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    Aktuelle Kritik: „Der helle Wahnsinn“ im Wintergarten

    Das erste Bild ist schon mal ein Knaller. Eine trübe Halle mit staubigen Wänden und abgeblätterter Farbe. Auf Pritschen liegen verrenkte Körper in schäbiger Anstaltsbekleidung. Als düstere Theatermusik im Stil von Tom Waits einsetzt, erheben sie sich zu einer Art Zombieballett. In der Mitte ein Mann mit irrem Blick, Rasputinbart- und in Zwangsjacke. Wir befinden uns „in einer Berliner Irrenanstalt zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs“. Das erwähnte Regisseur und Autor Markus Pabst bei der persönlichen Begrüßung vor dem Vorhang. Dann steigert sich der Tanz in eine präzise, vibrierende Choreographie, die eher an die atemberaubende Einstiegsnummer der Musicalverfilmung von „Chicago“ erinnert. Die neue Show im Berliner Wintergarten hat ihren Titel verdient: „Der helle Wahnsinn“.

    Ganz durchhalten lässt sich diese Anfangswucht leider nicht. Dazu ist die Rahmenhandlung zu unstabil. Ein baumlanges Wesen namens Herbert von Heymann mit glamourösem amerikanischem Akzent artbild_200_Jack_Woodhead- Co-Autor Jack Woodhead (Bild) - wird eingeliefert und vom schmierigen Anstaltsdirektor (Matthias Fischer von den Collins-Brüder) gleich in die Mangel genommen: Heymann war wegen „homosexueller Handlungen“ erst im Gefängnis und danach im Konzentrationslager. Die Diva rauscht in die düstere Anstalt wie auf eine Bühne und trifft auf die anderen Insassen: Der zarte „Punka Rosa“ überlebte den Krieg als Mädchen in einem Soldatenbatallion, spricht aber seither nicht mehr. Dargestellt wird Punka vom sensationellen spanischen Kontorsionisten David Pereira, der auch die Songs geschrieben hat. Pereira ist nicht nur in seiner Artistik spektakulär, sondern auch in seiner zähen, zerbrechlichen Darstellung. „Somalso“ (Sarah Bowden) ist schizophren und verwandelt sich von der „Queen“ zu „Gott“ und „Adolf Hitler“. Sobald sie singt, erinnert die Australierin dann aber mehr als ein wenig an Lisa Minellis Sally Bowles. Der Mann in der Zwangsjacke soll seine Familie erstochen haben. In dieser Rolle führt der Schweizer Equilibrist Florian Zumkehr atemberaubende Solonummern vor. Der Berliner Untergrundchansonnier Rummelsnuffartbild_200_Rummelsnuff (Bild) spielt den mental etwas zeitverzögerte Muskelberg „Hans die Welle“ und bezaubert mit raunender Seemannsmusik und einem skurrilen Muskelballett.

    Dabei zeigt sich die große Stärke des Wintergartens: Hier tritt die oberste Liga internationaler Artisten auf. Die Ausnahmekörperkünstler sind Idealbesetzungen für seelisch Versehrte: quälend und qualvoll winden und verrenken sie sich und scheinen jede Achse verloren zu haben. Und auch wenn manche Nummern seit Jahren in das Kernrepertoire der Artisten gehört und schon oft zu sehen waren, passen sie perfekt in diesen Rahmen. Die extreme Körperbeherrschung lässt zu, dassdie Darsteller auch als zuschauende Insassen in ihren Rollen bleiben. Vom Rand der Bühne aus zucken und krampfen, wippen und wogen sie jede Sekunde. Am Ende franst die ohnehin brüchige Dramaturgie vollständig aus. Das helle Chaos aus dem Film „The Producers“ trifft auf den unauffindbaren roten Faden im Kultfilm „Hellzapoppin“, die tanzenden Zombies aus dem Video von Michael Jackson auf das Irrenhaus der Rocky Horror Picture Show. Man könnte sagen: „Der helle Wahnsinn“ beginnt da, wo „Cabaret“ aufhörte und ist darum absolut sehenswert.

     

    Weitere Vorstellungen:

    bis 5. Oktober 2014, immer Mittwoch bis Sonntag.


    Redaktion:
    Susann Sitzler


    2014-08-08 | Nr. 83 | Weitere Artikel von: Susann Sitzler