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    Ralph Sun zum Dritten

     

    Mit Recht ist das Stuttgarter Friedrichsbauvarieté stolz auf seinen neuen Regisseur und künstlerischen Leiter Ralph Sun, der in Stuttgart aufgewachsen ist, in Backnang sein Abitur machte und nach Lehr- und Wanderjahren vor ungefähr zehn Jahren ans Friedrichsbauvarieté kam, wo er sich mit verschiedenen Aufgaben an seine jetzige Position heranarbeitete. Nach „Lollipop“ und „Revue der Elemente“, über die wir im letzten Heft berichten konnten, ist „Futura“ mit dem Untertitel „Artists – Streetstyle – Lyrics“ nun seine dritte Produktion, die laut Ankündigung Subkultur zum first-class Entertainment machen will. Und wieder ist ihm ein Programm gelungen, das nicht nur Einzelnummern aneinanderreiht, sondern eine ganz eigene Programmidee verfolgt. Wer allerdings hinter den Ankündigungen lauter ungebremste, anarchische, schräge Acts erwartet, wird enttäuscht. Solair Luftartistik„First-Class Entertainment“ ist so zu interpretieren, dass Subkultur-Ideen zwar aufgegriffen, aber sozusagen gezähmt in einen romantischen, dennoch aber zeitgemäßen Programmablauf eingebunden werden. Worin freilich die Kunst von DJ Spare besteht, blieb mir mangels einschlägiger Erfahrungen verborgen. Ich sah ihn zwar seine Regler betätigen und mit den Händen Schallplatten zum Zweck zusätzlicher Klang- bzw. Geräusch-Erzeugung hin- und herbewegen. Was aber auf diese Manipulationen zu buchen ist und was ohnehin aus dem Lautsprecher gekommen wäre, war für mich meist nicht auseinander zu halten. Jüngere Zuschauer mögen anders darüber denken, ich achte da mehr auf das wie gewohnt zuverlässig begleitende Friedrichsbauvarieté-Live-Orchester.

    Mit allen Artisten hat Ralph Sun eine Opening- und Finale-Choreografie einstudiert, die ein wenig an die „West Side Story“ erinnert. Aus diesem Ensemblebild schält sich nach und nach der kaukasische Clown Asirya heraus, der versonnen weitertanzt, wenn alle anderen schon abgegangen sind. Er spielt im Verlauf des Programms Reprisen oder, besser gesagt, kleine Einlagen, die man alle derzeit sehr häufig in Circussen oder andernorts sehen kann, wo Clowns auftreten. Er macht dies alles sehr liebenswert, sodass man sich fragt, ob er als Gegenpol zu der jungen und innovativen Szene gedacht ist, die das übrige Programm bestreitet. Ralph Sun lässt das offen, Reibungsflächen oder Brüche im Ablauf entstehen jedenfalls nicht. Asirya ist einfach da, fügt sich ein, lässt sich selbst mittragen vom rasanten Ablauf der übrigen Performance, wie eine Art Zeitzeuge aus herkömmlichen Nummernprogrammen. Das Bühnenbild indes zeigt die Öffnung zum „Streetstyle“ ganz direkt: Erstmals wird vor und nach der Vorstellung der Blick nach draußen geöffnet. Man blickt auf Lichterketten der benachbarten Gastronomie; das ist zwar nicht so spektakulär wie der Blick auf den Rhein im Düsseldorfer Apollo, passt aber hervorragend zur Stimmung von „Futura“.

    Für die gezähmte Subkultur agieren in „Futura“: Frank Wolf, BMX-Ausnahme-Artist, mit einer Musikzusammenstellung aus dem eigenen Tonstudio; Enemy Squad, drei ungarische Breakdancer, die ihre preisgekrönte Nummer im Vergleich zu ihrem letzten Friedrichsbau-Engagement publikumswirksam um eine Frau verstärkt haben; Erika Lemay, deren Handstand- und Kontorsions-Kombination man die frühere Ballettausbildung anmerkt; Oksana Vielkina alias Ksena, deren Jonglage mit roten Bällen eine wahre Augenweide ist; Tony Frébourg, der die Diabolo-Kunst spektakulär und traumhaft sicher mit Bodenakrobatik kombiniert;, das Duo La Brise, wie Ksena Absolventen der Kiewer Zirkusschule, mit Hand-auf-Hand, und Beo da Silva, die auch am Vertikaltuch noch über Mikroport als Sängerin zu hören ist und im Finale zeigen darf, dass es sich auf dem Boden, wenn sie ihre Atemtechnik ganz fürs Singen einsetzen kann, doch noch einen Tick entspannter singen lässt. Alle Artisten gehören wohl zu den Besten, die derzeit auf den Varietébühnen zu erleben sind, und sie haben das Glück, ihre Darbietungen nicht nur aneinanderreihen zu müssen, sondern in einen dramaturgisch wohlkalkulierten Ablauf eingebunden zu sein, der die individuelle Einzelleistung erst richtig zur Geltung bringt.

    Redaktion: Manfred Hilsenbeck

    AdNr:1076

     

     

    2008-03-15 | Nr. 58 | Weitere Artikel von: Manfred Hilsenbeck