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    Angies Friseur

    Der größte Sozialabbau der Bundesrepublik, mehr bundesdeutsche Soldaten im Ausland denn je, eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit: jede Menge Zündstoff fürs politische Kabarett. Sollte man meinen! Doch für viele Kabarettisten sind die Frisur von Frau Merkel, der Anzug vom Kanzler, das Stottern von Stoiber und das Gewicht von Fischer offenbar wichtiger. Witzchen über Politiker werden uns als politisches Kabarett verkauft. Zudem machen sie alle die gleichen Scherze, als ob sie beim gleichen Gagschreiber einkaufen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel, die Künstler bringen es besser oder schlechter, aber das Kabarett ist längst durch Comedy ausgehöhlt. Sicher, Despektierlichkeiten über Politiker haben auch einen gewissen satirischen Wert, aber sie verkommen zu oft zum Selbstzweck, zur reinen (Verkaufs-) Masche. Nicht, dass der Lachfaktor früher keine Rolle gespielt hätte, Kabarett war immer in erster Linie Unterhaltung, aber das Niveau war höher.

    Um Geld oder Gülle (conanima 26547/Hörsturz ISBN 3-931265-47-1; live, 19 Tracks, 78:04 Min.) geht es bei Thomas Freitag. Der Friseur Peter Holzer flutet wegen der Last von Steuern und Bürokratie das Finanzministerium mit Gülle und muss vor Gericht. Im laufenden Prozess kann Thomas Freitag sein parodistisches Talent in verschiedenen Rollen ausspielen. Über einige Umwege werden dann auch wieder Strauß, Brandt und Wehner in die Geschichte eingewoben, die kann er halt so gut.

    Für Arnold Rating ist dagegen eigentlich alles prima (conanima 26544/Hörsturz ISBN 3-931265-44-7; live, 27 Tracks, 77:32 Min.). Seine Ich-AG, die in der Unterhaltungsbranche tätig ist, leidet jedoch nicht nur unter der Krise, sondern auch unter einer multiplen Persönlichkeitsspaltung. Als Aufsichtsrat, Chef und Betriebsrat in einer Person bleiben natürlich seit Jahren Konflikte nicht aus. Wenn dann noch eine externe Betriebsprüfung das „rating“ von Rating überprüft, verschärft sich das Chaos. Da wirbelt der alte Tornado sich windig durch die Rollen und manch abgestandener Kalauer wird rausgeblasen.

    Täglich frisch (WortArt 71415/Lübbe ISBN 3-7857-1415-7; live, 24 Tracks, 75:37 Min.) ist eigentlich auch nicht mehr alles bei Urban Priol. Ob Muttis Fürsorge oder die Bürokratie, ob EU-Erweiterung oder Kopftuchstreit, ob Geschlechterkampf oder Steuerprüfung, er schwätzt sich eine Schneise durch das Geflecht der privaten und gesellschaftlichen Katastrophen.

    Es hört sich irgendwie albern an, wenn eine Springmaus politisches Kabarett spielt: Christoph Brüske macht halli galli in tora bora (WortArt 71412/Lübbe ISBN 3-7857-1412-2; live, 14 Tracks, 64:02 Min.). Er geht durchs deutsche Jammerland zu frustrierten Sozis, kommt auf Dosenmaut und Rentenprobleme, betreibt Medienschelte, spottet über scheinbar Not leidende Ärzte und juxt über Sprach- und Frisurprobleme bei Stoiber/Merkel und den Gang von Georgedoubleyou. Doch der Maus fehlen bei ihrem Gang Tempo und Biss, sie schlüpft so durch.

    Wer einen Rückblick auf die Anfänge des Kabaretts in Deutschland machen will, dem sei Hoppla! Wir leben! (Patmos ISBN 3-491-91153-2; 28 Tracks, 76:33 Min., Infos) empfohlen. Die Spanne der Beiträge reicht von Ernst von Wolzogen, dem Gründer des ersten Kabaretts, bis Werner Finck, der das letzte freie Kabarett in den Dreißigern leitete. Schwitters, Mehring, Busch, Waldoff, Ringelnatz, Kraus, Grünbaum u. a. sind vertreten, also ein Who’s who der ersten Jahrzehnte.

    Die meisten Kabarettkünstler dieser Jahre mussten fliehen, als die Nazis an die Macht kamen, oder wurden von ihnen umgebracht.

    Der österreichische Dichter Theodor Kramer musste 1939 emigrieren und war nach dem Krieg fast vergessen. Seine genaue und sensible Lyrik war ehedem sehr populär und es finden sich heute immer wieder Künstler, die sie neu für sich entdecken. Thomas Riedel und Hubertus Schmidt haben sich seiner Gedichte angenommen und sie zu eindrucksvollen Liedern vertont: Verbannt aus Österreich (Tel.: 0 34 45-78 15 16; 24 Tracks, 56:09 Min., aufwändiges Booklet mit Texten und Infos).

    Der polnische, jüdische Dichter Jizchak Katzenelson wurde 1944 nach einem abenteuerlichen Leben in Auschwitz ermordet. Er schrieb in Gefangenschaft in Frankreich heimlich ein großes Epos: Großer Gesang des Jizchak Katzenelson vom ausgerotteten Jüdischen Volk (Zweitausendeins; 2 CDs, live, 9 Tracks, 66:19 Min. + 8 Tracks, 60:41 Min.). Wolf Biermann hat den Text ins Deutsche übertragen und trägt ihn sehr engagiert vor. Es ist ein Text, der berührt, der unter die Haut geht, der wehtut, auch wenn der Biermannsche Vortrag immer ein Stück zu theatralisch ist. Eine große Entdeckung, ein großer Verdienst des Liedermachers aus Hamburg.

    Michael Quast hat sich bislang vor allem als Parodist hervorgetan, jetzt hat er sich erfolgreich an das klassische deutsche Kulturgut herangewagt: Sex & Crime Balladen (Lido ISBN 3-8218-5351-4; 2 CDs, 14 Tracks, 56:48 Min. + 18 Tracks, 57:16 Min., Infos). Er trägt zumeist bekannte Balladen vor, von Hebbel bis Goethe, von Schiller bis Heine, als lebendige, spannende Geschichten erzählt, mit dem Bemühen, sie vom alten Schulstaub zu befreien. Ein lobenswerter Ansatz und es gelingt ihm gut. So kann man’s wagen, sie jungen Leuten vorzutragen.

    Werner Lämmerhirt, seit Jahren für sein Gitarrenspiel und später auch für seine eigenen Lieder bekannt, hat seine erste CD in Berlin aufgenommen. Da er im Westen Berlins aufwuchs, heißt sie auch Heimspiel (Toca-Records DMG 54.218024.2; 12 Tracks, 56:40 Min., Texte) und die Lieder sind auch entsprechend biografisch gefärbt. Kluge, einfühlsame und etwas melancholische Lieder singt er, aber richtig schön. Eine CD, die einem sofort vertraut ist und die man gerne wieder hört.

    In etwa gleich alt, aber aus dem Ostteil Berlins kommend, möchte Barbara Thalheim gerne eine Insel sein (duo-phon 06133; 12 Tracks, 51:16 Min., aufwändiges Booklet mit Texten). Hatte sie vor Jahren das Ende ihrer Liedermacherei verkündet, ist sie glücklicherweise schon länger wieder künstlerisch tätig. Denn sie hat noch was zu sagen und zu singen. Sie reibt sich an der (Nachwende-) Zeit, an den gesellschaftlichen Verhältnissen, an der Politik. Zusammen mit dem Akkordeonisten Jean Pacalet hat sie eine flotte Scheibe gemacht: Intelligente, sehr persönliche Texte mit anspruchsvollen Arrangements und ihrem guten Gesang.

    Sehr zeitbezogene Texte macht auch der Liedermacher Paul Bartsch & Band. Bruchpiloten (www.zirkustiger.de; 13 Tracks, 53:45 Min., Texte) heißt ihre erste CD, die sich durch schnörkellosen Rock und interessante, anregende Texte auszeichnet. Poetische Balladen, zum Zuhören und Nachdenken gut geeignet.

    Die Volksmusik ist seit Jahrzehnten in Deutschland auf den Hund gekommen, doch immer wieder gibt es Bestrebungen, echte Volkslieder zu pflegen bzw. neue zu schaffen. De Krippelkiefern aus dem Erzgebirge singen im Dialekt Lieder, die die Sorgen und Probleme der Menschen der Region aufgreifen. Stefan Mösch und Torsten Lang machen den Zusammenbruch des Bergbaus und die Arbeitslosigkeit nach der Wende, die kleinbürgerliche Enge und private Sorgen der Menschen zu Themen ihrer Lieder. Es gieht mich ja nischt a ... (B.T.M. Musikproduktion, Tel.: 0 30-63 97 92 06; 13 Tracks, 56:25 Min., Texte) nennen sie ihre CD, mit der sie sich einmischen in die Verhältnisse.

    Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher alias Zupfgeigenhansel haben lange miteinander (Pläne 88901; 12 Tracks, 45:30 Min., Texte) in der Bundesrepublik alte und kritische Volkslieder gesungen. Diese Aufnahme (Bunt sind schon die Felder; Innsbruck, ich muss dich lassen, Bella Ciao; Ade zur guten Nacht u. a.) stammt von 1982.

    In der DDR hatte vor allem der Kanadier Perry Friedman großen Anteil an der Verbreitung des Volkslieds und dem Entstehen einer Singbewegung. Seine fragmentarischen Erinnerungen sind jetzt unter dem Titel: Wenn die Neugier nicht wär’ (Dietz Berlin ISBN 3-320-02048-X; 202 S. + CD; 17 Tracks, 40:52 Min., 14,90 €) erschienen. Der Banjo spielende Sänger hat sich viel rumgetrieben, ehe er längere Zeit in der DDR lebte. Er hat dort die Höhen und Tiefen der offiziellen Kulturpolitik erlebt und den Zusammenbruch der DDR geahnt und bedauert. Freunde und Beobachter seines Lebens schildern zudem ihre Sicht auf den Sänger und ihre Erfahrungen mit ihm.

    Kloster Banz im fränkischen Obermaintal, ein barocker Klosterbau (Dientzenhofer!), der der Hanns-Seidel-Stiftung gehört, ist ein Ort, an dem alljährlich im Juli Songs an einem Sommerabend (Pläne 88902; 19 Tracks, 76:16 Min., Infos) zu hören sind. Mit Liedern von Joana, Wader, Hoffmann, Astor u. a. ist auch der vierte Sampler der dort aufgetretenen Künstler wieder attraktiv besetzt.

    Schon Lizzi Waldmüller wusste, Was eine Frau bei Nacht verspricht (duo-phon 05483; 24 Tracks, 78:03 Min., Infos), na ja, wie das eben so ist. 100 Jahre wäre die welterfahrene Dame jetzt geworden, die die Berliner Luft und den Bel Ami so einzigartig besungen hat. Ihre Schallplattenaufnahmen von 1932–1943 jetzt also auf CD.

    2004-09-15 | Nr. 44 |