD versammelten Interpreten erhält man fast schon ein kleines Who is Who der aktuellen Gypsy-Musik: die Taraf de Haidouks, die derzeit wohl bekannteste Band dieses Genres; die Speed-Brass-Kapelle Fanfare Ciocarlia, ebenfalls aus Rumänien; das Kocani Orkestar aus Mazedonien; der Trompeter Boban Markovic, der beim „serbischen Woodstock“, dem Golden Brass Summit in Guca, schon mehrfach die Goldene Trompete gewonnen hat; und last but not least der als Soundtrack-Tüftler für die Filme des Regisseurs Emir Kusturica („Time of the Gypsies“, „Schwarze Katze, weißer Kater“) bekannt gewordene Goran Bregovic. Aber auch abseits des Bucovina Club fallen die vielen Erfolge auf: Immer mehr Balkanmusiker schießen in die Top-Ten der vormals von lateinamerikanischen Künstlern dominierten World Music Charts Europe (WMCE) vor. Ist der Bucovina Club der neue Buena Vista Social Club? Sind nach Salsa-Boom und Kuba-Hype jetzt Gypsy-Sound und Balkan-Fieber das nächste große Ding? Man muss natürlich immer vorsichtig sein mit solchem Konstatieren von neuen Musikmoden; Weltmusik ist keine Popmusik; Folklorekünstler sind keine Wellenreiter. Auffällig ist dennoch, wie viele Balkanmusiker sich zuletzt in den WMCE tummelten: Neben einigen der Bucovina-Club-Künstler waren dies jüngst auch die Mostar Sevdah Reunion aus Bosnien Herzigowina. Zusammen mit der Grande Dame des Sevdah-Gesanges, „The Mother of Gypsy Soul“ Ljiljana Buttler, bilden die über 60 Jahre alten Musiker tatsächlich so eine Art Buena Vista Social Club nach Balkanart. Die Mostar Sevdah Reunion und Ljiljana Buttler stehen mit ihren Moll-Klängen eher als ruhiger Gegenpol da zu den meist feurigen, fetzigen, mitreißenden Klängen der eingangs erwähnten Ensembles; genauso wie der Shooting Star des vergangenen Jahres, der junge Bulgare Jony Iliev, der auf seiner Debüt-CD „Ma maren ma“ wunderschön melancholische Songgebilde webt. Weitere neue Sternchen am Gypsy-Musik-Himmel sind die ebenso jungen wie wilden Besh o drom aus Ungarn. Die siebenköpfige Combo zeigt auf ihrem Album „Can‘t make me!“, dass man die Musik Osteuropas auch gelungen mit Rap und Reggae, Jazz und Ska kreuzen kann. Überhaupt zeigen sich (nicht nur die jüngeren) Balkanmusiker derzeit sehr experimentierfreudig in Hinblick auf das Mixen ihrer Musik mit moderneren Klängen, was schon in den (dezenten) Techno-Beigaben auf dem Bucovina-Club-Sampler anklingt. Noch stärkere Dub- oder Elektronika-Zugaben allerdings bietet der Sampler Electric Gypsyland, auf dem verschiedene DJs von rund um den Erdball jenen Bands einen Remix stellen, die auch auf Shantels CD zu hören sind, zuzüglich der Mahala Rai Banda, die relativ neu aus der Vielzahl an groovenden Kapellen aus Bukarest herausragt. Weitere Neuentdeckungen waren zuletzt: die französische Band Hurlak, die mit ihrem Gypsy-Swing auf den Spuren des Ausnahmegitarristen Django Reinhardt wandeln; der junge rumänische Geiger Florentin Chiran, der schon mit Nigel Kennedy tourte; die Spanier Orkestina oder die Berliner Klezmer/Gypsy-Band Di Grine Kuzine. Neben all diesen Newcomern gibt es natürlich auch weiterhin viele alte Hasen: den „Gypsy King“ Saban Bajramovic, der mal wieder ein neues Album herausgebracht hat; Olah Vince aus Novi Sad mit seinem taufrischen Ensemble Earth Wheel Sky Band; den wohl bekanntesten deutschen Sinti-Jazzgeiger: den über 80 Jahre alten Schnuckenack Reinhardt; das kontinuierlich auf hohem Niveau musizierende russische Ensemble Loyko oder die guten alten Bratsch aus Frankreich. Die Frage bleibt, warum kommt der Boom erst jetzt, so spät? Antwort: Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war im Westen kaum an Gypsy-Musik dranzukommen, diese bekam noch dazu in den ehemaligen Ostblockstaaten als ungeliebte Folklore den harten Gegenwind betonköpfiger Regimeführer zu spüren. Nach der Wende waren es dann die Bürgerkriegswirren im ehemaligen Jugoslawien, welche die Musik weitestgehend verstummen ließ. Inzwischen sind viele neue Vertriebswege aufgebaut, Plattenfirmen sprießen wie Pilze aus dem Boden, machen den unerhörten Schatz endlich einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Ein schillernder Diamant kommt ans Tageslicht, der viel zu lange im Dunkeln verschüttet war.   

    Redaktion: Frank Schuster

     

    2004-03-15 | Nr. 42 | Weitere Artikel von: Frank Schuster