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    Zirkus in Berlin_Nr.48

    Nachdem Zirkus Fliegenpilz im Frühjahr Berlin besucht und dieses Mal auf zwei Plätzen – dem Zentralen Festplatz und einem Platz in Zehlendorf – gastiert hatte, waren es nur mehr wieder die Familienzirkusse, die in Berlin dominierten: Mondeo, Aramannt, Rogal, Aron und andere, die nur noch im Umkreis des Standortes wahrgenommen werden. Man spricht von etwa 300 Familienzirkussen in Deutschland, und wie schnell ein neuer Zirkus entsteht, war kürzlich zu erleben. Im Juni startete der Zirkus Vegas, eine Abspaltung zweier Familien aus dem Zirkus Aramannt von Dominik Spindler. Das Programm, das die wenigen Akteure zeigen können, ist dürftig, die Tierdressuren beschränken sich auf Tauben, Enten und eine noch ganz akzeptable Hundedressur, vorgeführt von Viola Spindler. Dazu Lassospiele, das Umhertragen einer Schlange und Akrobatik eines etwa sechs Jahre alten Kindes und viele, viele Clownreprisen. Dieses Beispiel ist typisch: Werden die Familien zu groß, teilen sie sich, ein neuer Zirkus entsteht, und das Niveau wird bei allen nicht besser.

     Mit gemischten Gefühlen sehen das auch viele Mitglieder der Gesellschaft der Circusfreunde in Deutschland, eine Vereinigung, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum beging und deren Jahrestagung vom 22. bis 24. April in Berlin ein besonderes zirzensisches Ereignis wurde. Im Umfeld gab es eine sehr gut gestaltete Ausstellung des Stadtmuseums Berlin zur Berliner Zirkusgeschichte. Die Tagungsteilnehmer besuchten den Wintergarten und den Zirkus Mondeo, ein Familienunternehmen, das sich wohltuend von vielen anderen abhebt. Wichtigster Programmpunkt war wohl eine Podiumsdiskussion am 23. April zum Thema „Die Zukunft des Zirkus“, an der hochrangige Vertreter der Zirkuswelt teilnahmen: die Europaabgeordnete Doris Pack, Urs Pilz, artistischer Leiter des Zirkusfestivals von Monte Carlo, Martin Hanson, Präsident der „European Circus Association“, der Theaterpädagoge Prof. Gerd Koch, Gerd Krija, künstlerischer Leiter der Staatlichen Artistenschule, Jürgen Dusch, langjähriger Leiter des Nachwuchsfestivals von Wiesbaden, und Mondeo-Direktor Gerd Richter. Moderiert wurde die Veranstaltung von Gerhard Schmitt-Thiel.

    Doris Pack stellte fest, dass gegenwärtig in Europa der Zirkus in der Gesetzgebung nicht stattfindet. Auf ihre Initiative hin wurde für die EU ein Situationsbericht erstellt, ein Initiativbericht ist gerade eben in den Kulturausschuss gegangen, eine Anhörung hat zum Ziel, einheitliche Vorgaben für die Zirkustechnik, den Transport, die Tierhaltung und die soziale Lage der Artisten zu erarbeiten. Frau Pack verwies auf die Vorbilder Italien und Frankreich, für Europa stehe aber noch ein weiter Weg bevor. Es gehe um den Schutz des Kulturgutes Zirkus, so die Abgeordnete. Eine enge Zusammenarbeit besteht zur „European Circus Association“, die sich vor allem um die Probleme der Tierhaltung und des Tierschutzes bemüht. Prof. Gerd Koch formulierte einen weiten Kulturbegriff, der auch Alternativen zulassen muss. Zirkus ist Kultur, und er darf nicht ein Spielball im Wechselspiel politischer Mächte sein, so das Resümee.

    Das wichtigste „echte“ Zirkusereignis der letzten Monate war das Gastspiel von Gosh mit der Uraufführung von „Cirque des Hommes – Himmel Heaven Ciel“ im Juni im Tipi – Das Zelt am Kanzleramt.

    In einer Mischung aus Akrobatik, Jonglerie, Tanz und Musik agieren skurrile Tierfiguren, wird ein Akteur zum Pferd dressiert, gibt es Seiltanz und Akrobatik an Vertikalseilen.

    Dabei geht es vor allem um die Theatralik, weniger um die akrobatische Leistung. Es gibt auch hübsche Ideen, etwa der sich zum Trampolin verwandelnde Komödiantenwagen, und Einfälle, die das Programm hätten tragen können: Ein Akteur will ein Sofa zum Schlafen benutzen, wird dabei dauernd gestört, und das Sofa gerät in die verwegensten Stellungen. Auch auf dem Trampolin vereinen sich alle in unterschiedlichster Wese zum Schlafen. Diese Idee kommt aber nur ab und an zum Tragen, ansonsten sind wohl im Vergleich zu früheren Gosh-Inszenierungen ein wenig die Einfälle ausgegangen. Manches wurde so einfach Klamauk, und der Bezug zum Himmel blieb mehr oder weniger undurchsichtig. Eigentlich war es nicht der Traum vom Fliegen, sondern der Traum vom Schlafen, aber das ist ja auch legitim. Regie hatte Evelyne Fagnen, die Musik komponierten Florian Appl und Christian Branchereau-Sade, Detlef Winterberg bearbeitete die Inszenierung für Berlin.

    Ab 7. September wird es nach langer Zeit wieder ein Gastspiel eines Großzirkus in Berlin geben: Zirkus Krone, der vorher einige Städte in den neuen Bundesländern besucht, gastiert auf dem Platz am Hüttenweg in Zehlendorf. Das letzte Krone-Gastspiel in Berlin liegt 12 Jahre zurück. Vom 12. Dezember bis 1. Januar 2006 wird es zum zweiten Mal einen Roncalli-Weihnachtszirkus im Tempodrom geben.

    Redaktion: Dietmar Winkler


    2005-09-15 | Nr. 48 | Weitere Artikel von: Dietmar Winkler