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  • Szenen Regionen :: Baden

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    Wie süßer Brei

    Im Kurhaus in Baden-Baden ging am 6. Januar die Kleinkunstserie „BADzille“ des SWR-Studio Brettl Machers Klaus Langer an den Start: mit Matthias Deutschmanns neuem Programm „Staatstheater“ und Jörg Maurers „Beethovens kleine Patzer“. Doppelung ist BADzille Programm. Kleinkunst kommt da öfter mal (Aus)Schnittchenweise auf die Bühne. In Heidelberg dagegen kochte sie, wie im Märchen der süße Brei, zeitweise mächtig über den Deckelrand. Zum dritten mal und diesmal mit doppelter Länge war vom 14. bis 30. Januar das Kabarett- und Kleinkunst-Festival Carambolage am Heidelberger Karlstorbahnhof erfolgreich. Ausverkauft nicht nur das Eröffnungswochenende, an dem sich das komödiantische Damendoppel Susanne Betancor & Käthe Lachmann mit Sequenzer, Piano und Gitarre durch ihr Programm „Privat bin ich ein Profi“ puzzelten. Das hessische Comedy Duo Mundstuhl räumte mit „Alles inklusive!“ ab und Dr. med. Eckart von Hirschhausens „Sprechstunde“ war ein Heimspiel am ehemaligen Studienort. Während Betancor & Lachmann nuancenreich Sexismus spiegelten, war Feinsinnigkeit noch nie das Markenzeichen von Mundstuhl. Hemmungslose Bühnenfiguren leuchteten da mit „krasser“ Proletensprache selbst dumpfeste Hirnstübchen aus. Hirschhausen beantwortete beim medizinisch-wissenschaftlichen Aufklärungswerk Fragen aus dem Stehgreif und meisterte selbst moralische Appelle mit Bravour, denn die Patienten klebten dem Wunderdoktor an den Lippen. Der kabarettistische Mitmach-Film „Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit von und mit Bernhard Ludwig, der offen lässt, ob er Seminar, Kabarett oder Therapie sein will, wurde parallel gezeigt. Ohne Schnickschnack wird da mit dem Edding in der Hand der kleine Unterschied erklärt, während man sich unter Anleitung des Sexualexperten mit Gebrumm an die Bestandsaufnahme machte.
    Dieses Eröffnungswochenende konnte noch gesteigert werden. Am 20. Januar war Matthias Deutschmann mit „Staatstheater“ nicht als Kleinkünstler, sondern als Nachfahre seines Hofnarren Urahns bei der Carambolage zu Gast und legte als sympathischer Nestbeschmutzer, poetisch und leichtsinnig nur mit dem Cello gewappnet, Hochkultur tiefer. Hüpfend strich er den Bogen, bis ihm die Nationalhymne rausrutschte. Hüpfend bewegte er sich auch durch die Themen. Das Deutschlandlied entgleitet seinem Cello am Ende und zerschellt à la Hendrix unterm Sternenbanner. „Wenn die Fahne entrollt ist, ist alle Vernunft in der Trompete“ kommentierte Deutschmann sein wohltuend undeutsches „Staatstheater“ und zog sich am Ende unter Beifallsstürmen aus dem Schlamassel. Der „hofnärrische“ Charakter des Programms aber konnte auch als Publikumsschelte disqualifiziert werden, obwohl Hofnarr Deutschmann in Wahrheit nur „königlich“ amüsiert hatte.

    Die Klaviatur im Anschlag und „Liebe“ als Programm hatte Hagen Rether am 23. Januar mit seinem obligatorischen Polaroid vom Publikum den Karlstorbahnhof schnell im Kasten. Der Politkabarettist aus Essen löffelte in Seelenruhe ein Joghurt aus, bevor er die „handverlesene intellektuelle Elite“ schwer schlucken ließ und den Baseballschläger aus dem Flügelkasten kramte, um ihn demonstrativ auf der Kante abzulegen. Doch der distinguierte Bar Pianist, eigentlich ein Schwächling in der Unterhaltungsbranche, zelebrierte eine vollkommen neuartige Selbstbehauptungsmethode von enormer Schlagkraft. Die Finger auf leichte Berieselung im Blindflug programmiert, sprach und sang er liebevoll im Wechsel mit sich selbst, dem Publikum und fiktiven Gestalten und packte dabei seine Gedankenphantome zynisch gemein und unzensiert auf den Tisch. Mit dem arglosen Blick in die Runde hypnotisierte Rether das Publikum in Heidelberg regelrecht, vor allem, wenn er öfter mal einfach Stille im Raum belies. Man wollte Rether einfach nicht mehr von der Bühne lassen. Nach drei Stunden Programm und dreißig Minuten Zugabe erst endete der Exzess. Das Publikum hatte sich durchgegessen und es hat ihm geschmeckt.

    Am Ende konnten die Programmmacher auch Unwägbares wie einen Soloabend mit Schwarzem Theater vom
    Twohands Theatre oder die humoristische Lesung von und mit Heinz Strunk wagen. Bei der Nach(t)wuchs Newcomer Nacht gelang es sogar unbekannte Regionalkünstler von Akrobatik bis Zauberei erfolgreich auf die Bretter zu stellen. Da ging der Musicaldarsteller Christian Schöne alias „Inge Meysel“ in Gurkenmaske und Kittelschürze gut gerüstet als Conferencier an den Start. Neben den Kabarettisten Thomas Philipzen, Erwin Grosche und Arnulf Rating war mit Onkel Fisch eine Comedy-Truppe zu Gast, die von Mark Britton produziert wird. Bei den Varieté Abschluss Abenden führte Karl-Heinz Helmschrot als straffer aber lebendiger roter Faden durchs Programm. In der Rolle des sadistisch ungerechten Oberlehrers beglückte er schlagfertig und erbarmungslos immer wieder seine „Lieblingsschüler“ im Publikum. Dieser Tabubruch bescherte ein Prickeln zwischen wohliger Gänsehaut und sich sträubendem Nackenhaar und erfrischte Programm und Conferencier Rolle entschieden. Neben den Rollschuhakrobaten Roma und Sven, Orfeo, einem Trapezsolo von Roma Hervida und der Lokalmatadorin Clownin Betty alias OLGA hatte man sich mit JungeJunge! & der Römer auch die frischgebackenen Preisträger des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg ins Haus geholt. Mit Martina Brandl und Romy Haag waren bei der Carambolage auch noch hochkarätige Vertreterinnen der Sparte Chanson zu sehen, obwohl vom 21.01. bis 18.03. gleichzeitig das Heidelberger Kulturfenster zum 5. Chansonfest Schöner Lügen lud.

    Weiter gedeutet allerdings wird im Kulturfenster der Begriff Chanson – von den „
    English Rebel Songs 1381-1984“ der Formation Chumbawamba Acoustic, über das krautrockige „Seltsam öffne mich“ von Niels Frevert bis hin zu Thomas Rabenschlags Robert Gernhardt Abend „Alles wird anders“. Pech hatte man im Kulturfenster mit Malediva, die krankheitsbedingt nicht „Schaulaufen“ konnten. Doch am letzten Festivalabend kochte Premierenstimmung über. Mit „Heute Nacht ist mir so Oh-Là-Là“ lud Annette Postel in Begleitung des Salonorchester Schwanen zu Chansons von Werner Heymann, Peter Kreuder und Gerhard Winkler. Die Karlsruher Sängerin hat sich da ein wundervolles zehnköpfiges Orchester angelacht, eines das geschmeidig, virtuos und witzig auch ohne Sängerin gut dasteht. Wenn Herrn Georg immer wieder die „Caprifischer“, die keiner hören will, aus der ersten Geige fließen, wenn er seine Rockschöße wirft und brüskiert wieder Platz nimmt, dann schafft er damit einen lebendigen Kontrast zur oft unterkühlt wirkenden Postel. Wo diese kühle Distanz gefragt ist, bei den Kreuder Kompositionen eher, denn bei denen von Heymann und Winkler, da glänzt Annette Postel allerdings in höchsten Tönen. Gespannt darf man auf die CD-Einspielung sein, die im Herbst erscheinen soll.

    In der
    Mannheimer Klapsmühl’ war Vince Ebert vom 20.01. bis 23.01. noch mit „Alles gelogen“, dem Programm vor dem „Urknaller“ zu sehen, während man am Karlstorbahnhof mit Bülent Ceylans „Best Of, Horst Evers, dem Programmneuling „Knallzart“ von Männerkulturen und der frischgebackenen Schweizer Kleinkunstpreisträgerin und Ausnahme Clownin Gardi Hutter (17.03.) schon Delikatessen zum Nachtisch reichte, um sich reichlich früh in die Sommerpause zu verabschieden, während andere Bühnen noch weiter kochen.

    Redaktion: Sibylle Zerr

     

    Termine

    Klapsmühl’, Mannheim:

    02. – 05.06. Claus von Wagner, „Der Rest ist Schweigen“ – politisches Kabarett
    08. – 26.06. u. 31.08 – 04.09. Kabarett DUSCHE, „Frisch geliftet“ – politisches Kabarett
    07.- 10.07. Vince Ebert, „Urknaller – Physik ist sexy!“ – Stand-Up-Kabarett
    07. – 11.09. Frederic Hormuth, „Nett war gestern“ – Kabarett
    14.-15.09. Philipp Weber, „Schief ins Leben“ – Solo-Kabarett
    16.- 18.09. Mamma Grappa, „Höhepunkte“ – Kabarett
    21. – 25.09. Die Zweifler, „Kopf oder Zahl?“ – Kabarett
    29. – 02.10 Lars Reichow, „Glücklich in Deutschland“ – Musik Kabarett


    Schatzkistl, Mannheim

    03.06.05. Compania Flamenco Solera
    04.06.05. Premiere: „Herz sticht“, Musik-Satire mit Volker Heymann, Madeleine Sauveur und Clemens Maria Kitschen.


    JUMP, Walldorf

    „5. Walldorfer Zeltspektakel“ vom 30.8. bis 11.9.05
    31. 08. Angela Buddecke, „Mein ist mein ganzes Herz“
    02. 09.Ganz Schön Feist, „Hüa!“
    06. 09.Impromatch: DRAMA light vs. Quicksilver Production
    07. 09. Doppelnacht:  Chansonrevue mit Kristof Schliep (Tenor) u. Tatiana Bergh (Piano), “Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da” & Tenor Stenzel & Mr Kivits (Piano), “The Perfect Concert Part II”
    08. 09. Schwarze Grütze, „Lacht kaputt, was euch kaputt macht.“
    09. 09 Abschlussabend mit „Herr Schill“ is back in town, Christian Hirdes, Peter Vollmer u. dem Duo Diagonal


    BADzille Kleinkunstserie, Baden-Baden

    29.06. Mathias Richling, „Richling Waaas?!“
    07.07. Magdeburger Zwickmühle, „Tunnel am Ende des Lichts“ & Masimo Rocchi mit „Circus Massimo“
    01. 09. Michael Altinger und Band: Martin Faber mit Ausschnitten aus dem neuen Programm „Ich kanns mit alle/ aber ab und zu sag ich auch meine Meinung/ und da schauns“ und k.w. Timm mit seinem Programm „Füttern verboten!“
    07.10.  Sissi Perlinger, Neues Programm
    03.11. Olaf Böhme mit Ausschnitten aus drei verschiedenen kabarettistisch-humoristischen Programmen und Christian Überschall mit Ausschnitten aus seinem Programm „Hotline“

    2005-06-15 | Nr. 47 | Weitere Artikel von: Sibylle Zerr