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  • Themen-Fokus :: Clown | Mime

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    Worüber lachen Clowns?


    -von Michael Stuhlmiller-

    Michael Stuhlmiller ist Gründer und Leiter der staatlich anerkannten Berufsfachschule Schule für Clowns in Mainz. Als Regisseur und Lehrer für Clownerie, Clowntheater und Clowntheorie begegnet er Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, andere zum Lachen zu bringen. Dabei stellt sich die Frage, was es mit dem Lachen eigentlich auf sich hat.

    Gleich zu Anfang möchte ich klarstellen, dass ein Clown nicht witzig ist, noch nicht einmal komisch. Meistens meint er ziemlich ernst, was er tut: Dass die Menschen darüber lachen, ist ihre Sache.

    Lachen hängt sowieso von der Perspektive ab, aus der man die Dinge erlebt. Es ist also nicht der Clown, der komisch ist, sondern die Betrachtungsweise. Ein guter Clown versteht, warum die Menschen lachen. Manchmal lachen die Zuschauer, während es der Clown gar nicht lustig findet. Dahinter schlägt ein großes Herz und das Wissen, wie wichtig das Lachen ist. Also unterstützt der Clown das Publikum und bringt es zum Lachen, auch und obwohl er versteht, was dahintersteckt.

    Man kann lachen aus purem Selbstzweck. Das nenne ich Spaß. Genauso gut kann man über eine Pointe lachen, die unseren Verstand überrascht. Dann sprechen wir von einem Witz. Und wenn wir über uns selber lachen, beweisen wir Humor.

    Es ist wichtig, seinem eigenen Lachen zu vertrauen. Egal, ob damit Spaß, Witz oder Humor gemeint ist. Lachen hat etwas mit erlebter Erfahrung zu tun. Gerade, wenn uns nicht zum Lachen zumute ist, erkennen wir die Perspektive des Clowns am besten.

    Ein Clown grenzt Probleme und Konflikte nicht aus, sondern transformiert sie. Ein Konflikt bedeutet ja nur, dass wir auf etwas mit Wertung schauen. Der Clown nimmt die Wertung heraus, beziehungsweise spiegelt uns, wie wir an uns selber scheitern. Durch das Spiel des Clowns wird die gesammelte Energie, die sich in der Perspektive des Scheiterns zusammengezogen hat, freigesetzt. In diesem Bewusstsein können wir dann zu einem fließenden Wechsel zwischen Lachen und Weinen finden.

    Ein guter Clown muss zu sich und zu seinem Publikum ehrlich sein. Die Maske des Clowns ermöglicht uns dann, alle übrigen Masken fallen zu lassen. Dadurch können wir unsere Träume, Sehnsüchte, Freuden, Wünsche und Dankbarkeiten, aber auch unsere Ängste, unseren Egoismus und unsere Vorurteile, unsere Überheblichkeiten, Borniertheit und unsere Ignoranz offen zeigen. Als Clown müssen wir nichts leugnen und dürfen auch übersteigert ausleben, was uns bewegt. Es ist wichtig, sich diesen Spielraum zu nehmen. Im Spielen finden wir den Zugang zu unserer Freude und Kreativität, können Druck ablassen und Beziehung erleben. Die meisten Menschen überlassen das Spielen den Kindern. Für Kinder ist Spielen ist eine Art Trockenübung für das Leben. Sie können dabei alles tun und lassen, was sie wollen. Eine wichtige Funktion des Spielens ist das Ausloten von Grenzen bei einem selbst und bei anderen. Das Spielen erlaubt uns auch jede Art von Chaos, und gleichzeitig führen uns die Spielregeln sicher durch alle Untiefen. Spielen bedeutet Loslassen und Halten gleichermaßen. Durch die Figur des Clowns finden wir zum Spielen zurück.

    Ich möchte Ihnen gerne die Spieltechniken des Clowns verraten, denn nirgends erlebe ich Menschen so kreativ wie beim Spielen. Spielerisch erfahren sie bei sich selbst und bei anderen, was es bedeutet, authentisch zu sein. An dieser Stelle übernehme ich gerne den Ausspruch von Schiller. „Der Mensch ist dort ganz Mensch, wo er spielt.

    Alles, was menschlich ist, ist Sache des Clowns. Oft ist ein Clown mehr im Scheitern zu Hause als in der Freude und im Gelingen.

    Die Frage, ob wir als Publikum darüber lachen können, entscheidet sich aber auch beim Zuschauer selbst. Der Clown kreiert nur den Raum, in dem das Lachen geschieht. Mit diesem Raum ist nicht die Bühne gemeint, auf der der Clown auftritt und wo ihn das Publikum spielen sehen kann. Es betrifft auch nicht die Atmosphäre, die wir mit Bühnenbild, Licht und Ton arrangieren können, um das Publikum zu empfangen. Wenngleich diese äußeren Arrangements das Publikum darin unterstützen, in seiner Wahrnehmung den alltäglichen Raum zu verlassen und einen Raum der Fantasie und Illusion zu betreten, basiert das Spiel eines Clowns auf seiner inneren Einstellung, seiner Körpersprache, seiner Spiel- und Kommunikationsfähigkeit. Sobald ein Clown einen Raum betritt, wird dieser Raum zur Bühne. Er zieht die Aufmerksamkeit auf sich – auch ohne Zirkusfanfaren und Scheinwerfer. Mit seinem Auftreten durchbricht er die Schranken, die das Publikum nur Zuschauer sein lässt. Der Clown macht jeden zu seinem potenziellen Spielpartner. Die Aufgabe eines Clowns ist zu integrieren. Gleichzeitig wissen wir, dass es eine ernste Sache mit dem Lachen ist. Denn Lachen kann auch ausgrenzen und verletzen. Das bedeutet, dass ein Clown sehr sensibel sein muss, wenn er sein Publikum zum Lachen bringen will. Die Themen, denen wir dort nacheinander begegnen, können sehr persönlich sein.

    Das Besondere am Clown ist, dass er uns zum Lachen bringt, auch dann, wenn uns nicht zum Lachen zumute ist. Das löst Probleme und Konflikte auf, schafft die nötige Distanz und ermöglicht uns eine neue Perspektive. Wenn ich vom Lachen spreche, meine ich deshalb auch ungewöhnliche Wahrnehmungsräume, vielfältige Spielräume und schließlich erweiternde Bewusstseinsräume.

    Das von mir an der Schule für Clowns entwickelte „Hand- und Herzwerk des Clowns“ lehrt vor allem, sich selber Spaß zu machen, bevor es darum geht, andere zum Lachen zu bringen. Sie haben richtig gehört, machen Sie sich selber Spaß! Ich habe oft Menschen in meinen Seminaren, die sagen, sie würden gerne lachen, worauf ich ihnen antworte: „Also lache!“. Dann stellt sich schnell heraus, ob man den Mut findet, den Clown in sich offen zu zeigen oder ob man lieber über andere Clowns lachen möchte.

    Natürlich kann man auch einen Clown engagieren, der einen mit tollpatschigen und unbeholfenen Manövern zum Lachen bringt. Dagegen ist sicher nichts zu sagen. Es ist ein angenehmes Gefühl, über die Dummheit eines anderen zu lachen und sich selber auf der sicheren Seite zu fühlen.

    So kann es für einen Clown eine echte Herausforderung sein, die Schuhe richtig herum anzuziehen, oder jaulend auf einem Stuhl zu stehen, weil ihm diese sagenhafte Höhe höllische Angst macht, und er nicht weiß, wie er herunterkommen kann. Kindern bereitet es großen Spaß, dem Clown mit echtem Mitgefühl erklären zu können, dass es doch gar nicht so hoch sei und wie man einen Fuß nach dem anderen einsetzen kann, um sich aus der misslichen Lage zu befreien. Dabei können sie sich noch lebhaft daran erinnerten, wie es ihnen selbst noch vor kurzer Zeit ergangen ist. Der eine oder andere Erwachsene mag in derselben Szene erkennen, wie der Clown in seiner Vorstellung der unüberwindlichen Lage festhängt und vor Furcht keinen Schritt mehr zu machen vermag. Schließlich überlassen wir es dem Zuschauer, sich selber zu erkennen, wodurch unsere Inszenierung zum Spiegel für den Betrachter werden kann, oder einfach über das dumme Gebaren des August zu lachen.

    An dieser kleinen Geschichte können Sie sehen, wie unterschiedlich ein und dieselbe Szene aus der Perspektive des Spaßes, des Witzes oder des Humors wahrgenommen werden kann. Der Clown kreiert lediglich den Raum dafür. Wichtig ist nur, dass der Clown in seinem Spiel die Situation völlig authentisch erlebt. Das setzt voraus, dass der Spieler in der Lage ist, die Inszenierung mit einer eigenen Erfahrung in Verbindung zu bringen. Er kann sich mit seinem Inneren Kind oder mit seiner erwachsenen Erfahrung des Scheiterns verbinden. Ein Clown darf in einer solchen Situation niemals parodieren oder neben sich stehen. Das ist nicht mit Humor gemeint! Im Gegenteil: Er muss sich auf die Tiefe und Ernsthaftigkeit des Geschehens einlassen. Das komische Erleben findet dann in einem Raum zwischen dem Clown und dem Zuschauer statt – ganz davon abhängig, wie wir auf die Szene schauen.

    Sie können das Lachen aber auch selber in Ihr Leben bringen, indem Sie ganz einfach damit beginnen.

    „Eine Stunde lachen ersetzt 10 Eier“: Diesen Spruch hat mir meine Tante erzählt und er stammt aus den Bunkern des 2. Weltkriegs. An was die Menschen sich damals erinnert haben, war die Freude als eine essentielle Lebensenergie. Durch das Lachen konnten sie an diesen freudvollen Kontakt zu ihrer inneren Lebenskraft anknüpfen und selbst den Hunger und die Angst in dieser schlimmen Zeit überwinden. Wir brauchen weder einen Grund, eine Geschichte, noch einen Anlass dazu. Denn das Lachen steht für sich selbst. Es hat eine ganz eigene Dynamik. Und immer, wenn es passiert, öffnet sich etwas im Körper. Manchmal ist uns nicht nach Lachen zumute. Doch auch dann können wir mit dem Lachen beginnen. Zunächst geht es nur darum, die vorhandene Energie freizusetzen.

    Eine von mir besonders favorisierte Übung ist „Der Lachende Körper“, wobei es um nichts anderes geht, als einfach nur zu lachen. Ohne Grund und Anlass. Die mittlerweile in vielen Städten gegründeten Lachclubs fördern dieses sinnlose Lachen bis zum buchstäblichen Umfallen vor Lachen. Damit sind Sie hervorragend präpariert, um auch andere zum Lachen zu bringen. Denn Lachen ist Bewegung im Körper und erzeugt Resonanz in uns und bei anderen.

    Wir kennen den Effekt, dass Lachen ansteckend ist. Dies führt uns sehr schnell zu der erfahrbaren Erkenntnis: Was Sie bewegt, bewegt auch andere.

    Mit etwas Übung ist es möglich, durch die aktive Einflussnahme auf Atmung, Stimme und Bewegung den Körper und was darin gespeichert ist zu erkunden. Lassen Sie sich vom Lachen führen und Sie können erleben, sich lachend Raum zu nehmen. Lachen überspringt mühelos die Barrieren des Zweifelns. Wenn wir lachen, nehmen wir die Dinge nicht so ernst und sind bereit, unsere oft sehr festen Sichtweisen loszulassen. Lachen öffnet und schafft Platz für Neues. Zunächst ist es egal, ob man aus Schadenfreude oder Erkenntnis lacht. Das Lachen an sich ist schon ein Prozess der Verwandlung. Natürlich wächst die Nachhaltigkeit des Lachens erst mit dem Bewusstsein. Dafür kreieren Clowns ihre wunderbaren Szenen und Nummern, die es dem Zuschauer erlauben, über den Clown, aber auch über sich selber zu lachen.

    Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Diese alte Weisheit macht am deutlichsten, um was es beim Lachen geht.

    Letztlich ist das Lachen die angenehmste Form der Selbsterkenntnis. Statt in peinlicher Betroffenheit zu erstarren, lassen wir uns vom Lachen durchschütteln. Je weniger Angst wir davor haben, das „Gesicht zu verlieren“, als dumm oder oberflächlich zu gelten und zu laut und aufdringlich zu wirken, umso befreiender ist das Lachen.

    Für einen Clown ist das Lachen ein Signal dafür, dass sein Spiel angenommen wird.

    Wenn wir spielen und lachen, umgehen wir mühelos die defensiven Schranken unserer festgefahrenen Sichtweisen und ängstlichen Ausweichmanöver. Im Moment des Lachens sind Gewinner und Verlierer gleichberechtigt. Mit dem Lachen verlassen wir die geltenden Urteile und betreten Räume jenseits von Gut und Böse. Es mag sein, dass wir als „Anfänger des Lachens“ eher dazu neigen „wegzulachen“ als vielmehr „hinzulachen“. Diese Form des Lachens dient nur dazu, Dampf abzulassen, um dann wieder schnell zur alten Ordnung und Bewertung zurückzukehren. Dann kann einem das Lachen wieder schnell vergehen.

    Aber lassen wir uns nicht ablenken von dem Lachen, das mehr der Verdrängung und der Abspaltung als der Bewusstwerdung und Integration dient. Schließlich ist es die Aufgabe des Clowns, das Spiel in eine Richtung zu lenken, die den Menschen befreit und nicht einengt.

    Doch Humor kann man nicht erzwingen. Man braucht dafür Unterstützung, eben gerade dann, wenn es einem nicht zum Lachen ist. In den Momenten, wo wir die heilsame Wirkung des Lachens am nötigsten brauchen, versagen oft die wohlgemeinten Ratschläge, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Aus diesem Grund macht es auch Sinn, eine Ausbildung zum Clown zu absolvieren. Neben all dem nötigen Handwerkszeug, das es in einer solchen Ausbildung gibt, geht es beim Clown vor allem um das Herzwerk, und damit um die nicht immer einfach erfahrbare humorvolle Perspektive des Clowns. Wir sind allerdings erst dann in der Lage, eine Situation mit Humor zu erleben, wenn wir erkennen, dass alles, was geschieht, mit uns selber zu tun hat. Das Bedrohliche an dieser Perspektive kann sein, dass wir bei schwierigen Situationen und Ereignissen das Gefühl bekommen, die Dinge würden uns entgleiten, wir würden uns im Chaos auflösen und niemals wieder zurückfinden. Damit einher geht dann womöglich der Wunsch, alles festzuhalten und die innere Sicherheit an stabilen äußeren Verhältnissen festmachen zu wollen. Das geht so weit, dass wir alles festzurren, zubetonieren und einschweißen möchten. Doch ganz im Gegensatz lehrt der Humor, sich dem Fluss des Lebens hinzugeben.

    Interessanterweise bedeutet die Übersetzung des griechischen Wortes „Humor“ Flüssigkeit. Vom Standpunkt der Humoralmedizin bedeutet das, dass unsere Körperflüssigkeiten in einem Maße ausgeglichen sind, dass Übersäuerungen und Blockierungen unserer Organe diesen Fluss nicht behindern.

    Und damit wären wir wieder beim Lachen. Denn Lachen löst, lässt den Korken knallen, verschmitzt und leise oder laut und heftig übernimmt das Lachen die Führung. Manchmal kommen den Leuten die Tränen vor Lachen, der Bauch gluckst, Menschen bersten vor Lachen und alle Arten von Körperflüssigkeiten kommen in Bewegung. Mit dem Lachen verschwinden die Hemmungen und Menschen, die miteinander lachen, fragen nicht nach Herkunft, Meinung, Vermögen oder Bildung. Wenn wir lachen, sind wir alle gleich lächerlich und verschmelzen in einer Welle lustvollen Gelächters.

    Beginnen wir also mit dem Lachen selbst. Wir brauchen dafür keinen Grund, nicht einmal gute Laune. Es spielt auch keine Rolle, ob die Dinge gerade gut oder schlecht laufen. Genauso wenig gibt ein richtiges Lachen. Sie können aus jeder Stimmungslage heraus lachen. Lachen Sie so, wie Sie sich fühlen.

    Darüber lachen Clowns!

    Redaktion: Michael Stuhlmiller

     

     

     

    2010-03-15 | Nr. 66 | Weitere Artikel von: Michael Stuhlmiller