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  • Themen-Fokus :: Circus

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    Zirkus in Berlin_Nr.44

    Leider ist Berlin nach wie vor ein weißer Fleck in den Tourneeplänen großer Zirkus-unternehmen. In diesem Jahr fehlte auch das bisher turnusmäßig alle zwei Jahre stattfindende Gastspiel des Zirkus Busch-Roland im Frühjahr.

    Dafür kam Zirkus Fliegenpilz auf den inzwischen für Zirkusse interessant gewordenen Volksfestplatz in Zehlendorf.

    Vierzehn Jahre waren seit dem letzten Fliegenpilz-Gastspiel vergangen, und so wurde das Programm mit besonderer Spannung erwartet, ist doch Fliegenpilz derzeit das einzige Unternehmen mit einer Wassershow.

    Zirkusprogramme im Wasser gibt es schon seit Renz’ Zeiten, bekannt wurde vor allem Paula Busch mit ihren Wasserpantomimen und später Jacob Busch mit Wasserrevuen im Reise-zirkus. Nach Trolle Rhodins Wassershows, mit denen er bis zum Beginn der 60er reiste, wurde ein solches Programm selten. Fliegenpilz konnte 1992 diese Programmform mit Erfolg wieder zum Leben erwecken.

    Das Programm ist (technisch bedingt) in zwei Hälften geteilt: Im ersten Teil dominieren die Tiere, von denen Zirkus Fliegenpilz über eine große Vielfalt verfügt, im zweiten Teil wird die Manege mit Wasser gefüllt und bietet die Wassershow.

    Akrobatisch gibt es im ersten Programmteil die 5 Romanov aus Tschechien, eine Gruppen-jonglerie mit Keulen, und die 3 Zuma-Zuma mit Parterresprüngen und Stangenklettern. An Tierdressuren gibt es im ersten Teil die von Bodo Hölscher vorgeführten sechs Thüringer Kaltblutpferde. Exotenzug, Bauernhoftiere und ein afrikanischer Elefant werden alle von Lars Hölscher vorgeführt. Als Dacapotiere kommen dazu das Zwergflusspferd Elsbeth, ein Nashorn und eine Giraffe (wobei man über die Dressurmöglichkeiten mit letzteren Tieren durchaus geteilter Meinung sein kann). Sehr gut läuft der ebenfalls von Lars Hölscher vorgeführte Sechserzug Zebras, die allgemein als schwierige Dressurtiere bekannt sind.

    Im zweiten Teil – in der Wassermanege – Beatrix Hölscher mit einer Taubendressur, sie präsentiert ebenfalls zwei Seelöwen. Auf dem Podest im Wasser werden eine sehr ästhetische und trickreiche Handstandäquilibristik von Tsatsa & Bayar, Hula-Hoop von Helena Suova und eine Akrobatik auf freistehender Leiter von Marcel Wolf gezeigt. Der Höhepunkt des Programms ist zweifellos die Hochseilarbeit der Tashkenbaev. Die fünf Artisten bringen u. a. Übersteigen, Sprünge, Aufsteigen zum 2-Mann-Hoch, die 3er-Pyramide mit der Oberfrau im Spagat, den Sprung von Schulter zu Schulter (mit Longenhilfe) und den 3-Mann-Hoch. Das riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Die Clownerie von Conc, mit sehr vielen Reprisen eingesetzt, wirkt mit ihren Einfällen um sein Mondbaby nicht immer wirklich komisch.

    Hervorzuheben ist die ausgezeichnete musikalische Begleitung durch das Orchester unter Eugeniusz Kawalec.

    In der ufafabrik hatte der Cirque Ici von Johann Le Guillerm am 20. April seine Deutschland-Premiere mit dem neuen Programm „Secrets“. Le Guillerm, einer der bekanntesten Vertreter des „Nouveau Cirque“, begann bei Archaos, war Mitbegründer des Cirque O und reiste seit 1996 mit seiner One-Man-Show als Cirque Ici. 1999, nach einem Gastspiel in Berlin, beendete Le Guillerm seine Tournee und ging auf Weltreise.

    Dass Le Guillerm ein ausgezeichneter Akrobat ist, beweisen seine beiden Szenen, die er ähnlich bereits im früheren Programm zeigte: Flaschenlauf und Seiltanz. Der Flaschenlauf, ein ohnehin seltenes Genre, das einst den französischen Clown Auriol populär machte, wird von Le Guillerm dieses Mal in eigens konstruierten Stahlschuhen ausgeführt. Er besticht durch die Sicherheit, mit der er durch die Manege balanciert, dabei die vorher passierten Flaschen einsammelt und – dabei immer auf Flaschen stehend – wieder vor sich aufbaut. Beim Tanzseil bevorzugt Le Guillerm die historische Form des Hanfseils, auf dem er vielfältige Tricks präsentiert.

    Eröffnet wird das Programm durch das sicher gelungenste Bild des Programms: In der Manege Blechkübel unterschiedlicher Größe, die Guillerm im martialisch aussehenden roten Mantel mit der Dompteurpeitsche zum Tanzen bringt, imaginäre Tiere heulen, Fellrollen kullern in die Manege, in einer vollführt Guillerm eine Art Kostümverwandlung.

    In der Folge dann Einzelszenen mit den skurrilen Maschinen, einem Markenzeichen Guillerms, so in der Luft klappernde Holzstäbe, interessante Einfälle mit Trockeneis und Sand, das an Kraftathleten des Jahrmarkts erinnernde Biegen einer Stange zum Kreis oder Guillerms Ritt auf einem pferdeähnlichen Requisit aus Stahlstangen.

    Hübsche Effekte gibt es durch die als eine Art Miniatureisenbahn rund um die Manege fahrenden, unterschiedlichen Beleuchtungselemente.

    Zwei der Hauptszenen Guillerms, der Bau zweier Bücherstapel (die Bücher wirft ein zweirädriges Gefährt in die Manege), auf denen Guillerm balanciert, und das Stapeln von Holzbohlen, eine Mischung aus Riesen-Mikado und Ikea-Selbstbausatz, sind sicher originell, aber auch ein wenig langatmig. Sie gehören aber offenbar zu seiner Programmphilosophie, die da lautet: „... ein intellektuelles Chaos zu kreiern, welches den Kollaps des menschlichen Geistes symbolisiert, wenn er mit dem Mysterium der Welt konfrontiert wird“.

    Ansonsten bot und bietet Berlin wie immer Gelegenheit für viele Familienzirkusse, vom Ostfrieslandzirkus über Aramannt, Mondeo, Rogall bis Holiday, und das sind sicher nicht alle. Der Zirkus Holiday von Ronald Spindler profitiert in seinem Programm vor allem von den drei afrikanischen Elefanten, dazu die Direktorin mit einer netten Hundedressur, Kamelfreiheit und zwei Rhesusaffen. Auf Pferde verzichtet das Unternehmen, und die akrobatischen Darbietungen, allesamt von Familienangehörigen ausgeführt, sind – wie so oft in diesen Unternehmen – eher unfertig und nicht sonderlich trickreich.

    Auch für die letzten Monate des Jahres zeichnet sich keine Überraschung in der Berliner Zirkusszene ab. Interessant könnte die Ankündigung des Tempodroms sein, dass dort vom 16.12. 2004 bis 2.1.2005 Zirkus Roncalli ein Weihnachtszirkusprogramm veranstalten wird.

    Redaktion: Dietmar Winkler

    2004-09-15 | Nr. 44 | Weitere Artikel von: Dietmar Winkler