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    Irgendwat is immer


    Gerade weil immer irgendetwas ist und irgendwas immer ist, gibt es seit fast 110 Jahren Cabaret und Kabarett in Deutschland. Für Beiträge aus über 13 Jahren hat das führende Label WortArt in Köln schon acht Mal in den Archiven gestöbert und jetzt daraus eine Box zusammengestellt: Die komplette Wahrheit über Deutschland
    (WortArt 0259 / ISBN 978-3-8371-0259-8; 8 CDs, 175 Tracks, über 8,5 Stunden). Eine illustre Versammlung großer und noch größerer Namen, von Hüsch, Schmidt (Harald), Fitz (Lisa), Rogler, Nuhr, Arp, Beltz, Deutschmann, Schroth, Priol, Schramm, Schreiner, Insterburg bis Kling, Jochimsen, Schmickler, Rether und Evers, die hier in unterschiedlichster Art ihren Sinn und Unsinn verbreiten. Damen, Herren, Ensembles, Comedy, Musikalisches, Literarisches, politische Satire, Freundliches und Unerfreuliches – alles ist vertreten. Ob für Weihnachten, Ostern, zum Geburtstag, ohne Anlass oder für einen selbst: Diese Zusammenstellung ist auf jeden Fall eine gute Empfehlung.

    Vom Rückblick führt uns Claus von Wagner direkt zu Drei Sekunden Gegenwart (WortArt 0258 / ISBN 978-3-8371-0528-; 2 CDs, 18 Tracks, 57:14 Min. + 18 Tracks, 51:43 Min., live), und die sieht gar nicht so gut aus für den jungen, aber sonst eher erfolglosen Vater. Seine Ex Penthesilea ist nämlich gerade dabei, ihm den Umgang mit seiner Tochter komplett untersagen zu lassen. Das ist natürlich hundsgemein, wiewohl man bei einiger kritischer Betrachtung zu dem Schluss kommt, dass sie für dieses Begehr mehrere recht gute Gründe hat. Nicht nur, dass ihr Neuer stinkreich und erfolgreich ist; der liebende Vater ist zudem sagen wir mal nicht ganz einfach und in seinem Tun durchaus unberechenbar und zur Überreaktion neigend. So nimmt das Unheil seinen Lauf und Herr von Wagner schildert uns das ganze tragische Geschehen, eingebettet in ein Panorama aus kritischen Zeitbeobachtungen, die das Programm zu einem sehr gelungenen Rundumblick werden lassen. Dass ihm bei seinem Blick über den deutschen Tellerrand vor allem nur der Nahe Osten ins kabarettistische Visier gerät und er zu diesem Thema allzu schlicht herumkaspert, gehört leider zu den am meisten verbreiteten Unsitten im deutschen Kabarett.

    Auch den armen Horst Schroth, alias Nikolaus Niehoff aus Hamburg, verfolgt das familiäre Pech, allerdings nicht mit dem Nachwuchs, sondern mit der teuren verblichenen Erbtante Elsbeth und dem ausufernden Streit um den (vermuteten) reichhaltigen Nachlass. Die Familienangehörigen sind sich bald alle nicht mehr grün, sondern stattdessen Grün vor Neid (WortArt 0223 / ISBN 978-3- 8371-0253-6; 27 Tracks, 77:04 Min., live). Mit Witz und Tempo, mit Präzision und Einfallsreichtum öffnet uns dieser ausgebuffte Erzählprofi die seelischen Abgründe der Menschen, speziell beim Teilungsprozess. Am seligen Ende ist man froh, wenn man keine bedeutende Erbschaft zu erwarten und sich selbst und die liebe und liebende Verwandtschaft nie so speziell kennengelernt hat.

    Nuhr die Ruhe (WortArt 0302; 32 Tracks, 77:07 Min., live) lautet dagegen das Credo von Dieter Nuhr. All die (auch im Kabarett) verkündeten Weltuntergänge, von Baumsterben bis Atomkrieg und Klimakatastrophe, lehren ihn, gelassener mit solchen Katastrophenerwartungen umzugehen und sich stattdessen daran zu erfreuen, was die Zivilisation so bei uns für die Menschen bereithält. Kritisch ja – aber nur keine Panik, und dieser Gedanke hat ja was. So plaudert er sich philosophierend durchs Thema, verirrt sich gelegentlich, bzw. verwirrt sein Publikum, rutscht mal im Niveau ab und fängt sich sofort wieder, um sein eigentliches Thema weiter zu verfolgen. Er sticht mit seinen Betrachtungen hervor aus den Gepflogenheiten seiner Zunft; intelligent und auch raffiniert, erfolgreich und bedenkenswert ist seine Einmannschau, „nuhr“ nicht nachlassen.

    Zeigt das Coverbild nun, wie ihm das Wasser bis zum Hals steht, oder wie er auf der Welle des Erfolges schwimmt, womöglich sogar gegen den Strom? Oder was will uns der Künstler sagen? Josef Hader spielt Hader (WortArt 0154 / ISBN 978-3-8371-0154-6; 2 CDs, 17 Tracks, 63:43 Min. + 17 Tracks, 65:19 Min., live, Liedertexte, Infos) und mit seinem Publikum. Linksliberaler Mittelstand, gebildete Gutmenschen, mit ihren Überzeugungen und auch ihren Klischees und Verlogenheiten sind Gegenstand seines entzückenden und bissigen österreichischen Schmähs. A bisserl bös, a bisserl zynisch, a bisserl schräg, aber eigentlich ganz nett und vor allem klug entwickelt er seine Gedanken- und Wortspiele, und immer wieder unterbrochen und ergänzt durch eher unliederliche Gesänge wickelt er das Publikum ein. Einer der Großmeister des österreichischen Kabaretts, der auch hierzulande zu Recht sein Publikum gefunden hat und eine Bereicherung für die hiesige Szene darstellt.

    Herzlichen Glückwunsch (WortArt 0155 / ISBN 978-3-8371-0155-3; 14 Tracks, 77:03 Min., live), Horst Evers hat es geschafft, inzwischen schon in Leseprogrammen von anderen vorgetragen zu werden! Doch dazu später mehr, einstweilen zu seinem eigenen „Sonstiges“-Programm. Seine Fähigkeit, Unspektakuläres anregend zu erzählen, Nichtigkeiten und eigene Versäumnisse zu präsentieren und die Widrigkeiten des Alltags in witzige Geschichten zu packen, haben ihn über die Jahre zu einem der Populärsten auf den Lesebühnen im Land werden lassen. Wer schafft es auch, einen eigentlich erlebnislosen Urlaub in der Rhön oder gar vermüllte Keller, nie beendete Regalruinen oder verwaiste Hochbetten so zu verdichten, dass sie ein belustigtes Publikum über die Maßen erheitern? Wie unterhaltend können doch die Misslichkeiten des Lebens sein! Und gerade weil das bei Horst Evers so ist, kommt Der witzigste Vorleseabend der Welt (Eichborn ISBN 978-3-8218-6314-6; 2 CDs, 15 Tracks, 69:20 Min. + 12 Tracks, 64:33 Min., live) auch nicht ohne seine Geschichten aus. Diese Veranstaltungsreihe von Jürgen von der Lippe präsentiert dem Publikum Texte verschiedener Autoren, die es zum Lachen bringen. Mit Carolin Kekebus und Jochen Malmsheimer als Mitleser werden Ergüsse vorgetragen: von besagtem Horst Evers und Katinka Buddenkotte, Fanny Müller, Frank Goosen, Dietmar Wischmeyer und Harald Martenstein. Wunderbare kurze Geschichten für den kleinen literarischen Hunger, mit und ohne tiefere Bedeutung, stets aber mit einem genauen Blick für das Absurde im normalen Alltag.

    Wer (sich) selber zu Hause einen solchen Vorleseabend veranstalten möchte, dem bietet Das witzigste Vorlesebuch der Welt (Eichborn ISBN 978-3-8218-6056-5; 240 S., 19,95 €) eine angemessene Textgrundlage. Neben den oben genannten Autoren sind darüber hinaus noch Tilman Spengler, Kai Karsten, Linus Reichlin, David Sedaris, P. J. O’Rourke und Guido Mingels mit Beiträgen vertreten. Als Gutenachtgeschichten sind sie vermutlich nicht geeignet, denn das Lachen, das sie auslösen, lässt jede schläfrige Neigung vergessen.

    Auch Volker Strübing steht seit vielen Jahren auf den Lesebühnen dieses Landes und hat große Erfolge bei den poetry-slams vorzuweisen. Seine Geschichten spielen mal ganz bodenständig im Damals der DDR, im Alltag hier und jetzt oder sind ganz außerirdisch bis himmlisch, oder es wird gar alles vermischt. „Ich bin nicht paranoid“, „Die große Mauerparkorgie“, „Ein Ziegelstein für Dörte (Voland & Quist ISBN 978-3-938424-23-0; Buch + CD, 160 S., 13 Tracks, 53:27 Min.; 13,90 €) und „Das Geheimnis der Illuminaten“ lauten dementsprechend auch die Einteilungen seines Buches. „Kneipen sind die Kreißsäle wahrer Literatur“ behauptet er und man ist bei der Lektüre gerne geneigt, ihm zu glauben. Gerade weil seine Geschichten manchmal so spinnert sind, kann er so viel über die Wirklichkeit erzählen.

    Die Lesebühnen haben sich mit den Jahren zu einer festen und eigenen Sparte der Kleinkunst gemausert und jede Menge Literatur produziert, die sich inzwischen auch nach Themenbänden sortieren lässt. Nicht alle sollte man am Stück lesen, sonst verliert man leicht die Lust (an der Lust). In zwei Bänden hat Volker Surmann peinliche, lustige, enttäuschende, frustrierende, langweilige, außergewöhnliche, geheimnisvolle, originelle, banale und pubertäre Geschichten um die schönste Neben- oder Hauptsache der Welt von einer Unzahl von (Lesebühnen-)Autoren zusammengetragen: Sex – von Spaß war nie die Rede (Satyr Verlag; Bd.1: ISBN 978-3-938625-47-71, 224 S., 12,90 €, Bd. 2: ISBN 978-3-938625-57-6, 224 S., 12,90 €). Wie so oft, wenn es tendenziell unter die Gürtellinie geht, ist das Niveau nicht immer in Hochform, doch so manch nette Geschichte lässt sich finden. Also: Zum Genießen nur in Maßen konsumieren!

    Beim selben Verlag sind auch Götter, Gurus und Gestörte (Satyr Verlag ISBN 978-3-938625-48-4; 184 S., 11,90 €) erhältlich, ein Buch, das erstaunlich vielfältig satirisch mit dem Phänomen der Glaubenden und dem des zunehmenden Glaubens-Patchworks umgeht. Ob Gott, ob Allah oder Wotan, ob Weihnachten, Pfingsten oder Ramadan, ob Katholiken, Esoteriker oder Atheisten – hier ist jeder einmal dran. Vom persönlichen Erlebnis bis zum Religions-Warentest – eine erhellende Lektüre.

     

    Leben spüren

     

    Ich mach ein Lied aus Stille (Kreuzberg Records kr 10102; 21 Tracks, 46:45 Min., Texte) lautete 1973 in der DDR der Titel des ersten Gedichtbandes von Eva Strittmatter, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wurde, und so heißt auch das Liederprogramm der Sängerin Susanne Kliemsch und des Komponisten Manfred Schmitz am Klavier.

    Es ist kein leichtes Unterfangen, die sehr spezielle, sensible, kraftvolle aber auch von Selbstzweifeln und -fragen getriebene Lyrik adäquat zu vertonen und zu singen. Es gelingt beiden sehr eindringlich, diese Balance zwischen Empfindsamkeit und Selbstbehauptungswillen musikalisch und stimmlich auszuloten. Susanne Kliemsch nimmt sich in ihrem Gesang sehr zurück, aber die Stimme bleibt trotzdem kräftig, und sie schafft es, die Spannung zwischen dem Mit-sich-allein-Sein, aber nicht Verlorensein auszudrücken. Auch die Kompositionen von Manfred Schmitz tragen in ihrem Wechsel von leisen und kraftvollen Passagen dieser Spannung Rechnung. Der 70-jährige Musiker hat sich vor allem im Jazz hervorgetan, hat unzählige Gedichte vertont und war lange musikalischer Begleiter von Gisela May. Ein ganz berührendes Programm literarischer Kleinkunst, das der Stille beim Zuhören bedarf.

    Ostpoesie (monocelli production / www.susejank.com; 11 Tracks, 44:21 Min.) ganz anderer Art singen Suse Jank & Band. Sie nehmen sich schöne, alte DDR-Schlager vor und arrangieren und interpretieren sie neu. Die junge Dame ist von Hause aus durchaus vorbelastet und sie hat sich mit dem (Westberliner) Jazzpianisten Clemens Süssenbach zusammengetan, der auch für den neuen Sound der Lieder verantwortlich zeichnet. Die Band dazu ist gar international besetzt. Sie schrecken bei ihrem Projekt nicht vor großen Namen zurück, ob Silly, Lift, City, Scirocco, Holger Biege, Manfred Krug, Petra Zieger, Dirk Michaelis, Veronika Fischer oder dem kürzlich verstorbenen Franz Bartzsch – von allen haben sie Songs auf der CD. Dass man diese Lieder heute überhaupt noch ohne Peinlichkeit singen kann, liegt sicher auch an den hervorragenden Textern, wie Kurt Demmler, Gerhard Gundermann, Tamara Danz oder Gisela Steineckert. Suse Jank macht nun mit ihrer Truppe diese einstigen (Rock-)Schlager quasi zu modernen, doch zeitlosen Chansons. Ihre helle, klare Kopfstimme, mit der sie sich in einen aktuellen Gesangsstil bei jungen Frauen gut einreiht, verleiht den Liedern einen zarten, zerbrechlichen Charakter, die neuen Arrangements geben ihnen einen neuen Klang. Wer im Westen DDR-Musik nicht kannte, kann etwas Neues entdecken; wer im Osten lebte, kann mit diesen „Coverchansongs“ die alten Lieder neu entdecken.

    Schlager aus noch früheren Zeiten trägt der unvergleichliche Max Raabe mit gewohnter Präzision vor. Übers Meer (Decca 476375-3; 15 Tracks, 42:24 Min., Infos) zieht es ihn, und die Liebe wird natürlich mit vornehmer Anzüglichkeit besungen. Viele Texte von Fritz Rotter, aber auch Robert Gilbert oder Max Hansen sind vertreten, bei den Komponisten sind vor allem Walter Jurmann, Austin Egen und Werner Richard Heymann zu hören. Max Raabe kommt hier ganz reduziert nur mit der Klavierbegleitung von Christoph Israel aus, sodass auch die vielen bekannten Tonfilmschlager einen ganz intimen Charakter erhalten.

    Zum Teil aus der gleichen Zeit, aber von ganz anderer Art sind die Liedreminiszenzen, die ewo² Das kleine Elektronische Weltorchester um Bernd Köhler seinem Publikum wieder nahebringen will. Ihnen geht es vor allem darum, diese Kampflieder lebendig zu halten, um sie für heutige Auseinandersetzungen wieder nutzbar zu machen. La lega, das Heckerlied, das Solidaritätslied, der Stahlwerkersong oder Bella Ciao werden mit modernen elektronischen Arrangements heutigen Hörgewohnheiten angepasst: … in dieser Zeit avantipopolo 2 (Plattenbau / Jump Up 19; 13 Tracks, 50:00 Min., Infos). Ein interessanter und hörenswerter Ansatz, um Traditionslinien weiter zu ziehen und aktuell zu bleiben.

    Ganz im Hier und Heute bewegt sich Manfred Maurenbrecher mit seiner Forderung Hoffnung für alle (Peptiphon; 2 CDs, 10 Tracks, 41:49 + 8 Tracks, 36:43 Min., Infos). Er beglückt seine Fans mit bewundernswertem Fleiß seit (inzwischen) Jahrzehnten mit klugen, kritischen, nachdenkenswerten, humorvollen und zudem schönen Liedern, ohne Starallüren oder Selbstgerechtigkeit. Seine ständige Präsenz auf den Lesebühnen Berlins hat ihn auch immer wieder neu befruchtet, und die wiederum haben durch ihn eine einmalige musikalische Bereicherung erfahren. Ob er über einen Stein im Schuh singt und die Lehren, die man aus dem Schmerz ziehen kann, ob er die angeblich guten alten Zeiten besingt oder ein Bad Bank: seinen Liedern lauscht man gerne, sowohl aus textlichen als auch musikalischen Gründen. Einer der interessantesten Songwriter des Landes, hier aufwendiger als sonst instrumentiert.

    Ebenfalls aus Berlin und mit seiner schnoddrigen Art, seiner verr(a)uchten Stimme und seinen (zuerst nur im Internet) scheinbar lässig dahingeworfenen Liedern ganz einmalig ist der Mann aus Friedrichshain, der sich Toni Mahoni nennt. Er vertritt Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll auf die gemütliche Tour: Freundin, Kaffee, Bierchen mit Kumpels und geile Lieder. Was ihn auszeichnet ist, dass seine Songs so ungeheuer authentisch rüberkommen: Er singt zu einem aus seinem Leben auf Du und Du, als ginge es einen etwas an. Er trifft ganz wunderbar dieses Lebensgefühl in der modernen Großstadt zwischen Szene und Milieu, Party und Einsamkeit, Kleinmut und Angeberei, Kleinbürgerlichkeit und Weitläufigkeit, Kietz und Weltstadt.

    Auf der anderen Seite der Spree sind zurzeit Wortfront alias Sandra Kreisler und Dr. Roger Stein in Kreuzberg zu Hause und offenbaren uns ihr Freilandherz (Brokensilence Nr.4 / www.wortfront.de; 13 Tracks, 47:37 Min., Texte). Das amerikanisch-schweizerische Duo bringt anspruchsvolle Songs, die aufwendig arrangiert irgendwo zwischen Pop, Chanson und gehobenem Schlager angesiedelt sind, und die auch mal als Hip-Hop und Tango daherkommen. Frau Kreisler singt mit rauer, warmer Stimme über Fernweh und Heimweh, über Sommer und Sehnsucht, aber auch Kritisches oder Schwarzhumoriges. Zwei Instrumentalstücke runden den guten Eindruck dieser Produktion ab.

    Vater Georg Kreisler ist ein Fixpunkt am Kleinkunsthimmel, an dem sich schon manche orientiert haben. Eingekreislert (Tunesday Records TDR 113[C1] ) haben sich auch Plückhahn & Vogel, ein Berliner Duo, die seit einigen Jahren für Furore sorgt. Ihnen liegen (natürlich) vor allem die schwarzhumorigen Titel am Herzen, die vergifteten Tauben, die alten Tanten, der Bluntschli und der brennende Zirkus. Nah am Original sind die beiden vor allem live eine unbedingte Empfehlung. Und was die zwei Herren wirklich draufhaben, hört man vor allem bei ihren eigenen Liedern. Der Dschingis und sein Kahn (Tunesday Records TDR 112; 17 Tracks, 43:44 Min.) bietet eine gute Gelegenheit dazu. Der blinde Frontmann Dietrich Plückhahn, der auch die Texte verbrochen hat, und sein Partner Daniel Vogel am Klavier singen und spielen unbekümmert, munter, frech, geistreich, albern und witzig, schräg und schwarz auf und räubern hemmungslos persiflierend drauflos. Mit Witz und Tempo jagen sie durch ihren klugen Unsinn, voller skurriler Einfälle, Wortspiele, Hintersinn und scharfer Beobachtungsgabe. Hat man diesen starken Schwachsinn einmal gerne genossen, besteht Suchtgefahr.

    Eine Zeitreise machen auch Heike Makatsch und ihr Partner Max Martin Schröder, und zwar zurück in die eigene Kindheit. Sie singen Die schönsten Kinderlieder (Diogenes Verlag / ISBN 978-3-25780281-8; 12 Tracks, 37:47 Min., Texte + Noten) und nehmen neu arrangiert Bezug auf „Das große Liederbuch“ in der berühmten Ausgabe mit den Illustrationen von Tomi Ungerer (Kopien daraus im Booklet). Die beiden interpretieren die Lieder auf ihre eigene Weise, die sich natürlich an heutige Musikgewohnheiten anlehnt, moderner, frischer und raffinierter. Man weiß gar nicht, ob ihre Variationen mehr die Eltern oder die kleinen Kinder ansprechen. Das kleine Hänschen, der liebe Augustin, das Männlein im Walde und der Bruder Jakob horchen, was von draußen reinkommt, und als ein Vogel geflogen kommt, hört man auch den Kuckuck und den Esel streiten. Allein die freien Gedanken sind ein wenig zu neckisch geraten und ein bisschen voller hätten sie die Scheibe schon singen können.

    Große Jungs (105 music 8869-75938-6-2; 13 Tracks, 41:10 Min., Texte) singen auch nicht viel und natürlich ganz anders. Dieser ist ein ganz besonderer Bube, Frank Ramond, der hier daselbst auf der Bühne steht. Normalerweise ist er der textende, komponierende und produzierende Mann im Hintergrund, der Typen kreiert und den Nerv der Zeit trifft. Da schreibt er den Annetts und Inas die Lieder auf den Leib, und jetzt entwirft er eben was für sich. Chansons über die männlichen und weiblichen Peter Pans, die durch die Städte und Zeiten cruisen, nicht wirklich erwachsen werden (wollen), die Verantwortung scheuen. Schöne, sanfte, kluge, wache Lieder, der Mann versteht wirklich sein Handwerk.

    Das Leben spüren (Conträr Musik 49; 12 Tracks, 38:50 Min.) will und wollen Emil Brand. Hinter dem Namen Emil Brand, dem fiktiven Texter der Chansons über Liebe, Enttäuschungen, Sehnsüchte, Einsamkeit und Beziehungen, verbergen sich die Singenden Eva Verena Müller, Kirsten Hesse und Patrick Pfau sowie der Komponist und Pianist Tobias Cosler. Die Menschen haben es wahrlicht nicht leicht mit ihren Beziehungen und ihrer Umwelt. Mal will einer gehen, mal soll einer bleiben, mal ist da Sehnsucht und mal schon Langeweile. Sind Ehrlichkeit und Aufbruch angesagt oder ist schöner Schein schöner? Am Ende ihrer Liederreise ist vor allem das Erleben, der Augenblick wichtig. Interessante Lieder, ansprechend in Text, Musik und Gesang. Mal hören, was Emil Brand noch ausgeheckt hat.

    Übersetzen (Unicornio Records UR 34035; 16 Tracks, 69:03 Min., Texte, Infos, live) muss man die „Gesänge auf schwankendem Boden“, die Das blaue Einhorn aus Dresden anstimmt, eigentlich gar nicht, denn hier ist eine der profiliertesten Formationen für Lieder aus aller Welt am Werk. Lieder aus Bosnien, Finnland, Griechenland, Rumänien, Serbien, von Tom Waits, Paolo Conti, Vyssockij, Brel und Biermann, die sich alle irgendwie, direkt oder metaphorisch, mit dem Thema beschäftigen, wie man vom hier und jetzt nach irgendwo kommt. Es ist bemerkenswert, welche Bandbreite Paul Horn, Florian Mayer, Andreas und Dietrich Zöllner musikalisch und in der Interpretation beherrschen. Ein mitreißendes Album internationaler Songs. Besonderes Lob verdienen auch immer die umfangreichen und liebevoll gemachten Booklets ihrer Produktionen.

    Für das Mikis-Theodorakis-Projekt hat sich Das blaue Einhorn mit Karolina Petrova verstärkt und sie haben die Lieder ins Deutsche übertragen. Ein wahrlich schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen, für diese Lieder voller Melancholie, poetischer Bilder und auch Pathos eine angemessene Nachdichtung zu schaffen (Paul Hoorn). Es wurden Lieder von Krieg und Frieden ausgewählt (Ta Lyrika, Liturgie2, Mauthausen u. a.), also sehr ernste Sujets, die sonst mit großen Orchestern und Chören aufgeführt werden. Wo find ich meine Seele? (Unicorno Records UR 34034; 2 CDs, 18 Tracks, 47:04 Min. + 13 Tracks, 43:17 Min., Texte + Infos) widmet sich einem der populärsten Komponisten der Gegenwart, der in Deutschland vor allem über seine (beinahe) Volkslieder, gerne auch in griechischen Restaurants, wahrgenommen wird. Hier kann man ihn in einer überzeugenden Adaption neu erleben, und dank der Übersetzungen wird einem dabei auch der politische Theodorakis nähergebracht.

    Redaktion: Rainer Katlewski


    2010-03-15 | Nr. 66 | Weitere Artikel von: Rainer Katlewski