Trottoir Online Magazin / Künstler und Eventattraktionen

--- Trottoir Admin Ebene ---

 
 
Trottoir Header
Suche im Trottoir

Kategorien Alle Jahrgänge


Arbeitsinfo


aktuelle AgenturNews

Kulturtermine

aktuelle Workshops

Ausschreibung,Wettbewerbe

Artikel - gewählte Ausgabe
Meist gelesen
Statistik
  • Kategorien: 66
  • Artikel: 3147
  • Themen-Fokus :: Variete

    [zurück]

    Von orientalischen Nächten, Dinner- und Sideshows


    Das Abklopfen einst erfolgreicher Showformate auf ihre Tauglichkeit für unsere Zeit scheint Konjunktur zu haben. Über die Burlesque-Shows in Stuttgart und Berlin haben wir bereits berichtet. Das TraumZeit-Theater in Backnang gestaltete sein diesjähriges 7. Weihnachtsvarieté als orientalische Nacht. Und der Stuttgarter Friedrichsbau präsentierte jetzt unter dem Titel „Nostalgia“ Erinnerungen an die Sideshows vergangener Tage, die etwas in Verruf geraten sind, da ihnen das Zurschaustellen von Abnormitäten und Behinderungen vorgeworfen wird. Aber was ist schon ‚normal‘? Sind künstlerische und artistische Spezialbegabungen noch normal? Ich denke: Nein. Man vergisst auch gerne, dass mancher ‚Behinderte‘ erst als Bühnendarsteller zu dem erfüllten Leben findet, das er sich wünscht. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den kleinwüchsigen Clown Klein-Helmut, der viele Jahre zum festen Bestandteil der Circus-Krone-Programme gehörte und das tun durfte, was er am liebsten tat: Seinem Publikum Freude machen. Dann kam er zum Circus Roncalli, wo sich alsbald ein gewisser Teil des Publikums so massiv beschwerte, dass Bernhard Paul das Engagement nicht verlängerte. Es dürfe nicht sein, dass in einem Circusprogramm Behinderungen ausgestellt würden. Hoffen wir, dass das Friedrichsbaupublikum weniger vorurteilsbeladen ist als das Roncalli-Publikum und die neue Show als das nimmt, was sie ist: Eine sehr theaternahe, stimmungsvolle Schilderung des von gegenseitiger Wertschätzung geprägten Miteinanders im Milieu des fahrenden Volks mit all seinen Spezial-Künsten. Gegen die Paralympischen Spiele hat ja auch niemand etwas. Lernen wir daraus, auf das Positive zu blicken, und nicht immer zuerst nach dem Negativen zu suchen.

    Regisseur Ralph Sun macht es den politisch allzu korrekt Denkenden leicht, zunächst einmal in die Vorstellung zu kommen und dann erst zu urteilen. ‚Echt‘ ist sozusagen nur der kleinwüchsige Oleg Djachuk aus der Ukraine. Der „größte Mensch, der je gelebt hat“ wird nur gespielt (von Marcelo Pivoto aus Brasilien). Auch Circusunternehmer und Dompteur Monsieur Jules und sein Menschenaffe Gaspard aus Frankreich spielen ihre Rollen nur, von kurzen Einlagen artistischen Könnens unterbrochen. Die parodistische Dressurvorführung des Affen demonstriert sogar viel von einer Mensch-Tier-Beziehung, wie sie im Mittelpunkt einer modernen Tiernummer stehen könnte, bei der aus dem Dompteur längst ein Tierlehrer geworden ist. Die „puppengleiche Schlangenfrau“ Amélie Soleil bekommt nur wenig Gelegenheit, über ihre undankbare Rolle als sonstiges Mitglied der Truppe ohne besondere Aufgaben hinauszuwachsen, was dem Hutjongleur Lorenzo Mastropietro aus Italien bestens gelingt. Seine Jonglagen entwickeln sich ganz zwanglos aus dem Fortgang der Handlung. Und Andrey Silchev als „stärkster Mann der Welt“, Evgeniya Panina am Luftring und Silea an einer doppelten Kette statt an einem Schwungseil arbeitend (Aireal-chains) haben richtige Auftritte wie in einem normalen Varietéprogramm auch. Artistischer Höhepunkt ist jedoch zweifellos Edd Muir, dessen Arbeitsgerät, der Chinesische Mast, schnell zusammengesteckt und inmitten des Zuschauerraums aufgestellt wird. Ohne sich in den Vordergrund zu spielen, musiziert und singt sich Fee Hübner mit Akkordeon, Harfe und Violine durch das Programm. Dem Friedrichsbaupublikum ist sie noch in guter Erinnerung von Auftritten mit ihren Brüdern in der Formation Tango Five, deren Musikalität und Bühnenpräsenz sie auch als Solistin teilt. Nach längerer Pause ist das Friedrichsbau-Varietéorchester in der bewährten Besetzung zurück; nur die musikalische Leitung liegt jetzt beim Tastenspezialisten Thomas Rother. Alles in allem ein sehr sehenswertes, ungewöhnliches Programm.

    Im 7. Backnanger Weihnachtsvarieté, „ein orientalisches Märchen aus 1.000 und einem Traum“, hatten die Tänzerinnen Amouna und Beata a la Nar, die Flötistin Corinna Schwozer und Riyadh el Arif (nur mit dem Klang seiner Stimme und seiner Art zu sprechen), unterstützt von wenigen, aber wirkungsvollen Dekorationsstücken, die Fantasie der Zuschauer angeregt und auf die faszinierende Welt des Orients mit seinen Sultanspalästen, Geschichtenerzählern und Gewürzen eingeschworen. Sie betteten die Auftritte von Marina Colovos am Vertikaltuch und Tobias Grün mit tänzerischer Jonglage, sowie die Illusionen des Hausherrn Michael van Reed mit seiner neuen Partnerin Aldona in ein klug aufgebautes, stimmungsvolles Gesamtprogramm ein.

    crazy days im rahmen der backnanger kulturtage als ganz besondere dinner-show erleben.

    Das 3-gänge-menü wurde vom Hausherrn Michael Holderried selbst gekocht und von seinen Bühnentechnikern und Azubis an den Platz serviert. Als Conférencier stand der kellnernde Zauberer Maitre Leon zur Verfügung, der wie kein anderer in diesen Rahmen passte und schon in vielen Backnanger Programmen Kostproben seines großen Repertoires zeigte. In den normalen Vorstellungen ohne Menü wird Dixon diesen Part übernehmen. Maitre Leons Entrée als Comedy-Magier „Karl-Heinz Nägele“ wird durch einen Auftritt des Hausherrn Michael van Reed (Michael Holderried) mit seiner Partnerin Aldona ersetzt. Die anderen Programmpunkte bleiben gleich: Monsieur Malheur und Anne mit ihrer urkomischen Musik-Comedy rund um einen weißen Flügel, Double Action Cooperation mit ihrer Kung-Fu-Show und der mitreißende Tempojongleur Daniel Hochsteiner mit Keulen, Bällen und Tennisschlägern. Auch die Vertreter des Nachwuchses, der dem TraumZeit-Theater besonders am Herzen liegt, die Geschwister Ruppel aus Memmingen, dürfen ihre Weltklasse weiter beweisen. Im Neu-Ulmer Weihnachtscircus haben sie sich gerade in einer großen Manege gegen so spektakuläre Nummern wie das Todesrad oder die Motorradkugel der Truppe Ramien behauptet und im großen Finale in der Regel mehr Beifall eingeheimst als die erfahrenen und berühmten Kollegen. Nun also zum wiederholten Mal im TraumZeit-Theater mit teilweise neuen Nummern: Jessica am Vertikaltuch, Alina mit ihrer Kontorsion im Schlangenkostüm und Lilli und Jessica mit Hand-auf-Hand-Akrobatik – und alle zusammen mit ihrer Trainerin und Mutter als Schneeflöckchen-Ballett im Finale.

    Redaktion: Manfred Hilsenbeck

    Termine:


    Stuttgart, Friedrichsbau,
    ab 23. April die neue Produktion „Excentrique – Das geheime Leben der Edith Piaf“ mit Evi Niessner als Edith Piaf und Mr. Leu am Flügel (Evi und das Tier) sowie Artisten

    Backnang, TraumZeit-Theater

    6. bis 9. Mai: Internationaler Showpreis

    14., 15., 16. und 21. Mai: I.B.M. Magic Days

    11. und 12. Juni: Wommy Wonder  

     

    2010-03-15 | Nr. 66 | Weitere Artikel von: Manfred Hilsenbeck