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    100 Jahre Kabarett: Teil 1: Eulenspiegel überlebt das Jahrhundert

    Wir werden diese alberne Welt umschmeißen! - Credo des Kabarettpropagandisten Otto Julius Bierbaum, noch vor der Jahrhundertwende formuliert. Und dann, nach vergeblichem Bemühen mit der neuen künstlerischen Form zur Jugendstilausstellung 1900 in der Künstler Kolonie Mathildenhöhe in Darmstadt herauszukommen, war es endlich soweit: Am 18. Januar 1901 wurde in Berlin mit dem Programm Buntes Theater des in Anlehnung an Nietzsches Über-Mensch Über-Brettl genannten Ensembles von dem Schriftsteller Baron Ernst von Wolzogen das erste Kabarett in Deutschland aus der Taufe gehoben. Ein Unterhaltungskabarett mit 650 Plätzen, dem fünf Tage später mit Max Reinhardts Schall und Rauch und im April 1901 mit den Münchener Elf Scharfrichtern aber schon die kritisch-frechen Varianten folgen. Frank Wedekind, herausragender Satiriker der Kaiserzeit, singt hier wie auch im von Kathi Kobus geleiteten Münchener Simpl, dem langlebigsten Kabarett der Gründerjahre, seine gegen Prüderie und Spießertum gerichteten Lautenlieder. Fast aus dem Stand eroberte sich die neue Kunstform ihr Publikum im großstädtischen Kulturbetrieb, um dennoch bereits nach drei Jahren totgesagt zu werden. 97 Jahre später straft die von Reinhard Hippen begründete Sammlung des Deutschen Kabarettarchivs in Mainz den Skeptizismus  der Medien von gestern und heute Lügen: über achtzigtausend Namen sind dort erfasst, unter denen Spuren kabarettistischen Wirkens nach den Regeln der Kunst archiviert sind, Vorläufer und ideelle Leitfiguren inklusive, wie etwa Till Eulenspiegel, dessen frech-kritischer Geist in den Köpfen vieler Nachgeborenen nistete und so bis heute überlebt hat.  

    Abgeguckt hatte man die große Kunst der kleinen Bühnenform in Paris, wo 20 Jahre zuvor das erste Cabaret in der Künstlerkaschemme Le Chat noir am Montmartre das Licht der Welt erblickt hatte. Bohemiens prägten das Erscheinungsbild der ersten Stunde, literarisches Cabaret war en vogue. Mit satirischer Spottlust oder einfach nur unterhaltsam blödelnd, zuweilen aber auch mit bitterem Ernst, in Kneipen-Brettln und auf Theaterbühnen präsentierten Dichter und Maler, Schauspieler und Musiker ihrem meist bürgerlichen Publikum die Welt des Kaiserreichs als Tingeltangel. Bald eingedeutscht, mit hartem K und zwei T, geriet es  zunächst zum Experimentierfeld von Kaffeehaus-Literaten, Dadaisten und  Expressionisten.

    Was darf die Satire? Alles.

    Kurt Tucholsky und Walter Mehring sind die herausragenden Kabarettautoren der aufregenden zwanziger Jahre: Chronisten einer allein gelassenen Republik, Wortführer kämpferischer Satire, die daneben aber auch Poetisches oder hinreißend Komisches zur Unterhaltung ihres Publikums schrieben. Die Mischung machte es. Nicht umsonst bezeichnet der Begriff Cabaret auch die in Fächer eingeteilte Salatplatte: immer bereit zum bunten Nebeneinander verschiedener Formen  und Inhalte. In der Plattenmitte befand sich das Fach für die alles verbindende Soße. Diese Rolle kam dem Présentateur oder Conférencier zu. Rodolphe Salis, Gründer des Le Chat noir, war der erste seiner Zunft.

    Für Bert Brecht diente Kabarett als Anregung für seine Theorie vom epischen Theater. Mit den Couplets eines Otto Reutter, den Chansons der Friedrich Hollaender und Rudolf Nelson, gesungen von Stars wie Claire Waldoff und Marlene Dietrich, trieb Kabarett sich vor allem in Berlin in großen Revuen und auf Varietébühnen herum. In München verkörpert es mit Karl Valentin volkstümlich-absurd den entwurzelten Komiker von der traurigen Gestalt. Für Werner Finck indes, dessen Gesamtnachlass sich im Deutschen Kabarettarchiv befindet, und viele andere, wurde es in den dreißiger Jahren, als doppelbödiger politischer Witz, zum Überlebensrisiko. Druckwerke vieler Satiriker gingen am 10. Mai 1933 in Nazi-Flammen auf. Viele Kabarettisten und Satiriker verbrachten das so genannte tausendjährige Reich zum Teil im Exil, zum Teil im KZ, Erich Mühsam, Fritz Grünbaum und Kurt Gerron etwa, die in Oranienburg, Dachau und Auschwitz ermordet wurden. 

    Sich fügen heißt lügen.

    Nach 1945 beginnt eine wahre Renaissance des Kabaretts. In „Trizonesien“ singt es trotzig-melancholisch: Hurra, wir leben noch. Im Kom(m)ödchen setzt es neue Maßstäbe im politisch-literarischen Anspruch, Erich Kästner beginnt in München wieder für das Kabarett zu schreiben und mit Günter Neumanns Insulanern swingt es berlinisch in den Kalten Krieg. Es trommelt mit Wolfgang Neuss die Folgen der Verdrängung und der Wirtschaftswunderjahre ins bundesdeutsche Bewusstsein und feiert mit der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und den Berliner Stachelschweinen bald telegen Silvester. So wird es einem breiten bürgerlichen Publikum zum Begriff. Damals hat Fernsehen politisches Kabarett groß gemacht.

    In der DDR richtete Kabarett sich über die vier Jahrzehnte mehr oder weniger mühelos in den Grenzen der real existierenden Zensur ein, im Zweifel von der besseren Sache des Sozialismus überzeugt. Allen voran Wolf Biermann, betreten gesellschaftskritische Liedermacher in Ost und West die Szene. Mit ihrer Emotionalität ergänzen und befruchten sie das zu Zeiten der Studentenbewegung  eher rational argumentierende Kabarett.   Mit Franz-Josef Degenhardt singt es im Westen in den Sechzigern gegen den Vormarsch der Neonazis an, agitiert mit der APO (außerparlamentarische Opposition) in die aufgewühlten siebziger Jahre hinein und erklärt am Ende durch Hanns Dieter Hüschs Hagenbuch alle und alles für krank und verrückt. In den Achtzigern tobt Kabarett mit den 3 Tornados durch die Sponti- und Alternativszene, parodiert Kohl ohne Ende, Erfinder der Realsatire ‚in diesem unserem Lande’, hält mit Richard Rogler die geistig-moralisch gewendete Freiheit im Zynismus aus und entdeckt mit dem aufkommenden Privatfernsehen zunehmend seinen Marktwert. Seitdem ist politisch begründetes Engagement spürbar hinter die Unterhaltung zurückgetreten. “Heute brauchste Humor für det, wat andere für Humor halten“, sagte Wolfgang Gruner dazu.

     Jürgen Kessler, Leiter der Stiftung Deutsches Kabarettarchiv, Mainz

    2001-03-15 | Nr. 30 |